Email  zurück zur Homepage  eine Stufe zurück
kreationismus evolution
Geschichte des Kreationismus in den USA
Seminararbeit an der LMU München - Institut für Philosophie
Ergänzende Information: evolution Evolutionsunterricht in verschiedenen Ländern

evolution Links – Literatur zur Evolution: evolution deutschevolution englischevolution Audios & Videos zur Evolution
I. Entstehungsfaktoren
II. Kreationismus
III. Kreationismus in den USA
A. Aufnahme der Evolutionslehre bis zur Jahrhundertwende
B. Jahrhundertwende bis zum Scopes Prozeß
C. Scopes Prozeß
D. Entwicklung bis 1957
E. Entwicklung 1957 bis heute
1. Anlaß zur Wiederbelebung
2. Aktivitäten der Kreationisten
3. Biologiebücher
4. Änderung der Taktik
5. Gerichtsverfahren
6. Stand zu Ende des 20. Jahrhunderts
IV. Argumentation gegen den Kreationismus
V. Aufgaben der Wissenschaft
Literaturverzeichnis

"I think that there are no forces on this planet more dangerous to us all than the fanaticisms of fundamentalism, ..." (Dennett 516).
I. Entstehungsfaktoren
Die Reformation zu Beginn der Neuzeit überließ - im Gegensatz zur katholischen zentralen Dogmatik - die Bibelinterpretation dem Leser. In der Folge entstanden viele Gruppen, die meist die Bibel wörtlich auslegten. Für sie ist die Bibel "normierte Glaubensurkunde" (Beinert). Diese Fundamentalisten stießen in Europa auf Widerstand und wanderten nach Amerika aus. Pioniergeist und "common sense" vermischten sich dort mit der streng-religiösen Haltung zu einer anti-intellektuellen Haltung. Die Fundamentalisten der USA stehen noch heute dieser Tradition nahe (Mahner 12).
Wissenschaftliche Entdeckungen werden meist sehr schnell akzeptiert. Neue Theorien, vor allem wenn sie auf neuen Konzepten beruhen, haben es schwerer. Charles Darwin führte die Konzepte der Population, der Wahrscheinlichkeit, des Zufalls, der Selektion und der Einzigartigkeit ein. Der Widerstand, auch aus wissenschaftlichen Kreisen, war stark, oft extrem feindselig und dauert in gewissen Kreisen bis heute an (Mayr 9).
Fundamentalismus und Beharrlichkeit waren die bedingenden Faktoren für die Entstehung des Kreationismus. Seine Geschichte in den USA zeigt, daß dieser anhaltenden Kritik an der Evolutionstheorie auf sachlicher, wissenschaftstheoretischer und logischer Ebene entgegnet werden muß.
KreationismusAnfang
II. Kreationismus
Man unterscheidet zwei Gruppen von Gegnern der Evolutionslehre.
1) Para-Evolutionisten oder Vitalisten im weitesten Sinne erkennen die Evolution grundsätzlich an, halten aber Lebenskräfte oder finale Prinzipien - etwa einen Gott - als Lenker des Geschehens für unabdingbar.
2) Die eigentlichen Anti-Evolutionisten bestreiten bereits die Indizien der Evolutionslehre.
Sofern sie statt der Evolution ein Schöpfungsereignis annehmen, nennt man sie Kreationisten. Die Schöpfung wird dabei entweder für alle Arten gleichzeitig oder in zeitlichen Abständen postuliert. Teilweise wird auch ein Stammbaum der Arten anerkannt. Der Schöpfer greift dann bei der jeweiligen Abzweigung aktiv ein.
Die größte Gruppe innerhalb der Kreationisten stellen die Fundamentalisten, die sich wörtlich an die biblische Genesis halten. Sie vertreten die erste Schöpfungsvariante: alle Arten wurden gleichzeitig geschaffen.
Doch auch diese Fundamentalisten bilden kein geschlossenes Lager. Obwohl sich die Darwingegner in ihrer Haltung zu den prinzipiellen Ideen der Evolutionslehre einig waren, unterscheiden sie sich in ihren Ansichten über die korrekte Bibelinterpretation gewaltig. Insbesondere bei der Erklärung der paläontologischen und geologischen Erkenntnisse war die Bewegung immer gespalten.
Nach der "gap theory" liegt nur der Anfang der Schöpfung lange zurück. Sie erkennt also das hohe Alter der Erde an. Die sechs Tage der Genesis geschahen erst nach einer langen Pause. Sehr alte Fossile gehören der ersten Periode an, deren Leben von Gott vor der Schöpfung Adam und Evas zerstört wurde.
Nach der "day-age theory" sind die Tage der Genesis nicht wörtlich zu nehmen, sie können durchaus für Millionen von Jahren stehen.
Im 20. Jahrhundert kam als dritte Interpretationsvariante die Fluttheorie von George McCready Price hinzu. Vor den sieben Tagen der Genesis wird eine lange Existenz ohne Leben zugestanden. Eine spätere, weltweite Flut macht Altersbestimmungen zweifelhaft. Im Zuge des zunehmenden wissenschaftlichen Anspruchs des Kreationismus gibt es von der Fluttheorie auch eine Version, die ohne religiösen Bezug auskommt.
Eine übersichtliche Abbildung zu den drei grundsätzlichen Genesis-Interpretationen durch die Kreationisten findet man bei Numbers (The Creationists xii-xiii).
Grundsätzlich fiel es jedoch den Fundamentalisten des 19. Jahrhunderts - Vertretern der "gap theory" und "day-age theory" - leichter, geologische Funde zu verkraften. Vom heutigen Standpunkt erscheinen sie näher bei den theistischen Para-Evolutionisten als bei den "scientific creationists" des ausgehenden 20. Jahrhunderts (Numbers, The Creationists 4).
Allen Kreationisten gemeinsam ist die spezielle Schöpfung der Arten durch Gott - was einer Ablehnung der natürlichen Selektion zur Erklärung der Artenvielfalt gleichkommt - und die Zielgerichtheit des Universums.
Für Fundamentalisten ist die Bibel keine Sammlung von Mythen, Metaphern und Prophezeiungen, sondern Offenbarung Gottes. Sie ist daher wahr und enthält nur Fakten und Verhaltensweisen. Sie wird zum wissenschaftlichen Text. Widersprechende Aussagen der Naturwissenschaften oder der historisch orientierten Wissenschaften müssen daher falsch sein (Mahner 12-13).
Wichtige Angriffspunkte der Kreationisten sind:
a) die Wissenschaft kann vieles nicht erklären, siehe Kosmologie.
b) eine große Flut kann vieles oder gar alles erklären.
c) die Evolutionslehre ist unwissenschaftlich, da sie nicht falsifizierbar ist.
zu a) Das ist kein spezifisches Problem der Evolutionslehre.
zu b) Eine Flut wird durch die Evolutionslehre nicht ausgeschlossen, wird zur Erklärung aber nicht benötigt.
zu c) In Wirklichkeit schließt natürlich der unbedingte Wahrheitsanspruch der Bibel jede Widerlegung des Kreationismus aus.
KreationismusAnfang
III. Kreationismus in den USA
A. Aufnahme der Evolutionslehre bis zur Jahrhundertwende
Die Herausgabe von Charles Darwin "On the Origin of Species by Means of Natural Selection" in 1859 führte in den USA zu einer kontroversen Debatte. Solange jedoch die Evolutionslehre von den Wissenschaftlern selbst skeptisch beurteilt wurde, gab es für Theologen und die Öffentlichkeit keinen Grund zur Beunruhigung. Einen Essay des Philosophen Chauncey Wright in der North American Review, Januar 1865, beachtete man kaum. Wright stellte in "Natural Theology as a Positive Science" fest, daß es einen grundlegenden Unterschied zwischen wissenschaftlicher und religiöser Lehre gibt. Es kann keinen Widerspruch geben. Wenn der Erkenntnisfortschritt die Naturtheologie widerlegt, kann man nicht die Wissenschaft als unreligiös bezeichnen, sondern muß unterstellen, daß die Naturtheologie ein Aberglaube sei (Ratner 404). Die Anerkennung dieser modernen Auffassung hätte einen jahrzehntelangen Streit entschärft. Dies gilt auch für die 1878 vom amerikanischen Astronomen Simon Newcomb (1853-1909) vorgetragene Ansicht: "We are not to call in a supernatural cause to account for a result which could have been produced by the action of the known laws of nature" (zitiert nach Numbers, The Creationists 6).
Die Situation änderte sich in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. 1871 erschien Darwins "Descent of Man" und entfachte einen Sturm der Empörung und religiöser Entrüstung (Ratner 406). Allerdings bekannten sich immer mehr Naturwissenschaftler zu Darwins Lehre. Viele blieben nur bezüglich der Vorherrschaft der natürlichen Selektion skeptisch. Jetzt mußten auch die religiösen Gruppen und ihre Vertreter Stellung beziehen. In der Folge wurde die Evolutionslehre ihr Hauptangriffsziel.
Angriffspunkte wurden der gemeinsame Ursprung aller Arten einschließlich des Menschen und die natürliche Selektion als wichtigster Anpassungsmechanismus. Ebenso energisch wurden die ziellose Entwicklung der Lebewesen und das hohe Alter der Erde bestritten. Dabei standen vier Säulen der christlichen Dogmatik zur Debatte:
1) der Glaube an eine seit der Schöpfung konstante Welt,
2) der Glaube an eine, in einem einzigen Akt erschaffene Welt,
3) der Glaube an eine von einem weisen und gütigen Gott entworfene, perfekte Welt,
4) der Glaube an die einzigartige Stellung der Menschen innerhalb der Schöpfung (Mayr 38).
Die Urteile der kirchlichen Vertreter waren keineswegs einheitlich. Charles Hodge (1797-1878), Professor der Theologie in Princeton, bezichtigte Darwin in drei Büchern zwischen 1871 und 1875 des Atheismus, seine Lehre daher als unwissenschaftlich (Ratner 408).
Es gab eine Minderheit von Fundamentalisten, wie die Sieben-Tage-Adventisten und traditionelle Juden, aber auch führende Katholiken wie John Zahm, die eine theistische Position des Darwinismus vertraten. Zahms Buch "Evolution and Dogma" wurde freilich vom Vatikan 1898 auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt (Numbers, Darwinism 2).
Im amerikanischen Süden änderte der Bürgerkrieg die Lage. In depressiven Phasen klammert man sich an einfache, verläßliche Aussagen. Die Bevölkerung wandte sich der Bibel und dort besonders der Genesis als sinngebenden Schrift zu. Dies ging soweit, daß Leute, die öffentlich verkündeten, Adam sei nicht aus Erde gemacht, sich bald um eine neue Arbeit umsehen mußten (Ruse 15). Ein wichtiges Gegenargument zur Evolutionslehre war, zumindest im amerikanischen Süden, daß sie Schwarze und Weiße auf eine Stufe stellte (Numbers, Darwinism 67).
Die Wissenschaft erkannte noch vor Ende des 19. Jahrhunderts die Evolutionslehre an, die Kirchen fanden sich damit ab. Nach Ronald L.Numbers gab es am Ende des 19. Jahrhunderts im professionellen Lager nur wenige Anhänger der Auffassung, die später als Kreationismus bezeichnet wurde: "special creation seemed destined to go the way of the dinosaur" (Numbers, The Creationists ix). Die Mehrzahl der Laien glaubte jedoch dem biblischen Schöpfungsbericht (Mahner 14).
B. Jahrhundertwende bis zum Scopes Prozeß
Unter den wenigen Vertretern der fundamentalistisch-biblischen Schöpfungslehre zu Beginn dieses Jahrhunderts waren Wissenschaftler "an endangered species" (Numbers, The Creationists xiv). Die Situation täuschte. Der Widerstand gegen den Darwinismus, durch den die Fundamentalisten die religiösen Dogmen bedroht sahen, formierte sich.
George McCready Price (Geologe, Adventist, 1870-1963) brachte 1906 sein zweites Buch "Illogical Geology: The Weakest Point in the Evolutionary Theory" heraus. Darin bot er demjenigen tausend Dollar an, der ihm überzeugend darlegen könne, daß ein Fossil älter als ein anderes ist. Er wurde nie herausgefordert (Numbers, The Creationists 79-80).
William Bell Riley (1861-1947), Pastor der First Baptist Church in Minneapolis, Vertreter der "day-age theory", gründete 1919 die "World's Christian Fundamentals Association". Riley legte Wert darauf, daß die Evolutionslehre keine Wissenschaft, sondern eine Hypothese sei. Er stützte sich auf Sir Francis Bacon, der die faktische, experimentelle Grundlage der Wissenschaften betont hatte. Dadurch wurde die Evolutionslehre zur Theorie, der Kreationismus wurde aufgewertet (Numbers, The Creationists 50-51).
William Jennings Bryan (1860-1925), dreifacher demokratischer Präsidentschaftskandidat, Außenminister unter Wilson, prominenter Anti-Evolutionist, prophezeite 1922 das Ende des Darwinismus, den er als eigentliche Ursache für den ersten Weltkrieg ausmachte (Numbers, The Creationists 41-42). Er sah dadurch die Demokratie und die Christenheit gefährdet. Die Lehre der Evolution als Tatsache führte seiner Meinung nach zum Vertrauensverlust in die Bibel und zum weitverbreiteten Unglauben unter den Jugendlichen. Er begann eine Kampagne gegen diese üble Doktrin, die nur aus zusammengeschusterten Vermutungen bestünde. Eine seiner einflußreichen Schriften war "The Menace of Darwinism". Die meisten Anhänger fand er im amerikanischen Süden.
Zu Beginn der 20er Jahre startete eine landesweite Kampagne gegen die Evolutionslehre an öffentlichen Schulen. Bis zum Ende des Jahrzehnts wurden in mehr als zwanzig Bundesstaaten Gesetzentwürfe eingebracht, die sich gegen die Evolutionslehre im Unterricht wandten. In drei Staaten - Tennessee, Mississippi, Arkansas - wurde die Lehre der Evolution an der Schule verboten. In Oklahoma wurden Schulbücher mit Evolutionstexten verboten. Florida verurteilte die Evolutionslehre als ungeeignet und verderblich (Numbers, The Creationists 41).
George McCready Price brachte 1923 "The New Geology" heraus, das ausführlichste seiner vielen Werke. Darin vertrat er die Fluttheorie, die alle geologischen Funde und Schichten auf eine große Flutkatastrophe zurückführte.
Wie dieser geschichtliche Überblick zeigte, kam die Führerschaft der Anti-Evolutionismus-Bewegung nicht von den organisierten Kirchen, sondern von einzelnen Individualisten wie Bryan und Price und den von ihnen ins Leben gerufenen Organisationen.
C. Scopes Prozeß
Im Februar 1925 wurde auf Betreiben von John Washington Butler das Anti-Evolutionsgesetz in Tennessee in Kraft gesetzt. Dieses erklärte es als ungesetzlich an einer öffentlichen Schule irgendeine Theorie zu lehren, die die göttliche Erschaffung, wie sie in der Bibel steht, leugnet und die stattdessen lehre, daß die Menschheit von einer niedrigeren Tierstufe abstamme. [1]
Da anzunehmen war, daß andere Bundesstaaten ähnliche Gesetze verabschieden würden, ging die "American Civil Liberties Union" (ACLU) auf Konfrontation. In Dayton, Tennessee, gewann sie den Lehrer John Thomas Scopes (1901-1970) als Streiter. Am 24. April 1925 gab er an der Rhea Counts High School seiner Klasse eine Evolutionslehrstunde. Am 7. Mai wurde er verhaftet.
Der Prozeß erregte großes Aufsehen. Die 20er Jahre und der wirtschaftliche Boom hatten in der amerikanischen Stadtbevölkerung ein neues Lebensgefühl hervorgerufen. Die Schlagwörter der "Roaring Twenties" und des "jazz-age" entstanden. Trotz der Prohibition - oder wegen ihr - kam es zu öffentlichen Tanzveranstaltungen und ausgelassenen Parties. Einher ging auch ein geistige Befreiung: Sigmund Freud wurde diskutiert, "The Great Gatsby" von Scott F.Fitzgerald erschien 1925. Die Gegenbewegung vollzogen Prediger auf dem Lande. "A showdown between modernists and traditionalists to decide which would dominate American culture seemed inevitable. Both sides itched for a decisive battle" (Knappman 312). Der amerikanische Steuerzahler wollte seine Dollars nicht dafür verwendet sehen, daß seine Kinder in der Schule gegen die Bibel indoktriniert wurden. In den Medien wurde das Gerichtsverfahren als "Monkey Trial" betitelt.
Der Prozeß begann am 10. Juli 1925 vor mehr als neunhundert Zuschauern. Die Anklage lautete auf Unterricht im Widerspruch zur biblischen Genesis, wie es der Butler-Act ausdrücklich verbot.
William Jennings Bryan und A.T.Stewart führten die Anklage an. Viele der von ihnen als Zeugen angeforderten Kreationisten erteilten eine Absage. George McCready Price bedauerte nicht kommen zu können, er war Lehrer in England. Die Verteidigung bestand darauf, daß die Anklage zu zeigen habe, daß Scopes die Bibel verleugnet und stattdessen gelehrt habe, die Menschheit stamme von einer niedrigeren Tierstufe ab. Sie legte es also auf eine inhaltliche Konfrontation zwischen Kreationismus und Evolutionslehre an. Verteidiger Dudley Field Malone betonte, daß viele Gläubige kein Problem sehen, die Evolutionslehre mit der Bibel in Übereinstimmung zu sehen. Verteidiger Arthur Garfield Hays ließ eine Bombe platzen, als er den Ankläger William Jennings Bryan als Bibelexperten in den Zeugenstand rief. Verteidiger Clarence Darrow (1857-1938), ein energischer Agnostiker, war für seine Kunst bekannt, Zeugen mit ihren eigenen Worten in Widersprüche zu verwickeln. Er ließ sich zunächst von Bryan bestätigen, daß die Bibel wörtlich zu nehmen sei. Dann fragte er, wie Kain zu einer Frau kam, da doch Adam, Eva, Abel und Kain selbst die einzigen Menschen war. Sodann fragte er zur Bestrafung der Schlange durch Gott "Auf deinem Bauche sollst du gehen,..." (1 Moses 3,14), ob die Schlange zuvor auf dem Schwanz gegangen sei (Knappman 316; Raeithel 355). Schon bald hatte Darrow den Kläger als Zeugen in Widersprüche verwickelt. Zum Schluß des Prozesses entwaffnete die Verteidigung die Anklage erneut, in dem sie selbst auf schuldig plädierte. Die ACLU wollte das Urteil anfechten und in der nächsten Instanz erneut den Kreationismus der Lächerlichkeit preisgeben. Das Urteil lautete auf schuldig. Die Strafe wurde vom Richter John T. Raulston auf hundert Dollar festgesetzt. Da Scopes nur ein monatliches Gehalt von hundertfünfzig Dollar bezog (Raeithel 354), war das Strafmaß hoch. Die Festsetzung der Strafe durch den Richter war ein Verfahrensfehler, da nur die Jury diese festsetzen durfte. Das Revisionsgericht ließ daher die Anfechtung des Urteils nicht zu, sondern verwies nach Dayton zurück. Inzwischen hatte Scopes die Lehrtätigkeit aufgegeben und es kam zu keiner neuen Konfrontation.
Obwohl Scopes verurteilt wurde, hatten die Evolutionisten einen moralischen Erfolg errungen. Immerhin wurde Tennessee in der Folge zum Synonym für "benighted" (Lyons 343). [2]
In Mississippi wurde 1926, in Arkansas wurde am 6.November 1928 eine Anti-Evolutionsgesetz erlassen. Es verbot den gottlosen atheistischen Darwinismus in der Schule zu erwähnen. Lyons spricht daher von der neuen "subspecies Homo nesciens arkansas" (Lyons 343). Das Gesetz wurde erst 1968, nach einem Entscheid des US Supreme Court, zurückgenommen.
Weitere Bundesstaaten hielten sich in der Folge des Scopes-Prozesses mit Anti-Affen-Gesetzen eher zurück. Allerdings hatte der Scopes-Prozeß merkliche Auswirkungen auf die Biologiebücher. Robert M. May nennt einige verbreitete Biologiebücher, die vor 1925 bis zu mehreren Seiten über Evolution aufwiesen. Nach 1925 war das Stichwort "Evolution" in diesen Lehrbüchern kaum mehr zu finden. Einige Neuauflagen von Biologiebüchern kürzten die Behandlung der Evolutionslehre. Das meistgebrauchte Buch der dreißiger Jahre "Dynamic Biology" von Baker und Mills kam zu dem Schluß: "Darwins Theorie, wie die von Lamarck, wird nicht mehr allgemein anerkannt". [3]
D. Entwicklung bis 1957
Zwischen 1930 und 1963 gab es keine Versuche Gesetze zum Kreationismus einzubringen. Sehr wohl wurde versucht, die erlassenen Gesetze zurückzunehmen. Keiner der Versuche war erfolgreich (Fox 194). Mit der Depression gingen die Aktivitäten der Fundamentalisten gegen die Evolutionslehre zurück. Immerhin hatten sie es bis in die vierziger Jahre geschafft, die Evolutionslehre weitgehend aus den Lehrbüchern zu verdrängen. Die vielen Versuche in den folgenden Jahrzehnten, die Anti-Evolutionisten zu einigen, scheiterten an den zu weit auseinandergehenden Ansichten innerhalb des Kreationismus.
In 1935 erfolgte die Gründung der "Religions and Science Association" durch Price, Dudley Joseph Whitney (1883-1964), einen Journalisten, und L.Allen Highley (1871-1955), Professor der Naturwissenschaft am Wheaton College. Zweck der Gemeinschaft war eine Front gegen die Evolutionslehre zu bilden. Doch bald entstand ein Streit über das Alter der Erde. Deshalb gründeten Price und andere 1938 die "Deluge Geology Society", die von 1941 bis 1945 eine eigene Zeitschrift herausgab. In 1941 wurde durch protestanische Wissenschaftler die "American Scientific Affiliation" (ASA), die nur teilweise kreationistisch war, gegründet. Ende der 40er Jahre kommt es auch hier zur Aufsplittung.
Wie tief verwurzelt die Abneigung gegen die Evolutionslehre in der Bevölkerung war, zeigt ein Popsong. Das von Merle Travis (1917-1983, bekannt durch seinen Pophit "Sixteen Tons" 1955) komponierte und getextete Lied "That's All" wurde zuerst 1945 aufgenommen.
Es enthält die folgende Strophe.
"Now men come from monkeys, some folks say
But the Good Book don't quite tell it that way.
Now if you believe that monkey tale like some people do
Then I rather be the monkey - brother - than you.
And that's all and that's all.
You better change your way of livin' for the Good Lord say: That's all."
(Travis, "That's all")
Travis übernahm den Text von einem schwarzen Prediger, den er in Cincinnati gehört hatte (Kienzle 17). [4]
E. Entwicklung 1957 bis heute
1. Anlaß zur Wiederbelebung
Anlaß für eine Renaissance, zunächst der Evolutionslehre, später des Kreationismus, war Sputnik, der erste künstliche Satellit der UdSSR, 1957. Er entfachte in den USA eine Bildungsdiskussion. Die Nation förderte wieder Technik und Wissenschaft, reformierte die Lehrpläne und steckte Geld in die Ausbildung. Davon profitierten auch die Lehrbücher und -pläne für Biologie: die Evolutionslehre erhielt größeres Gewicht.
Zur weiteren Popularisierung trug ein Film bei. Über den "Monkey Trial" von 1925 erschien 1955 das Theaterstück "Inherit the Wind" von Jerome Lawrence und Robert Lee. Es wurde 1960 unter demselben Titel erfolgreich verfilmt. Regie führte Stanley Kramer. Die Hauptrollen spielten Spencer Tracy als Verteidiger Darrow, Frederic March und Gene Kelly.
Selbstverständlich konnten die Kreationisten nicht untätig bleiben.
2. Aktivitäten der Kreationisten
Die im Jahre 1953 begonnene Zusammenarbeit der beiden Kreationisten Henry M. Morris (Ingenieur, Baptist, geboren 1918) und John C. Whitcomb jr. (Theologe, geboren 1924) erwies sich als einflußreich. Morris war zunächst religiös indifferent. Ein Bibelstudium überzeugte ihn aber von der vollkommenen Wahrheit ihrer Inhalte und demzufolge auch von der Schöpfung in sechs Tagen. Er wurde Mitglied der oben erwähnten ASA. 1961 veröffentlichte Morris zusammen mit Whitcomb jr. "The Genesis Flood", das eindruckvollste Werk des Kreationismus seit "New Geology" in 1923. In ihm wird die Flutgeologie vertreten. Sie geht von einer speziellen Erschaffung jeder Art, einer späteren weltweiten Flut und einem Erdalter von sechstausend Jahren aus. Durch dieses Buch entstand eine hitzige Debatte und eine Wiederbelebung des Kreationismus. Die Priorität der Bibel über die Wissenschaft war für viele US-Amerikaner attraktiv. Eine Umfrage Anfang 1960 zeigte, daß der Kreationismus unter den fundamentalistischen Religionen weit verbreitet war. So waren von den Sieben-Tage-Adventisten 94 Prozent, den Assemblies of God 91 Prozent und den Nazarener 80 Prozent gegen die Evolutionslehre (Numbers, Darwinism 130).
Wieder einmal schlossen sich die Kreationisten zusammen und gründeten 1963 die "Creation Research Society" (CRS). Unter den achtzehn Komiteemitgliedern waren sechs Biologen und ein Geologe. Die Vollmitgliedschaft war nur mit Hochschulabschluß möglich, was den wissenschaftlichen Anspruch unterstreicht: die Geburtsstunde des "scientific creationism", später umbenannt in "creation science". Um Differenzen und Abspaltungen zu entgehen, mußte jedes Mitglied der CRS bestätigen, daß die Bibel tatsächliche, historische Wahrheiten beschreibt, alle lebenden Arten, einschließlich der Menschen, speziell geschaffen sind und eine weltweite Sintflut stattfand (Numbers, The Creationists 230-231). Die CRS war, entgegen ihrem wissenschaftlichen Anstrich, nur für Christen zugänglich. Als Ergänzung zur CRS wurde 1964 die "Bible-Science-Association" gegründet. Die Gründungen erfolgten gerade rechtzeitig, um den neuen Schulbüchern zu begegnen.
3 . Biologiebücher
Das American Institute of Biological Sciences führte 1963 das neue Schulbuch "Biological Science: Molecules to Man" ein. Als die Kinder die neuen Biologiebücher heimbrachten, begann der Ärger mit den bibeltreuen Eltern und die Gegenbewegung durch die Kreationisten, die diese neuen Lehrbücher und -pläne bekämpften. Doch die Zeiten hatten sich gegenüber den zwanziger Jahren geändert. Der US Supreme Court hatte wiederholt festgestellt, "that the First Amendment's separation of church and state means precisely that" (Ruse 16). Es gibt keinen Religionsunterricht und erst recht keinen Religionsunterricht in der Biologiestunde. Der Ausweg für die Kreationisten war, die wortgetreue biblische Schöpfungsgeschichte als Wissenschaft auszugeben. Sodann forderten sie gleichen Zeitaufwand im Unterricht für Evolutionslehre und "creation science". Eine gute Erziehung erfordert selbstverständlich, daß man den Kindern keinen Wissenschaftszweig vorenthält. Wer sich gegen "creation science" im Unterricht stellt, war ein Scharlatan. Diese Argumentationsweise leuchtete jedem Amerikaner ein.
Michael Ruse berichtet von einer Bekannten aus Tennessee, an deren Schule Darwin gelesen wurde, allerdings nicht im Biologieunterricht sondern als englischer Klassiker. In der Bibliothek freilich fehlte Darwins Standardwerk. Der Bibliothekar hatte es - zusammen mit den "schmutzigen" Büchern - unter dem Schreibtisch (Ruse 16).
Einige Untersuchungen an den Biologiebüchern der verschiedenen Staaten der USA zeigen, daß die Evolution immer noch nicht ausreichend behandelt wurde, ja sogar im Laufe der 70er Jahre gegenüber dem Kreationismus zurückstecken mußte. Beispiel: Der Index der Ausgabe 1973 von "Biology: Living Systems" gab siebzehn Seitenreferenzen, der Index der Ausgabe 1979 gab nur noch drei Zeilen für den Eintrag "Evolution" an (May 308). Dabei muß man bedenken, daß in neunzehn der fünfzig Staaten die Lehrbücher für die Schulen vorausgewählt werden. Sie werden von Steuergeldern bezahlt. Wählt die Schule ein anderes Buch, muß es von der Schule selbst oder vom Schüler bezahlt werden. Die meisten der neunzehn Staaten sind Südstaaten, darunter aber auch Kalifornien, das allein zehn Prozent des Schulbuchmarkts der USA ausmacht. Dieses System übt natürlich einen starken Einfluß auf die Schulbuchverlage aus (May 309).
4. Änderung der Taktik
Der US Supreme Court erklärte 1968 das Anti-Evolutionsgesetz von Arkansas aus dem Jahre 1928 für verfassungswidrig (siehe unten). Daher schlug Morris vor, nur noch zu verlangen, daß die wissenschaftlichen Aspekte des Kreationismus gelehrt werden. Alle Bezüge zu den sechs Tagen der Genesis und der Arche Noahs sollten entfallen. Dies waren die ersten Anzeichen einer Änderung des taktischen Vorgehens durch die Kreationisten.
Aufgrund von Einsprüchen der Hausfrauen Nell J. Segraves (geboren 1922) und Jean E. Sumrall (geboren 1927), Mitglieder der "Bible-Science-Association" und der CRS, erlies das Californian Board of Education 1969 neue Richtlinien für den Biologieunterricht. Die Genesis der Bibel mußte als wissenschaftlich gleichberechtigte Alternative zur Evolutionslehre gelehrt werden. Um neues Lehrmaterial bereitzustellen gründeten 1970 Nell Segraves und ihr Sohn Kelly (geboren 1942) das "Creation Science Research Center" (CSRC). Wegen Differenzen kam es 1972 zur Abspaltung des "Institute for Creation Research" (ICR) unter Leitung von Morris. Die Fluttheorie wurde nun als "scientific creationism" oder "creation science" ausgegeben. Großzügig versandte das ICR an Eltern, Lehrer und Studenten die Broschüre "Introducing Creationism in the Public School" (Kitcher 2).
Eine weitere einflußreiche, kreationistische Schrift brachte 1973 Duane T. Gish (geboren 1921) heraus: "Evolution: The Fossils Say No!" Es bildete sich eine gemeinsame Front der Fundamentalisten und Verfechter von Tugend und Religion, die sich als Vertreter der moralischen Mehrheit verstanden.
In den 70er Jahren änderten die Kreationisten ihre Taktik. Während zuvor die Evolutionslehre angegriffen wurde, drängten sie nun nur noch auf Gleichbehandlung. Der Schwerpunkt ihrer Argumentation lag nicht mehr auf der Bibel sondern auf "creation science". Nur so sahen sie eine Chance, als Wissenschaft und nicht als religiöse Bewegung, wieder in die Schulpläne zu gelangen. In 1974 erschien das Textbuch der ICR "Scientific Creationism" in zwei Ausgaben: für die öffentlichen Schulen ohne Bezug zur Bibel, für die christlichen Schulen mit einem Kapitel "Creation According to Scripture" (Numbers, The Creationists 245-246). Der Kreationismus berief sich nicht mehr auf Francis Bacon, sondern vielmehr auf Karl Popper und Thomas Kuhn. Popper verlangte von jeder wissenschaftlichen Theorie, daß sie falsifizierbar sei. Da die Evolutionslehre nicht falsifiziert werden kann, sei sie - so die Kreationisten - keine Wissenschaft. Kuhn beschrieb Wissenschaft als konkurrierende Modelle und nicht als Anhäufung von Erkenntnissen. Das Flutmodell konnte mit der Evolutionslehre mithalten. Die Devise der Kreationisten an den Schulen lautet: "Lehrt mehr Wissenschaft!" Die Zurückhaltung wissenschaftlicher Information gegenüber der Evolutionslehre bezeichneten sie als Zensur. Dieses Vorgehen erwies sich in Arkansas und Louisiana als erfolgreich.
Eine Umfrage von Associated Press und NBC News ergab 1981, daß die Taktik der Kreationisten, das heißt:
a) Abtrennung der biblischen Bezüge,
b) wissenschaftlicher Anspruch und
c) Berufung auf Gleichbehandlung durchaus Erfolg hatte.
Ergebnis (Morris 310):
gelehrt werden sollte Prozent
 nur Evolution  8
 nur Kreationimus  10
 Evolution und Kreationismus  76
 keine Meinung; unsicher  6
Auch der Präsidentschaftswahlkampf wurde nicht verschont. "If evolutionary theory is going to be taught in the schools, then I would think that also the biblical theory of creation, which is not a theory but the biblical story of creation, should also be taught." Ronald Reagan, Präsidentschaftskandidat und späterer Präsident der USA auf einer Wahlwerbetour in Dallas, 1980 (zitiert nach Lyons 356).
Nachdem die Kreationsten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Evolutionslehre nur als eine Theorie, die vom Wissenschaftsestablishment der Welt aufoktroyiert wurde ausgaben, um sie damit aus dem Unterricht zu verbannen, erklärten sie in der zweiten Hälfte den Kreationismus selbst zur Wissenschaft ("scientific creationism"). Dies ist die einzige Möglichkeit, den Kreationismus in die Schule zu bringen, da in den USA die Trennung von Schule und Staat ernst genommen wird. Religiöse Inhalte sind in der Schule verboten.
Nachdem die Verbannung nicht gelang, sollte der Kreationismus zumindest gleichberechtigt gelehrt werden.
5. Gerichtsverfahren
Im Jahr 1968 erfolgte der erste erfolgreiche Angriff auf eines der in den 20er Jahren erlassenen Anti-Evolutionsgesetze. In der Sache Epperson gegen Arkansas entschied der US Supreme Court, daß das Gesetz aus dem Jahre 1928, das in Arkansas die Evolutionslehre aus dem Klassenzimmer verbannte, verfassungswidrig ist. Die Verfassung der USA erlaubt es keinem Staat, den Lehrplan an irgendeine Religion anzupassen.
Bis Ende 1980 gab es in mehr als zehn Bundesstaaten kreationistische Gesetzes-entwürfe, Eingriffe auf kommunaler Ebene, bei lokalen Schulbehörden, Zensur(versuche) in öffentlichen Bibliotheken und Einfluß auf die Gestaltung der Schulbücher. Auf Bundesebene lag ein Gesetzentwurf zur Einschränkung der Forschungsetats und gleichberechtigte Bezuschußung für kreationistische Wissenschaftler vor. "Ein weiterer Gesetzentwurf sah vor, die Gelder für das 'Smithsonian's National Museum of Natural History' zu kürzen, falls dieses weiterhin die 'Alternativen' zur herkömmlichen Erdgeschichte übergehen sollte" (Mahner 19). Erst jetzt - unter der drohenden Einschränkung ihrer Gelder - beschäftigen sich die Wissenschaftler etwas ausführlicher mit dem Kreationismus.
Das kreationistische ICR in San Diego, Kalifornien, publizierte im Mai 1979 die "Resolution for Balanced Presentation of Evolution and Scientific Creationism" von Wendell Bird. Diese vier Seiten gingen an Abonnenten im ganzen Land und waren auf Schulbelange zugeschnitten. Paul Ellwanger aus Anderson, South Carolina, Gründer von "Citizens for Fairness in Education", schrieb die Resolution etwas um und versandte sie an Sympathisanten in allen fünfzig Staaten. Innerhalb weniger Monate wurde die zweite, verdichtete Auflage dieser Schrift zu entsprechenden Gesetzesvorlagen in über zwanzig Staaten der USA (Lewin ix).
Den Kreationisten in Arkansas und Louisisana gelang es 1980 ein Gesetz zur ausgewogenen Behandlung ("balanced-treatment") der Evolutionslehre und des Kreationismus an öffentlichen Schulen einzubringen. Die Lehrer müssen "creation-science" und "evolution-science" lehren. Zur "creation-science", auch dies wurde im Act 590 festgehalten, gehört:
1) plötzliche Schöpfung des Universums aus dem Nichts,
2) Mutation und natürliche Selektion sind ungenügende Erklärungen,
3) Veränderung gibt es nur innerhalb der Arten,
4) verschiedene Stammbäume für Mensch und Affe,
5) geologische Fakten sind durch Katastrophen und einer weltweiten Flut erklärbar,
6) die Schöpfung erfolgte vor kurzem.
Gouverneur Frank White, Arkansas, unterschrieb am 1. März 1981 den "Balanced Treatment for Creation-Science and Evolution-Science Act" (Act 590). Festzuhalten ist: der demokratische Gouverneur von Arkansas und derzeitige Präsident der USA Bill Clinton war 1980 abgewählt worden und wurde erst 1982 als Gouverneur von Arkansas wiedergewählt. Clinton sagte, er hätte den Act 590 nicht unterschrieben (Lyons 364). Am 27. Mai 1981 wurde gegen das "balanced-treatment" in Little Rock, Arkansas, Klage erhoben. Der Prozeß begann am 7. Dezember 1981, das Urteil wurde Anfang 1982 getroffen.
Eine ausführliche Beschreibung dieses Prozesses findet sich in "But Is It Science?" von Michael Ruse und in "Repealing the Enlightenment" von Gene Lyons. In "Science and Creationsm" bringt Ashley Montagu die ausführliche Gerichtsentscheidung (365-397). Die Kläger gegen den Kreationismus im Unterricht, unterstützt durch die ACLU, obsiegten. Lyons gewann diesem Prozeß die guten Seiten ab. Er hob hervor, daß man anläßlich des Prozesses in Little Rock in den Genuß eines akademischen Seminars kam. Als Zeugen für die ACLU traten auf: Philosoph Michael Ruse, University of Guelph, Kanada; Genetiker Francisco Ayala, University of California; Biophysiker Harold Morowitz, Yale University; Paläontologe Stephen Jay Gould und Geologe Brent Dalrymple (Lyons 353). Kreationismus wurde, da er als rein religiös und nicht wissenschaftlich bewertet wurde, als Lehrinhalt von den Schulen in Arkansas verbannt. Der Gerichtsbeschluß stellt fest
a) der Act 590 verletzt die amerikanische Verfassung,
b) "Creation science" ist keine Wissenschaft,
c) die Evolutionslehre sagt nichts über die Ab- oder Anwesenheit eines Schöpfers aus.
Am selben Tag, an dem Richter William Overton (1939-1987) in Little Rock das Arkansas "balanced-treatment" Gesetz aufhob, stimmte der Senat des Staates Mississippi mit 48 zu 4 für ein ebensolches Gesetz (Kitcher 3).
Der US Supreme Court hält 1987 den "Creationism Act" des Staates Louisiana von 1980 für verfassungswidrig. "Creation science" dient religiösen, nicht wissenschaftlichen Zwecken. Doch ließ der Entscheid eine Möglichkeit beide Theorien zu lehren, wenn es der wissenschaftlichen Bildung zugute kommt. Nach dieser Entscheidung war der Kreationismus auf dem Schulplan zumindest nicht mehr verpflichtend. Die Kreationisten verstärkten ihre Bemühungen auf bestimmte Schulen und Distrikte. In Marshall County, Kentucky, wurden zwei Evolutionsseiten eines Schulbuchs zusammengeklebt. Für Cobb County, Georgia, wurde das Kapitel "The Birth of Earth" verlagsseitig entfernt (Numbers, Darwinism 8-9).
6. Stand zu Ende des 20. Jahrhunderts
Eine Gallup-Umfrage von 1993 zeigt, daß 47 Prozent der US-Amerikaner an die Erschaffung der Menschen vor nicht allzu langer Zeit glauben, weitere 35 Prozent glauben an eine göttliche Lenkung der Evolution (Numbers, Darwinism 9).
Die Bekämpfung der Evolutionsideen kam bis heute nicht zum Erliegen. Der Trend zu fundamentalistischen Positionen und der missionarische Eifer der Kreationisten zeigt zu Beginn des dritten Jahrtausend, besonders im Internet, unversöhnliche Fronten.
kreationismus Anfang
IV. Argumentation gegen den Kreationismus
Wolfgang-D. Schröer unterscheidet zwei verschiedene Arten Fragen zu stellen.
a) Situative Fragen, die sich auf einzelne Erscheinungen richten, führen zu wissenschaftlichen Aussagen. Neue Erfahrungen können die Revision dieser Aussagen erzwingen.
b) Universelle Fragen, die individuell gestellt und beantwortet werden. Diese Antworten entziehen sich der intersubjektiven Überprüfung und Beurteilung und "sie sind nur durch freiwilligen Entschluß konsensfähig" (2).
Schröer plädiert für eine scharfe Trennung zwischen den grundsätzlich verschiedenen Bereichen. "Obwohl die Verhältnisse klar sind, gibt es immer wieder Menschen, die gegen die naturgegebene Zweigleisigkeit des Denkens aufbegehren" (2). Übergriffe sind von beiden Seiten "nicht nur aus erkenntnistheoretischer Sicht unzulässig, sondern intellektuell töricht oder für die Gesellschaft gar gefährlich" (2). Dies deckt sich auffällig mit der bereits 1865 vom Philosophen Chauncey Wright vorgetragenen Ansicht (siehe oben).
Die Kreationisten darf man daher nicht als skurrile Ignoranten übergehen. Die Auseinandersetzung muß auf sachlicher, wissenschaftstheoretischer und logischer Ebene erfolgen. Ausreichende Hilfestellung dazu geben Martin Mahner in Kreationismus. Inhalt und Struktur antievolutionistischer Argumentation und Philip Kitcher in Abusing Science. The Case against Creationism.
Auf Fehler im Analogieschluß weist Martin Mahner hin. "Voreilig sind auch diejenigen Analogien, die aus Zweck und Plan menschengemachter Konstruktionen auf Zweck und Plan komplexer biotischer Strukturen schließen wollen,...wobei die Apriori-Planmäßigkeit (Teleologie) menschlicher Werkzeuge und Maschinen mit der Aposteriori-Planmäßigkeit (Teleonomie) organischer Struktur verwechselt wird" (Mahner 75).
Ein einfaches Beispiel zur Illustration der Teleonomie ist der bekannte Witz zur Zeit der Schneeschmelze: "Erstaunlich, woher der Schnee weiß, wo Schatten ist". Man beobachtet, daß sich der Schnee dort hält, wo Schatten ist. Jeder sieht ein, daß es hier falsch ist von einer Intention des Schnees auszugehen. Das Beispiel zeigt:
1) natürliche Selektion sogar bei anorganischen Stoffen (Sonne und Wind als Selektionskräfte),
2) keine Intention, daher keine Teleologie,
3) keine Weitergabe "erworbener" Eigenschaften. Der Schnee fällt im nächsten Winter wieder in sonnige und schattige Bereiche gleichermaßen.
Martin Mahner warnt vor dem Argumentum ad hominem von beiden Seiten (81). Der Hinweis darauf, daß der Diskussionspartner bereits neunundneunzigmal Unfug erzählt hat, widerlegt nicht sein hundertstes Argument.
Beispiel: das Argument "Sie sind ja Kreationist, das sagt alles!" beweist nichts. Trotzdem seien hier Argumentationen der Kreationisten aufgeführt.
"... Morris himself is on record as believing that the canals of Mars are an aftereffect of the fight between Satan and the Archangel Michael" (Ruse 31).
Jack Provonsha, ein Professor der Loma Linda Universität, erklärte vorgeschichtliche Fossilfunde mit Leben vor dem Garten Eden, also vor Adam und Eva, als Satan über eine lange Zeitperiode genetische Experimente durchführte (Numbers, Darwinism 109).
Während hier die von den Kreationisten selbst vorgetragenen Argumente sich der Lächerlichkeit preisgeben, begeben sich auch manche Evolutionsvertreter auf die Ebene ad hominem. Der Utilitarist Garrett Hardin geht mit der folgenden Analogie zu weit. "The god who is reputed to have created fleas to keep dogs from moping over their situation must also have created fundmentalists to keep rationalists from getting flabby. Let us be duly thankful for our blessings" (zitiert nach Montagu 3).
kreationismus Anfang
V. Aufgaben der Wissenschaft
Die Geschichte des Kreationismus zeigt an zwei Zeitpunkten sehr deutlich, daß es kräftiger Anstöße bedarf, damit Wissenschaftler ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit überbringen und ihre Ansichten vertreten. Dies geschah nach dem Sputnik-Schock und ab der Ära Reagan, als die Kürzung ihrer Etas zur Debatte stand. Die Wissenschaft hat aber die Verpflichtung, auch ohne solche Anlässe, ihren Stand und ihre Standpunkte verständlich zu publizieren.
Toleranz und Geistesfreiheit verpflichtet keinesfalls jedes Gedankenkonstrukt zu akzeptieren oder gar in der Schule zu lehren. Philipp Kitcher untermauert die Forderung, Kreationismus nicht in die Schulpläne aufzunehmen. Er kann sich vorstellen, daß der Kreationismus dazu dienen kann, im Unterricht den Unterschied zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft zu erläutern (Kitcher 165-185).
Naturwissenschaftliche Funde und Erkenntnisse werden unser Wissen über die Entwicklung des Lebens erweitern. Mit der Verbreitung der Evolutionslehre wurde das Selbstbild des Menschseins empfindlich getroffen. Der Kreationismus wird daher noch lange kämpfen. Er kann heute jedoch allenfalls als Prüfstein der Argumentation gegen Fundamentalisten dienen.
Der gemeinsame Ursprung alles Lebens verschärfte aber sogleich auch die Frage nach Ursprung und Wesen von Geist und Bewußtsein. Diese Fragen blieben bis heute auch für seriöse Wissenschaftler und Denker offen und werden kontrovers diskutiert.
kreationismus Anfang
Fußnoten
[1] Übersetzt vom Verfasser: "to teach any theory that denies the story of the divine dreation of man as taught in the Bible, and to teach instead that man has descended from a lower order of animals" (Knappman 313) zurück
[2] Das erinnert an eine nicht zum terristrischen [*] Fernsehempfang geeignete Gegend der früheren DDR, die "Tal der Unwissenheit" genannt wurde. zurück
[3] Übersetzt vom Verfasser: "Darwin's theory, like that of Lamarack, is no longer generally accepted" (zitiert nach May 307). zurück
[4] Melodie und Teile des Textes - allerdings ohne die "monkey"-Strophe - stammen allerdings aus dem Jahre 1941. Originalversion von Lucky Millinder and his Orchestra, Sister Rosetta Tharpe, vocal, New York, 6.November 1941. "That's All" (Tharpe). Decca 18496. zurück
[* Hinweis vom 1.11.1006] Hier stand "Satelliten-". Durch einen Hinweis am 1.11.2006 erfuhr ich: Satellitenempfang war möglich und wurde in den fortgeschrittenen Jahren auch betrieben. Es hatten sich ganze Verbraucherinitiativen gebildet, die gemeinsam eine Satellitenempfangsanlage für mehrere Teilnehmer organisierten. Das wurde in den Spätachtzigern geduldet.
kreationismus Anfang
Literaturverzeichnis
Beinert, Wolfgang. Die Leib-Seele-Prolematik in der Theologie. BR-alpha, 22.April 1999.
Dennett, Daniel C. Darwin's Dangerous Idea. Evolution and the Meaning of Life. New York, 1996.
Fox, Sidney W. "Creationism and Evolutionary Protobiogenesis". Science and Creationism. Hg. Ashley Montagu. Oxford [u.a.], 1984. 194-239.
Kienzle, Rich. "Merle Travis". Guitar Rags and a Too Fast Past. Beilage zu 5-CD-Album. Hambergen, 1994.
Kitcher, Philip. Abusing Science. The Case against Creationism. Cambridge, Mass. [u.a.], 1982. Knappman, Edward W., Hg. Great American Trials. Detroit [u.a.], 1994. Lewin, Roger. "A Tale with Many Connections". Science and Creationism. Hg. Ashley Montagu. Oxford [u.a.], 1984. vii-xvii.
Lyons, Gene. "Repealing the Enlightenment". Science and Creationism. Hg. Ashley Montagu. Oxford [u.a.], 1984. 343-364.
Mahner, Martin. Kreationismus. Inhalt und Struktur antievolutionistischer Argumentation. Berlin, 1986.
May, Robert M. "Creation, Evolution, and High School Texts". Science and Creationism. Hg. Ashley Montagu. Oxford [u.a.], 1984. 306-310.
Mayr, Ernst. One Long Argument. Charles Darwin and the Genesis of Modern Evolutionary Thought. Cambridge, Mass., 1991.
Montagu, Ashley, Hg. Science and Creationism. Oxford [u.a.], 1984.
Morris, Henry M. A History of Modern Creationism. San Diego, 1984.
Numbers, L.Ronald. The Creationists. Berkeley [u.a.], 1992.
Numbers, Ronald L. Darwinism Comes to America. Cambridge, Mass. [u.a.], 1998.
Raeithel, Gerd. Geschichte der nordamerikanischen Kultur. Band 2. Vom Bürgerkrieg bis zum New Deal 1860-1930. 3.Auflage. Frankfurt am Main, 1997.
Ratner, Sidney. "Evolution and the Scientific Spirit in America". Science and Creationism. Hg. Ashley Montagu. Oxford [u.a.], 1984. 398-415.
Ruse, Michael, Hg. But Is It Science? The Philosophical Question in the Creation/Evolution Controversy. New York, 1988.
Schröer, Wolfgang-D. "Vorwort". Kreationismus. Inhalt und Struktur antievolutionistischer Argumentation. Von Martin Mahner. Berlin, 1986. 1-3.
Travis, Merle. "That's All". Guitar Rags and a Too Fast Past. 5-CD-Album. Hambergen, 1994.
evolution Literatur zur Evolutionkreationismus Anfang

kreationismus evolution
Email  zurück zur Homepage  eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 1.11.2006