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Kutschera
Ulrich Kutschera: Streitpunkt Evolution. Darwinismus und Intelligentes Design
Münster: Lit, 2004. 311 Seiten – kutschera Linkskutschera Literaturkutschera DVD, Video
kutschera Kommentar zu Werner Josef Gieffers, Köln (2004): Buchrezension zu: Ulrich Kutschera; Streitpunkt Evolution
Eine beliebte Riposte im Usenet ist: "Wer Lesen kann, ist klar im Vorteil". Einige Kommentare zu diesem Buch im Internet bedauern, dass es wenig zum Thema Schöpfung sagt. Wer kann das erwarten, wo doch der Untertitel spezifiziert, dass es um Darwinismus und Intelligentes Design geht? Ebenso kann man weder ein Lehrbuch zur Evolution noch eines zur Bibelauslegung erwarten. Es geht vielmehr um den Streit zwischen Evolutionsanhängern und Gegnern, die das vermeintliche intelligente Design in die Diskussion einbringen. Ich erwarte also eine Streitschrift, die entweder den Streit nüchtern darlegt oder für eine der beiden Seiten Stellung bezieht. Genau das bekommt der Leser: Kutschera setzt sich dafür ein, dass im wissenschaftlichen und schulischen Umfeld einzig die Evolution gelehrt und publiziert wird.
Seine Argumentation ist mehrteilig:
  1. Kreationismus gehört in den religiösen Bereich; als Lehre hat diese Bibelauslegung im Biologieunterricht nichts zu suchen.
  2. Die Postulierung eines intelligenten Designs ist versteckter Kreationismus; hinter dem Designer (immer männlich!?) steckt ein Schöpfergott, auch wenn manche ID-Vertreter Ausserirdische in Betracht ziehen.
Einen breiten Raum in dieser frisch geschriebenen Untersuchung nimmt ein Streit zwischen einem Evolutionsgegner und dem Autor ein. Von Anfang ging es dabei hauptsächlich darum, dass eine religiöse Stellungnahme (wenn man obiger Argumentation folgt, sind die angesprochenen Anti-Evolutionsstandpunkte religiöse Positionen) nicht auf die Webauftritt einer (mit öffentlichen Geldern finanzierten) wissenschaftlichen Institution gehört. Dass es dazu zum Streit kommt verwundert. Mir (und jedem sollte es ebenso gehen) ist klar, dass ein Lehrer, der seinen Schülern im Physikunterricht beibringt: die Erklärung der Gravitation durch Newton und seine Anhänger hat Lücken und deshalb muß angenommen werden, ein Geist lasse die Äpfel auf die Erde fallen und zwar so, dass dies genau nach dem (fiktiven) Gravitationsgesetz geschieht, nicht an einer öffentlichen Schule lehren kann und seine Ideen gefälligst auf seiner privaten Homepage veröffentlichen soll (wenn es denn sein muß).
Streitpunkt Evolution
  • machte mir klar, warum es wichtig ist, energisch gegen solche Lehren in Unterricht und Bildung vorzugehen. Man kann nicht Theorien über Gnome und Geister gleichberechtigt in der Geografie- oder Biologiestunde behandeln.
  • untermauerte und verstärkte meine Bedenken bezüglich einer Diskussion auf Augenhöhe mit den Kreationisten: eine religiöse Anschauung kann man mit rationaler Argumentation nicht erschüttern.
  • gab mir Einsichten (auch hier meist nur vorhandene Ansichten präzisierend) zur Verbindung von Darwinismus und Nationalsozialismus und im weiteren Sinn zu allen heute anstössigen Texten, die man aus der Zeit heraus verstehen muss (S. 280). Es ist Unfug Beethoven oder gar seine Musik abzulehnen, nur weil er Napoleon bewunderte und Wellingtons Sieg (op. 91: Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria) komponierte.
Kutschera geht auf das Design Argument William Paleys (kutschera Design Argument) ein. Anhand der Schneeflocke zeigt er, dass es erstaunliche Ordnung gibt, für die kaum jemand einen unmittelbaren intelligenten Designer postuliert. Dass die naturlaistische Erklärungskraft der Evolution noch Erklärungslücken lässt sollte niemand beunruhigen. Auch in der Mathematik gibt es genügend Lücken (z.B. trifft die Goldbachsche Vermutung zu oder nicht? gibt es unendlich viele Primzahlenzwillige?), trotzdem entwirft deshalb niemand ein Gegenmodell mit Gott, der es so wunderbar einrichtet, dass auch wirklich bei jeder Addition von zwei ungeraden Zahlen immer eine gerade rauskommt.
Freilich gibt es auch Kritik am Vorgehen Kutscheras.
Er versäumt es von Anfang an, seinen Begriff des Kreationismus klarzulegen. Er setzt (was mir erst im Verlaufe der Lektüre klar wurde) Kreationismus mit Schöpfungsglauben gleich. Ich (und einige im Buch zitierte Kritiker) definiere Kreationismus enger. Der Kreationist bestreitet nach meiner Vorstellung immer auch mindestens einen Kernpunkt der Evolution, also indem er beispielsweise behauptet, Gott habe alle heute lebenden Arten auf einen Schlag und von Anbeginn geschaffen. Wer dagegen zusätzlich zur Evolution noch annimmt, dass dabei ein intelligenter Schöpfer beteiligt war, gilt für mich nicht als Kreationist in diesem Sinne.
Design Argument
"There cannot be design without a designer; contrivance without a contriver; order without choice; arrangement without anything capable of arranging; subservience and relation to a purpose without that which could intend a purpose; means suitable to an end, and executing their office in accomplishing that end without ever having been contemplated or the means accommodated to it. Arrangement, disposition of parts, subservience of means to an end, relation of instruments to a use imply the presence of intelligence and mind. [...] The marks of design are too strong to be got over. Design must have had a designer. That designer must have been a person. That person is GOD."
William Paley: Natural Theology; paleyWilliam Paley (1743-1805)
Dem ersten Satzteil "There cannot be design without a designer" stimme ich uneingeschränkt zu, da es für mich eine Tautologie ist. Der Folgesatz "relation to a purpose without that which could intend a purpose" ist ähnlich der These John Searles: "Alle Funktionen sind beobachterabhängig" (siehe: kutschera Keine Funktion ohne Beobachter). Den weiteren Nebensätzen mehr überredender Art ist aber wohl zu widersprechen. Hierzu hat schon Immanuel Kant festgestellt, dass es geradezu eine Bedingung jeglicher menschlicher Erkenntnis sei, dass wir den Dingen Ordnung unterlegen. Das schon genannte Beispiel der Schneeflocke zeigt, dass sehr wohl Ordnung rein naturalistisch erklärt werden kann. Es ist dann Einstellungssache, ob man bei den Naturgesetzen stehen bleibt, oder dazu einen Schöpfer braucht (und redlicherweise eine unendliche Schöpferhierarchie annehmen müßte). Diese Einstellung gehört – hier stimme ich Kutschera voll zu – nicht in den Bereich der Naturwissenschaft.
Einige lästige Druckfehler (z.B. Silben-Trennungsstriche im Text) sind nicht dem Autor anzulasten.
Streitpunkt Evolution sorgt für Klarsicht im Streit zwischen Biologie (Evolution) und Anti-Evolutionisten (Kreationisten, ID-Anhängern). Wer mitdiskutieren will sollte es lesen.
kutschera Anfang
Werner Josef Gieffers, Köln (2004): Buchrezension zu: Ulrich Kutschera, Streitpunkt Evolution – Darwinismus und Intelligentes Design; pdf-Datei siehe kutschera Links
Anmerkungen zu dieser Rezension:
Schon in der Einleitung stellt Gieffers fest: "Die naturwissenschaftlichen Daten, die angeführt werden, können die behaupteten Mechanismen einer Evolution vom Einzeller bis zum Menschen (Makroevolution) naturwissenschaftlich nicht belegen". Etwas später schreibt er: "Mit dem Thema einer Evolution haben diese Religionsattacken gar nichts zu tun und nerven den Leser, der eigentlich über Evolution etwas erfahren möchte."
– Kutschera will mit Streitpunkt Evolution kein Lehrbuch der Evolution vorlegen. Das sollte Evolutionsbiologie vom selben Autor leisten (das ich allerdings nicht kenne; siehe kutschera Literatur). Selbst darin kann Kutschera aber nicht (egal, ob es sie gibt oder nicht) die naturwissenschaftlichen Daten anführen, die die behaupteten Mechanismen einer Evolution vom Einzeller bis zum Menschen (Makroevolution) naturwissenschaftlich belegen. Das ist auf 273 Seiten unmöglich.
– Von "Religionsattacken" sprechen viele Leute sofort dann, wenn gefordert wird, Religion und Staat zu trennen oder Religion und Wissenschaft nicht zu vermengen. Dieselben Leute werfen nach meiner Erfahrung Wissenschaftlern gerne vor, dass die naturalistische Prämisse der Wissenschaft eine Weltanschauung sei und man dürfe doch keinesfalls eine Weltanschauung mit Wissenschaft vermengen.
– Gieffers schreibt durchgehend in seiner Buchrezension von fehlenden Beweisen, wie überhaupt von etablierten Theorien gerne Beweise gefordert werden. Diesen Mechanismus spricht Kutschera in Streitpunkt Evolution deutlich an (mir war er schon vorher aus einer Vorlesung zur Esoterik von Stefan Bauberger, Dozent für Naturphilosophie, bekannt; siehe baubergerStefan Bauberger). Auf einer bestimmten skeptischen Ebene fehlt jeder wissenschaftlichen Lehre der Beweis; es gibt allenfalls Belege, aus denen man Schlüsse zieht. Auf dieser skeptischen Ebene gilt Karl Poppers Diktum: "Alles Wissen ist Vermutungswissen". Doch diese skeptische Ebene betritt man allenfalls im philosophischen Diskurs.
  • Etablierte moderne wissenschaftliche Theorien sind das Beste was wir haben; bevor sie falsifiziert werden nehmen wir sie als wahr an;
  • Diese Theorien werden durch Hinweis auf Lücken nicht erschüttert (siehe meine Ausführungen oben zu den kutschera Lücken in der Mathematik); Raum für weitere Forschung, Theorieanpassung, etc. gibt es in jeder Disziplin. Nur Religionen und Ideologien geben vor alles zu erklären.
  • Keinesfalls können diese Theorien durch mysteriöse Postulierungen ersetzt werden.
Das erinnert an den berühmten Cartoon von Sidney Harris (den ich aus Copyright-Gründen hier nicht bringe), in dem zwei Wissenschaftler vor einer Tafel mit langen Formeln stehen. Zwischen allen mathematischen Symbolen steht: "Dann geschieht ein Wunder" ["then a miracle occurs"]. Einer der Wissenschaftler weist den anderen darauf hin: "Sie müssen hier im zweiten Schritt etwas genauer werden" ["I think you need to be more explicit here in step two"]. Michael Shermer nennt dies das "God of the Gaps"–Argument: in eine Lücke des wissenschaftlichen Wissens wird Gott eingesetzt.
Disproving evolution does not prove the creationist contrary.
“And then a miracle happens” is not science.
Michael Shermer: "Then a Miracle Occurs. An Obstreperous Evening with the Insouciant Kent Hovind, Young Earth Creationist and Defender of the Faith". RNCSE 24 (6): 32-36,
paleyNational Center for Science Education
Gieffers springt in seiner Kritik an Streitpunkt Evolution ständig zwischen den Bedeutungsebenen. Kutschera schreibt: Es "besteht kein Zweifel daran, dass diese »Ur-Mikroben« die ältesten versteinerten Lebensspuren repräsentieren" (S.27). Eine perfekt zutreffende Aussage. Gieffers kritisiert: "Auch wenn die Fachwelt sie als älteste Lebewesen ansieht, wissen können wir das nicht". Wo schreibt Kutschera im Zitat wir wissen es? Für Gieffers müßte man Kutscheras Aussage detailliert so schreiben:
Es besteht derzeit kein vernünftiger, belegter Zweifel daran, dass diese »Ur-Mikroben« die ältesten derzeit der Fachwelt bekannten versteinerten Lebensspuren repräsentieren.
Gieffers kritisiert weiter: "Es kann neue Funde geben, es kann sich auch die Zeitdatierung ändern oder sogar der Zeitbegriff". Damit kann man (siehe oben Poppers Vermutungswissen) natürlich jede wissenschaftliche Aussage angreifen. Man kann nicht billigerweise fordern, dass man zu jeder Aussage hinzufügt: "Nach heutigem Wissensstand, gilt ... Neue Funde könnten das widerlegen". Ansonsten müßte man sagen: "Wir wissen nicht, wann Beethoven gestorben ist, denn es kann sich die Zeitdatierung oder sogar der Zeitbegriff ändern. Wir vermuten, er starb 1827 in Wien". Ich halte das für Humbug.
Selbst die Aussage Kutscheras auf derselben Seite (diesmal mit explizitem Wissensanspruch): "Heute wissen wir, dass die Erde und unser Sonnensystem vor etwa 4600 Millionen Jahren ... entstanden sind ..." geht völlig in Ordnung. Er und jeder vernünftige Leser weiß (sic!), dass dies morgen überholt sein könnte.
Mir verging die Lust die Rezension von Werner Josef Gieffers weiter zu lesen.
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Links
paleyUlrich Kutschera
paleySynthetische Evolutionstheorie
Institut für Biologie Universität Kassel:
paleyLehrgebiet EvolutionsbiologiepaleyKreationismus und Intelligentes Design
paleyAG Evolutionsbiologie im Verband deutscher Biologen (VdBiol)
GieffersWerner Josef Gieffers, Köln (2004) Buchrezension zu: Ulrich Kutschera; Streitpunkt Evolution (pdf)
kutschera Evolutionsunterricht in verschiedenen Ländern
kutschera Geschichte des Kreationismus in den USA
kutschera Ulrich Kutschera: Design-Fehler in der Natur. Alfred Russel Wallace und die Gott-lose Evolution
kutschera Ulrich Kutschera: Evolutionsbiologie. Eine allgemeine Einführung
kutschera Links zur Evolution
kutschera Literatur zur Evolution
Literatur
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Kutschera KutscheraUlrich Kutschera: Streitpunkt Evolution. Darwinismus und Intelligentes Design. Münster: Lit, 2004. 311 Seiten kutschera
Ulrich Kutschera: Evolutionsbiologie. Stuttgart: Ulmer, 2006. Gebunden, 303 Seiten. 2., aktualis. u. erw. Aufl. paley
kutschera Rezension
DVD, Video
Kreationistische Werke, die teilweise im besprochenen Streitpunkt Evolution “gewürdigt” werden.
Fritz Poppenberg: Hat die Bibel doch Recht? Der Evolutionstheorie fehlen die Beweise. 1998.
Fritz Poppenberg: Gott würfelt nicht. Über den erbitterten Kampf zwischen Wissenschaft und Ideologie. 2001.
Fritz Poppenberg: Der Fall des Affenmenschen. 2004.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 4.10.2005