Evolutionstheorie - Pro und
Contra Diskussion mit Siegfried Scherer,
Technische Universität München, und Mathias Gutmann, Universität
Marburg. Moderation: Daniel von Wachter, Philosophie - Department der LMU
München 12. Januar 2006, Audimax der Technische Universität
München Veranstalter: Christliche Hochschulinitiative von Professoren
und Studenten
Diskutanten Links
Literatur Für Durchsicht,
Berichtigungen und Ergänzungen danke ich den Herren Prof. Dr. Siegfried Scherer, JProf. Dr. Dr. Mathias Gutmann, Tareq
Syed und Thomas Waschke
|
Moderator Daniel von Wachter gab in einer kurzen Einleitung
die Kernaussage der Evolutionstheorie wieder: Das Leben entstand aufgrund
natürlicher Prozesse von einfachsten Bauteilen bis zur heutigen
Diversität des Lebendigen durch Mutation und Selektion. Die
Evolutionstheorie sagt nichts über die Entstehung des Lebens aus. Diese
und theologische Fragen nach einem Eingriff Gottes, Schöpfung durch Gott
oder Existenz Gottes sollte nicht Thema der Diskussion sein.
Anmerkung 1: In
der Ankündigung der Veranstaltung auf der Webauftritt der Christlichen
Hochschulinitiative von Professoren und Studenten werden zwei Fragen genannt:
Wie ist das Leben entstanden? Ist es wahr, dass alles Leben aus einfachsten
Elementen entstanden ist? Die erste Frage ist genau die, zu der die
Evolutionstheorie nichts sagt. Sie war das eigentlich beherrschende Thema der
Diskussion. Ankündigung der Veranstaltung |
Dann zog der Moderator zwei Folgerungen:
- Wenn die Evolutionstheorie falsch ist, ist der Atheismus
falsch.
- Wenn die Evolutionstheorie wahr ist, ist das teleologische
Gottesargument falsch.
Anmerkung 2: Die erste Folgerung kam aus
einem Zitat von Richard Dawkins, das ich nicht mitschreiben konnte. Es sagte in
etwa: Gott ist zur Erklärung der Entwicklung des Lebens unnötig.
Daraus folgt nicht die 1. Folgerung.
Es könnte dieses Zitat gewesen sein: "I can't
help feeling that such a position, though logically sound, would have left one
feeling pretty unsatisfied, and that although atheism might have been
logically tenable before Darwin, Darwin made it possible to be an
intellectually fulfilled atheist." Dawkins, Richard (1986): The Blind
Watchmaker. Essex, Longman. S. 6 |
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| Prof. Dr. Siegfried Scherer |
Scherer ist sich seiner
Aussenseiterposition innerhalb der Biologen bewußt. Er betont, dass die
Evolution im Bereich Variation und Anpassung sehr gut belegt ist. Er stellt
aber die Makroevolution in Frage. Insbesondere merkte er an, dass diese drei
Bereiche bisher unerklärt sind:
- Entstehung des Lebens
- Entstehung neuer molekularer Maschinen
- Entstehung neuer Baupläne
Scherer präsentiert statistische Modellrechnungen, die
mit Wahrscheinlichkeitsaussagen in den hohen Zehnerpotenzen die
Unwahrscheinlichkeit der Entstehung in diesen Bereichen zeigen sollen.
| Anmerkung 3: Nach
dem Eintreten eines auch noch so extrem unwahrscheinlichen Ereignisses hilft
alles Kopfschütteln nichts: es ist eingetreten. |
Die übliche Antwort: "Makroevolution = Mikroevolution + Zeit" wies
Scherer zurück, da die Makroevolution bisher empirisch nicht beobachtet
wurde. Scherer stellte dazu diese drei Thesen auf:
- Geeignete chemische Randbedingungen für die Entstehung
der ersten Zelle sind unbekannt
- Die Entstehung der für die erste Zelle notwendige
biologische Information ist unbekannt
- Genetische Mechanismen der Entwicklung sind unbekannt.
Folgerung: Der Ursprung der Mikroorganismen ist unbekannt. In
seinen weiteren Ausführungen beruft sich Scherer auf die geniale
Funktionalität schon und gerade bei den Bakterien und auf das Prinzip der irreduziblen Komplexität von
Michael Behe ( Literatur). Scherer schloß mit: "Nichts ist
bewiesen" und einem Aphorismus des Anthropologen Francis Clark Howell: "The more you know, the harder
it is" ( Zitate Clark
Howell). |
| JProf. Dr. Dr. Mathias Gutmann |
Die Theorie vom Übergang des
Unbelebten zum Leben ist nicht primär eine biologische Frage, denn die
Biologie als Lehre vom Leben setzt das Leben als Untersuchungsgegenstand schon
voraus. Er nannte einige Kriterien (Eigenschaften um von einem Objekt x sagen
zu können: "x lebt") für "leben", die sich nicht unbedingt auf eine
Zelle beschränken müssen. Evolutionstheorie kann betrieben werden
ohne die Frage nach dem Entstehung des Lebens zu beantworten. Gutmanns
Thesen Die Evolution ist ein Veränderungsprozess. Eine naturalistische
Erklärung dieses Veränderungsprozesses ist möglich, selbst wenn
die Evolutionstheorie falsch ist. In den weiteren Ausführungen
unterschied Gutmann einen ontologischen und einen
methodologischen Reduktionismus. Der ontologische Reduktionismus
führt die Objekte einer Wissenschaft auf physikalische zurück; der
methodologischen Reduktionismus beschränkt die Wissenschaft auf Mittel der
Physik und Chemie. Gutmann stellt in Biologie (Evolution) und Theologie
(Gottesglaube) verschiedene Sprachspiele fest. Damit sei die Evolution mit dem
Glauben an Gott weder vereinbar noch unvereinbar. Es werden verschiedene
Sprachen verwendet. Er verwies auf den Biochemiker Michael J. Behe (auf den sich auch Scherer berief),
der bemerkte, dass die Plausibilität des IDs für jemanden, davon
abhängt, wie weit diese Person an Gott glaubt (Mehrfach
indirekt zitiert, beispielsweise: David Brown, Rick Weiss: "Defending Science
by Defining It", Washington Post, 21. Dezember 2005).
| Anmerkung 4: Gutmann behandelte die
Evolutionstheorie in seinem Referat streng sprachanalytisch und
wissenschaftstheoretisch. Er legte Wert auf eine saubere Begriffsbildung und
-abgrenzung. Das stieß meine ich beim Publikum auf wenig
Resonanz. In der offenen Diskussion bemerkte eine Teilnehmerin zu Gutmann: Das
war Ihr erster verständlicher Satz. Obwohl Gutmann immer argumentierte,
dass die Entstehung des Lebens nicht unbedingt eine Frage der Biologie ist,
behandelte er anfangs (aus meiner Sicht ohne Not) bevorzugt diese Frage und
ging nicht gleich auf Fragen ein, die Scherer im Rahmen der Evolutionstheorie
als unbeantwortet aufwarf. So waren Gutmanns Ausführungen für einen
philosophisch geschulten Zuhörer eine elegante Vorführung der
Evolutionskritiker, für die meisten Zuhörer aber eher
unverständlich. |
Mathias Gutmann verweist auf die
Fragwürdigkeit der Wahrscheinlichkeitsaussagen von Siegfried Scherer: sie
müssten standardisiert werden.
| Anmerkung 5: Da die beiden Diskutanten
sich auf recht unverfängliche Positionen zurückzogen (Scherer:
"Nichts ist bewiesen"; Gutmann: "Innerhalb der Theorie irritieren die
aufgeworfenen Fragen und Lücken den Naturwissenschaftler nicht") kam wenig
Feuer in die Auseinandersetzung. Das Feuer versuchte der Moderator später
durch explizite Frage nach einem Schöpfer zu entfachen. |
|
Anfang |
Die weitere freie
Diskussion zeigt, dass keine Harmonie zwischen den Positionen der beiden
Diskutanten herrscht. Scherer: eine Reduzierung des Lebens auf Physik und
Chemie wird nicht gelingen. Gutmann: für die fehlenden
Entstehungserklärungen gibt es
Teillösungsvorschläge. Scherer: diese werfen aber wieder neue
Fragen auf. Gutmann: das ist das Los der Wissenschaft. Es ist nicht
unmöglich die Erklärungslücken zu schließen. Gutmann:
die Prämisse eines Gottes macht Naturwissenschaft überflüssig.
Dies mußte Gutmann auf Nachfrage präzisieren: Wenn Gott an den
Anfang der Ursachenkette gesetzt wird, muß der Naturwissenschaftler
wieder nach der Ursache fragen (oder sein Geschäft aufgeben).
| Anmerkung 6: Gutmanns Behauptung (die
Prämisse Gott macht Naturwissenschaft überflüssig) lässt
sich auch so begründen: wenn man eine übernatürliche
Begründung oder Prämisse zulässt, kann man sie jederzeit
(sozusagen als Joker) einsetzen. Es bleibt nichts Unerklärliches
mehr. |
Zuhörerfrage: wie steht Gutmann zu Scherers
Behauptung: Nichts (in der Evolution) sei bewiesen. Gutmann trennte wieder
sauber zwei Bedeutungen von "ist bewiesen". In der Bedeutung von:
endgültig als wahr erwiesen, stimmt Gutmann zu: nichts ist bewiesen. Die
Evolutionstheorie ist dann genauso unbewiesen, wie jede naturwissenschaftliche
Theorie. In der Bedeutung von: plausibel und vernünftig als für
wahr anzunehmen: Evolutionstheorie ist bewiesen.
| Anmerkung 7: Das "Nichts ist bewiesen"
ist ein beliebter Einwand der Evolutionskritiker. Gutmann konterte diesen
Vorwurf einwandfrei. Die Evolutionsgegner übersehen dabei auch, dass mit
der Einführung Gottes noch unsagbar mehr unbewiesen ist. |
| Anmerkung 8: Durch seine betont
wissenschaftstheoretische Herangehensweise gab sich Gutmann beim Publikum
einige Angriffspunkte. So wurde sein "Evolution ist mit dem Glauben an Gott
weder vereinbar noch unvereinbar" hinterfragt und auch seine Behauptung: Selbst
wenn die Evolutionstheorie widerlegt würde, könnte man sie weiter
betreiben. In der Nachfrage hierzu aus dem Publikum wurde auf Poppers
Falsifikationskriterium verwiesen. Gutmanns Antwort darauf (er verwies auf die
Logischen Empiristen; Immunisierung von Theorien) überzeugte nicht so
recht, da dazu längere Ausführungen nötig gewesen wären.
|
Aus dem Publikum kommt ein Verweis auf Emergenz,
die ganz natürlich entstehe. Scherer unterscheidet zwischen abiotischer
Komplexität und Komplexität mit biologischer Information. Das
Beispiel des Fragers betraf nur die abiotische.
Exkurs zum Flagellum: fadenförmiger, aktiv beweglicher
Zellfortsatz bei Protozoen, der zur Fortbewegung der Zelle dient Es ist wird
als Paradebeispiel für die irreduzible Komplexität (Michael Behe;
Literatur) herangezogen. Ein funktionelles Flagellum könne evolutiv
nicht schrittweise entstanden sein. Gutmann verwies auf Kenneth Miller (2003;
Literatur). Dort wird dies aufgrund empirischer Befunde als unzutreffend
zurückgewiesen. |
Scherer meint zum Intelligent Design (ID), dass
dieses Thema nicht in den Naturkundeunterricht gehöre.
Anmerkung 9: Das ist ein gewisser
Gegensatz zu Scheres Mitarbeit an Evolution - ein kritisches Lehrbuch
(siehe Literatur).
Scherers Position wird in: Evolution und Schöpfung in der Schule
dargestellt; der genannte Gegensatz dabei in: "7. Zum evolutionskritischen
Lehrbuch von R. Junker & S. Scherer" richtig gestellt. Download als pdf,
siehe unter Links ) |
Andrerseits hält Scherer die weitere
Forschung in der Evolutionsbiologie für sehr wichtig. Trotz der
anfänglichen Vereinbarung sich auf den naturwissenschaftlichen Diskurs zu
beschränken, stellt Moderator von Wachter die Gottesfrage explizit. Er kam
damit wohl den Erwartungen des Publikums nach und hoffte, die Diskutanten auf
einen gemeinsamen Diskussionsboden zu führen. Scherer bekennt sich als
Christ. Dies veranlasst eine Teilnehmerin drei provokant vorgebrachte Fragen an
Gutmann zu richten: Sind Sie Atheist? Sind Sie zufriedener Atheist? Sind Sie
ein menschlicher und zufriedener Atheist?
| Anmerkung 10: Wenn ein Diskutant diese
Frage nicht von selbst anspricht, empfinde ich eine solche Gesinnungsnachfrage
aus dem Publikum als ungezogen und unangebracht. Sie zeigte zudem das beliebte
Vorurteil, dass Atheisten weder zufrieden noch menschlich leben könnten.
|
Gutmann beantwortet die Frage elegant mit: Ich
bin ein zufriedener Mensch. Die Fragerin kontert mit: Das war Ihr erster
verständlicher Satz heute. |
Anfang |
Abschluss Scherer: die kausale Evolutionstheorie
lässt viele Fragen offen. Die Naturwissenschaft schiebt diese Fragen zu
leichtfertig an die Peripherie. Gutmann: Wissenschaft ist Diskurs. Sie gibt
Gründe an, aber keine Antworten. |
Mein Fazit Da sich beide Diskutanten auf
verschiegenen Platformen bewegen, kam es zu wenig ernsthafter Konfrontaion.
Scherer sammelt durch seine zurückhaltende Art und ruhig vorgebrachten
Argumente sicher einige Punkte beim Publikum. Gutmann argumentiert
wissenschaftstheoretisch sauber und kaum angreifbar, jedoch auf einem zu hohen
Abstraktionsniveau. Obwohl er von mir die meisten Punkte erhält, war das
im Publikum vermutlich anders. Das mag aber auch an der "Vorauswahl" des
Publikums liegen. Zu Diskussionen dieser Art gehen bevorzugt Leute, die sich
freuen, wenn die Evolutionstheorie in die Pfanne gehaut wird
. |
| Diskutanten |
Prof. Dr.
Siegfried Scherer Lehrstuhl für Mikrobielle Ökologie
der TU München, geschäftsführender Direktor des Zentralinstituts
für Ernährungs- und Lebensmittelforschung (ZIEL) im
Wissenschaftszentrum für Ernährung, Landnutzung und Umwelt der TUM in
Weihenstephan; Dr. Siegfried Scherer
Wikipedia JProf. Dr. Dr. Mathias
Gutmann Leitung der Arbeitsgruppe Anthropologie zwischen
Biowissenschaften und Kulturforschung, Institut für Philosophie,
Philipps-Universität Marburg; JProf. Dr. Dr. Mathias Gutmann (PD) |
| Links |
Christliche Hochschulinitiative
von Professoren und Studenten Gutmann, Mathias:
Uni Marburg
Wikipedia
Scherer, Siegfried
"Evolution und Schöpfung in der Schule" (pdf)
Michael J. Behe, Lehigh University, Bethlehem, Pennsylvania
N. J. Matzke: Background to "Evolution in
(Brownian) space: a model for the origin of the bacterial
flagellum"
Kenneth R. Miller: Evolution Resources
Evolution Anthropisches Prinzip
Intelligent Design Kreationismus
Herausforderung »Intelligent Design« - Neuer Streit um die
Evolution
Links zur Evolution
Literatur zur Evolution |
| Literatur speziell zu dieser
Diskussion |
Miller, Kenneth (2003):
"Answering the biochemical argument from design". In: Neil A. Manson, Hg.:
God and Design: the Teleological Argument and Modern Science. London:
Routledge. S. 292-307; siehe weiter unten. Scherer, Siegfried
(1985): "Could life have arisen in the primitive atmosphere?". Journal of
Molecular Evolution 22, S. 91-94 |
| Bei Amazon nachschauen |
|
Bei Amazon nachschauen |
|
Michael J. Behe:
Darwin's Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution. Simon &
Schuster, 1996. Gebunden, 307 Seiten |
 |
Mathias Gutmann: Die
Evolutionstheorie und ihr Gegenstand - Beitrag der Methodischen Philosophie zu
einer konstruktiven Theorie der Evolution. Berlin: VWB, 1996. 340 Seiten

Verlagsinformation |
 |
Marc W. Kirschner,
John C. Gerhart: The Plausibility of Life Resolving Darwin's Dilemma.
Yale University Press 2005. Gebunden. 352 Seiten |
 |
Reinhard Junker, Siegfried Scherer:
Evolution - ein kritisches Lehrbuch. Giessen: Weyel, 2001. Gebunden, 328
Seiten. 5., aktualis. Aufl.
 |
 |
Neil A. Manson, Hg.: God and
Design: The Teleological Argument and Modern Science. London: Routledge,
2003. Taschenbuch, 352 Seiten |
|
Anfang |