Die Kernthesen der Evolutionstheorie und die
häufigsten Missverständnisse oder:
Evolution in der Nußschale
Missverständnisse
Links Literatur |
Die sechs wesentlichen Säulen der Evolutionstheorie legte bereits
Darwin seinem Werk zugrunde. Sie waren später bis heute immer wieder
umstritten und wurden eingeschränkt, stellen aber bis heute cum
grano salis auch die Säulen der
Synthetischen Evolutionstheorie dar. Es sind:
- Vererbung von Eigenschaften
- Variabilität (1):
Veränderung der vererbten Eigenschaften durch zufällige Mutation,
genetische Rekombination, Gendrift, usw.
- Selektion: Reproduktionsvorteil
für diejenigen Lebewesen, die ihre Gene erfolgreich weitergeben
können. Im Effekt also auf lange Sicht Überleben der gut angepassten
Lebewesen
- Variabilität (2):
allmähliche oder auch sprunghafte Veränderung der
Populationen
Darwin ging von einem Gradualismus aus: «Natura non facit
saltum» = Kontinuitätsprinzip.
Das «Punctuated equilibrium»
läßt dagegen auch einen sprunghaften Wandel zu.
- Artenvielfalt, Artenaufspaltung,
Artensterben
- gemeinsamer Ursprung allen
Lebens
Elliott Sober hebt davon
diese beiden Elemente heraus: The Tree of
Life: alle derzeit auf der Erde lebenden Organismen gehen auf einen
gemeinsamen Vorfahren zurück; siehe oben 6. Natural Selection: die natürliche Selektion war
eine wichtige Ursache für die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen
den auf der Erde lebenden Organismen; siehe oben 3. Wobei wichtig ist: eine
Ursache, was nicht weitere Ursachen ausschließt. Elliott Sober: "Metaphysical and epistemological issues in modern
Darwinian theory", Seite 267. In: Jonathan Hodge, Gregory Radick, Hg.: The
Cambridge Companion to Darwin, Cambridge: Cambridge UP,
2003
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Wer also die
Evolution in Bausch und Bogen verwirft, muß sich fragen lassen, ob er
noch recht bei Sinnen ist. Genau dies tat Richard Dawkins in einer
Buchbesprechung in der New York Times, 1989.
| It is absolutely safe to say that if you meet
somebody who claims not to believe in evolution, that person is ignorant,
stupid or insane (or wicked, but I'd rather not consider that). |
So zitiert sich Dawkins selbst in "Ignorance Is No
Crime", siehe Links, und in seiner Diskussion mit
Lawrence M. Krauss, man lese. Das wird oft falsch
übersetzt und/oder als Zitat aus Richard Dawkins: The Blind
Watchmaker deklariert. Ich versuche es mal sinngemäß:
| Man ist völlig auf der sicheren Seite, wenn
man sagt, dass, wenn man jemanden trifft, der behauptet, nicht von der
Evolution überzeugt zu sein, derjenige uneinsichtig ist, dumm oder
verrückt (oder böse, aber das würde ich nicht in Betracht
ziehen). |
Eine im Wortlaut etwas andere Übersetzung
brachte das Spektrum der Wissenschaft, Sept. 2007, siehe
Lawrence M. Krauss und Richard Dawkins
diskutierten im Juni 2007. Ich pflichte Dawkins bei, denn dass sich
Eigenschaften auf die Nachkommen vererben (1. Kernthese, siehe oben, und unbedingte Voraussetzung der Evolution schon für
Charles Darwin) erkennen Kinder im Vorschulalter. Meist bestreiten
Evolutionsgegner einen oder alle der Kernthesen 2 bis 6. Vielleicht kennen sie
diese aber auch nicht und bestreiten nur, weil sie meinen, die
Evolutionstheorie würde den Bibeltext angreifen (was falsch ist; eine
Legende hat keinen Wahrheitsanspruch; man kann ihn daher nicht
angreifen).
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Die häufigsten
Missverständnisse zur
Evolutionstheorie sind:
- Zufall: dazu sind
zahlreiche Missverständnisse im Umlauf:
»Zufall gibt es
nicht« der »blinde« Zufall, also eine
Vermenschlichung des Zufalls; Zu diesen beiden Missverständnissen lese
man Über den
Zufall »nur Zufall«
»bloßer Zufall« bewirkt nichts Dauerhaftes; ist
keine kreative Kraft; Das stimmt. Zufall alleine bewirkt wenig (Neues).
Dieser "Einwand" übersieht aber die Varabilität ( Säulen der Evolutionstheorie #2) und die
Funktion der Selektion (
Säulen der Evolutionstheorie #3).
- Kampf: die Kampfmetapher
kommt wohl vom »struggle for
existence«. Sie ist oft fehl am Platze, da es eine Konkurrenz gibt. Wenn eine Baumart ihren Samen
ausbringen läßt konkurriert sie mit anderen Planzen und Tieren. Sie
kämpft nur in einem allegorischen Sinne.
- Ziel und Perfektion
Nach allem was wir wissen, hat die Evolution kein Ziel. Welches auch? Aus
den oben genannten Kernthesen der Evolutionstheorie ( Säulen der Evolutionstheorie) ergibt sich, dass es
in der lebendigen Natur keine Perfektion gibt, sondern allenfalls: derzeit ausreichend angepasst. Aus der Selektion
geht auch nicht der Stärkste "siegreich" hervor (ein weiteres
Missverständnis), sondern der derzeit ausreichend Angepasste.
- Abstammung vom
Affen
Falsch. Affen und Menschen (und alle anderen Lebewesen)
haben gemeinsame Vorfahren. Noch ein
Beispiel: ich und mein Cousin haben gemeinsame Grosseltern. Deshalb kommt
niemand auf die absurde Idee, ich stamme von meinem Cousin ab.
- »Ist nur eine
Theorie« oder »Evolution ist
keine bewiesene Tatsache«
Hier wird mit dem (Halb)Wissen
zur Wissenschaftstheorie geprunkt, aber nicht gepunktet. Wie bei einem
Unterpunkt zum Missverständnis beim Zufall (siehe oben) wird man
zugestehen: Stimmt! Vier Entgegnungen sollten das Missverständnis freilich
ausräumen: 1) Die Evolution ist in etwa so eine Theorie wie die
Theorie, dass die Erde annähernd eine Kugel ist. Wer also die Evolution
bezweifelt, müßte konsequenterweise auch die Kugelgestalt der Erde
in Zweifel ziehen. 2) Die Evolutionstheorie ist milliardenfach belegt;
ähnlich wie die Gravitationstheorie milliardenfach belegt ist. 3)
Streng genommen gibt es in der Naturwissenschaft keine bewiesenen Tatsachen.
Auch die annähernde Kugelgestalt der Erde ist keine bewiesene Tatsache,
sondern eine Interpretation. 4) Der Nur-Theorie Evolution wird von den
Angreifern wenn überhaupt meist nur eine Legende, ein Mythos
oder eine Fantasie entgegengehalten. Während eine Theorie einen
Erklärungsanspruch oder gar einen Wahrheitsanspruch erhebt, erklärt
eine Fantasie nichts. Sie ist noch nicht einmal
eine "Nur-Theorie". Allerdings habe ich von Einwerfern der obigen
Thesen schon erlebt, dass sie für ihre überlieferte Sage
plötzlich einen absoluten Wahrheitsanspruch erheben. Was soll man da noch
diskutieren?
- »Man kann an die
Evolutionstheorie glauben ...«
Es geht um mehr als glauben.
Man weiß, dass die Erde
annähernd rund ist, ebenso weiß
man, dass die Evolution stattgefunden hat und stattfindet.
- Gleichsetzungsthese:
»Man kann an die Evolution glauben, jedoch ebenso an den
Kreationismus oder ID glauben«. Falsch. Die Evolutionstheorie ist
bestens belegt, milliardenfach bewährt. Kreationismus oder ID sind es
dagegen nicht. Wissenschaftliche Theorien sind keine Glaubenssache sondern
zählen zum Wissen, wenn auch immer mit dem Popperschen Vorbehalt:
Vermutungswissen. Doch Alternativen zur Evolution haben noch nicht einmal den
Charakter von Vermutungswissen.
- Niemand war dabei,
Keiner hat es je beobachtet
Diese Vorwürfe
liest man immer wieder. Sie verkennen mindestens zweierlei: 1) einige
Wissenschaften, vornehmlich die historischen, können weder Experimente
anstellen noch direkte Beobachtungen anstellen. Trotzdem sind es
Wissenschaften, die z.B. herausgefunden haben, dass Christoph
Columbus 1492 in Amerika ankam. Niemand der heute Lebenden war bei
Geburt von Julius Caesar dabei. 2) der Datenbegriff in den historischen
Wissenschaften liegt etwas anders als in den sogenannten "harten"
Wissenschaften. Die echten Daten, die zur Stützung dieser
theoretischen Aussagen dienen, beziehen sich auf statistische System wie
schriftliche Dokumente oder archäologische Funde und können daher
völlig problemlos wiederholt ermittelt werden (Balzer, S. 162). Das
bedeutet: die Aussagen dieser Wissenschaften sind Folgerungen ("theoretische
Konstrukte", Balzer, S. 162) aus harten Daten und damit ebenso gültig wie
die Folgerungen in anderen Wissenschaften. Balzer, Wolfgang
(2009): Die Wissenschaft und ihre Methoden: Grundsätze der
Wissenschaftstheorie. Ein Lehrbuch. Freiburg: Alber.
Rezension
|
| Missverständnisse zur Evolution sind weit
verbreitet |
Die Missverständnisse zur
Evolution sind immer noch weit verbreitet, besonders in christlichen Kreisen.
Das wird hier durch zeitgenössische Quellen belegt.
- Deutschland soll feiern, dass es vom Affen
abstammt. (Missverständnis #4) beginnt Reinhard Bingener, Frankfurt, evangelischer
Theologe, seinen Artikel
"Giordano-Bruno-Stiftung:
Die Agenda des Neuen Atheismus". FAZ 22. März 2009 Vorteil:
man kann nach dem ersten Satz mit der Lektüre aufhören.
- Oft hat man Charles Darwin: Die
Entstehung der Arten (
Rezension) nicht oder
nur oberflächlich gelesen, schreibt aber darüber. Da wird von
niederen Lebensformen, Aufwärtsentwicklung und
über den vorläufigen Höhepunkt, den Homo sapiens, fabuliert
(Missverständniss #3). Jörn Schumacher:
"Explosion der Evolution", pro Christliches Medienmagazin, 2 / 2011, S.
42-43
- Siehe auch die zahlreichen Belege dafür, dass
katholische Kleriker besonders Christoph
Schönborn, die Evolution im Sinne Darwins nicht verstanden
haben:
Position der Katholischen Kirche zur
Evolution.
|
| "Die moderne
synthetische Evolutionstheorie ist kein Glaubensbekenntnis, sondern ein aus
Fakten abgeleitetes System von Aussagen, das einen Prozess erklärt, der
tatsächlich stattgefunden hat und andauert." Ulrich
Kutschera, Spektrum der Wissenschaft 1/2007 |
Lawrence M. Krauss und Richard Dawkins diskutierten im Juni
2007. Auszug: Dawkins: I like your clarification of what
you mean by reaching out. But let me warn you of how easy it is to be
misunderstood. I once wrote in a New York Times book review, »It is
absolutely safe to say that if you meet somebody who claims not to believe in
evolution, that person is ignorant, stupid or insane (or wicked, but Id
rather not consider that).« That sentence has been quoted again and again
in support of the view that I am a bigoted, intolerant, closed-minded,
intemperate ranter. But just look at my sentence. It may not be crafted to
seduce, but you, Lawrence, know in your heart that it is a simple and sober
statement of fact. "Should Science Speak to Faith? Two
prominent defenders of science exchange their views on how scientists ought to
approach religion and its followers", 17. Juni 2007 Dawkins:
Mir gefällt, was Sie unter Auf-Leute-Zugehen verstehen. Ich
möchte jedoch daran erinnern, wie leicht man missverstanden werden kann.
Einmal schrieb ich in einer Buchrezension: »Sicher ist jemand, der bei
einer Unterhaltung behauptet, nicht an die Evolution zu glauben, ungebildet,
dumm oder verrückt.« Dieser Satz wurde immer wieder zitiert, um zu
belegen, dass ich ein fanatischer, intoleranter und bornierter Schwätzer
sei. Doch sehen Sie sich meinen Satz einmal an. Er klingt vielleicht nicht
verführerisch. Aber Sie, Lawrence,wissen im Grunde, dass es sich um eine
nüchterne Tatsachenfeststellung handelt. "Versöhnung oder Trennung? Die Forscher Lawrence M. Krauss und
Richard Dawkins diskutieren, wie Wissenschaftler mit Religion umgehen
können. Eine Debatte auch über den Kreationismus", siehe
Links. Übersetzung
zitiert mit freundlicher Genehmigung durch Spektrum der Wissenschaft,
10.9.2007 |
| Links |
Richard Dawkins: "Ignorance Is No Crime", Free Inquiry
Magazine 21.3 (2004) |
"Should Science Speak to Faith? Two prominent defenders of science
exchange their views on how scientists ought to approach religion and its
followers", eine verkürzte Version des Dialogs erschien in
Scientific American Juli 2007 und auf deutsch unter "Versöhnung
oder Trennung? Die Forscher Lawrence M. Krauss und Richard Dawkins diskutieren,
wie Wissenschaftler mit Religion umgehen können. Eine Debatte auch
über den Kreationismus", Spektrum der Wissenschaft, September 2007 |
weitere Links zur Evolution |
Über den Zufall |
| Literatur |
Literatur zur Evolution |
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