| Kommentar zu Josef Bordat:
"Makroevolution und Humanisation - Wissenschaftstheoretische Bemerkungen zur Debatte um »Naturalismus« und »Intelligent Design«" literaturkritik.de 2, Februar 2009 Schwerpunkt: 200. Geburtstag von Charles Darwin Kontroversen um die Evolutionsbiologie Links Literatur |
| Josef Bordat plädiert dafür
Evolution (Wissen des Biologen) und Schöpfung (Glaube
des Theologen) nicht unvereinbar getrennt zu sehen. Er kritisiert dazu (zurecht) einen Naturalismus, der sich allein an das empiristische Signifikanzkriterium hält. Dieser Methodenmonopolismus verkürzt die Wissenschaft. Bordat stellt auch zur Debatte, ob dieses empiristische Signifikanzkriterium nicht eine zirkuläre, selbstwidersprüchliche Definition von Relevanz darstellt. |
| Abgesehen davon, dass
zu diskutieren wäre, ob jemand das anvisierte Signifikanzkriterium noch so
in Reinkultur vertritt (ich meine: nein), verfällt der Autor in eine der
gängigen Naturalismuskritikfallen. Zudem kritisiert er Aussagen von
Naturalisten als persönliche metaphysische Meinung, deren
Begründetheit er Owen Gingerich
zitierend bezweifelt. Ich zeige zunächst zwei weit verbreitete Fehlgänge der Naturalismuskritik und wie der Autor sich in einem davon verirrt. Dann werde ich die Forderung nach Begründung entkräften. |
| Manche Naturalismuskritiker weisen
zuerst nach, dass der lupenreine Naturalismus die Bezugsdomäne zu sehr
verkürzt. Das heisst man vertritt die Position, dass sich auch
darüber hinaus sinnvolle Aussagen über die Wirklichkeit machen
lassen. Dann weist man 1) entweder nach, dass der Naturalist selbst über seine Domäne hinausgeht (also sich anmaßt sinnvolle Aussagen über die Wirklichkeit außerhalb seiner Domäne zu machen; womit man implizit den Vorwurf widerlegt, der Naturalist lasse nur eine verkürzte Domäne gelten), oder 2) man weist nach, dass die außerhalb liegenden Aussagen ja doch wissenschaftlichen (im Sinne des Signifikanzkriteriums) Charakter haben. Man bemüht sich also, ihnen einen wissenschaftlichen naturalistischen Status zu geben, sotto voce unterstellend, dass der doch seriöser sei als der Status von metaphysischen Aussagen. Die Kritiker des Naturalismus sind sich dabei nie so richtig klar: Sind naturwissenschaftlicher Diskurs und metaphysische Meinung zwei völlig getrennte Zugangskorridore oder wirken die Bereiche aufeinander ein? Sie bedienen sich je nach Lage beider Standpunkte. Hier geht es um die erste Falle. Bordat wirft den Evolutionisten Owen Gingerich zitierend vor, dass sie mit bestimmten Behauptungen keine wissenschaftlich fundierten Tatsachen äußern, sie vertreten ihre persönliche metaphysische Meinung, genauer: die Evolutionisten in Gingerichs Worten lehnen eine kosmische Teleologie ab, vertrauen auf ein kosmisches Roulette und treten für die Zweckfreiheit des Universums ein. Den Naturalisten muss man zugestehen, dass sie über den Tellerrand hinausschauen. Der Vorwurf lautete ja, dass sie sich selbst auf den Teller der Wissenschaft verkürzen. Dieser wird mit der metaphysischen Meinung überschritten. Der Naturalist kommt damit seinem Kritiker entgegen. Dem genannten Einwand Gingerichs liegt die Zweiteilung in Wissenschaft und Metaphysik zugrunde; die darf dann wohl auch der Naturalist nutzen. Selbstverständlich kann der Naturalist metaphysische Meinungen haben und äußern. Ohne metaphysische Annahmen kommt er nicht aus. Auch die folgende Feststellung, dass es sich tatsächlich um eine Meinung handelt, die außerhalb des naturwissenschaftlichen Diskurses steht rügt (zumindest lese ich es so) die Überschreitung der Grenze zwischen Wissenschaft und Metaphysik. Wie kann man dem Naturalisten etwas vorwerfen, was andere, beispielsweise Theologen hauptsächlich machen? Das man gerade eingefordert hat? Zudem: jeder Metaphysiker und Theologe äußert und hat auch wissenschaftliche Überzeugungen; daher kann (und muss) auch jeder Naturalist metaphysische Meinungen äußern ohne der Kritik anheim zu fallen. Wenn der Naturalist seine Domäne überschreitet, äußert er eine persönliche metaphysische Meinung. So zitiert der Autor Owen Gingerich. Wer sich hauptsächlich in der Sphäre außerhalb der Wissenschaft bewegt, was äußert der? Ich sehe nicht, dass die hier abwertend erfolgte Einstufung als Meinung, und Bordat betont, dass es sich tatsächlich um eine Meinung handelt nur für metaphysische Aussagen des Naturalisten gilt. Wenn diese Einstufung korrekt ist, dann für alle. |
| Zuletzt ist noch die
Begründetheit der metaphysischen Meinung der Naturalisten zu diskutieren.
Bordat gesteht zu, dass man darüber streiten kann. Ohne es näher auszuführen: Existenzbehauptungen eines metaphysischen Schöpfers, oder die Unterstellung eines immanenten Zieles (Teleologie) oder eines Zwecks (gegen die Zweckfreiheit des Universums), bedürfen der Begründung, nicht umgekehrt. Damit sind die in Bordats Essay genannten metaphysischen Meinungen der Naturalisten methodologisch gut begründet: solange keine Begründung für die Entität X vorliegt (am besten innerhalb einer bewährten Theorie) gilt: X gibt es nicht. Postuliert eine Theorie neue Entitäten und hängt davon viel ab, werden kaum Kosten und Mühen gescheut um das Ding aufzuspüren, siehe den Large Hadron Collider in Genf. Die Physiker sind sich also ihrer Bringschuld der Begründung bewusst. Das sollte auch für andere Disziplinen gelten. |
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