Hans-Olaf Henkel, ehemaliger IBM
Manager, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie BdI (inzwischen, 17.11.2004: Präsident der
Leibniz-Gemeinschaft), mischte sich häufig in die
öffentliche Diskussion ein. Er hat immer einen begründeten
Standpunkt, den er nicht nur in flüchtigen Talkshows oder als
Tagesgespräch vertritt, sondern für jeden nachzulesen in einigen
Büchern ( Die Macht
der Freiheit). Und die Lektüre lohnt sich ungemein. Die
Ethik des Erfolgs. Spielregeln für die globalisierte Gesellschaft handelt
zumeist von der Globalisierung, aber ist auch ein Plädoyer für
Leistung und den darauf folgenden Erfolg.
Hauptthese: Freie Marktwirtschaft,
Demokratie und Menschenrechte gehen Hand in Hand (S. 8). Konkret: wer
Menschenrechte will, führe die freie Marktwirtschaft ein. Insofern
betrachtet Henkel die Globalisierung als große Chance gerade auch
für die armen Völker und Nationen. Nebenthese 1: Globalisierung
ist Fortschritt (S. 141). Er fordert dafür aber grundlegende
Liberalisierung, denn darin sieht er den Abbau von Unfreiheit (S. 169).Dazu
müssen Subventionen, überhöhte Zölle und Abschottung der
Grenzen abgeschafft werden (S. 192). Nebenthese 2: Freiheit hat Vorrang vor
Gleichheit. Diese ist keine Gleichmacherei sondern Chancengleichheit.
Henkel riskiert ein offenes Wort. Er
spricht die Karrieren der Altnazis in der BRD an ( Literatur zu Hitlers Eliten nach
1945); bemängelt, daß keine Bestrafung bezüglich der
50.000 Todesurteile unter der Nazi-Herrschaft erfolgte; er geißelt die
Machenschaften der Geheimdienste ( Von den Geheimdiensten
Deutschlands). Scharf geht er mit Ex-Kanzler Helmut Kohl:
"Aussitzen"; "Auch Kohl hatte nötige Reformen mit dem Argument »Das
machen wir nach den Wahlen« auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben" (S.
69) (
Die Untaten Helmut Kohls) und Gerhard Schröder ("ruhige Hand")
ins Gericht (S. 74 u.v.a.) . Henkel nimmt vor allem aufs Korn (Personenindex
fehlt leider): Johannes Rau, Oskar Lafontaine, Helmut
Kohl, Gerhard Schröder und Franz
Müntefering.
Leider zeichnet Henkel gelegentlich ein
verzerrtes Bild und manipuliert den Leser.
- Die Gegenseite ist meist Ideologie (S. 9). Einwände, die
beim Lesen auftauchen (Wo bleibt die Solidarität mit den Schwachen?),
wiegelt er irgendwann im Laufe der Argumentation ab: Solidarität (oder
auch: soziale Gerechtigkeit usw.) setzt er voraus. Wie das zu bewerkstelligen
ist, gibt er nicht preis.
- Wer andere Wege, als die von ihm favoritisierten
vorschlägt, beschreitet einen deutschen Sonderweg (S. 12) und läuft
in eine Sackgasse.
Gelegentlich sind Henkels Befunde falsch. Moral und
Ethik haben nicht erst seit 1945 in Deutschland einen herausragenden
Stellenwert (S. 31). Viele sprechen eher vom Werteverfall. Er versucht die
Risiken der Kernenergie, Gentechnik, den Treibhauseffekt klein zu reden (S. 275
u.a.)
Manchmal vermochte ich seiner Argumentation oder seinen
Übergängen nicht zu folgen. So blieb mir unklar, warum er mehr
Patriotismus fordert (S. 40). Wie schon gesagt, legt er ihn aber gleich
konsensfähig als Einsatz fürs Gemeinwohl aus. Doch warum erfordert
dieser Einsatz das Strammstehen vor einem bunten Tuch?
Befund: Deutschland hat "seine eigene
Freiheit Stück für Stück eingeschränkt, die Macht des
Staates und der Bürokratie ausgeweitet und die Demokratie an die
Interessen der Parteien ausgeliefert (S. 170).
Er schießt oft übers Ziel hinaus
("Was damals das Wort »Jude« meinte, drückt bei den
fanatischen Überfremdungsgegnern das Wort »Amerikaner« aus" S.
203; man erkennt die Manipulation: durch die Einschränkung "fanatische
Überfremdungsgegner" kommt er der Wahrheit nahe), insbesondere, wenn er
zuletzt ein neues Grundgesetz fordert. Ich meine, das meiste, was Henkel
anstrebt, ließe sich auch innerhalb des bestehenden Grundgesetzes
realisieren. |