| Ted Honderich. Nach dem Terror. Ein Traktat
[After the Teror] Neu-Isenburg: Melzer, 2003. Erweiterte, revidierte und neu übersetzte Ausgabe. 298 Seiten. Thomas Fehige, Beatrice Kobow, Übs. |
| Der Traktat Nach
dem Terror des Philosophen Ted
Honderich erschien in Großbritannien als After the
Terror komplikationslos. Als er bei Suhrkamp im August 2003 auf deutsch
erschien, gab es eine heftige Kontroverse ( |
| Ted Honderich analysiert die
Weltsituation auf einer tief liegenden ethischen Ebene. Sein Bezugspunkt ist
eine Statistik (S. 288) über die Lebenserwartung, Kindersterblichkeit und
Einkommensverteilung in ausgewählten Ländern. Jeder weiß,
daß dabei die westlichen Industrienationen zum einen und die oberen zehn
Prozent der jeweiligen Bevölkerung zum anderen ausgezeichnet (oder
schlecht; je nach Perspektive) abschneiden. Er vergleicht etwas salopp die
möglichen ethischen Positionen und untersucht dabei die Auswirkungen des
Nicht-Handelns (recht instruktiv). Honderich verurteilt die Teroranschläge des 11. September mehrfach (z.B. S. 141). Ich gewann den Eindruck, er verurteilt sie so oft um nur ja genügend Belegstellen dafür zitieren zu können. Honderich verurteilt sie (nur?) deshalb, weil die vermuteten Absichten (Schlag gegen das Nicht-Handeln; siehe Tabelle S. 288) keine Aussicht auf Erfolg hatten (S. 198). Das falsche Handeln führt Honderich auf unser falsches Handeln (Unterlassen von Handlungen, aktive Destruktionspolitik, Ausbeutung) zurück (S. 193). Sehr viel Argumentation verwendet er darauf nachzuweisen, daß der Terror der Palästinenser gegen Israel sehr wohl gerechtfertigt sei: sie fordern ihr Recht auf nationale Eigenständigkeit und die Verfügung über ihr Territorium ein. Der Vorwurf des Antisemitismus ist nicht gerechtfertigt. Honderich greift vehement die israelische Besetzungspolitik an; das kann man allenfalls als anti-israelisch bezeichnen. Doch auch die moralische Rechtfertigung des palästinensischen Terrors relativiert Honderich: "der einzige Terrorismus, der möglicherweise gerechtfertigt werden kann" sei ein Terrorismus für Humanität (S. 260). Ähnlich könnte man Honderich Anti-Amerikanismus vorwerfen. Nach dem 11. September fragten sich die US-Amerikaner, warum sie denn gehasst werden. "Die Frage zeugt entweder von ziemlicher Unwissenheit oder ziemlicher Blödheit" (S. 135). Ich meine, da kann man Honderich zustimmen. Die US-Amerikaner sind schon seit langem in vielen Ländern unbeliebt, so beispielsweise in Mexiko als "Gringos" geradezu verachtet. |
| Kritisiert wurden vor
allem "Als die vornehmlichen Opfer von Rassismus in der Geschichte scheinen einige Juden heute von ihren Peinigern gelernt zu haben" (S. 49). "Ich selbst habe keinen ernsthaften Zweifel, um den prominentesten Fall zu nehmen, dass die Palästinenser in ihrem Terrorismus gegen Israel ein moralisches Recht ausüben" (S. 231; auch S. 259). |
| Das Kapitel 6 (für das man
möglicherweise die deutsche spätere Ausgabe bevorzugen könnte)
"Nachträgliche Gedanken zum Terrorismus für die Humanität"
bringt wenig Neues. Insgesamt vermisse ich Gedanken zur religiösen Motivation der Täter. So ist keineswegs klar, ob die Einschätzung der Motivation der Terroristen vom 11.9. durch Honderich halbwegs zutrifft. Sie wollten möglichst schnell bei Allah im Paradies sein; die von Honderich unterstellten Motive treffen eventuell nur begleitend zu. Wäre Honderichs Traktat kurz nach dem 11.9. erschienen, könnte man manches schnelle Urteil, den mangelhaft durchdachten Aufbau des Themas usw. der Schnelligkeit zuordnen. So aber ärgert man sich etwas, wenn Honderich dieselben Gedanken in jedem Kapitel wiederholt, den religiösen Aspekt aber völlig ignoriert. |
| Die
Neuübersetzung durch Thomas Fehige und Beatrice
Kobow erscheint mir nur teilweise gelungen. Zwar versuchen die
Übersetzer eng am Original zu bleiben (verständlich: die Kritiker
warteten bereits), doch wird der deutsche Text dadurch oft holprig oder gar
schlecht verständlich. Ein Beispiel: Wenn es für "Mitleid"
überhaupt einen Plural gibt, so ist er völlig ungebräuchlich (S.
46; nächste Zeile übrigens fehlerhafte Silbentrennung; kein
Einzelfall). Leserfreundlich fand ich Hinweise der Übersetzer, beispielsweise auf die unterschiedliche Verwendung von "violence" und "Gewalt" (S. 144, Fußnote 7). |
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