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Alternative Medicine
Simon Singh, Edzard Ernst: Trick or Treatment? Alternative Medicine on Trial
London: Corgi, 2009. Taschenbuch, 410 Seiten – Alternative Medicine LinksAlternative Medicine Literatur
Die Botschaft ist knapp und hart. Die konventionelle Medizin unterwirft sich strengen Tests auf Wirksamkeit ihrer Methoden und Heilmittel. Nur was wirksam ist wird angewendet und ist Bestandteil der Medizin. Wer soweit nicht mitgeht – das sagen die Autoren gleich in der Einleitung – kann das Buch gleich weglegen: es wird diese Leser kaum überzeugen.
Auf die Weiterleser wartet ein Kapitel mit den Grundlagen der klinischen Tests. Sie müssen auf breiter Grundlage, zufallsorientiert, gut belegbar und doppelt-blind erfolgen.
In vier weiteren Kapiteln werden die vier Hauptrichtungen der alternativen Medizin an diesen Standards gemessen:
  • Akupunktur,
  • Homöopathie,
  • Chiropraktik und
  • Pflanzenheilkunde.
Alle Kapitel geben geschichtliche Überblicke, den derzeitigen Stand der Tests und die Akzeptanz der jeweiligen Richtung an.
• Der Akupunktur werden einige Erfolge für Schmerzbekämpfung und gegen Übelkeit zugestanden.
• Die Homöopathie wird als reine Placebo-Sparte entlarvt. Der Placebo-Effekt, also eine günstige Wirkung trotz nachgewiesener eigentlicher Unwirksamkeit, beruht allein auf dem Überzeugungssystem des jeweiligen Patienten und seinen persönlichen Erfahrungen. In der Homöpathie wird oft so stark verdünnt, dass die Arznei kein einziges Molekül des Wirkstoffs mehr enthalten kann. Dann argumentieren die Homöpathen mit einem angeblichen Gedächtnis der Verdünnungslösung. Dafür gibt es aber nicht den geringsten Anhaltspunkt und außerdem müßte die „Erinnerung“ dann auch für alle darin jemals vorgekommenen Stoffe funktionieren. Unser übliches Lösungsmittel kommt meist aus einer Kläranlage. Die Verdünnungslogik führt zu der absurden Konsequenz, dass der Patient, der vergisst sein Mittel zu nehmen, an einer Überdosis sterben könnte (S. 146).
• Die Chiropraktik hat sehr mässige Erfolge bei Rückenschmerzen aufzuweisen.
• Die Pflanzenheilkunde ist sehr differenziert zu betrachten.
Sowohl bei der Chiropraktik als auch bei der Pflanzenheilkunde sind erhebliche Gefahren zu berücksichtigen. Das Kapitel Pflanzenheilkunde enthält zwei Tabellen für gängige Pflanzenheilmittel: ihre Wirksamkeit (S. 246-247) und ihr Risiko (S. 260-261).
Im letzten Kapitel werden wichtigen Fragen beantwortet, die in den Einzelkapitel aufgeschoben wurden:
  • Warum laufen soviele Menschen in die Praxen der Quacksalber, wenn die Erfolge bei vielen ihrer Methoden nahe Null ist?
  • Angesichts des Placebo-Effekts, vor allem der Homöopathie, stellt sich die Frage: wenn's hilft, warum dann nicht?
Diese letzte Frage leuchtet ein und deshalb hier die Antworten der Autoren:
• Das Arzt-Patientverhältnis basiert auf Vertrauen. Der Arzt, der im Vertrauen auf die Placebo-Wirkung homöopathische Mittel verschreibt betrügt den Patienten. Um den Effekt zu verstärken müßte der Arzt sogar noch dick auftragen: „Das Mittel wird aus Timbuktu importiert“ und ähnliches (S. 297). Etwas zu kategorisch fordern die Autoren, der Arzt dürfe den Patienten nie belügen (S. 298). Das wäre diskussionswürdig. Doch ist stimme zu: er darf ihn nicht ständig belügen.
• Zudem wäre dieser Vertrauensbruch nicht auf Dauer verheimlichbar.
• Der Placeboeffekt tritt auch bei richtig verordneten „konventionellen“, wirksamen Mitteln auf.
• Alternative Mittel verleiten Patienten oft dazu die „konventionellen“, wirksamen Mitteln zu vermeiden oder ihre Wirkung durch alternative Mittel – meist zum Negativen hin – zu beeinflussen.
• Der Patient verschweigt gerne alternative Behandlungen, so dass genau diese gegenseitige störende Beeinflussung auftritt.
• Alternative Anhänger haben oder entwickeln oft eine Abneigung gegen die konventionelle Medizin, das führt bis zur Impfverweigerung.
• Zuletzt, doch nicht unwichtig, ist zu nennen: die alternativen Mittel und Beratungen sind oft sehr teuer.
Eigentlich besteht eine merkwürdige Situation: jedes nachweisbar wirksames Mittel wird zur Standardmedizin und ist damit nicht mehr alternativ. Was verbleibt für die alternative Medizin sind also entweder unwirksame oder gar schädigende Mittel und Methoden oder zumindest Mittel, deren Wirksamkeit nicht ausreichend getestet wurde: „Therefore, alternative medicine, by definition, seems to consist of treatments that are untested, or unproven, or disproven, or unsafe, or placebos, or only marginally beneficial“ (S. 346).
Im Anhang werden noch kurz eine ganze Reihe von alternativen Richtungen bewertet, von der Alexandertechnik über die anthroposophische Medizin zur Bachblütentherapie, Feldenkrais, Feng Shui, Fußmassage, Blutegeltherapie, Reiki, Geistheilung bis zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM).
Jeder kann sich nun ein wissenschaftlich grundiertes Bild von der alternativen Medizin machen. Sie kommt grossenteils nicht gut weg. Es ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – dringend davon abzuraten.
Alternative Medicine Anfang
Beurteilung einiger Einwände gegen Trick or Treatment?
Ein auf harter Wissenschaft beruhende Bewertung der alternativen Medizin wirft bei deren Vertreter natürlich Zähneknirschen hervor. Einige der vorgebrachten Einwände können leicht ausgeräumt werden, andere – allerdings nicht schwergewichtige – treffen zu.
(Zu den Einwänden siehe Alternative Medicine Links.)
Unverständnis ernten Singh & Ernst oft mit ihrem Insistieren auf klinischen Tests, die wissenschaftlichem Standard entsprechen, in Kreisen der alternativen Medizin. Deshalb dazu eine weitere Stimme:
“Wer seine Methoden oder Präparate nicht der wissenschaftlichen Diskussion stellt, nicht die Gelegenheit gibt, sie nachzuvollziehen, zu überprüfen und eigene Schlüsse daraus zu ermöglichen, der hat Gründe dafür.” Wer so vorgehe und sich konventionellen medizinischen Anforderungen versperre, disqualifiziere sich als Gesundheitsanbieter selbst. Seriöse Komplementärmedizin sei ein Bereich der wissenschaftlichen Medizin.
Professor Dr. Claus Fischer, der Vorsitzende des DGU-Arbeitskreises Prävention, Umwelt- und Komplementärmedizin. (DGU Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V.)
Von der Einsicht in die Vorläufigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis sind die beiden Autoren weit entfernt. (Robert Jütte)
Antwort:
Die Autoren betonen an vielen Stellen, dass sie gerne ihr Urteil revidieren, aber nur aufgrund belegbarer Wirksamkeitsstudien. Dieser Vorwurf trifft daher überhaupt nicht.
Die randomisierte Doppelblindstudie (RCT) ergibt nicht unbedingt ein objektives Bild der therapeutischen Realität. (Robert Jütte)
Antwort:
Umso schlimmer für die alternative Medizin: es müßten noch strengere Massstäbe angelegt werden, damit ein objektives Bild entsteht. Doch wenn schon die Hürde RCT gerissen wird ...
Der Einsatz von RCTs begünstigt bekanntlich bestimmte Therapien und benachteiligt andere. (Robert Jütte)
Antwort:
Das stimmt, ist aber kein Einwand. Genau das ist die Funktion des RCT (und jeden Tests): wirksame Therapien sollen festgestellt, unwirksame erkannt werden.
Nicht nur die Vertreter der alternativen Medizin sind geldgierig, bei der konventionellen Medizin kommt dies auch vor.
Antwort:
Dieser Einwand sitzt. Doch ist das Kostenargument bei Singh & Ernst meist das letzte in einer langen Reihe.
Die Autoren wischen einzelne Erfolgsgeschichten der Alternativen mit dem Hinweis: "Der Plural von Anekdote ist nicht Daten" beiseite. Die Risiken mancher alternativen Mittel zeigen Singh & Ernst jedoch an Einzel-Anekdoten auf. (Sabrina Adlbrecht)
Antwort:
Diesen Schuh müssen sich die Autoren anziehen.
So bestreitet zum Beispiel die Homöopathie-Forschung, dass man ihre stark individualisierten Therapien in Doppelblindstudien testen kann. (Johannes Kaiser )
Antwort:
Ja, das ist ja die Crux. Singh & Ernst betonen es in der Einleitung: vorausgesetzt für die/ihre Bewertung der alternativen Medizin und jeglichen medizinischen Verfahrens ist, dass man sie anhand der nachprüfbaren, standardisierten Test bewertet. Wer weiterhin an unbelegte Erfolge glauben will, dem kann man es nicht verwehren.
Die Überzeugung der Autoren, Recht zu haben, ist angesichts des immer noch immensen Forschungsbedarfs über viele biochemische und psychosomatische Vorgänge wenig angebracht. (Johannes Kaiser )
Antwort:
Selbstverständlich – aber das betonen Singh & Ernst mehrfach – ist die Bewertung in Trick or Treatment? vorläufig und offen für künftige Revision. Doch das bringt für die alternative Medizin keine Entlastung. Man wird ja wohl kaum ein Verfahren anwenden, bei dem man lediglich auf künftige Erfolgsbelege hoffen kann. Man stelle sich einen Patienten vor, der Birkenrinde knabbert und angesprochen auf die Unwirksamkeit und möglicher schädlicher Wirkungen entgegnet: "Ja, es besteht noch immenser Forschungsbedarf."
Alle Einschätzungen und Bewertungen des Buches, ob und welche komplementärmedizinische Therapie denn nun nach wissenschaftlichen Kriterien als wirksam erklärt oder als Scharlatanerie entlarvt werden kann, sind bereits bekannte Positionen. (Rainer Lüdtke)
Antwort:
Das ist eigentlich kein Einwand, sondern eine Bestärkung des Ergebnisses von Singh & Ernst.
Links
Alternative MedicineSabrina Adlbrecht: „Gesund ohne Pillen. Alles nur Einbildung?“ ORF, 22.05.2009
EBMAll Trials Registered | All Results Reported
PseudowissenschaftBad Science
PseudowissenschaftBMJ (früher: British Medical Journal)
PseudowissenschaftCEBM Centre for Evidence-Based Medicine
PseudowissenschaftThe Cochrane Collaboration – Trusted evidence. Informed decisions. Better health
FischerClaus Fischer: Komplementärmedizin in der Urologie - DGU-Arbeitskreis setzt auf weitere Forschung 25.03.2010
PseudowissenschaftJames Lind Alliance
Alternative MedicineRobert Jütte: „Geldgierig sind wir doch alle“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2009, S. 6
Alternative MedicineJohannes Kaiser: “Gesund dank Placebo-Effekt”, dradio 3.3.2009
Alternative MedicineRezension von Biometiker Rainer Lüdtke, Karl und Veronica Carstens-Stiftung, 17.03.2009
und hier: Alternative MedicineNeuraltherapie-blog
Alternative MedicineTrick or TreatmentAlternative MedicineWikipedia
Alternative MedicineSimon Singh
Alternative MedicineEdzard Ernst
Alternative MedicineAlternativmedizin
Alternative Medicineperlentaucher
KreißsaalSebastian Herrmann: "Die Globulisierung des Kreißsaals", SZ, 23.11.2011, S. 16
Alternative MedicineOlivia Laing: "Quacks on the rack", The Observer, Sunday 4 May 2008
AberglaubeAberglaube auch heute noch weit verbreitet
Alternative Medicine Astrologie als Para- und Pseudowissenschaft
Alternative Medizin Homöopathie, unter: Aberglaube auch heute noch weit verbreitet
HomöopathieAufklärung und Kritik an der Homöpathie wird massiv bekämpft
Homöopathie Literatur (kritische) zur Homöopathie
Alternative Medicine Para- und Pseudowissenschaft
Alternative Medicine Simon Singh: Fermat's Enigma
Alternative Medicine Weitere Literatur zur Para- und Pseudowissenschaft
Literatur
Ernst, Edzard (2010): "Winnowing the Chaff of Charlatanism from the Wheat of Science". Evidence-based Complementary and Alternative Medicine 7:4, S. 425-426.
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singh Alternative MedicineSimon Singh, Edzard Ernst: Trick or Treatment? Alternative Medicine on Trial. London: Corgi, 2009. Taschenbuch, 410 Seiten singh
Simon Singh, Edzard Ernst: Trick or Treatment? Alternative Medicine on Trial. Bantam 2008. Taschenbuch, 352 Seiten Alternative Medicine
singh Alternative MedicineSimon Singh, Edzard Ernst: Gesund ohne Pillen. Was kann die Alternativmedizin? München: Hanser, 2009. Klaus Fritz, Übs. Gebunden, 400 Seiten

Aust Alternative MedicineNorbert Aust: In Sachen Homöopathie – Eine Beweisaufnahme. Website, 2013. Taschenbuch bausell
R. Barker Bausell: Snake Oil Science: The Truth about Complementary and Alternative Medicine. Oxford: Oxford UP, 2009. Taschenbuch, 320 SeitenAlternative Medicine
Ernst Alternative MedicineEdzard Ernst: Praxis Naturheilverfahren: Evidenzbasierte Komplementärmedizin. Springer, 2005. Taschenbuch, 550 Seiten Ernst
Edzard Ernst: A Scientist in Wonderland: A Memoir of Searching for Truth and Finding Trouble. Imprint Academic, 2015. Taschenbuch, 200 Seiten Alternative Medicine
goldacre Alternative MedicineBen Goldacre: Die Wissenschaftslüge: Wie uns Pseudo-Wissenschaftler das Leben schwer machen. Frankfurt: Fischer, 2010. Irmengard Gabler, Übs. Broschiert, 432 Seiten

Grams Alternative MedicineNatalie Grams: Homöopathie neu gedacht. Was Patienten wirklich hilft. Springer Spektrum, 2015. Gebundene Ausgabe: 227 Seiten Oberhummer
Werner Gruber, Heinz Oberhummer, Martin Puntigam: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Ecowin, 2010. Gebunden, 234 Seiten Alternative Medicine
Schmacke
Alternative MedicineNorbert Schmacke: Der Glaube an die Globuli: Die Verheißungen der Homöopathie. Berlin: Suhrkamp, 2015. Taschenbuch, 244 Seiten Weymayr
Christian Weymayr, Nicole Heißmann: Die Homöopathie-Lüge: So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen. Piper, 2012. Broschiert, 336 SeitenAlternative Medicine
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 26.3.2015