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Brinkbäumer
Klaus Brinkbäumer: Der Traum vom Leben. Eine afrikanische Odyssee
Frankfurt am Main: S. Fischer, 2006. Gebunden, 286 Seiten – odyssee Egon Erwin Kisch Preis 2007
rezension Linksrezension Literatur

Klaus Brinkbäumer überredete John Ampan aus Ghana einen seiner Fluchtweg – zusammen mit ihm – nochmals zu bereisen. Während die beiden also von Ghana nach Europa kommen wollen, erzählt Brinkbäumer die Geschichte der ersten Flucht und der Fluchtversuche von John und zahlreiche anderen Flüchtlingsschicksale. Dazu flechtet der Autor die Erlebnisse der Reisewiederholung und zahlreiche Diskussionen über die Lage in Afrika ein.
Ein wichtiger Gedanke: der Westen propagiert Wegfall der wirtschaftlichen Barrieren (weil er günstig an die Bodenschätze will, die billigen Arbeitskräfte schätzt und sich florierende Absatzmärkt wünscht), also die wirtschaftliche Liberalisierung für Waren. Oft schotten sich aber USA und EU durch Zölle ab und von der Liberalisierung für Menschen sind wir weit entfernt. Es werden ständig neue Hürden, Mauern und elektronische Vorhänge installiert. Das erinnert an den SF-Roman: Gefangen in New York (siehe rezension Literatur). Ob der Kampf der Verzweifelten gegen diesen Technikaufwand tatsächlich letztlich obsiegt (S. 241), bezweifle ich.
Typisch dafür sind beispielsweise die Subvention der eigenen Baumwolle in den USA (S. 208), die Eric Orsenna in einem eigenen Buch thematisiert (siehe Literatur).
Der Geist von Schengen ist: Liberalisierung unter Seinesgleichen, Abschottung gegen Fremde (S. 252) und dafür die Überwachung aller Bürger (rezension Überwachung durch Schleier- und Rasterfahndung).
"Wenn du nach dieser Reise Europa endlich erreichst und dann deportiert wirst, das ist so, als wenn ein Soldat nach einem langen Krieg nach Hause kommt und in seiner Haustür auf eine Mine tritt",
Jane Aimufua, Nigeria (S. 32).
Der Traum vom Leben bestätigte eine Meinung von mir: Kein Afrikaner verlässt seine Heimat und oft seine Familie ohne triftigen Grund, er wird durch die Lebensumstände im Heimatland gezwungen. Meist wird er zuhause verfolgt und müßte – eine humane Gesellschaft vorausgesetzt – Asyl erhalten.
"Wer ein Stück Brot will, ist kein Schmarotzer und schon gar nicht kriminell. Er klagt nur sein Menschenrecht als Leben ein. Er gibt dem unmittelbarsten Impuls eines jeden Menschen nach. Wir verhindern jeden Tag, dass Menschen leben." Navid Kermani, S. 272
Daher sollte man auch die Stigmatisierung der Fluchthelfer zu Schleppern (rezension Politiker-Deutsch für Fortgeschrittene) überdenken. Sie selbst sehen sich als Dienstleister und Reiseunternehmer (S. 159).
"Und so werden Vorurteile zu Feindbildern, wird der Zigeuner zum Vergewaltiger, der Jude zum Abzocker, der Pole zum Dieb, und der Afrikaner kann nicht lesen, ist ja sowieso eine Art Affe und will nur unsere Sozialleistungen" (S. 258). Man lese dazu die Reden und Zitate unserer Politiker (rezension Zitate Beckstein und rezension Stoiber).
Erstaunlich: die Schuld für die Misere in den meisten afrikanischen Ländern wird keineswegs dem jahrhundertlangen Sklavenhandel, der Kolonisation oder den kapitalistischen Methoden zugeschoben. Der Autor verteilt an alle. Die Entwicklungshilfe wird an mehreren Stellen (so S. 96) recht kritisch beurteilt. Als gute Alternative wird die Eden Foundation besprochen (S. 150; siehe rezension Links): Hilfe beim Weg aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit.
Daraus ergab sich ein fesselndes Buch mit vielen Ideen und Einsichten in die derzeitigen politischen und wirtschaftspolitischen Zusammenhänge. Man gewinnt neue Sichtweisen. Die Lektüre kann allen wärmstens empfohlen werden. Mir wechselte der Autor (zumindest im ersten Teil des Buchs) zu oft zwischen Erlebnissen, historischen Betrachtungen und anderen essayistischen Einsprengsel.
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Egon Erwin Kisch Preis 2007
Für seine Reportage »Die afrikanische Odyssee«, Der Spiegel, Juni 2006 wurde Klaus Brinkbäumer mit dem Egon Erwin Kisch Preis 2007 ausgezeichnet. Der Preis ist einer der wichtigsten für Journalisten und wird seit 30 Jahren im Rahmen des Henri Nannen Preises in der Kategorie ›Reportage‹ verliehen. Das dazu entsprechende Buch »Der Traum vom Leben. Eine afrikanische Odyssee« ist das hier besprochene.
Links
afrikaKlaus Brinkbäumer
afrikaFischer-Verlag
Rezension
afrikaNetzeitung
afrikaPerlentaucher
afrikaMaggie Thieme, Titel Magazin
afrikaBartholomäus Grill, DIE ZEIT, 08.02.2007 Nr. 07
afrikaÄrzte ohne Grenzen
rezension Ausländer in Deutschland, Schwerpunkt Bayern
afrikaEden Foundation
afrikaInes Rivera: "Die Eden Foundation in Niger"
afrikarockthevalley über Arne Victor Garvi
Literatur
Ben Bova: Gefangen in New York; rezension Rezension
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traum afrikaKlaus Brinkbäumer: Der Traum vom Leben. Eine afrikanische Odyssee. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2006. Gebunden, 286 Seiten  
orsenna afrika Erik Orsenna: Weisse Plantagen. Eine Reise durch unsere globalisiserte Welt. München: Beck, 2007. Gebunden, 288 Seiten timm
Uwe Timm: Morenga. Aufstand in Deutsch- Südwestafrika. München: Dtv, 2000. Taschenbuch, 444 Seiten afrika
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Brinkbäumer
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