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Bogdal
Klaus-Michael Bogdal:
Europa erfindet die Zigeuner: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung

Berlin: Suhrkamp, 2011. Gebunden, 592 Seiten – Bogdal LinksBogdal Literatur
Weitausholend und akribisch geht der Autor der Entstehung des Antiziganismus nach. Er will ihn bewusst nicht im Kontext des Antisemitismus behandeln, auch wenn Juden und Roma und Sinti (unter anderen Gruppierungen) dem nationalsozialistischen Wahn zum Opfer fielen. „Wurzeln, Gründe, Entwicklung und Funktion der Verachtung der Romvölker und deren Faszination an bestimmten Elementen ihrer Lebensweise” liegen, bei allen Parallelen und Überschneidungen (die Bogdal an vielen Stellen betont), anders als beim Antisemitismus (S. 11). Den fremden Romvölkern wurde von Anbeginn und durch die Jahrhunderte bis heute mit Abwehr, Ausgrenzung und Verfolgung begegnet (S. 13). Dem Autor geht es auch nicht um die Geschichte der Romvölker in Europa, sondern um die Entstehung der Verachtung und Faszination für die Zigeuner und zu was sie führte.
Im Spätmittelalter wurden die Roma und Sinti als Heiden, Ketzer und Teufelsanbeter verfemt. Das blieb haften. Es waren und sind – so die Vorurteile – verachtungswürdige heidnische Fremde, die durch
  • Promiskuität
  • Wahrsagerei
  • Verschwörungen
  • Verwünschungen
  • Unheilsboten
  • Aberglaube
  • Bettelei
  • Bandenkriminalität
  • infame Verbrechen, wie Kindesraub
vom „braven Volk” getrennt sind. Sie zeichnen sich durch ihre „viehische Art” (S. 125 u.v.a.) aus. Begegnungen mit Zigeunern sind einerseits gefährlich, andrerseits idyllischer Fluchtort, abseits der Zivilisation. Hierbei spielte Jean-Jacques Rousseaus Rückwendung zur Natur eine verklärende Rolle. Die kulturelle Vereinnahmung des Zigeunerlebens bei gleichzeitiger Verfolgung zieht sich bis in unsere Zeit (S. 142). Dabei wird das Zigeunerleben nie als Teil der europäischen Kultur angesehen. Die Juden nehmen – wenn auch mit strengen Auflagen – am europäischen Leben teil, die Romavölker nicht.
Mangels anderer Quellen verfolgt Bogdal die Begriffsgeschichte hauptsächlich anhand der Literatur, Musik, und – begrenzt – anhand der Malerei. Die literarischen Werke bespricht er dabei oft sehr detailliert: es entwickelt sich eine Literaturgeschichte mit thematischer Begrenzung auf die Zigeuner.
Die Spaltung zwischen Sesshaften und Umherziehenden geht bis auf Kain und Abel zurück. In Genesis 4,1–24 war Kain, der sesshafte Ackerbauer, neidisch auf seinen mit den Tieren umherziehenden Bruder Abel. Er ermordet ihn schließlich und wird von Gott mit dem Kainsmerkmal versehen.
In der Geschichte lief es dann anders: die umherziehenden Romvölker wurden immer auf Abstand gehalten, außerhalb der Siedlungen gehalten. Für sie wird die Minderwertigkeit eingeführt: sie sind Menschen auf unterer Stufe. Rassentheorien werden entwickelt, die bestimmen, was leben soll und was sterben muss. Heute ist das – man hat doch aus der Geschichte gelernt – sublimiert zu, wer bleiben darf und wer abgeschoben wird.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gelten die Roma und Sinti als nicht integrierbar. Sie stehen dem Aufschwung im Weg, da sie am Wirtschaftswachstum nicht teilnehmen. Es läuft auf die „rassistische These von der Zivilisationsunfähigkeit der Zigeuner” hinaus (S. 398).
Bogdal stellt derzeit drei politische Stossrichtungen fest:
  1. Bürgerorganisationen versuchen für die Roma und Sinti Rechte einzufordern, mit wenig Rückhalt bei den Betroffenen.
  2. Die Minderheitenpolitik der EU versucht die Infrastruktur für  Roma und Sinti zu verbessern
  3. Nationalistische Organisationen und Parteien mit rassistischer Ideologie und im rechtspopulöistischem Fahrwasser vertreten weiter die Politik der Ausgrenzung und Vertreibung (S. 399).
Oft sucht sich der offiziell nicht mehr zugelassene Antisemitismus im Antiziganismus das Ventil (S. 408). Ersatzweise können es auch Asylanten, Muslime oder andere Gruppierungen sein. Von der typisch jüdischen Kriminalität sieht man ab und wendet das Augenmerk stattdessen auf andere Gruppen, und stellt ein genuin zigeunerisches Kriminalverhalten fest (S. 408).
Die Geschichte der Verachtung endet mit dem Porajmos und nach 1945 keineswegs. In der Literatur nach 1945 herrscht bestenfalls die Zigeunerromantik vor. Nur ein markantes Beispiel: Die römisch-katholische Kirche will mit ihrer Missionierung auch weiterhin die Zigeuner „reinigen” und ihre Kultur (aus dem Minderwertigen) „erheben”:
„Eine echte Begegnung zwischen Evangelium und Zigeunerkultur kann jedoch nicht unterschiedslos jeden Aspekt dieser Kultur gutheißen. Die universelle Geschichte der Evangelisierung bezeugt in der Tat, dass die Verbreitung der christlichen Botschaft immer begleitet wurde von einem Prozess der Reinigung der Kulturen, an die sie sich richtete: eine Reinigung, die als ein Aspekt betrachtet werden muss, der für ihre christliche Erhebung nötig ist.”
Stephen Fumio Hamao, Agostino Marchetto (2006): Orientierung für eine Pastoral der Zigeuner, siehe Bogdal Links.
Um den Abstand zu den vermeintlich Minderwertigen zu halten gibt es nur zwei Wege: die (räumliche) Vertreibung und die (biologische) Vernichtung (S. 480). Bogdal traut sich auch eine entscheidende Frage zu stellen: „Beginnt nicht die Geschichte von neuem, wenn die afrikanischen und arabischen Einwanderer an den Küsten Europas stranden?” (S. 482). Ich antworte: Ja.
Adolf Hitler scheint immer noch tabu zu sein. Mein Kampf wird auf S. 340 mit Autor erwähnt, das Werk fehlt aber im Literaturverzeichnis, der Gröfaz fehlt im Personenregister, ebenso wie Erich Honecker (S. 461).
Zurecht erhielt Klaus-Michael Bogdal den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2013. Sein Europa erfindet die Zigeuner: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung verdeutlicht anschaulich und ausführlich die Geschichte des Verhältnisses zu den Romvölkern in Europa. Nebenbei ist es eine Fundgrube für den Zigeuner in Literatur und Musik. Jeder, der sich für diese Thematik oder für die Entstehung von Vorurteilen interessiert, sollte es lesen.
Links
Bogdal@ Suhrkamp
Besprechungen
BogdalRolf-Bernhard Essig: Das tödliche Phantom - Klaus-Michael Bogdals Buch „Europa erfindet die Zigeuner“, literaturkritik.de 01 /2013
BogdalCia Rinne: Antiziganismus-Studie. Romantische Dämonisierungen. TAZ, 22.11.2011
Ulrich Schmid (2011): Buchbesprechung: Europa erfindet die Zigeuner : Eine Geschichte von Faszination und Verachtung / Klaus-Michael Bogdal. Osteuropa 61:12. S. 411-413 – Bogdalonline

Terror Religion Literatur zu Antisemitismus und Christentum, Inquisition, Kreuzzüge, Terror und Religion
BogdalGerrit Bartels: „Europa ist überfordert“: Klaus-Michael Bogdal im Gespräch, Der Tagesspiegel, 12.03.2013
BogdalKlaus-Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner. Die dunkle Seite der Moderne (pdf)
BogdalStephen Fumio Hamao, Agostino Marchetto (2006): Orientierung für eine Pastoral der Zigeuner. Rom: Vatikan
Bogdal Erich Hackl: Abschied von Sidonie
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Bogdal Links zur Thematik
Bogdal Literatur zur Thematik
BogdalPorajmos – Wikipedia
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Bogdal Vertreibung, Abschiebung, Deportation, Duldung
Bogdal Wiese, Sebastian, Nina Horaczek: Handbuch gegen Vorurteile: Von Auschwitzlüge bis Zuwanderungstsunamis
Bogdal Wippermann, Wolfgang: Auserwählte Opfer? Shoah und Porrajmos im Vergleich. Eine Kontroverse
BogdalZigeuner – Wikipedia
Literatur
Michael Lausberg (2012): "Antiziganistische Zustände: Das Beispiel Duisburg". DISS-Journal 24 – Bogdalonline
Winckel, Änneke: Antiziganismus. Rassismus gegen Sinti und Roma im vereinigten Deutschland, Münster 2002.
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