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Lilli Gruber: Tschador. Im geteilten Herzen des Iran
[Chador. Nel cuore diviso dell'Iran] Friederike Hausmann, Übs. München: Blessing, 2006. 351 Seiten
rezension Linksrezension Literatur
Die Journalistin und EU-Abgeordnete Lilli Gruber fiel mir in einer Phoenix-Sendung (siehe rezension Links) mit ihrem Buch Tschador auf. Die Reportage war eine ausgezeichnete Ergänzung zu meinen gerade gelesenen Büchern über den Iran (siehe rezension Literatur).
Tschador beruht auf einer mehrwöchigen Reise der Autorin mit ihrem Mann in den Iran im Jahre 2005 zur Zeit des Präsidentschaftswahlkampfs, eigens zum Zweck, sich ein Bild über die Situation zu machen.
Zunächst fand ich es etwas naiv, dass sie Leute quasi auf der Strasse oder im Stadion oder Restaurant einfach ansprach und so lapidare Fragen stellte, wie: "Was blieb von der Revolution?", zumal im Iran die freie Meinungsäusserung noch in ferner Zukunft liegt. Doch ihre Nachfragen, Kommentare und ihre Beobachtungen geben ein rundes Bild.
Ebenso störten mich zunächst die eingestreuten Erlebnisberichte wie die Beschreibung des Frühlings am Potomac, aber auch ergibt sich mit fortschreitendem Lesen eine angenehme Abwechslung und treffende Ergänzung zum überwiegend politischen Kontext.
Lilli Gruber richtet europäische Augen auf das Land und gerade deshalb ist Tschador eine Bereicherung gegenüber dem Blick von Shirin Ebadi in deren Mein Iran (siehe rezension Literatur). Nicht einverstanden war ich damit, dass Lilli Gruber aus journalistischen Gründen als Ungläubige sich in ein, für die Muslime heiliges Mausoleum schmuggeln lässt. Aber das sind halt westliche Methoden, wenn man die Tabus anderer Kulturen nicht einsieht.
Vorteilhaft ist es, dass die Autorin ihre Gesprächspartner reden lässt und erst am Ende dem Leser ihre Meinung kundtut. Vorteilhaft für den Leser ist auch, dass die Autorin wichtige Funktionen, Organe und Personen bei mehrfachem Auftreten auch mehrfach erklärt. Das erspart das Zurückblättern, Mitschreiben oder ein Glossar.
Im Tschador erkennt man gut die Doppelbödigkeit der iranischen Innenpolitik und des öffentlichen Lebens. Das Kopftuch kann man als Symbol der Unterdrückung sehen, aber auch als Symbol der Freiheit (S. 152). Bezeichnenderweise blüht bei den iranischen Frauen die Schönheitschirugie. Auf den Treffen der jungen Leuten in geschlossenen Räumen geht es ebenso wild zu wie bei uns. Der Drogenkonsum, Prostitution und ungewollte Schwangerschaften sind ernste Probleme des Landes.
Die Bevölkerung teilt größtenteils nicht die Hetzreden des Präsidenten Ahmadinedschad. Wenn man Lilli Gruber folgt, kümmert viele Bürger eh nicht mehr, was die Mullahs oder die politische Spitze macht oder redet. Ganz ähnlich wie bei uns, wollen die Iraner konkrete Schritte gegen die Arbeitslosigkeit und Korruption statt den üblichen Parolen. Doch weder in Deutschland noch im Iran wird das von der herrschenden Klasse kapiert, noch weniger befolgt.
Bravo! Ein ganz ausgezeichnetes Sachbuch.
Lilli Gruber
* 19.4.1957 Bozen; Journalistin, u.a.: Corriere della Sera, Moderatorin, u.a.: RAI-Uno.
Auszeichnungen: u.a. "Premio Spoleto", "Carlo Schmid Preis"; siehe Links
Friederike Hausmann
* 1945, Studium der Geschichte und Altphilologie in Berlin; langjährige Aufenthalte in Italien.
Friederike Hausmann lebt als Autorin und Übersetzerin in München.
GruberInterview: Letzte Fragen ... an Friederike Hausmann
GruberPerlentaucher
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Links
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Rezensionen
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GruberManuel Karasek: "Zwischen den Beinen Irans", Netzeitung 23.6.2006
GruberRandomhouse
GruberStarjournalistin Lilli Gruber und Wirtschaftsexperte Erik Nolmans zu Gast bei Carl-Ludwig Paeschke und Walter Janson, Phoenix: "Schrifttypen - Autoren und Bücher", 2.7.06
gruberMarc Thörner: "Das Unverständliche verstehen. Zwei Neuerscheinungen über den Iran". DLF 19.6.2006
Literatur
bellaigue Christopher de Bellaigue: Im Rosengarten der Märtyrer. Ein Portrait des Iran. München: Beck, 2006. 340 Seiten. Sigrid Langhaeuser, Übs.
bellaigue Ebadi, Shirin, Azadeh Moaveni: Mein Iran. Ein Leben zwischen Revolution und Hoffnung. Die Autobiografie der Friedensnobelpreisträgerin [Iran Awakening. A Memoir of Revolution and Hope]. München: Pendo 2006. Ursula Pesch, Übs. 294 Seiten
bellaigue Azar Nafisi: Reading Lolita in Tehran. A Memoir in Books [Lolita lesen in Teheran. Maja Ueberle-Pfaff, Übs.] London: Fourth Estate, 2004. 347 Seiten
Zolghadr Tirdad Zolghadr: Softcore
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