Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Papa Doc
Bernard Diederich, Al Burt: Papa Doc. The Truth about Its Dictator
Vorwort von Graham Greene. London: Bodley, 1970. 397 Seiten – rezension Linksrezension Literatur
Im Vorwort vergleicht Graham Greene (er hat selbst einen Roman über das Haiti in den 1950-ern geschrieben: The Comedians, 1966, deutsch: Die Stunde der Komödianten, 1967) Haiti nicht mit einem afrikanischen Potentatenstaat sondern mit dem Römischen Imperium. Doch François "Papa Doc" Duvalier führte das Diktatoren- und Terrorgefüge zu ungeahnter Spitze, die neben Rom auch an jede andere Terrorherrschaft herankommt. Er übertraf auch alle – und es waren nicht wenige – brutalen Herrscher in Haiti seit der Unabhängigkeit 1804.
François Duvalier, ein studierter Arzt, trat 1957 mit der Parole im Präsidentschaftswahlkampf an, dass Haiti genügend Reichtum habe, er sei nur nicht richtig verteilt. Er wurde gewählt und blieb seiner Parole treu: die Güter Haitis wurden neu verteilt: in seine Taschen. Da die Taschen umfangreich waren und da Papa Doc zur Aufrechterhaltung seiner Herrschaft viele Vasallen brauchte (Armee, "Militia", Palastgarde und die spezielle Terroreinheit "Tonton Macoutes"), pumpte Papa Doc ständig auch andere Staaten und besonders die USA an. Dabei baute er auf die Kommunismus-Angst und die Kuba-Phobie der US-Amerikaner. Im Lande nutzte er den Glauben der Haitianer an den Voodoo-Zauber aus, für den Papa Doc Experte waroder sich zumindest dafür hielt.
Es ist eine der Stärken dieser Biografie, dass sie sehr glaubhaft nachzeichnet, mit welch unglaublichen Tricks und Finten Papa Doc – und nicht nur der – arbeitete und wie schwer es sich seine Kontrahenten oft selbst machten. Einen cleveren Schachzug legte Paul Magloire, von 1950 bis Dezember 1956 ein Vorgänger Duvaliers, hin. Im Präsidentenamt arg bedrängt kündigte Magloire am 6.12.1956 über Radio seinen Rücktritt an. Magloire weiter: Sein verfassungsmässiger Nachfolger lehne ab. Daher übernehme die Armee die Kontrolle und habe ihn gebeten die Amtsgeschäfte provisorisch zu übernehmen. So gut der Trick war, Magloire flüchtete ein paar Tage später nach Jamaika.
Die Herrschaft Papa Docs war zwar ständig gefährdet, doch der Widerstand zu zahm und überstürzt. Zudem legten sich die USA, trozt mancher Demütigung ihrer Botschafter, auf keinen Konfrontationskurs fest. Immer wieder fielen sie auf Duvaliers Anbiederungen herein und die Dollar-Millionen flossen. Die Johnson-Adminstration verfolgte eine "don't rock the boat" Devise, wohl auch um sich für andere Fronten (Vietnam) freizuhalten (S. 265).
Zunehmend gewinnt man bei der Lektüre den Eindruck, dass Duvalier geisteskrank ist. Zumindest fehlt es ihm eklatant an Realitätsbezug. Ein Journalist fragte ihn, ob die Zensur gelockert werden könne. Darauf Papa Doc: "Yes, because this is a democracy" (S. 232). Auf eine Frage nach verschwundenen Leuten zerstörte er die Hoffnungen, dass sie irgendwo in den berüchtigten Folterkammern noch lebendig herumschmachten, mit: "I have no political prisoners" (S. 208). Klartext: sie wurden alle umgebracht. Papa Docs Brutalität ist schier unbeschreiblich und wird von den Autoren an vielen Stellen exemplarisch geschildert.
Auch wenn die Erstauflage schon 1969 endet ist Papa Doc. The Truth about Its Dictator für jeden aufschlussreich und sehr zu empfehlen,
  • der die Karriere eines grausamen Diktators verfolgen will,
  • den die Geschichte Haitis und des Kalten Kriegs in den 50-er und 60-er Jahre interessiert
  • der die Bedingungen und Mechanismen des Totalitarismus studieren will.
Titel der US-amerikanischen Ausgabe: Papa Doc. The Truth about Haiti Today. New York: McGraw-Hill, 1969
Alternativer Titel einer späteren, ergänzten Auflage: Papa Doc and the Tontons Macoutes mit "Epilogue (August 1971)". Princeton, NJ.: Markus Wiener, 1990
rezension Anfang
Bernard Diederich
Korrespondent für Time Magazine und Autor mehrerer Bücher, so: Trujillo: The Death of a Dictator, Somoza and the Legacy of U.S. Involvement in Central America, The Ghosts of Makara, Papa Doc and the Tontos Macoutes.
Al Burt
Herausgeber für Lateinamerika für The Miami Herald; Autor verschiedener Bücher über Florida.
Links
Papa DocFrançois "Papa Doc" Duvalier
Papa DocDuvalier, François (1907-1971)
Papa DocPapa Doc and the Tontons Macoutes
Papa Doc Edwidge Danticat; dort auch umfangreiche Links zu Haiti
Zum Vergleich mit fiktionalen Diktatoren im 19. Jahrhundert in Afrika:
Papa Doc Bruce Chatwin: The Viceroy of Ouidah. Penguin 1988. Taschenbuch, 155 Seiten
Literatur
Dana G. Munro: "Papa Doc: The Truth about Haiti Today. Bernard Diederich; Al Burt". The Hispanic American Historical Review 50.2 (1970). S. 385-386.
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
burt Papa DocBernard Diederich, Al Burt: Papa Doc. The Truth about its Dictator. Vorwort von Graham Greene. London: Bodley, 1970. 397 Seiten. burt
Bernard Diederich, Al Burt: Papa Doc and the Tontons Macoutes. Vorwort von Graham Greene. Princeton, NJ.: Markus Wiener, 1990. Taschenbuch Papa Doc
rezension Anfang

Papa Doc
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 27.9.2006