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Schäfer
Hans Dieter Schäfer: Das gespaltene Bewußtsein. Über deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933 bis 1945
München: Hanser, 1981. Broschiert, 254 Seiten – Verwandte Literatur
Dieser Sammelbände enthält früher erschienene Aufsätze des Autors und Originalbeiträge für diesen Band, siehe Inhalt. Die für mich wichtigsten Thesen und Erkenntnisse:
  • Die harte Durchsetzung der Kulturpolitik der Nazis wurde nach 1945 übertrieben dargestellt.
  • Viele Autoren blendeten ihre Werke zwischen 1933 und 1945 später aus.
  • Die harte "Stunde Null" für 1945 ist auf literarischem Gebiet eine Mystifikation; siehe these Ergänzung.
Adolf Hitler und einer Handvoll Nazi-Größen wurde nach 1945 die Hauptschuld zugeschoben. Noch heute konzentrieren sich Rückblicke und Analysen oft auf Hitler, seine Kumpanen und die großen Organisationen: NSDAP, SS, SA usw. Ähnlich wurden die Repressalien in den zwölf Jahren dämonisiert. Schäfer weist aber nach, daß viele Schriftsteller unbehelligt schreiben und veröffentlichen konnten. Die Fixierung auf die Bücherverbrennung (Bücherverbrennung 1933 – 1938 Bücherverbrennungen) und Übernahme der Kulturpolitik durch Joseph Goebbels ist zu einseitig. Tatsächlich galten aber die "Schwarzen Listen" mit den verbotenen oder unerwünschten Autoren nur für öffentliche Bibliotheken (S. 12). Noch 1936 wurden die Bücher Thomas Manns ungehindert verkauft. Andrerseits wurde vom Buchhändler verlangt, daß er auch ohne Verbotsliste die "undeutschen" Autoren erkennt. Die Nationalsozialisten waren dabei keineswegs liberal, sondern sahen über unerwünschte Veröffentlichungen hinweg, wenn es der Stabilität und dem Ansehen ihrer Diktatur diente, siehe nazis Auflagen in den 1940-ern.
Die nach 1945 prominent gebliebenen Autoren verschleierten ihre Veröffentlichungen in den zwölf Jahren und führten verbale Entgleisungen auf die Zensur zurück. Schäfer legt gerade Wert auf die Autoren, die nach 1945 bekannt und führend wurden, aber schon während des Dritten Reiches fast ungestört veröffentlichen durften. Wer seine Arbeiten im Dritten Reich nicht direkt verleugnete, der verniedlichte sie zumindest. Dabei nennt Schäfer zahlreiche Autoren der Nachkriegsära, von denen Werke bereits vor 1945 erschienen sind (Alfred Andersch, Wolfgang Borchert, Günter Eich, Max Frisch, Franz Fühmann, gerd Gaiser, Peter Huchel, Marie Luise Kaschnitz, Wolfgang Koeppen, Karl Krolow, Hans Erich Nossack, Luise Rinser, Wolfgang Weyrauch, u.v.a.). Die Gründe für das Herunterspielen der eigenen Publikationen und die Übertreibung der Zensurschwierigkeiten sind (S. 67):
  • das subjektive Bewußtseins eines Neuanfangs 1945
  • die Mystik der "Stunde Null" läßt keine Tradition zu
  • taktische Gründe, da die Lizenzerteilung sich nach der Tätigkeit im Dritten Reich richtete
  • die Betonung der inneren Opposition ließ eigene bedeutende Werke zwischen 1933-45 kaum zu.
Faszinierend ist das Studium der Frage, wie die entsetzliche Gleichschaltung und Diskriminierung von Juden und Minderheiten ohne Aufschrei aller hingenommen werden konnte. Literaten machten da keine Ausnahme: sie verhielten sich ähnlich wie Dirigenten und Universitätsprofessoren. Die Terrorakte des Nazis wurden zwar beschämt registriert, doch der Aufschrei unterblieb, damit man weiterarbeiten konnte. Viele Schriftsteller verteidigten nicht Demokratie und Freiheit, sondern kapselten sich ab.
Eine zweite Frage ist, warum soviele Autoren, obwohl sie dem Nationalsozialismus ferne standen, Themen der Nazis (Blut, Boden, Mythen, Kampf ) auch in ihren Werken aufgriffen. Nach den wilden Zwanzigern suchten viele Autoren wieder Bodenhaftung zu erlangen. Einige verlangten "ein meditatives Eingehen auf die Zeichen der Natur" (Günter Eich, Peter Huchel, Horst Lange; S. 58). Der Nationalsozialismus verstärkte eh schon um 1930 vorhandene traditionalistische Tendenzen (S. 62).
Im Beitrag "Das gespaltene Bewußtsein. Über die Lebenswirklichkeit in Deutschland 1933-1945" geht Schäfer auch auf die Verhältnisse in der Musik, Schwerpunkt Swing, ein. Viele Schelllack-Platten mit Jazz waren bis in den Krieg hinein erhältlich. Mitschnitte vom BBC gab es illegal vor allem an Gymnasien.
Die Aufsätze korrigierten mein Bild von der Situation der Kulturschaffenden unter den Nazis. Erst zusammen mit verwandten Büchern ergeben sie ein umfangreicheres Bild.
Horst Dieter Schäfer bringt zahlreiche Beispielse zur Belegung seiner Thesen. Manchmal vermißte ich den roten Faden, besonders im ersten längeren Aufsatz. Ein s/w Bildteil rundet das Buch ab.
Ergänzung
Die These, daß die harte "Stunde Null" für 1945 auf literarischem Gebiet eine Mystifikation ist, war für mich bei der Lektüre von Das gespaltene Bewußtsein neu. Sie war allerdings nicht mal beim Erscheinen von Das gespaltene Bewußtsein 1981 neu (vielleicht war das eine Neuauflage?).
"Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, daß die deutsche Literatur 1945 nicht an einem Nullpunkt anfing, daß viele Schriftsteller der älteren Generation weiterhin schrieben, unter ihnen die Autoren, die in der Emigration überlebt hatten, und andere, die während der NS-Zeit zum Schweigen verurteilt waren und nun ebenfalls wieder auf den Plan traten."
Hans Wagener im Vorwort zu: Hans Wagener, Hg.: Gegenwartsliteratur und Drittes Reich. Deutsche Autoren in der Auseindersetzung mit der Vergangenheit. Stuttgart: Reclam, 1977. S. 7
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Auflagen in den 1940-ern (S. 111)
  Jahr in Tsd.
Rudolf G. Binding: Moselfahrt aus Liebeskummer 1944 367
Heinrich Spoerl: Wenn wir alle Engel wären 1944 325
Ernst Heimeran: Trostbüchlein in allen Lebenslagen 1944 71
Willy Reichert: Lerne lachen ohne zu klagen 1944 91
Hans Carossa: Das Jahr der schönen Täuschungen 1943 128
Es ist nicht ganz klar, welche Werke und wie vollständig Schäfers Aufzählung ist. Er wollte damit zeigen, daß die erfolgreichsten Bücher der Zerstreuung und Erbauung der Leser frönten. An den Titeln ist aber auch die Sehnsucht und das Trostbedürfnis der Buchkäufer abzulesen.
Inhalt
Die nichtnationalsozialistische Literatur der jungen Generation im Dritten Reich (neue Fassung eines Aufsatzes von 1976)
Zur Periodisierung der deutschen Literatur seit 1930 (neue Fassung eines Aufsatzes von 1977)
Horst Langes Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg
Oskar Loerke: Winterliches Vogelfüttern
Johannes R. Becher im Exil
Nationalsozialistische Gebrauchsformen
Das gespaltene Bewußtsein. Über die Lebenswirklichkeit in Deutschland 1933-1945
Bildteil
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Verwandte Literatur
schäfer Denk, Friedrich: Die Zensur der Nachgeborenen. Zur regimekritischen Literatur im Dritten Reich. Weilheim: Denk, 1995. 479 Seiten
schäfer Loewy, Ernst: Literatur unterm Hakenkreuz. Das Dritte Reich und seine Dichtung. Eine Dokumentation. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt, 1966. 365 Seiten
schäfer Richards, Donald Ray: The German Bestseller in the 20th Century. A Complete Bibliography and Analysis 1915-1940. Bern: Herbert Lang, 1968. 276 Seiten
schäfer Sarkowicz, Hans, Alf Mentzer: Literatur in Nazi- Deutschland. Ein biografisches Lexikon. Hamburg: Europa, 2002. Gebunden, 439 Seiten
schäfer Wall, Renate: Verbrannt, verboten, vergessen. Kleines Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1933 bis 1945. Köln: Pahl-Rugenstein, 1988. 232 Seiten
Derzeit (11/2004) nur antiquarisch  
Schäfer SchäferHans Dieter Schäfer: Das gespaltene Bewußtsein. Über deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933 bis 1945. München: Hanser, 1981. Broschiert, 254 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 19.11.2004