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Denk
Friedrich Denk: Die Zensur der Nachgeborenen. Zur regimekritischen Literatur im Dritten Reich
Weilheim: Denk, 1995. Gebunden, 479 Seiten. 2., durchgesehene Auflage – denk Autordenk Linksdenk Verwandte Literatur
Dieses Werk wird zur Thematik Literatur im Dritten Reich leicht übersehen, da es derzeit (11/2004) nur antiquarisch lieferbar ist. Es sollte aber unbedingt beachtet werden, da es besonders im dritten Teil wertvolle Ergänzungen zum Bild über die Literatur in dieser Zeit gibt.
Friedrich Denk (denk Autor) stellt in den drei Teilen
  1. Die Kampagne gegen Gertrud Fussenegger
  2. Publikationsort Völkischer Beobachter
  3. Die regimekritische Literatur im Dritten Reich
einige höchst interessante und brisante Thesen auf.
1. Die Kampagne gegen Gertrud Fussenegger
Vorgeschichte
Am 23. März 1993 verleiht die Stadt Weilheim den Weilheimer Literaturpreis (denk Autor) an Gertrud Fussenegger. Dann soll der Jean-Paul-Preis 1993 der Bayerischen Regierung ebenfalls an Gertrud Fussenegger gehen und zwar für ihr Gesamtwerk.
Jean-Paul-Preis
In Österreich regt sich Widerstand, der sich in Schreiben an verschiedene Stellen in Bayern artikuliert. Der Zentralrat der Juden in Deutschland schließt sich dem Protest an. Begründung des Einspruchs gegen die Preisverleihung: die Autorin sei nationalsozialistisch belastet.
Friedrich Denk seziert die Vorwürfe und weist den zusätzlichen Vorwurf des Antisemitismus – wie ich meine – überzeugend zurück. Jubelnde Gedichte der Autorin an die Nazis in den 30-er Jahren und ihre Mitgliedschaft in der NSDAP spricht Denk dagegen wenig an. Insgesamt macht er es sich in seiner Replik zu leicht.
  1. Er vermutet hinter den Angriffen andere Ziele, beispielweise die Regierung Bayerns und die CSU.
  2. Eine große Portion seiner Kritik ist nicht sachbezogen, sondern Argumentation ad hominem: er nimmt sich ein paar Unterzeichner der versandten Aufrufe vor und weist ihnen linke Vergangenheit nach. Damit werden sie für Denk – und das drängt er auch dem Leser auf – unglaubwürdig. Eben diesen Bezug auf die Vergangenheit erlaubt Denk aber bei Gertrud Fussenegger nicht.
  3. Da der Vorwurf des Antisemitismus (zurecht) zurückgewiesen wird, überträgt er das (unzulässig) auf die anderen Vorwürfe: "Mehrere Vorwürfe klangen ja so absurd, daß auch die Glaubwürdigkeit anderer Vorwürfe darunter leiden mußte" (S. 18).
  4. Er analysiert die Offenen Briefe der Protestler akribisch und klassifiziert "Sieben Möglichkeiten der Desinformation". Das erhellt manche Rufmordaktion. Allerdings macht Denk vieles von dem selbst, was er den Protestlern vorwirft. Er bemängelt pedantisch die Wortwahl der über die Affäre berichtenden Zeitungen: kaum eine macht es ihm recht. Wenn die Presse von "österreichischen Intellektuellen" schreibt, so hätte er halt gerne stattdessen "Linksintellektuelle" oder (was er nicht zugibt) am besten wohl gleich: "Bolschewiken" (S. 31). Die Presse schreibt, daß die Autorin Fussenegger nach dem Krieg auf einer Liste auszusondernder Literatur stand. Denk: "Diese Behauptung ist falsch" und er schreibt den langen, korrekten Titel der Liste: "Liste der auszusondernden Literatur, herausgegeben von der Deutschen Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone" (S. 34). Also ist die Behauptung so falsch nicht. Ein rotes Tuch ist eben auch ein Tuch.
  5. Auch Denk argumentiert stark suggestiv. Da wird die Verbreitung der Proteste per Fax zu einer "heimtückischen Art der Verbreitung" (S. 61). Typisch ist beispielsweise, wie Denk das Foto der Protestierenden bei der Preisverleihung kommentiert. Er bemängelt, daß nur drei (von acht) Protestierenden zu sehen sind (S. 91). Warum ist das ein Vorwurf? Es waren keine Ungeübten am Werk, schreibt er (S. 91). Woher weiß er das? Weil die Texte der Proteste "schwungvoll geschrieben und gut lesbar" sind (S. 91); wären sie dilettantisch hingekritzelt hätte Denk das sicher ebenfalls bemängelt.
Die Süddeutsche Zeitung mag Denk überhaupt nicht. Da bemängelt er sogar die völlig korrekte Überschrift "Bayerischer Literaturpreis für Gertrud Fussenegger" (S. 115) und die Platzierung eines Leserbriefs links unten (S. 128). Ein Großteil der Entlastung Denks für Gertrud Fussenegger beruht auf:
  • "weit zurückliegende Tatsachen" (S. 61),
  • die Nazis haben Fussenegger mehrmals verbal angegriffen und
  • immer wieder: andere haben ja auch ...
Genau dies sind eben keine Entlastungen. Richtig ist sicher,
  • daß die Fussenegger sich von ihren Verirrungen später distanziert hat,
  • daß man eine Schriftstellerin nicht nach ein paar Gedichten oder Textstellen beurteilen darf, wenn viele andere Werke vorliegen.
Andrerseits kann man damit aber nicht die prekären Texte ungeschehen machen und – das ist für meine Beurteilung wichtig – der Jean-Paul-Preis wurde unverständlicherweise für Fusseneggers Gesamtwerk vergeben.
2. Publikationsort Völkischer Beobachter
Dieser Abschnitt der Analyse überzeugte mich mehr. Nicht jeder Autor, der im Völkischen Beobachter publizierte, ist deshalb schon ein Nazi-Sympathisant. Entscheidend ist dabei der Inhalt der Beiträge. Denk untersucht fleißig zahlreiche Aspekte, auch in Bezug auf andere Autoren. Sein Argument, daß Lobpreisung der Nazis "die ganz normale Sicht eines Zeitgenossen" war (S. 182) und damit "Schwamm drüber", kann ich nicht akzeptieren. Darum geht es ja gerade: man mag Verständnis für die Mehrheitshaltung haben, trotzdem bleibt der zur Debatte Stehende zumindest ein Mitläufer und damit NS-belastet, vor allem dann, wenn er im öffentlichen Licht stand.
3. Die regimekritische Literatur im Dritten Reich
Die These Denks (erstmals S. 10) ist: Literatur zwischen 1933 und 1945 wurde – selbst wenn sie NS-neutral oder NS-fern oder gar regimekritisch war – vor allem ab 1960 in der Germanistik ignoriert; daher rührt der Titel Die Zensur der Nachgeborenen des Werks.
Diese These untermauert Denk umfangreich und sehr glaubhaft. Manchmal kämpft er aber auch hier gegen Windmühlenflügel, die er selbst aufgestellt hat. So führt er Karl-Heinz Joachim Schoeps an, der zwischen Ernst Jünger und Hans Zöberlein Welten liegen sieht und meint, das sei ein zweifelhaftes Lob (S. 219). Anscheinend passt ihm hier schon die bloße Nähe der beiden Autoren in einer Zeile nicht.
Hilfreich ist die Besprechung zahlreicher Werke, die es nach Denk (gut, daß der Autor männlich ist; bei Frauen bemängelt Denk schon die bloße Nennung ohne Vornamen als herabsetzend!) verdienen, immer noch oder wieder gelesen zu werden.
Insgesamt hat das Buch mein Wissen über den Zusammenhang des Literaturbetriebs und den Nazis stark erweitert; meine Beurteilung mancher Autoren (mir liegt vor allem auch an der Einordnung Josef Martin Bauers: denk Josef Martin Bauer und der Nationalsozialismus) beruht nun auf fundierteren Kritieren. Schade, daß Denk seine Gegner ähnlich voreingenommen attackiert, wie er es im gewissen Maß den Protestlern gegen die Preisverleihung an Gertrud Fussenegger nachweist. Mit der Verleihung beispielsweise für ihr Romanwerk nach 1945 hätte man allen Dampf aus der Diskussion genommen.
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Friedrich Denk
* 16. Dezember 1942 Wohlau, Polen. Ex-Deutschlehrer in Weilheim (Oberbayern), Redakteur der Weilheimer Hefte zur Literatur. Diese Hefte begleiten den seit 1988 vergebenen Weilheimer Literaturpreis (denk Links); die Hefte selbst gibt es bereits seit 1980. Denk gründete 1996 mit "Wir gegen die Rechtschreibreform" eine Aktion gegen die reformierte Rechtschreibung.
Links
Jean-Paul-Preis: denkBayerische LiteraturpreisedenkseminarlehrerdenkWikipedia
Gertrud Fussenegger: denkPortalseite Gertrud Fussenegger (leider 11/2004 nicht aktuell)denkWikipedia
denkWeilheimer Literaturpreis
Friedrich Denk: denkWikipedia
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denk DenkFriedrich Denk: Die Zensur der Nachgeborenen. Zur regimekritischen Literatur im Dritten Reich. Weilheim: Denk, 1998. Gebunden, 479 Seiten. 3., durchgesehene Auflage denk
Deutschlehrer des Gymnasiums Weilheim, Hg: Weilheimer Literaturpreis 1993. Dieter Borchmeyer: Laudatio. Gertrud Fussenegger: Rede an die Jugend. Weilheim 1993.denk
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 27.11.2004