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Gewaltfrei
Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Hg.: Gewaltfrei gegen Hitler?
Gewaltloser Widerstand gegen den Nationalsozialismus und seine Bedeutung für heute
Karlsruhe: Eigenverlag, 2007 – gewaltfrei Linksgewaltfrei Literatur
Mit Beiträgen György Konrad, Christoph Besemer, Theodor Ebert, Andreas Buro, Arno Klöne, Dietmar Böhm, Jacques Sémelin, Thomas Seiterich, Renate Wanie
„Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfaulen!“ oder so ähnlich forderte angeblich Franz Josef Strauß kurz nach dem 2. Weltkrieg (gewaltfrei Links; wichtigen Verbotshinweis dort beachten) „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ forderten überlebende Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald nach ihrer Befreiung (gewaltfrei „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“).
Im Gegensatz dazu wird die Bundeswehr seit Jahrzehnten stetig zur überall einsetzbaren Kriegsarmee umgebaut. Wir sind wieder wer und zeigen es durch vielfältige weltweite Kriegsbeteiligung (gewaltfrei Wichtige Auslandseinsätze der Bundeswehr).
Als Kriegsgegner hat man es schwer gegen die anscheinend notwendige militärische Befreiung vom Nationalsozialismus, Diktatur und Terror.
Der vorliegende Band zeigt, dass
  • die pazifistische Vorgehensweise gegen den Nationalsozialismus nur sehr punktuell geübt wurde; die Folgerung: so ginge es nicht, militärischer Einsatz sei notwendig gewesen, hängt daher in der Luft.
  • gewaltfreier Einsatz gegen das NS-Regime überraschend vielfach (wenn auch relativ zu zu verbreiteten Verbrechen insgesamt mickrig) geübt wurde und keinesfalls immer die schlimmsten Konsequenzen hatte, die nachträglich als Entschuldigung vorgebracht wurden.
  • der Militäreinsatz der Allierten keinesfalls der Wiederherstellung der Menschenrecht oder der Befreiuung der Menschen in den Konzentrationslagern dient. Das waren sozusagen "Kollateralnutzen".
Dabei sind weder die Herausgeber noch die Autoren dieses Sammelbands Illusionisten. Es soll nicht gezeigt werden, dass mit massivem gewaltfreien Widerstand die NS-Herrschaft zu Fall gebracht hätte werden können. Doch die Argumente und Beispiele zeigen, dass gewaltloser Widerstand möglich war. Seine Wirksamkeit potenziert sich, wenn wirksame Strukturen, eine gewaltfreie Grundstimmung und entsprechende Ausbildung vorhanden sind.
Nachfolgend greife ich einige wenige, mir wichtig erscheinende Erkenntnisse der einzelnen Beiträge heraus. Das gibt – man sollte dies beachten – nur ausgewählte Aspekte der insgesamt gehaltvollen, teilweise explosiven Beiträge wider.
György Konrad
Falle: wenn man sich in den Dunstkries judenfeindlicher Gemeinplätze begibt, gerät man eventuell "unter die aktiven Befürworter oder nachträglichen Apologeten der Endlösung" (S. 9). Siehe Martin Hohmann, unter gewaltfrei Links.
Wenn man die Mehrheit vor einer Minderheit schützen will, werden manche politische Phantasten zu einer "Endlösung" kommen. "Wer sich einbildet, ohne die Existenz einer andderen Gemeinschaft glücklicher zu sein, der beweisst seine geistig-seelische Verwandtschaft mit den Kinderverbrennern" (S. 9). Thema: Ausländer in Deutschland, siehe gewaltfrei Links.
Theodor Ebert
Nach der Wiedergabe seiner Übersetzung des Essays von M. Gandhi: "How to Combat Hitlerism" wehrt sich Ebert gegen das weit verbreitete Vorurteil: "Es ist nicht möglich, den 8. Mai 1945 für einen tag der Befreiung zu halten, und gleichzeitig Pazifist zu sein" (S. 19).
Eberts Beitrag "Bonhoeffer und Gandhi", siehe unter gewaltfrei Links.
Andreas Buro, Arno Klönne
Die Autoren weisen darauf hin, dass die Kriegsbefürworter immer aus einer bestimmten Situation heraus den krieg für unausweichlich halten. Die Vorgeschichte wird ausgeblendet (S. 36). Das ist richtig beobachtet, entkräftet jedoch nicht die Frage der Kriegsbefürworter, was zu tun sei, wenn nun mal das Kind in den Brunnen gefallen ist?
Deutliche Worte finden sie gegen die christliche (augustinische) "Erfindung" des gerechten Kriegs (siehe Bellum Justum, gewaltfrei Links):"Die Kirche ermöglichte durch den Begriff des Gerechten Krieges den Christen das Morden im Krieg mit ihrer Religion vereinbaren zu können" (S. 38). "Der Gerechte Krieg wird damit zum Herrschaftsinstrument der großen und militärisch besonders potenten Staaten" (S. 41).
Ihr Fazit:
"Pazifisten meinen: Eines Tages werden Menschen nicht mehr verstehen, wieso ihre Vorfahren so töricht waren, sich in Kriegen gegenseitig umzubringen und global die Lebensgrundlagen zu zerstören" (S. 51)
Jacques Sémelin, Christoph Besemer
Die beiden Autoren Jacques Sémelin und Christoph Besemer zeigen in vielen Beispielen aus zahlreichen, von den Deutschen besetzten Ländern, wie Widerstand und Sand im Getriebe möglich war. Insbesondere beeindruckte mich, dass die Kirchen in anderen Ländern (Skandinavien, Belgien, Bulgarien) heftig protestierten und sich teilweise damit durchsetzten. In Deutschland waren sie dagegen – von wenigen Ausnahmen abgesehen (Beseitigung von Behinderte, Abschaffung des Schulgebets) – meist willfährige Helfer.
Ihr Fazit:
Die These, dass ohne Waffen gegen Hitler nichts auszurichten war, ist haltlos (S. 81).
Dietmar Böhm
Dietmar Böhm greift das obige Fazit auf und fragt nach den Ursachen des Versagens aller relevanten gesellschaftlichen Kreise im damaligen Deutschland (S. 90). Hitler fürchtete anfangs den Widerstand der Kirchen, doch das Gegenteil war der Fall: der Vatikan schloß ein noch heute – etwas verändert – gültiges Konkordat. Die vereinzelten Widerständler werden als Märtyrer überhöht um das eigene Versagen herunter zu spielen.
Renate Wanie
Renate Wanie erklärt den Unterschied zwischen zivilem Ungehorsam und Zivilcourage (S. 112). Die Politiker fordern Zivilcourage immer wieder ein, doch die sie zeigen, sind oft die Dummen; siehe Zivilcourage in Bayern unter Links. Schon in der Schule wird das Gegenteil gelehrt: "Konformismus, Wegducken und Stillhalten" (S. 113).
Fazit
Ein sehr gelungener Sammelband
, der aufrüttelt, die Augen für neue Sichtweisen öffnet, eine Überfülle an konkreten Vorschlägen bringt – und wahrscheinlich kaum gelesen wird.
gewaltfrei Anfang
„Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“
„Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ wird als "Buchenwald-Schwur" bezeichnet (S. 4). Der Slogan kommt allerdings im GewaltfreiSchwur von Buchenwald vom 19.4.1945 nicht direkt vor, sondern man findet ihn als Rundumschrift im symbolischen Kreis (siehe vorherigen Link links oben).
Inzwischen wurde der Kampfruf durch die Wortverdrehungen der Politiker (siehe gewaltfrei Politikerdeutsch) zu „Nie wieder Faschismus! Deshalb wieder Krieg!“ und nahezu zu „Nie wieder Krieg ohne uns!“ umformuliert (gewaltfrei Links).
Ein paar törichte Politikersprüche in die völlig falsche Richtung:
„Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz.“
Joschka Fischer, Grüne, als Außenminister, 7. April 1999. Fischer benutzte diese Aussage als Rechtfertigung des Krieges in Ex-Jugoslawien. – GewaltfreiFischer "Ich habe gelernt: Nie wieder Auschwitz", 24.1.2006
"Der Pazifismus der 30er Jahre, der sich in seiner gesinnungsethischen Begründung nur wenig von dem heutigen unterscheidet, was wir in der Begründung des heutigen Pazifismus zur Kenntnis zu nehmen haben, dieser Pazifismus der 30er Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht". Heiner Geißler, CDU, Bundestagsdebatte zum NATO-Doppelbeschluss am 15. Juni 1983
GewaltfreiHeiner Geißler, Wikipedia – Siehe auch: "Nazi-Vergleiche verursachen immer wieder Skandale", unter gewaltfrei Links.
Links
Weitere Besprechungen thematisch passender Bücher
Gewaltfrei Kramer, Helmut, Wolfram Wette, Hg.: Recht ist, was den Waffen nützt. Justiz und Pazifismus im 20. Jahrhundert
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Gewaltfrei Steinhoff, Uwe: Moralisch korrektes Töten. Zur Ethik des Krieges und des Terrorismus
Ergänzende Informationen
gewaltfrei Ausländer in Deutschland, Schwerpunkt Bayern
gewaltfrei Bellum Justum – Der Gerechte Krieg
GewaltfreiTheodor Ebert: "Bonhoeffer und Gandhi - Oder: Hätte sich der Hitlerismus gewaltfrei überwinden lassen? Eine Rückbesinnung 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs"
GewaltfreiMohandas K. Gandhi: "Wie der Hitlerismus zu bekämpfen ist". [M. K. Gandhi: "How to combat Hitlerism". In: Harijan, 6.6.1940. In: M. K. Gandhi: Non-Violence in Peace and War, Vol. II. Ahmedabad 1942, S. 288-290; übersetzt von Theodor Ebert]
GewaltfreiGewaltfreier Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Oldenburger STACHEL Nr. 11/94
gewaltfrei Martin Hohmann Affäre
gewaltfrei Literatur zu: Bellum Justum – Der Gerechte Krieg
Gewaltfrei"Nazi-Vergleiche verursachen immer wieder Skandale", Dokumentation von faz.net
gewaltfrei "Nie mehr Krieg ohne uns"
GewaltfreiWerkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden
Gewaltfrei Widerstand im Dritten Reich
gewaltfrei Zivilcourage in Bayern
Zitate
gewaltfrei Zitate von Joschka Fischer, Grüne, Ex-Aussenminister
gewaltfrei Zitate von Heiner Geißler, CDU
gewaltfrei Zitate von und über Franz J. Strauß, CSU; OLG Nürnberg vom 8.3. 1962 Az.: 2 U 228/61 verbot allerdings die Zuschreibung des Zitats zu F. J. Strauß; gewaltfrei Zensur ist in Deutschland überall zensur
Literatur
Wigbert Benz: "Alternativen zum Krieg. Ein Plädoyer für den unterschätzten zivilen Widerstand". Süddeutsche Zeitung, 8. April 2008
gewaltfrei GewaltfreiWerkstatt für Gewaltfreie Aktion, Hg.: Gewaltfrei gegen Hitler?: Gewaltloser Widerstand gegen den Nationalsozialismus und seine Bedeutung für heute. Karlsruhe: Eigenverlag, 2007. Taschenbuch, 117 Seiten.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 11.7.2008