| Gerhard Hartmann: Kirche und
Nationalsozialismus Kevelaer: Topos Plus, 2007. Broschiert, 96 Seiten. Topos plus. Taschenbuch, 624 Seiten |
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| Das schmale Taschenbuch hat einen
umfangreichen Anspruch. Es will antworten auf Wie standen die Kirchen zur Judenverfolgung? Wie äußerte sich der Widerstand der Kirchen und Christen im Dritten Reich? Wie haben die Kirchen auf die Gefahr des Nationalsozialismus reagiert? Und wie später, als es an vielen Orten im übertragenen Sinn und wörtlich brannte? |
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| Der Autor bietet auf all dies Antworten, die mir in allerlei Punkten neue Einsichten boten. Er versucht nicht zu beschönigen, doch oft verharmlost er und wirbt zu sehr um die Gunst der Nachgeborenen. | |
| Schon in der Einleitung stellt Hartmann
"die katholische Kirche bzw. Katholiken als prominente Opfer der
NS-Willkür" hin (S. 9). Ja, mehr noch: dies wahrzunehmen (also wohl
anzuerkennen) "ist u.a. Voraussetzung, sich mit dem Thema »Kirche und
Nationalsozialismus« auseinanderzusetzen" (S. 9). Daran ist zweierlei bemerkens- und tadelnswert: 1. Wenn es passt, werden die katholische Kirche und die Katholiken zusammen betrachtet. Wenn es nicht passt (z. B. bei der Inquisition) waren/sind es Verfehlungen einzelner Katholiken, was die katholische Kirche bedauert, aber man weiß ja, alle Menschen haben Fehler. 2. Das mögliche Ergebnis der Untersuchung soll man schon voraussetzen. |
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Es gibt bei den Erörterungen zum
Thema Nationalsozialismus oder ähnlicher Themen
(Ausländerfeindlichkeit etc.) ein paar Keulen, die auch Hartmann teilweise
verwendet (Keule 2 nur sehr abgeschwächt).
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| Antisemitismus | |
Zum Antisemitismus der Katholischen
Kirche und seinen Auswirkungen ist der Autor recht deutlich:
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| Verharmlosungen und Verdrehungen | |
| Der Autor erlaubt sich verharmlosende
Vergleiche, Andeutungen usw, die in ihrer Häufung zumindest ärgerlich
sind. Ich meine sogar, sie werfen ein fahles Licht auf die
Glaubwürdigkeit. Adolf Hitler war bis zu seinem Tode Katholik. Nach Kirchenrecht gilt AFAIK überdies: einmal Katholik, immer Katholik. Warum wird der Ausdruck "Katholik Adolf Hitler" in Anführungszeichen gesetzt (S. 7)? Günter Grass' Verschwiegenheit bezüglich der kurzen Mitgliedschaft bei der Waffen-SS kann aus vielerlei Gründen nicht mit den Versäumnissen und Lügen Kurt Waldheims gleichgestellt werden (S. 9-10). Die Auswirkung des Antisemitismus (von mir aus auch Antijudaismus: auf diese Unterscheidung legen manche Katholiken wert, sie ändert aber wenig) waren durch die Jahrhunderte gewaltig. Das "Milieu" (S. 14) aus diesem Antisemitismus (früher Antisemitismus mit fatalen Auswirkungen: 1905 Arierparagraph bei der Sektion Wien, 1910 ähnliches bei der Akademischen Sektion München des DuÖAV; siehe Während Hartmann die (vereinzelten) Einsprüche gegen den Nationalsozialismus vor 1933 betont und die Gesinnungswende bei den deutschen Bischöfen nach 1933 treffend beschreibt (S. 30-32), ja sogar ein Argument pro christliche Laienverbände darauf gründet ( Der Anfang des Römerbriefs (siehe dazu: Vielleicht entstammt die zeitlich limitierte Geltung des Römerbriefs der widersprüchlichen Ansichten des Autors für die Zeit vor 1938. Er sieht sehr wohl, dass man auch schon vor 1938 mit dem katholischen Widerstand wenig zimperlich umging (S. 45; wieder diese notorische Beschränkung auf die Leute eigenen Glaubens), doch einen Radikalisierung sieht er erst nach 1938 (S. 44). Da muß man aber beide Augen zudrücken und die Ohren zuhalten, ... Wohl um die übrigen laschen Christen (und damit fast alle kirchlichen Oderen) nicht zu brüskieren, wird das vorbildliche Verhalten von Franz Reinisch (siehe Widerstand im Dritten Reich unter |
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| Spurenelemente | |
| Es gab kritische Stellungnahmen und
Widerstand aus christlichen Kreisen gegen den Nationalsozialismus. Sie waren
aber vereinzelt und meist von Laien oder Klerus unterster Stufe. Hartmann
schreibt (ungewollt?), dass diese Auseinandersetzungen (wie bei
Spurenelementen) "nachweisbar" sind (S. 15). Bei Bischöfen regte sich
Widerstand meist nur, wenn das Schulgebet gestrichen wurde oder andere
kirchliche Belange betroffen waren. Das ist ein durchgehender Faden: Papst Pius XI. wird "eindringlich über die Lage der Kirche informiert" (S. 51). Juden und die anderen Verfolgten? Menschenrechtsverletzungen massiver Art? "Im November 1937 verurteilte die Österreichische Bischofskonferenz die nationalsozialistische Kirchenpolitik" (S. 55); es stimmt schon: wenn das Schulkreuz aus dem Klasszimmer genommen wird, hagelt es christliche Proteste (S. 61; auch heute noch), wenn der Banknachbar verschwindet (Deportation, Abschiebung), regt das kaum jemand auf. Fast schon zynisch ist aus dieser Sicht, dass formelle Konkordatsverletzungen (Verschleppung der Protestnoten durch die Nazis) Eugen Pacelli bewogen, den Plan [!] zu erwägen [!], "bei Fortdauer [!] der Konkordatsverletzungen [!] nicht mehr öffentlich schweigen zu wollen" (S. 51; [!] von mir eingefügt). Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster, wird erst 1941 aktiv als Kloster aufgehoben werden (S. 61). Die beispielhafte Aufführungen mutiger Christen (S. 15-20 und S. 67-75) sind sicher nicht erschöpfend. |
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| Überzeugendes Argument pro christliche Laienverbände (S. 18) | |
| Während die katholischen
Bischöfe vor 1933 noch vereinzelt warnten und damit den katholischen
Laienverbänden eine Handhabe für eigene Ablehnung gaben, wendete sich
nach 1933 diese Haltung wegen der Staatsräson und wohl auch wegen des
unseligen (immer noch gültigen und mehrfach erneuerten!) Konkordats
("Todesstoß für den Politischen
Katholizismus", S. 32) in eine zustimmende Linie. Damit standen die
katholischen Verbände isoliert da und verstummten. Das klingt einleuchtend und wenn es stimmt (ich nehme es dem Autor ab) belegt es wieder die Diskrepanz zwischen den christlichen Laien (oft gegen die Nazis) und dem Klerus (besonders Mittel- und Oberbau). Nach meiner Kenntnis landete kein einziger Bischof im KZ. Neben dem Konkordat wirkte sich dabei auch aus, dass gerade die christlichen Kirchen es seit Konstantin immer mit der politischen Herrschaft gut verstanden (wenn sie diese nicht gleich selbst ausübten
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| Analyse des Wahlverhaltens | |
| Die Analyse des Wahlverhaltens belegt eine reziproke Korrelation zwischen Katholikenanteil in der Bevölkerung und Wahlanteil der NSDAP (S. 21-29). Gewählt haben Katholiken und nicht die katholische Kirche. Hartmann will aber mit dem persönlichen Wahlverhalten auch gleich die Steigbügelhalterrolle der Katholischen Kirche wegwischen (S. 25). | |
| Kernthese (S. 20) | |
| Die mich überzeugende Kernthese
präsentiert der Autor so: "Der Nationalsozialismus war eine totalitäre Weltanschauung. Damit war einerseits die Konkurrenz und andrerseits dadurch die Unvereinbarkeit mit dem Christentum vorgegeben". Auch Christ-sein fordert den ganzen Menschen und hat bei aller Staatsräson höchste Priorität, ist damit in diesem Sinne totalitär. Es müßte eigentlich zur Unvereinbarkeit und damit Verweigerung kommen. Leider nehmen anscheinend zu wenige Christen ihr Christ-sein so ernst. |
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| Fazit Kirche und Nationalsozialismus ist sehr aufschlußreich. Wen das Thema interessiert hat, der findet hier kompakte Informationen. In vielen Punkten wagt der Autor klare Aussagen, die er aber wieder verwischt, ich vermute, um keinem wehe zu tun. Die österreichische Historikerin Erika Weinzierl hat mit ihrer Studie (die Hartmann kurz bespricht; S. 89) recht: "Zu wenig Gerechte". Ich füge hinzu: die Kumpanerei der Kirche mit den Mächtigen war besonders im behandelten Zeitraum verwerflich: oder müßte ich schreiben: war im behandelten Zeitraum besonders verwerflich? Lesenswert |
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| Gerhard Hartmann | |
| * 1945, Studium der Theologie in
Wien Privatdozent für Neuere Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz, Verlagsgeschäftsführer bei Topos plus in Kevelaer. |
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| Ergänzung 1 Aus der Erklärung der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland vom 22.11. 1975: Wir sind das Land, dessen jüngste politische Geschichte von dem Versuch verfinstert ist, das jüdische Volk systematisch auszurotten. Und wir waren in dieser Zeit des Nationalsozialismus, aufs Ganze gesehen, doch eine kirchliche Gemeinschaft, die zu sehr mit dem Rücken zum Schicksal dieses verfolgten jüdischen Volkes weiterlebte, deren Blick sich zu stark von der Bedrohung ihrer eigenen Institutionen fixieren ließ und die zu den an Juden und Judentum verübten Verbrechen geschwiegen hat. Textentwurf vom katholischen Theologen Johann Baptist Metz Unsere Hoffnung. Ein Beschluß der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (= Synodenbeschlüsse 18), Bonn o.J., S. 40f. |
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| Ergänzung
2 Der katholischen Kirche lagen schon während den 30-er Jahren Berichte über die Nazi-Hetze gegen die Juden vor. Nuntius Cesare Orsenigo, ein diplomatischer Vertreter des Papstes, berichtete am 15. November 1938 an den Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli (dem späteren Papst Pius XII.) im Vatikan: Die Zerstörungen begannen, wie auf Befehl, in der Nacht, unmittelbar auf die Nachricht vom Tode des jungen Diplomaten in Paris hin. Allerdings verurteilten weder Nuntius Cesare Orsenigo noch Pacelli aka Pius XII.die antisemitischen Politik der Nazis. Im Gegenteil: sie hofierten den Katholiken Adolf Hitler weiter. |
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| Links | |
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| Literatur | |
| Böckenförde, Ernst-Wolfgang
(1961): "Der deutsche Katholizismus im Jahre 1933. Eine kritische Betrachtung".
Hochland 53, S. 215-239; abgedruckt in: Kirchlicher Auftrag und politische Entscheidung. Freiburg 1973. S. 30-65; und in: Der deutsche Katholizismus im Jahre 1933. Kirche und demokratisches Ethos (= Schriften zu Staat - Gesellschaft - Kirche, Band 1), Freiburg im Breisgau 1988. |
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| Hummel, Karl-Joseph (2007):
"Sündenbock für das Dritte Reich? Zur Karriere der
katholischen Schuld seit 1945". zur debatte 3, S. 13-17.
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| Hummel, Karl-Joseph
(2007): "Kirche vor Gericht. Eine Bilanz zum Thema katholische Kirche im
Dritten Reich". Herder-Korrespondenz 61:1, S. 30-35.
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| Zewell, Rudolf (2007): "Stoff für die Debatte". Besprechung, Rheinischer Merkur Nr. 32, 9. August |
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| Zur Ergänzung: Gerhard Ringshausen: Widerstand und
christlicher Glaube angesichts des Nationalsozialismus. Lit Verlag 2007.
Reihe: «Lüneburger Theologische Beiträge» Bd. 3.
Broschiert, 536 Seiten
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| Saul Friedländer: Pius
XII. und das Dritte Reich: Eine Dokumentation. München: Beck, 2011.
Broschiert, 240 Seiten
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| Klaus Kühlwein: Warum der
Papst schwieg Pius XII. und der Holocaust. Düsseldorf: Patmos, 2008.
Gebunden, 246 Seiten |
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|
| Hubert Wolf: Papst und Teufel:
Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich. München: Beck, 2008.
Gebunden, 360 Seiten |
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Zur
Ergänzung: Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Hg.:
Gewaltfrei gegen Hitler?: Gewaltloser Widerstand gegen den
Nationalsozialismus und seine Bedeutung für heute. Karlsruhe:
Eigenverlag, 2007. Taschenbuch, 117 Seiten. Bestellung übers Internet |
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| Rudolf Morsey: Der Untergang des
politischen Katholizismus. Das Zentrum zwischen christlichem
Selbstverständnis und 'Nationaler Erhebung'. Stuttgart 1977. Gebunden,
279 Seiten
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Georg Denzler, Volker Fabricius:
Christen und Nationalsozialisten. Frankfurt: Fischer, 1993. Broschiert.
389 Seiten Derzeit (9/2007) nur antiquarisch |
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