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Blatt
Thomas Toivi Blatt. Nur die Schatten bleiben. Der Aufstand im Vernichtungslager Sobibór
[From the Ashes of Sobibór. A Story of Survival] Monika Schmalz, Übs. Berlin: Aufbau, 2000. Gebunden, 335 Seiten
Leute, ich weiß nicht, ob es politisch korrekt ist, was ich euch rate: werft Stephen King und Frankenstein weg, hier kommt die echte Hölle in Izbica und Sobibór, Polen.
Vielleicht ist es zynisch Fiktion mit einer biografischen Dokumentation zu vergleichen. Das Leben des Toivi Blatt ab 1941 bis 1945, mit dem Vernichtungslager Sobibór als grausigem Höhepunkt, jagte mir Schauer über den Rücken und durch die Knochen.
Doch schon die gnadenlose, sadistische Judenverfolgung im Schtetl Izbica wühlt den Leser auf, bis zu den Vergasungs- und Verbrennungsanlagen von Sobibór ist noch ein langer, qualvoller Weg für den dann 15-jährigen Toivi.
blatt toivi
© 2000 by Lisa Katz;
used by courtesy
of BlattLisa Katz, Judaism

Leseprobe: "Die Tage vergingen, und wieder wurden wir eines Nachts durch gräßliche Schreie geweckt. Ich rannte ans Fenster und sah hinunter. Eine Frau wurde geschlagen. SS-Männer trieben Juden aus dem kleineren Gebäude und in den Hof. Peitschen knallten durcheinander" (S. 82). Auch von ukrainischen Schleusern lese ich. "Am Fenster stand ein ukrainischer Bauer, der unablässig betete. Er gehörte zu den Christen, die entweder aus Überzeugung oder für Geld verfolgten Juden geholfen hatten, ehe ihnen dassselbe Schicksal widerfuhr" (S.86).
Eigentlich ist das Buch so spannend, daß man es auf einen Zug auslesen möchte. Doch ich schaffte es nicht: nur happenweise konnte ich die Brutalität der Deutschen schlucken. Mit Magengrimmen überstand ich die Verfolgungen, vereitelten Fluchtversuche und die Einlieferung in das Vernichtungslager Sobibór. Der reine Wahnsinn ist dann die Spannung ab "Der organisierte Aufstand" (S. 186), obwohl man von den zahlreichen Fotos im Mittelteil, dem Klappentext und der Tatsache, daß es dieses Buch gibt, schon in etwa den Ausgang kennt. Entlarvend ist, wie oft der einstige biedere Nachbar zum Denunzianten und Verfolger wird und das auch noch nach dem Abzug der Deutschen! Nun bedrohten polnische Antisemiten die überlebenden Juden. Deshalb wanderte Thomas Blatt in die USA aus.
Im Lager Sobibór brachten die Deutschen 250.000 Menschen (aus Polen, Holland, Tschechoslowakei, Sowjetunion, Deutschland und Frankreich) um (S. 323). Beim Aufstand vom 14. Oktober 1943 (zwölf Tage vor meiner Geburt, H.H.) überwanden etwa dreihundert Lagerinsassen Stacheldraht und Minenfeld; davon überlebten 53.
Bezeichnend ist das Gespräch zwischen dem Autor und Karl August Frenzel, einem der deutschen Sadisten aus Sobibór (S. 328-34), im April 1983. Nach nur 16 Jahre Haft wurde Frenzel 1982 entlassen. Frenzel: "Ich war kein Antisemit, aber wir mußten unsere Pflicht tun. Es war eine sehr schlimme Zeit" (S. 329). [Meint er damit für die Unteraufseher mit den Peitschen?] Dann schildert Frenzel, daß er den Koch in Sobibór schuldlos schlug. Dessen Sohn bekannt sich dazu, Fleisch versteckt zu haben. Er wurde ebenfalls durch Frenzel gepeitscht und jener besitzt die Frechheit, Blatt zu sagen: "Ich möchte, daß Sie wissen. Ich war immer fair [!]. Ich habe niemanden bestraft, der nichts Falscher gemacht hat [!!]" (S. 329); usw. Querlektüre zeigt Frenzel als Sadisten hoch drei: Hutter, Franz-Josef, Carsten Tessmer, Hg. Die Menschenrechte in Deutschland.
Pflichtlektüre; wer danach noch von deutscher Leitkultur redet, liegt weit unterm Einzeller. Zum Vergleich sind die eher kühl erzählten KZ-Erfahrungen Imre Kertesz: Roman eines Schicksallosen zu lesen.
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blatt Thomas Toivi BlattThomas Toivi Blatt. Nur die Schatten bleiben. Der Aufstand im Vernichtungslager Sobibór. Berlin: Aufbau, 2000. Gebunden, 335 Seiten Thomas
Thomas Toivi Blatt. Nur die Schatten bleiben. Der Aufstand im Vernichtungslager Sobibór. Berlin: Aufbau, 2001. Taschenbuch, 335 SeitenThomas Toivi Blatt
"Die Verwandlung des guten Nachbarn"
Thomas Toivi BlattDokumentarfilm von Peter Nestler Deutschland 2002, 85 Minuten
Produktion: Peter Nestler im Auftrag von ZDF/3sat Redaktion: Inge Classen
Peter Nestler hat Blatt im November 2001 und April 2002 auf seinen Reisen in Polen mit der Kamera begleitet.    
Thomas Toivi BlattChat with Holocaust Survivor Toivi Blatt: The Sobibor Revolt
blatt Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall: Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis.

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.12.2004