Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Hagedorn

Volker Hagedorn: Bachs Welt. Die Familiengeschichte eines Genies

Reinbek: Rowohlt, 2017. Broschiert, 410 Seiten – Bach LinksBach Literatur
Dass die Sippe Bach viele Musiker hervorbrachte war mir schon vor der Lektüre bekannt. Ich dachte dabei immer an Geschwister oder Nachfahren vom großen Johann Sebastian Bach. Doch Volker Hagedorn zeigte mir in Bachs Welt, dass Musik den Bachens schon seit Generationen in den Genen lag.
Das mehr als 400 Seiten zählende Werk Bachs Welt beginnt mit einem Überfall hinter Nürnberg auf Veit Bach, der 1591 mit seiner Familie aus Preßburg nach Thüringen flüchtete. Warum? Aus religiösen Gründen. Was zweierlei zeigt:
  • Religion und daraus resultiernde Kämpfe sind seit Jahrtausenden eine Ursache für Flucht und bittere Schicksale
  • Es war damals wie heute unsicher zu flüchten, aber immerhin gab es keine unüberwindbare Festungsgrenzen wie heute um Europa.
Es folgt eine reichhaltige Sippengeschichte der Bachs hauptsächlich vor dem großen JSB, der im Stammbaum (S. 414-415) zwar in der Mitte, aber ganz unten zu finden ist. Es ist aber auch eine Zeitgeschichte. Beides macht Hagedorn an konkreten und sicher auch einigen dazu erfundenen Ereignissen fest.
Bachs Welt verstärkte bei mir ein Zeitmerkmal, dass mich bereits in Bachs Audio-Biografie des Musikwissenschaftler Michael Maul (Bach Links überrascht hatte. Nicht erst Beethoven verhandelte mit seinen Gönnern und Verlegern um Arbeitsmöglichkeiten und Geld, sondern schon die Bachens.
„Trotz des Musikerbedarfs an Thüringer Höfen, in Kirchen und Städten herrscht ein Konkurrenzdruck, der die Bachs nicht minder zusammenschweißt als ihre »große Anhänglichkeit aneinander«.” (S. 149-150)
Ein Höhepunkt ist Kapitel 5 „Die Pest”. Dabei bedient sich Hagedorn bei Alessandro Manzoni: Die Brautleute und bekennt das auch. Die Pestepidemie wurde für viele Erfurter seinerzeit zum finanziellen Desaster (S. 205).
Der Autor zieht eine Analogie zu Ebola im Jahre 2014 (S. 192); das Coronavirus 2020 – ? konnte er noch nicht kennen.
Doch für die heutigen Leser gibt es erstaunlich Parallelen.
Damals wurde die Juden als Pestauslöser bezichtigt. Heute ist man bei Corona differenzierter: Juden, Pharmaindustrie, Bill Gates und andere Multimillionäre werden bezichtigt.
Damals wurden die Juden in Erfurt ausnahmslos erschlagen (S. 222). Luther war mit seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen” (1543) einer der Brandbeschleuniger (S. 223).
Spät – gemäß dem Schwerpunkt auf den Bachens vor Bach – tritt Johann Sebastian Bach auf (S. 255).
Eindrucksvoll schildert Hagedorn im Kapitel 7 „Der Aufbruch” den Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek (S. 283). Er verbindet durchwegs geschickt Historie mit Gegenwart und vermerkt gelegentlich kluge Bezüge zum 20.Jhdt. Nur ein Beispiel:
„Es ist nicht das Land der Mörder, das sich ihr in diesen Blättern zeigt.
Es ist das Land der Mörder, das diesen Schatz verwirkt hat.” (S. 339).
Das letzte Kapitel krönt Hagedorn mit einem kleinen Krimi um den Bachschen Nachlaß.
Im Laufe der Lektüre merkte ich, dass ich wenig über die Kompositionen der vielen Bach-Musiker erfuhr. Das ändert sich aber in der zweiten Hälfte. Im Anhang sind die erwähnten Werke auf drei Seiten vermerkt.
Damit füllte Bachs Welt bei mir viele Lücken und zwar so fesselnd, das ich nach Ende der Lektüre etwas traurig war. Mir fehlte etwas.
Man muss sich daran gewöhnen, dass Hagedorn nicht nur schnelle Ortswechsel vollzieht, sondern auch zeitlich in der Zeit der Bachs springt. Zudem flechtet er kurze Episoden von aktuellen Besuchen des Autors an die Orte des Geschehens ein. Das verbindet das 17. Jahrhundert mit der Gegenwart.
Die Leser dürfen daher keine (musik)wissenschaftliche Biografie erwarten, aber auch keinen Roman, in dem das Fiktionale überwiegt. Auf der Gratwanderungen zwischen diesen beiden Genres geht Volker Hagedorn mit überzeugendem Schritt. Dafür verlegt Hagedorn die Quellenangaben in Fußnoten, die nur im Anhang (nicht im Text) auftauchen, ein diskussionswürdiges Vorgehen. Das mag manchem Leser die Lektüre erleichtern. Als ich den Zusammenhang bemerkt, kam ich gut damit zurecht.
Die wörtlich zitierten Quellen kommen im zeitgenössischen Deutsch daher. Das war für mich oft schwer lesbar und nicht immer verständlich. Da wäre mir Paraphrasen lieber gewesen. Aber das beruht vielleicht auf meiner Faulheit mir die Originaltexte laut vorzulesen und damit verständlich zu machen.
Textvoraussetzungen
Manchmal setzt Hagedorn einiges voraus, das meine Vorkenntnisse überstieg; manchmal wünschte ich mir eine Begriffserläuterung.
Zwei Beispiele für meine Überforderung
  • „Seit dem Ende der DDR hat Suhl 20 000 Einwohner verloren ...” (S. 53)
    Das kann man nur einordnen wenn man die Einwohnerzahl Suhls zum Ende der DDR kennt, oder die jetzige. Keines davon verrät uns der Autor.
    Das geht noch,  ich konnte es ergoogeln: 35.608 (2016).
  • Gelegentlich spricht der Autor von einem Bach und bei der Vielzahl von gleichen Namen wusste ich nicht, welchen er meinte. Beispiel: Lehrherr „Johann Bach” (S. 109). Auf den beiden letzten Seiten findet man sehr viele Johann Bachs im Stammbaum der Familie.
    Beispiel 2.2.
    Am 21. Juli kam Dorothea mit ihrem ersten Kind nieder, Tobias Friedrich (S. 273) Welche Dorothea? Um sie im Stammbaum zu finden, muss ich Tobias Friedrich finden. Ich scheitere.
Ein Beispiel für eine fehlende Begriffserläuterung:
Die Radschlosspistole (erstmals S. 52) musste ich ergoogeln.
Aber zugegeben, irgendwo muss ein Autor auch etwas voraussetzen.
Hagedorn hat die Detailfülle voll im Griff und gibt sie dosiert an die Leser weiter.
Eine der wenigen Ausnahmen ist:
Johann Nikolaus Forkel, der spätere Bach-Biograf.
Carl Philipp könnte der Vater von Forkel sein (S. 319). Je mehr ich den Satz über Johanna Maria und Forkel lese, desto unverständlicher wird er mir. Kurz darauf erwähnt Hagedorn wieder, dass Carl Philipp Forkels Vater sein könnte (S. 320)
Ein Detail erschien mir unglaubwürdig.
Der Autor führt die Leser in die Gegenwart.  Ein Bild in der Neuen Kirche wird betrachtet. Der Fagottist, auch Maler von Profession, erkennt, dass die Datumsangabe dazu von 1594 nicht stimmen kann. Es sieht aus wie 20 Jahre früher.
Das muss ein wahrer Kenner sein und erinnert mich an zwei Snobs, die vom Urlaub auf einer Insel schwärmen.
„Auf der Kokosinsel ist es herrlich!”
„Ja, aber nur auf der Südhälfte!”
„Wir wissen doch nur Winzigkeiten. Alles ist offen.” (S. 309) Hagedorn übertreibt, zumindest mit der zweiten Aussage. Nach der Lektüre war mir die Familiengeschichte, die einzigartige Musikerdynastie („Neben diesem wilden, wild verzweigten Bach-Clan wirken die Wagners wie Papiertiger”, Musikjournalistin Eleonore Büning in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) und der zeitliche Rahmen um vieles klarer. Die Nachbemerkung
„Es geht nicht darum, herauszufinden oder gar zu behaupten, »wie es wirklich war«, sondern an dem, wie es gewesen sein könnte, zu zeigen, in welchem Feld von Einflüssen sich da einer auf den Weg macht.” (S. 398)
löst der Autor voll ein.
Bachs Welt wird mit einem reichhaltigen Anhang noch besser entschlüsselt. Ganz am Ende sind
  • doppelseitige Landkarte
  • doppelseitiger Stammbaum
hilfreich.
Ein – jetzt fehlen mir die passenden Eigenschaftswörter – bemerkenswertes, großartiges, beeindruckendes Buch, das jeder, der sich für die Musikerfamilie Bach interessiert, lesen muss. Ich erhoffe mir einen Folgeband zu Johann Sebastian Bach, seinen Geschwistern und Nachkommen.

Links
Bach Carl Philipp Emanuel Bach
Bach Johann Sebastian Bach
HagedornDresdner Stadtpfeifer. Alte Musik für neue Ohren
Bach Festung Europa
HagedornVolker Hagedorn, geboren 1961, seit 1996 freier Journalist, Buchautor und Musiker
Bach Klassik
Goldberg-VariationenMichael Maul: Universum JSB. Die große Hörbiografie zu Johann Sebastian Bach, Podcast Deutschlandfunk Kultur 2015
Bach Zu Werken, Büchern und Verschiedenem der Klassischen Musik
HagedornEleonore Büning
HagedornJohann Nikolaus Forkel
HagedornMichael Maul

Literatur

Bei Amazon nachschauen  
Hagedorn HagedornVolker Hagedorn: Bachs Welt. Die Familiengeschichte eines Genies. Reinbek: Rowohlt, 2017. Broschiert, 410 Seiten

Hagedorn
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 20. Januar 2021