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Schumann
Robert Schumann: Kreisleriana, op. 16
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Die "Kreisleriana" von Robert Schumann gefiel mir jahrelang wie viele andere Klavierwerke auch. In den Fokus rückte sie durch die Wiederholung einer "Interpretationen"-Sendung mit Joachim Kaiser auf Deutschlandradio Kultur, Sonntag 13.8.2017: "Dem Wahnsinn nahe –
»Kreisleriana« von Robert Schumann".
Darauf beschäftigte ich mich mit dem Werk und vielen seiner Interpretationen. Jetzt steht die "Kreisleriana" auf meiner Favoritenliste weit oben.
Robert Schumann komponierte sein Opus 16 innerhalb von vier Tagen im April 1938. Er war da 28 Jahre und widmete das Werk – nein, nicht Clara Wieck, für die er es geschrieben hatte – das wagte er nicht – Frédéric Chopin (der sich aber wenig darum scherte).
Zuvor hatte Schumann schon bedeutende Klavierzyklen geschaffen, beispielsweise
  • Papillons op. 2
  • Davidsbündlertänze op. 6
  • Carnaval op. 9
  • 12 Sinfonische Etüden op. 13
  • Kinderszenen op. 15
Wie man erkennt, gab er vielen seiner Werke sprechende Namen. Die "Kreisleriana" benannte er erst nachdem sie komponiert war nach Johann Kreisler, einer fiktiven Gestalt aus E.T.A. Hoffmanns Kreisleriana. Kreisler taucht auch in anderen Werken Hoffmanns vor, so in Lebens-Ansichten des Katers Murr. Er komponiert, schreibt und musiziert und gibt den Lesern seine Gedanken kund. Für Hoffmann war er eine Art Alter Ego (Schumann Links). Er war für Schumann ein exzentrischer, wilder und talentierter Kapellmeister und wurde durch op. 16 auch ein Alter Ego von Robert Schumann. Die "Kreisleriana" wurde zum Seelenporträt Schumanns.
Weitere Überlegungen zum Titel
Der Titel „Kreisleriana” könnte für Englischsprechende „crazy” („Kreis” klingt so ähnlich) assozieren, Deutschsprechene könnten direkt an den Kreis denken (Rasche 2008, S. 171). Das ist mir zu weit hergeholt. Dagegen erscheint mir der Verweis auf das Anagramm des Titels „Klara, sei rein!” (Rübenacker 2013), der Schumann zur Titelwahl animierte, schon passender.
Tempobezeichnungen
Schumann gab den acht Fantasiestücken extreme Tempoanweisungen. Sechsmal verstärkt er mit "sehr, die erste Fantasie verlangt den Superlativ "äußerst" und die achte erfordert mit "schnell und spielend" schier Unvereinbares.
Bei der siebten Fantasie verlangte Schumann ursprünglich "So rasch als möglich" und später steigerte er mit "Noch schneller". Dass dies unmöglich ist merkte Schumann selnbst und änderte am Beginn auf "sehr rasch" ab (Rübenacker 2013).
Warum gefällt mir die "Kreisleriana" (plötzlich) so ausgezeichnet?
  1. Joachim Kaiser erläuterte in der oben genannten Interpretationen-Sendung das Werk sehr ein– und erleuchtend. Was mir erläutert wird verstehe ich besser und dann gefällt es mir auch besser.
  2. Ich höre in der "Kreisleriana" unerwartete Töne und Rhythmen, so als ob sich der Pianist vergriffen hätte. Dann überprüfe ich es mit einem anderen Interpreten und siehe da: es stammt von Schumann. Genial.
  3. Die rastlosen Wechsel zwischen lyrisch verinnerlichten Passagen und Ekstase nahe dem Wahnsinn reißen mich mit.
  4. Ab und zu entdecke ich Bekanntes, sei es eine Bachsche Orgel (7. Fantasie) oder innertextuale Bezüge.
  5. Die "Kreisleriana" erlaubt den Pianisten eine Vielzahl stimmiger  Interpretationen. Man kann Walter Gieseking loben, der sich 1942 streng an die Tempovorschriften Schumanns hielt. Oder man kann mit Wilhelm Kempff und seiner hingehauchten Darbietung in den langsamen Fantasien schwelgen.
Mich beeindrucken Interpretationen am stärksten, wenn sie
  • auch in den eruptiven, schnellen Passagen klar und deutlich bleiben,
  • in den langsamen Passagen innig singen wie Wilhelm Kempf und Alfred Cortot
  • das heraus arbeiten, was ich erhoffe, so in der 7. Fantasie die Bachsche Orgel, in der 8. den gespenstischen Totenritt, der aber auch in den Fantasien davor schon angekündigt wird.
Die Fantasien über den Exzentriker Kreisler vertragen auch exzentrische Interpretationen.
Seltsam erscheint mir, dass die bedeutende "Kreisleriana" in der umfangreichen Metzler Musik Chronik (Kreisleriana Rezension) nicht erwähnt wird.
Robert Schumann über »Kreisleriana«
„Diese Musik jetzt in mir, und welch schöne Melodien immer! Denke, seit meinem letzten Briefe habe  cih wieder ein ganzes Heft neuer Dinge fertig. »Kreisleriana« will ich es nennen, in denen Du und ein Gedanke von Dir die Hauptrolle spielen, und will es Dir widmen – ja Dir wie Niemandem Anderen – da wirst Du lächeln so hold, wenn Du Dich wiederfindest. Meine Musik kommt mir jetzt selbst so wunderbar verschlungen vor bei aller Einfachheit, so sprachvoll aus dem Herzen, und so wirkt sie auf alle, denen ich sie vorspiele, was ich jetzt gern und häufig thue.”
Brief an Clara am 13.4.1838
Mir vorliegende Interpretationen

Wertungsskala: –, * ... *****, im Einzelfall darüber hinaus
München, 1983 Martha Argerich
****½
1946 Claudio Arrau ****
  Ende der 1980er
Jörg Demus
****
Oktober 1995
Till Fellner
****
Leiden, NL 1988
Hèléne Grimaud
*****½
New York, 1969
Vladimir Horowitz
*****
Moskau, 1941
Konstantin Igumnov

1956
Wilhelm Kempff
*****½
1998
Evgeny Kissin
****
Dortmund, 2013
Varvara, eigentlich Varvara Nepomnyashchaya (* 1983 in Moskau); nicht verwechseln mit der Pianisten Varvara Tarasova (* St Petersburg)
***½
Deventer, NL 2001
Klára Würtz
****½

Beim Anhören der verschiedenen Interpretationen kam mir die Idee die im rastlosen Tempowechsel daherkommenden Fantasien noch zu steigern: man spielt die acht Stücke iim zufälligen Wechsel. Das werde ich ausprobieren.
Die "Kreisleriana" gehört zu den ganz großen und genialen Klavierwerken. Die Interpretationen in der obigen Tablle werde ich gelegentlich mit Wertungssternen (von 0 bis 5; Igumnov mit –, da die Tonqualität miserabel ist) versehen.
Links
KreislerianaAlter Ego
KreislerianaETA Hoffmann: Kreisleriana
Kreisleriana“Kreisleriana”, Fantasien für Piano-Forte, op. 16 -  Kammermusikführer
KreislerianaKreisleriana op.16, Piano Society
KreislerianaKreisleriana. Phantasien für Klavier op.16, Schumann-Portal
Kreisleriana Joachim Kaiser: Große Pianisten in unserer Zeit
Naxos Zu Werken, Büchern und Verschiedenem der Klassischen Musik
Literatur
Carey, Norman (2007): "An Improbable Intertwining: An Analysis of Schumann's "Kreisleriana I and II", with Recommendations for Piano Practice". Theory and Practice 32, S. 19-50
Oehlmann, Werner, Hg. (1977): Reclams Klaviermusikführer. Band 2. Von Franz Schubert bis zur Gegenwart. Stuttgart: Reclam.
Rasche, Joerg (2009): „Cycles of Re-Creation — A Psychoanalytical Approach to Music”. In: Ernesto Carafoli, Gian Antonio Danieli, Giuseppe O. Longo, Hg.: The Two Cultures: Shared Problems. Springer, 2009. S. 165-177.
Rübenacker, Thomas (2017): "Exzentrisch, wild, geistreich: Robert Schumanns »Kreisleriana«". In: Rondo. Das Klassik & Jazz Magazin.  #1005 KreislerianaOnline
KreislerianaRübenacker, Thomas (2013): SWR2 Musikstunde - „Interpretationsvergleich: Kreisleriana“. 17.9. 2013 (pdf)
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Kreisleriana KreislerianaMeike Becker-Adden: Nahtstellen: Strukturelle Analogien der »Kreisleriana« von E.T.A. Hoffmann und Robert Schumann. Transcript, 2006. Taschenbuch, 288 Seiten Kreisleriana
E. T. A. Hoffmann: Kreisleriana. CreateSpace, 2015. Taschenbuch, 88 Seiten Kreisleriana
Kreisleriana KreislerianaE. T. A. Hoffmann: Lebens-Ansichten des Katers Murr. Nebst fragmentischer Biographie des Kapellmeisters Johann Kreisler in zufälligen Makulaturblättern. Anaconda, 2011. Gebunden, 544 Seiten Kreisleriana
E. T. A. Hoffmann: Lebens-Ansichten des Kater Murr. Winter & Winter, 2013.  Audio-CD Kreisleriana
CDs

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Martha Argerich
Argerich KreislerianaMartha Argerich: Robert Schumann: Kinderszenen; Kreisleriana. DG Argerich
Martha Argerich: The Complete Recordings On Deutsche Grammophon. DG, 48 CDs BoxKreisleriana
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Arrau KreislerianaClaudio Arrau: The Complete Victor and Columbia Album Collection. Sony Classical. 12 CD-Box Kreisleriana auf CD 10 Arrau
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Demus KreislerianaJörg Demus: Robert Schumann : Die kompletten Klavierwerke. Documents (Membran) 13 CDs Box

Till Fellner
Fellner KreislerianaTill Fellner: Schumann: Kreisleriana – Reubke: Klaviersonate. Erato (Warner) 2003.

Hélène Grimaud
Grimaud KreislerianaHélène Grimaud: The Piano Collection. Brilliant Classics 5 CD Box.
Kreisleriana auf  CD 4
Grimaud
Hélène Grimaud: Schumann: Kreisleriana & Brahms: Klaviersonate 2. Denon Kreisleriana
Vladimir Horowitz
Horowitz KreislerianaVladimir Horowitz: The Original Jacket Collection. Rca Red Seal 10 CDs Box Horowitz
Vladimir Horowitz: Schumann: Kreisleriana, Wieck-Variationen, Kinderszenen. Sony Classical Kreisleriana
Konstantin Igumnov
Igumnov KreislerianaKonstantin Igumnov: Legendary Russian Pianists. Brilliant Classics 25 CD Box.
Kreislerina auf CD 1. - Schlechte Tonqualität!


Wilhelm Kempff
Kaiser KreislerianaKlavier Kaiser / 14 grosse Pianisten auf 20 CDs. 20 CD. Süddeutsche Zeitung 2004.
Wilhelm Kempff (1956) auf CD-Schuber #6.
Kempff
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Einspielung von 1972 Kreisleriana
Evgeny Kissin
Kissin Kreisleriana Evgeny Kissin: Complete RCA & Sony Classical Collection. Sony Classical. 32 CDs Box Kissin>
Evgeny Kissin: Bach / Busoni / Beethoven & Schumann. Rca Red Seal Kreisleriana
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Varvara Kreisleriana Varvara: Beethoven, Händel, Schumann. Edition Klavier-Festival Ruhr
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Klára Würtz: Schumann: Piano Works Vol. 1. Brilliant 3 CDs Box- Kreisleriana
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