Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Big Maybelle
Big Maybelle: The Complete OKeh Sessions 1952-'55
epic/Okeh/Legacy EK 53417, Zeit 1:13
Just Want Your Love / So Good To My Baby / Gabbin' Blues (Don't Run My Business) / My Country Man / Rain Down Rain / Way Back Home / Please Stay Away From My Sam / Jinny Mule / Send For Me / Maybelle's Blues / I've Got A Feelin' / You'll Never Know / No More Trouble Out Of Me / My Big Mistake / Ain't No Use / I'm Getting 'Long Alright / You'll Be Sorry / Hair Dressin' Women / One Monkey Don't Stop The Show / Don't Leave Poor Me / Ain't To Be Played With / New Kind Of Mambo / Ocean Of Tears / Whole Lot Of Shakin' Goin' On / The Other Night / Such A Cutie
Der Besuch des Films "Jazz an einem Sommerabend" ("Jazz on a Summer's Day") war 1960 für Rock'n Roller Pflicht. Chuck Berry trat mit "Sweet Little Sixteen" auf. Doch wer war die schreiende, suggestive Shouterin unmittelbar vor Chucks Duckwalk? Mit ihrem rhythmischen "I Ain't Mad At You" konnte sie durchaus mit dem Rock'n Roller und der später im Film auftretenden Mahalia Jackson - trotz deren hinreißender Interpretation von "Didn't It Rain" - mithalten. Die unbekannte, wohlbeleibte farbige Sängerin war Big Maybelle. Müßig zu sagen, daß sie damals kein Plattenverkäufer in Deutschland kannte und keine Platte von ihr erhältlich war.
Geboren als Mabel Louise Smith am 1.Mai 1920 (Colin Larkin 1993, S.26) oder 1924 (Dieter Moll 1994, S.149) in Jackson, Tennessee, wuchs sie mit Musik auf. In den Vierzigern tourte sie mit dem Tiny Bradshaw Orchester und nahm erste Platten auf KING auf. Wie Lavern Baker und Johnnie Ray trat auch Maybelle Smith in der Flame Show Bar, Detroit, auf. Im Oktober 1952 wurde sie von Danny Kessler für OKeh unter Vertrag genommen. Schon auf ihrer ersten, sehr erfolgreichen OKeh-Single "Gabbin' Blues" / "Rain Down Rain" nannte sie sich Big Maybelle. Die Mehrzahl der vierundzwanzig Songs auf der CD sind bluesgetränkte Balladen mit ausgezeichneter Begleitung. Sam "The Man" Taylor gibt etliche Tenorsaxophon-Zwischenstücke zum Besten. Man höre nur das schnelle "I've Got A Feelin' (Somebody's Trying To Steal My Man)". Auch Mickey Baker (Gitarre), Lloyd Trotman (Bass), Taft Jordan (Trompete), Brownie McGhee (Gitarre) sind alte Bekannte von unzähligen R&B Sessions. Die Aufnahmen starten mit einem wuchtigen "Just Want Your Love", in dem eines ihrer Hauptthemen, ein undankbarer Mann mit "low-down tricks", behandelt wird. Gleich anschließend folgt das Gegenstück "So Good To My Baby". Sie zerreißt sich für ihr "baby" und möchte, daß er das "sharpest thing in town" ist. Ein rasantes Saxophon und gute Gitarrenarbeit zeichnen diesen schnellen Song aus. Maybelle hatte mit Rosemarie McCoy und Charles Singleton gute Songautoren. Auch Elvis Presley hatte Singleton/McCoy im Repertoire ("Trying To Get To You", "I Beg Of You"). Rosemarie McCoy hört man auf "Gabbin' Blues" im Dialog mit Big Maybelle. Der "Gabbin' Blues" soll eine bereinigte Version von "The Dirty Dozens" sein. Dieser Blues wurde erstmals von Rufus Perryman (alias Speckled Red), einem Boogiepianisten, aufgenommen. Er hatte mit dieser ausschweifenden Barrelhousenummer bei seinen Touren in den Südstaaten großen Erfolg. Auf der mir vorliegenden Aufnahme von Speckled Red mit "The Dirty Dozens" kann ich nur wenig Parallelen zum "Gabbin' Blues" entdecken, doch vielleicht ist auch diese bereits gesäubert. "Gabbin' Blues (Don't Run My Business)" ist jedenfalls ein genialer Talk zwischen zwei konkurrierenden Straßenmädchen. Der Regen in "Rain Down Rain" wird von Donner und Blitz eingeleitet. Mitautor ist hier Lincoln Chase, wohl besser bekannt durch "Such A Night". "Way Back Home" startet wie ein früher Fats Domino. In der rhythmischen Uptempo-Nummer "Send For Me" lädt Maybelle ihren Lover ein "every time you need some lovin', send for me", "anytime, anyplace, anywhere". Das hört man natürlich gern. Eli Robinson begleitet gekonnt mit growlender Posaune. Etwas überraschend findet man "You'll Never Know" aus der Feder von Harry Warren und Mack Gordon auf der CD (nicht zu verwechseln mit "You'll Never Never Know" von den Platters). Diese Ballade stammt aus dem Jahre 1943. Dick Haymes nahm sie am 3.Juni auf (Decca), Frank Sinatra folgte am 7.Juni (Columbia). Beide Aufnahmen wurden großartige Erfolge. Die Sinatraversion war neun Wochen Nummer 1 der Hitparade und hielt sich 24 Wochen darin auf (Arnold Shaw 1971, S.66). In "I'm Gettin' 'Long All Right" wird die Sängerin am Freitag verlassen, weint wie ein Kind, doch bald hat sie neue Verbindungen: der Eismann, der Holzmann, der Metzger, der Vermieter, der Kohlenlieferant. Mit den Mantawitzen kamen auch die Friseusinnen ins Gerede. Schon im Februar 1954 warnte Big Maybelle vor der Geschwätzigkeit im Schönheitsalon. "Those hair dressin' women love to run their mouth all day, so when you're in the beauty palor better watch the thing to say." "They let you tell your story, then put your business in the street." Auch hier eine volle Kanne von Sam "The Man" Taylor. Anfang September 1954 tritt Big Maybelle zusammen mit Roy Hamilton, den Drifters, Spaniels und Lavern Baker im Brooklyn Paramount auf, am 23.September finden wir sie wieder im Studio. Vier gute Songs sind die Ausbeute. In "One Monkey Don't Stop Show" wird sie um drei Uhr früh verlassen, doch sie verfällt nicht in Trübsinn, um vier hat sie bereits Ersatz. Ja, sie verbessert ihre Lage sogar. War sie bisher unerfahren und empfindlich, so ist sie nun um eine Erfahrung reicher und abgebrühter. Wieder folgt das Gegenstück im nächsten Song: "Stop! Don't do it, baby don't walk out the door...I'm begging on my knees don't leave poor me. Have mercy please!" Mit einem schneidigen Gitarrensolo von Mickey Baker ein großartiger Song. Humor und prophetische Gabe beweist Big Maybelle in "New Kind Of Mambo". Ihren Country Man aus 1952 hat sie zurückgelassen und lernt in der Stadt eine neue Art von Mambo, zu dem man Rock'n Roll tanzt und der den Country-Twist hat. "I'm ready, willing and able" singt sie, fünf Jahre später ist auch Fats Domino "I'm ready, I'm willing and I'm able." Die letzte OKeh-Aufnahmesession vom 21.März 1955 wurde von keinem Geringeren als Quincy Jones arrangiert und geleitet. Jones stand damals, obwohl er bereits mit Billy Holiday und im Lionel Hampton Orchester gearbeitet hatte, erst am Anfang einer langen Karriere. In "Ocean Of Tears" wird sie vom Geliebten so schlecht behandelt, daß sie droht in ihren Tränen zu ertränken. Acht Monate später greift Ray Charles das Thema von der anderen Seite auf und droht ebenfalls "Drown In My Own Tears". Seine Ballade klimmt bis ganz an die Spitze der R&B-Charts. In derselben Session entsteht die Originalversion des Jerry Lee Lewis Millionenerfolgs "Whole Lotta Shakin' Going On". Unvoreingenommen muß man zugeben, daß Maybelles "Whole Lot Of Shakin' Goin' On" mit hartem Beat unter einer dichten Wolkendecke vorwärtsdrängt, während Lewis' Version entschlackt über den Wolken davonschnellt. Der allerletzte Song auf der CD "Such A Cutie" weist in Melodie und Text bereits auf Highschool-Pop a la Frankie Avalon hin. Doch hier dominiert noch der kehlige Gesang von Big Maybelle. Am 21.April 1956 nimmt Herman Lubinsky von Savoy Records Big Maybelle und, wohl zum Größenausgleich, Little Esther unter Vertrag. Vier Jahre bei OKeh brachten nur zu Beginn kommerziellen Erfolg. Trotzdem zeigt diese CD, daß Big Maybelle während dieser Jahre 26 aufregende Stücke ablieferte.
Blues- und R&B-Freunde können sich diese CD ungeprüft kaufen, reine Rock'n Roll Fans dürfen nur zehn schnelle oder up-tempo-Stücke erwarten. Das Original von "Whole Lotta Shakin'" sollte man aber doch haben.
Literatur:
Colin Larkin: The Guinness Who's Who of Blues. Enfield: Guinness 1993.
Dieter Moll: Das Buch des Blues. Königswinter: Heel 1994. 2.Auflage.
Arnold Shaw: Sinatra. Retreat of the Romantic. London. Hodder 1971. 3.Auflage. 

Big Maybelle
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany