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OKeh Rhythm & Blues

The OKeh Rhythm & Blues Story 1949 - 1957

epic/OKeh/Legacy E3K 48912 3 CDs mit 78 Nummern
Bill Haley nahm 1951 zum ersten Male "Rock The Joint" auf (Essex 303). Gegenüber den Rhythm & Blues Originalen wurde der Beat verstärkt, der Text verändert und Haleys eigenes Arrangement verwendet. Ähnliches geschah mit vielen Rhythm & Blues Songs und für den Rock'n Roll Fan ist es immer lehrreich seine Musik zurückzuverfolgen. Die 3-CD-Box von epic/OKeh macht dies auf mannigfaltige Weise möglich.
Gleich die erste CD startet mit einer heftigen Coverversion von Jimmy Prestons "Rock The Joint", aufgenommen 1949 von Chris Powell mit den Five Blue Flames. An den mächtigen Saxophonen Red Spencer (Tenor) und Danny Turner (Alt). Jazzfreunde finden Turner ab 1975 in der Band von Count Basie wieder, in der er bis zum Tod des Bandleaders saß. Nach zweimal ist diese Formation von Powell und den Flames vertreten. Ihr "Hot Dog" hat allerdings nichts mit der gleichnamigen Leiber-Stoller Komposition aus dem Presley-Film "Loving You" zu tun. Es ist vielmehr ein Lobgesang auf den bekannten Fast-Food-Imbiß.
The Five Scamps bringen eine Coverversion des bekannten "Chicken Shack Boogie" von Amos Milburn (Aladdin 3014, Nummer 1 in den R&B-Charts 1948). Ihre zweite Nummer "Red Hot" (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Song von Billy Emerson auf Sun 285, 1955) wurde durch den Rockabilly Sänger Billy Lee Riley (Sun, 1956) bekannt gemacht.
Auch die Blues Freunde kommen nicht zu kurz. Joe Williams (* 12.12.1918, Cordele, Georgia), der später in der Band von Count Basie die Nachfolge von Jimmy Rushing antrat, ist mit sechs Aufnahmen zusammmen mit Red Saunders (* Memphis, + 1981 Chicago) und seinem Orchester vertreten.
The Ravens waren die erste der zahllosen Bird-Gruppen der 40-iger und 50-iger Jahre. Als sie Aufnahmen für Columbia und OKeh machten, hatten sie ihre beste Zeit auf National ("Ol' Man River", National 9035, 1947) schon hinter sich. So gehören ihre Original-45-iger Scheiben auf Columbia und OKeh zu den seltensten und gesuchtesten R&B-Aufnahmen. Der CD-Set bietet "Honey I Don't Want You" (Columbia 39408) und "Gotta Find My Baby" (Columbia 39194), beide aus 1951. Leadsänger Maithe Marshall hatte es bei seinem "Baby" schwerer als ein Jahrzehnt später Chuck Berry. Er fand nur ein leeres Haus vor, während Chuck's "Baby" in "I Got To Find My Baby" (Chess 1763, 1960) wenigstens noch Goodbye sagte. Allerdings hat man volles Verständnis für das "Baby". Gleich eingangs erfährt man "I came home this morning about the break of dawn". Woher kam er wohl am frühen Morgen? Dabei mimt der Sänger auch noch den Ahnungslosen: "My baby left me I don't know the reason why".
Popfreunden ist Chuck Willis hauptsächlich durch seine Hitparadenerfolge "C.C. Rider" (Atlantic 1130, 1957) und "What Am I Living For" (Atlantic, 1958) bekannt. Beide Hittitel wie auch die sechs auf den OKeh-CDs stammen aus seiner Feder.
Mit siebzehn Jahren arbeitete LaVern Baker zunächst im "Club DeLisa", nach sechs Monaten in der "Flame Show Bar" als Sängerin. Aus dieser Zeit stammen die beiden Aufnahmen "I Feel So Good" und "I Want A Lavendar Cadillac", einem frühen Vorläufer zu den genialen Carsongs eines Chuck Berry und Janis Joplin, die bekanntlich einen Mercedes Benz bevorzugte. Wie üblich beim R&B bringt es LaVern Baker unverblümt direkt: "But If You Don't Have That Money, Then I Just Don't Have The Time." Beide Aufnahmen zusammen mit Ruby Jackson und der Band von Maurice King unter ihrem eigentlichen Namen Dolores Bea Baker. Ähnlich wie Chuck Willis wechselte auch LaVern Baker (* Chicago, 11.11.1929) 1954 von OKeh zu Atlantic und wurde dort mit "Tweedle Dee" (Atlantic 1047, 1954), "Jim Dandy" (Atlantic 1116, 1956) und "I Cried A Tear" (Atlantic, 1958, 6.Platz der Top Ten im Februar 1959) weltberühmt. "Tweedle Dee" machte auf  Elvis Presley so starken Eindruck, daß er es zu Beginn seiner Karriere in einer legendenhaften Liveaufnahme (Louisiana Hayride, Shreveport, Louisiana, 1955) verewigte.
The Bill Davis Trio: William Strethen Davis (*24.11.1918 Glasgow, Montana oder Missouri) erhielt ebenso den Beinamen "Wild Bill" wie sein Kornett spielender Namenskollege William Davison. Er ist einer der bekanntesten Jazzorgelspieler. Von Louis Jordan und seiner Tympany Five kommend gründete Wild Bill Davis 1950 sein eigenes R&B Trio. Er versichert "Catch 'em young, treat 'em rough, tell 'em nothing, that's what gets results." Der Sänger klingt dabei zum Verwechseln wie Merrill Moore, der bekannte Rockabilly Pianist und Sänger.
Little Brother Brown ist kein Bluessänger, wie man dem Namen nach vermuten könnte, sondern ein ausgezeichneter Tenorsaxophonist. Eine ruhige Introduktion bereitet in "Brother's Blues" die Stimmung vor für einen herrliches Saxonphon-Gitarren-Saxophon Instrumental.
Annie Laurie: Es ist nichts weniger als eine Schande, daß eine so herrliche Ballade wie "Leave It To Me" bisher unveröffentlicht verstaubte. Von Kay Starr, Georgia Gibbs oder Teresa Brewer gesungen wäre sie auf dem Popmarkt sicher ein Supererfolg geworden. Eingeleitet von Klarinette und gestopfter Trompete versichert Annie Laurie, daß er sich unter allen Umständen auf sie verlassen kann: "Just any place you want me, just let me know, that's where I will be". Knapp über drei Minuten wird sie begleitet von einer Melodie, die jedem Westernvorspann zur Ehre gereichen würde. Leider fehlen gerade bei diesem Song die Autoren- und Begleitbandangaben. Insgesamt ist dieser Track durchaus vergleichbar mit dem Welterfolg "Got You On My Mind".
Nach einer kargen Saxophoneinleitung klagt uns Titus Turner in "My Lonely Room" sein Leid. Verzweifelt ruft er den Lord an, warum gerade er so allein sein muß. Seine gelegentlichen Aufschreie machen es glaubwürdig, daß er bald verrückt wird.
Zwei Songs von Big Maybelle erzählen vom Verlassenwerden und Neubeginn. In "One Monkey Don't Stop Show" wird sie um drei Uhr früh verlassen, doch sie verfällt nicht in Trübsinn, um vier hat sie bereits Ersatz. Ja, sie verbessert ihre Lage sogar. War sie bisher unerfahren und empfindlich, so ist nun um eine Erfahrung reicher und abgebrühter. Ebenso verfährt sie in "I'm Gettin' 'Long All Right". Sie wird am Freitag verlassen, weint wie ein Kind, doch bald hat sie neue Verbindungen: der Eismann, der Holzmann, der Metzger, der Vermieter, der Kohlenlieferant. In "Ocean Of Tears" wird sie aber vom Geliebten so schlecht behandelt, daß sie droht in ihren Tränen zu ertränken. Acht Monate später greift Ray Charles das Thema von der anderen Seite auf und droht ebenfalls "Drown In My Own Tears" (Atlantic 1085). Seine Ballade klimmt bis ganz an die Spitze der R&B-Charts.
The Treniers. Ähnlich wie Chuck Berry in "No Particular Place To Go" hat auch Cliff Trenier noch nicht gewonnes Spiel, als er sein Mädchen neben sich im Wagen hat. Während jedoch Berry mit dem Sicherheitsgurt kämpft, der nicht aufgehen will, ist es hier das Mädchen selbst, das nicht so will, wie er es sich vorstellt. Gnadenlos muß sie im Abendkleid den langen Weg zur Stadt zu Fuß gehen: "Uh, oh, get out of my car! You gotta walk home baby, 'cause you just don't treat me right".
Ein der führenden weißen Jazztrompeter war Red Rodney (*27.9.1927 Philadelphia). Er folgte 1949 Miles Davis, der eigene Wege ging, im Charlie Parker Quintett nach.
Paul Gayten (* Kentwood, Louisiana, + 1991): Die Bedeutung Paul Gaytens (und Dave Bartholmews) unterstreicht am besten eine Aussage des bekannten DJs Chuck Herrmann: "Zwei Pioniere des New Orleans Rhythm and Blues, die sich nicht nur als Musiker an Trompete bzw. Piano hervortaten, sondern auch als Produzenten, Arrangeure und Entdecker neuer Talente, die zwei wichtigsten Leute hinter der ganzen Rhythm and Blues Szene: Dave Bartholmew und Paul Gayten". Aus Gaytens Band kamen so wichtige Jazzmusiker wie Aaron Bell, Sam Woodyard, Edgar Blanchard und Hank Mobley. Er selbst spielte zusammen mit Hank Mobley (Tenorsaxophon) von 1950 bis 1953 bei Max Roach (Schlagzeug). In den Fünfzigern arbeitete er bei Chess, Chicago, als Talentscout und Produzent, nahm aber auch weiterhin selbst auf. In den Sechzigern gründete er in Los Angeles sein eigenes Label.
Ein Jahr bevor die Coasters ihr klassisches "Framed" aus der Feder von Leiber/Stoller in die Rillen groovten, wurde bereits Clifford "King" Solomon zu unrecht verhaftet und eingesperrt. Auf seinen verzweifelten Verteidigungsmonolog antwortet der Officer nicht, nur das Saxophon verstärkt in Zwiesprache die ausweglose Situation.
Ernestine Irene Anderson (*11.11.1928, Houston) ist genau ein Jahr vor LaVern Baker geboren und wie sie Sängerin. Erst seit Mitte der siebziger Jahre wurde sie einem breiten Publikum bekannt, startete ihre Karriere aber schon 1943. Im "Square Dance Boogie" singt sie zusammen mit der Cliff "King" Solomon Band. Der Leader am Tenorsaxophon, Gigi Gryce (Altsaxophon, *28.11.1927 Pensacola, Florida), Jimmy Cleveland (Posaune, *3.5.26 Wartrace, Tennessee), William "Monk" Montgomery (Bass, *10.10.21, Indianapolis, +21.5.82 Las Vegas), Max Roach (Schlagzeug, *10.1.25, New York).
Unmittelbar auf die nutzlosen verbalen Anstrengungen Solomons in "But Officer!" wird eine mögliche Antwort aufgezeigt: "Give me one more drink, just before the wagon comes", der zweifelhafte Freund Alkohol als Ausweg. Zum Trost gibt es zum Drink ein heißes Saxophonzwischenspiel.
Die Shufflers werden ihrem Namen voll gerecht. "Bad, Bad Women" ist ein flotter Shuffle und auch "Jump Ted!" setzt voll auf den Rhythmus.
Der berühmteste Song von Charles E. Calhoun alias Jesse Stone ("Money Honey") ist zweifelsohne "Shake, Rattle and Roll" in zahlreichen Versionen und textlichen Abwandlungen. Als die Clovers im April 1954 einen weiteren Calhoun Song "Your Cash Ain't Nothin' But Trash" aufnahmen (Atlantic 1035) kam er im August bis auf Platz 6 der R&B-Charts. Vom 24.August 1954 stammt die OKeh Aufnahme mit Big John und den Buzzards. In drei Strophen erzählt sie ein Minidrama. Erst spricht der Sänger auf der Straße eine schöne "chick" an, wird aber abgeblitzt, siehe Titel. Er will seine Chancen mit einem Cadillac aufbessern, sein Geld reicht aber nicht, siehe Titel. Mit einem Saxophonzwischenspiel wird die Spannung gesteigert. Während er dann seine "bucks" nachzählt, wird er überfallen, muß sein Geld abliefern und erntet dazu noch Spott, siehe Titel. Leider verzichtet Big John auf die vierte Strophe, die bei den Clovers den Hauptdarsteller zu allem Verdruß noch in die Arme der Polizei führt. Insgesamt braucht sich diese Coverversion aber sicher nicht hinter dem Original verstecken.
Auf Flair 1050 wurde von einer frühen Mädchengruppe, Shirley Gunter and the Queens "Oop Shoop" veröffentlicht. Big John coverte auch diesen R&B-Hit am 24.August 1954 auf OKeh.
Billy Stewart (+1/1970 North Carolina) Billy Stewart legte mit seiner ersten Single bei Chess, Chicago, "Billy's Blues" (Chess 1625, 1956) den Grundstein für Mickey & Silvias Hit "Love Is Strange" (Groove 0175, 1956). Anfang der sechziger Jahre kehrte er zu Chess zurück und hatte 1966 mit "Summertime" einen Top Ten Hit.
Die 3 CDs bieten das ganze Themenspektrum des R&B: Sex ("Uh Oh, Get Out Of The Car"), Trinken und Essen ("Give Me One More Drink", "Hot Dog"), Parties ("Chicken Shack Boogie"), schnelle Wagen ("I Want A Lavendar Cadillac"), Kriminalität ("But Officer!") und Geldprobleme ("Your Cash Ain't Nothin' But Trash"). Das Booklet berichtet ausführlich über die Geschichte der Okeh Subcompany von Columbia Records. Auch die discographischen Angaben sind den meisten CDs hoch überlegen. Für den Sammler, der noch nicht alles hat ist diese 3-CD-Box ein absolutes Muß. Und wer schon alles hat findet zumindest 17 bisher unveröffentlichte Songs und 4 unveröffentlichte Alternativaufnahmen. Für jeden, der offene Ohren hat oder sich für die Quellen des Rock 'n Roll interessiert: hier hört er über eine Stunde R&B vom Feinsten. 

OKeh Rhythm & Blues
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany