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Specialty
The Specialty Story 1944 – 1964
Specialty 5SPCD-4412-2, 5 CDs mit 130 Nummern, Zeit 6:35 – LiteraturLinks
Interpreten: Little Richard (19), Roy Milton (19), Percy Mayfield (7), Larry Williams (7),Don & Dewey (5), Jimmy Liggins (5), Lloyd Price (5), Camille Howard (4), Joe Liggins (4), The Soul Stirrers (3), Arthur Lee Maye & The Crowns (2), Tony Allen & The Champs, Jesse Belvin, Big Maceo, Wynona Carr, Clifton Chenier, Eugene Church, Sam Cooke, The Four Flames, Guitar Slim, John Lee Hooker, Jesse & Marvin, Ernest Kador, Art Neville und andere.
Als wir Fünfzehnjährige stundenlang am Rummelplatz standen, um Paul Anka, Elvis Presley, Pat Boone und Billy Vaughn zu hören und möglichst kein "Bouncing in Bavaria" im AFN wegen Ricky Nelson, Bobby Darin und den Everly Brothers versäumten, war Rhythm and Blues kaum vertreten. Zufällig fiel mir bei einem Freund eine EP mit einem verrückten "guy" auf dem Cover auf: Little Richard And His Band, 1.Folge, London RE-O 1071. Im Cover eine karminrote 45-er Scheibe mit total verrückter Musik ("She's Got It", "I'm Just A Lonely Guy", "Heebie-Jeebies", "Slippin' and Slidin'"). Da begann ich mich über "Tutti Frutti" hinaus auch für die R&B Music zu interessieren.
In den späten Fünfzigern war das in Deutschland aber kaum möglich. Der London-Plattenkatalog 1958, über den die Specialty Scheiben bei uns vertrieben wurden, weist neben Little Richard nur einen einzigen Künstler des 5-CD-Sets auf. Keine Platte von Roy Milton, kein Percy Mayfield, auch kein Lloyd Price. Außer Little Richard mit sieben Singles und drei EPs findet man nur Sam Cooke mit seinem Welterfolg "You Send Me"/"Summertime" (London DL 20 133). Dies war bereits seine erste Aufnahme auf dem Keen-Label.
Der R&B-Freund hat es heutzutage bedeutend besser. In den letzten Jahren hat uns die Einführung der CD und die Sachkenntnis einzelner Produzenten zahlreiche Wieder- und Erstveröffentlichungen aus diesem Sektor beschert. Von Little Richard gibt es mittlerweile einen 6-CD-Set, der an Ausführlichkeit kaum mehr zu überbieten ist. Wem dies zuviel ist, oder wen auch die unbekannteren Künstler des R&B interessieren, wird gerne auf die vermehrt angebotenen Labelstories zurückgreifen. Mit "The Specialty Story 1944 - 1964" legt Fantasy aus Kalifornien, das 1990 Specialty übernahm, ein ansprechendes 5-CD-Set vor. Specialty Records war ein kleines unabhängiges Label zuletzt in 8508 Sunset Boulevard, Hollywood, California (vormals 311 Venice Boulevard). In seiner mehr als zwanzigjährigen Geschichte hatte es ungeheure Bedeutung für den R&B und die Entstehung des Rock'n'Roll.
Art Rupe kam als Sohn ungarischer Einwanderer von Pittsburgh nach Los Angeles. Zunächst war er Partner der Atlas Records, gründete aber 1944 sein eigenes Label Juke Box Records. Die erste Aufnahme "Boogie #1" von den Sepia Tones leitet den CD-Set ein. 1946 gründete Rupe schließlich Specialty Records. Die Kriterien zur Auswahl für den CD-Set nennt Produzent Billy Vera:
1.Platten, die laut Joel Whitburns "Top R&B Singles 1944-88" in die Billboard Charts kamen;
2.Platten von Künstlern oder Songs die später berühmt wurden;
3.Geschmack des Produzenten.
Da kein einziger schlechter Song vertreten ist, kann man die getroffene Auswahl kaum tadeln, auch wenn man den einen oder anderen Song vermißt. Die fünf CDs decken ein breites Spektrum mit Schwerpunkt R&B ab. Specialty war auch im Spirtualbereich aktiv, der hier aber nur vereinzelt vertreten ist, darunter einige Songs mit Leuten, die später berühmt wurden, wie z.B. Sam Cooke, Lou Rawls, Johnnie Taylor. Auch Bluesaufnahmen z.B. von Roosevelt Sykes, Big Maceo und John Lee Hooker sind eingestreut. In den Besetzungslisten findet man Fats Domino und Ray Charles am Klavier, Red Callender und Billy Taylor am Bass, Harold Land am Saxophon. Natürlich gäbe es zu jeder der 130 Songs etwas zu erzählen oder zu kommentieren. Hier nur Anmerkungen zu einigen davon.
Roy Milton & His Solid Senders "Oh Babe!". (II,8) Der Louis Prima Song "Oh Babe!" wurde zu einem landesweiten Hit. Wie damals üblich zogen andere Plattenfirmen mit ihren Interpreten nach: Lionel Hampton auf Decca, Wynonie Harris mit dem Lucky Millender Orchester auf King am 18.10.1950. Art Rupe wollte dafür Roy Milton haben, der aber gerade auf Tour war. Er rief ihn in Detroit an und sandte die Noten per Air Mail Special Delivery. Über Nacht wurden sie für alle Musiker arrangiert. Um 7:25 a.m. weckte Milton seine Mannen, um 8:15 begannen die Proben. Um 1 p.m. war man im Aufnahmestudio und spielte Art Rupe über Telefon vor. Nach einigen Änderungen war Rupe einverstanden und die Nummer wurde fertiggestellt. Um 9 a.m. am nächsten Morgen war die Masterkopie bei Rupe in Hollywood. (Galen Gart 1950, p.136)
Jesse & Marvin "Dream Girl" (III,3). Jesse Belvin hatte bereits 1951 sein "Dream Girl" aufgenommen (Hollywood 120) doch erst mit der Specialty-Aufnahme Anfang 1952 kam der Erfolg. Anfang 1953 war "Dream Girl" (Specialty 447) eine heiße und oft gespielte Scheibe. Die beiden Sänger waren ehemalige Mitglieder der Gruppe "Three Dots and a Dash". Mit dabei waren Emory Perry, sax, und Richard Lewis, piano, (Jim Dawson 1994, p.99). "Dream Girl" ist eine der ersten männlichen Duettaufnahmen im R&B.
Marvin & Johnny "Baby Doll" (III,18). Als Jesse Belvin zur Armee eingezogen wurde, bildete Marvin zusammen mit Emory Perry das Duo Marvin & Johnny und gleich mit der ersten Aufnahme "Baby Doll" (Specialty 479) hatten sie Ende 1953 großen Erfolg. Auch hier hat das Booklet Besetzungslücken.
The Chimes "Zindy Lou" (III,24). "Zindy Lou" war nur die B-Seite von "Tears On My Pillow" (Specialty 555). Doch es ist ein Klasse Doo-Wop-Song mit herrlich unverständlichen Silben.
Tony Allen & The Champs "Nite Owl" (IV,1). Einer der vielen Songs auf dem CD-Set bei dem man den Vorteil der CD gegenüber der Platte ausspielen kann. Man stellt "repeat" ein und hört sich diesen sagenhaften Doo-Wop beliebig oft an. Mit derselben Methode war beim Plattenspieler die Single nach einigen Tagen unbrauchbar.
Little Richard "Tutti Frutti" (IV,2). "Die Botschaft lautete: 'Tutti frutti all rootie, tutti frutti all rootie, awopbopaloobop alopbamboom!' Als Zusammenfassung dessen worum es im Rock'n'Roll wirklich ging, waren diese Worte meisterhaft." Nik Cohn 1971, S.26. Doch vielen weißen Amerikanern waren Songtexte wie diese oder "Sh-Boom", "Oop-Shoop" und "Wah-Bop-Sh-Wah" der Twilighters auf Specialty (leider nicht im CD-Set) ein Dorn im Auge. Oft wurden diese Songs von den weißen Radiostationen boykottiert. Doch mit dem überwältigenden Erfolg der weißen Rock'n'Roll Stars konnten das die Radiosender nicht durchhalten. Die Musik trug viel zur Überwindung der Rassentrennung bei. Chuck Berry mußte noch darum kämpfen, doch bald konnten schwarze Künstler auch im Süden in dem Hotel, in dem sie auftraten, übernachten und konnten beim Haupteingang ein- und ausgehen.
Ernest Kador "Eternity" (IV,3). Mit exzellenter Begleitung, Lee Allen, tenor sax, Alvin "Red" Tyler, baritone sax, geht hier Ernest Kador aus New Orleans zu Werke. Bekannt wurde er eigentlich erst 1961 unter dem Namen Ernie K-Doe. Mit seinem Hit "Mother-In-Law" erreichte er #1 der Billboard Charts.
Little Richard "Long Tall Sally" (IV,7). 1955 und 1956 gab es Versuche den R&B und Rock'n'Roll oder zumindest einzelne Songs zu verbannen. Bei einer Coverversion von "Blue Suede Shoes" fand man die Zeile "You can drink my liquor..." zu alkoholisch. Sie wurde zu "You can drink my cider..." entschärft. Auch Little Richards "Long Tall Sally" wurde vorsorglich einem Zensor vorgespielt. Der jedoch schüttelte den Kopf "How can I reject it when I can't even understand it?" und so war der Äther frei für "some fun tonight" mit "Long Tall Sally" (Galen Gart 1956, p.29).
Arthur Lee Maye & The Crowns "Oh-Rooba-Lee", "Gloria" (IV,9-10). Arthur Lee Maye & The Crowns lieferte auf Specialty 573 eine Scheibe mit zwei starken Seiten ab. Nach Gribin, Schiff 1992, p.116, ist "Gloria" der dritthäufigste Titel des Doo-Wops (1. "Over The Rainbow", 2. "A Sunday Kind Of Love"). Die völlig andere Gloria der Crowns ist der berühmteren der Cadillacs zumindest ebenbürtig.
Das Booklet zum CD-Set bringt eine Specialty Story von Billy Vera mit zahlreichen Bildern. Neben einer ausführlichen Diskographie findet man auch eine alphabetische Auflistung nach Songtitel und Interpreten. Für den R&B und Blues Freund, der nicht zahlreiche Einzel-LPs oder CDs kaufen will oder der sich zunächst einen Überblick des Specialty-Labels verschaffen will, sind die fünf CDs eine preiswerte Gelegenheit. Auch wenn man Little Richard und die eine oder andere Scheibe hat, lohnt der reichhaltige Rest die Anschaffung.
Literatur
Nik Cohn. AWopBopaLooBopAlopBamBoom ("Pop From The Beginning"). Reinbek: Rowohlt, 1971.
Jim Dawson. Nervous Man Nervous. Big Jay McNeely and the Rise of the Honking Tenor Sax! Milford, USA: Big Nickel, 1994.
Galen Gart. First Pressings. The History of Rhythm & Blues. Special 1950 Volume. Milford, USA: Big Nickel, 1993.
Galen Gart. First Pressings. The History of Rhythm & Blues. Volume 6: 1956. Milford, USA: Big Nickel, 1993.
Anthony Gribin, Matthew Schiff. Doo-Wop. The Forgotten Third of Rock'n Roll. Iola, USA: krause, 1992.
Links
specialtyeRIC Leblanc: Art Rupe
specialtySpecialty Records

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