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Sibelius
Volker Tarnow: Sibelius. Biografie
Leipzig: Henschel, 2015. Gebunden, 288 Seiten – Sibelius LinksSibelius Literatur
In den als Einstieg empfehlenswerten Rororo Bildmonografien gibt es für nahezu jede Persönlichkeit eine Biografie, nicht aber für Jean Sibelius (Stand: Januar 2016). Im Sibeliusjahr 2015 (* 1865) brachte der Henschel–Verlag eine aufschlussreiche Sibelius–Biografie des Musikkritikers und –journalisten Volker Tarnow heraus.
Ich wusste über Jean Sibelius kaum etwas, nach der Lektüre halte ich mich zu Leben und Werk für gut informiert.
Die Sibelius–Biografie gliedert sich nach den Schaffensperioden im Leben des schwedisch-finnischen Komponisten. Sie beschäftigt sich sowohl mit der Lebensgeschichte als auch mit dem Werk und mit der Stellung des Komponisten zu seinen Vorgängern und zeitgenössischen Komponisten.
Werk
Die Stärken der Werksgeschichte:
  • Der Autor bespricht die Werke so, dass auch der musikalische Laie – wie ich – davon außerordentlich profitiert. So erläutert er die Struktur einer Sinfonie ganz allgemein (S. 102–105). Auch wenn sie mancher Leser des Buchs schon kennt, hier ist alles zusammengefasst. Dem schließt er eine Erläuterung darüber an, warum die Sinfonie im 19.Jhdt. in eine Krise geriet.
  • Tarnow ist ein Sibeliusenthusiast und teilt es dem Leser auf jeder Seite mit. Das wird in manchen Besprechungen getadelt: es fehle an der Objektivität. Doch Musikempfinden ist subjektiv und Tarnows Lobtiraden reißen die Leser mit.
Gleich das erste ernsthafte Werk Sibelius' „Kullervo” (1891-1893) lobt Tarnow über den Klee (S. 53-64). Gewiss, „Kullervo” ist beeindruckend: Sibelius ist mit seinem ersten Werk sofort ganz als Sibelius da, ganz anders als bei anderen komponisten, die isch mit den Jahren entwickeln. So hilfreich Tarnows ausführliche Besprechung auch ist, für Jeans Heirat mit Aino Järnefelt bleibt dann nur ein Satz (S. 64).
Wie untermauert oder formuliert Tarnow sein vielfältiges Lob?
Sibelius Musik ist – so Tarnow – gekennzeichnet durch den „minimalistisch wirkenden Wiederholungszwang, das schamanische Kreisen um primitive Kurzformeln” (S. 71).
Der düstere Ton so mancher Komposition hat Sibelius „den Ruf eines unheilbar melancholischen Komponisten eingetragen” (S. 72). Diese Urteil versucht Tarnow durchwegs zu entkräften: für ihn ist Sibelius ein vielseitiger Komponist, der die Hörer mit vielen Farben und Stimmungen gefangen nimmt. Für Tarnow enthält Sibelius' Œu­v­re Werke mit „metaphysischer Dimension” (S. 181).
Bei allem Enthusiasmus für Sibelius‘ Musik findet der Autor stimmige Metaphern und Vergleiche. So wirkt das Violinkonzert laut Tarnow wie die „Improvisation eines Besessenen” (S. 144). Doch manchmal geht ihm die Hagiografie für den Musiker Sibelius durch. Für Tarnow ist „Voces Initmae” der einzige Fall, dass einem großen Sinfoniker auch ein großes Streichquarett gelang (S. 178). Dazu gibt es zahlreiche Gegenbeispiele, über die man trefflich streiten könnte. Doch es genügt ein unstrittige Widerlegung: Ludwig van Beethoven. Auch Dmitri Schostakowitsch sollte hierzu unstrittig sein.
Bei – oder besser nach – der Lektüre fiel mir ein Widerspruch in Sibelius Haltung auf. Er verteidigte seine Sinfonien gegen jede Lesart mit unterliegenden Programmen, Naturereignissen, etc. Gleichzeitig ist er neben Richard Strauss (auch Peter Tschaikowski war in beiden Gattungen zuhause) einer der grossen Komponisten von Tondichtungen. Vielleicht ist das aber kein Widerspruch: er wollte zwischen den Kategorien Sinfonie – Tondichtung strikt trennen. Sibelius würde vermutlich dem Kritiker Eduard Hanslick beipflichten: „Der Inhalt der Musik sind tönend bewegte Formen” (Hanslick 1854).
Leben
So sehr Tarnow die Werke lobt, über den Menschen Sibelius ist er um Objektivität bemüht. Er stellt – so weit ich das beurteilen kann – sein Leben und seinen Charakter differenziert dar. Danach ist Sibelius nicht unbedingt der Mensch, mit dem man seinen Urlaub verbringen möchte. Gegenüber vielen seiner Vorgänger und zeitgenössischen Dirigenten und Komponisten zeigt er sich ignorant. Er blieb beispielsweise von Richard Wagner und Johannes Brahms – entgegen vielen seiner Komponistenkollegen oder von Zeitgenossen – unbeeindruckt (S. 19-20). Auch von Richard Strauss' Musik hielt er nicht viel. Er blieb in seiner eigenen Kreativiät eingeschlossen. So dirigierte er ausschließlich seine eigenen Werke (S. 208).
Wenn das alles so stimmt, unterstreicht es Sibelius' Stellung als Solitär innerhalb seiner Zeit und ihr voraus.
Manches ist nicht so hilfreich wie es auf den ersten Blick scheint, wie beispielsweise: „Sibelius hatte viel mitzuteilen, aber  bis heute hat kein Mensch herausgefunden, was” (S. 71). Gilt das nicht für viele grosse Komponisten?

Stil
Tarnow schreibt meinungsfreudig und –stark. Für ihn sind die 2. Sinfonie von Jean Sibelius zusammen mit Gustav Mahlers 4. Sinfonie und der 2. Sinfonie von Alexander Skrajabin „die sinfonischen Heraklessäulen”, die das 19. vom 20. Jhdt. trennen. Allerdings gähnen zwischen diesen drei Säulen Abgründe (S. 132).
Kein Wunder, dass Tarnow vor Übertreibungen nicht zurückschreckt. Sibelius 5. Sinfonie erklärt er – zusammen mit Mahlers Neunter – zur größten Sinfonie des Jhdts. (gemeint ist das 20. Jhdt.; S. 223). Walter Niemanns Sibelius Biografie von 1917 ist für Tarnow ein Machwerk und enthält „Idiotismen”.
Tarnow pflegt einen lockeren Schreibstil und ist deshalb hervorragend zu lesen. Gerne streut der Autor witzige Formulierungen und Bemerkungen ein. Eine Krise trieb Sibelius 1908 „zum Äußersten: Sibelius hörte auf zu trinken und zu rauchen” (S. 168). Sibelius „unterhielt keine rituellen Beziehungen zu bestimmten Orten – abgesehen von einigen Wirthäusern [sic]” (S. 182). Auf derselben Seite schreibt Tarnow von den Reiseleitern unter den Kritikern. Gemeint sind wohl die alles Erklärer oder alles besser Wissende.
Das Lockere geht manchmal (zu) weit (siehe oben die „Idiotismen” in Walter Niemanns Sibelius Biografie). Sibelius schrieb die Bühnenmusik zum Drama „Euolema” seines Schwagers Arvid Järnefelt.  Tarnow befindet über das Drama: „Die Handlung ist total hirnverbrannt” (S. 141). Die Musik dazu von Sibelius (darunter das berühmte „Valse Triste”) lobt VT (natürlich) wieder über den Schneekönig.
Tarnow ist zudem gelegentlich verfehlt apodiktisch. Sibelius gestaltete – so Tarnow S. 202-203 – ursprünglich eine orchestrale Tondichtung  in drei Teilen. Er korrigierte diesen Fehler (!) : „die Natur ist nicht dreiteilig” (S. 203) und schuf das einsätzige „Aallottaret”.

Rezeption
Tarnow vernachlässigt etwas die Sibeliusrezeption. Gewiss, man spürt, dass er als Sibelius-Fan Leute, die Sibelius abwerten, nicht mag und erklärt es:
Sibelius war den deutschen Kritikern zunächst ein „Heimatkünstler, ein interessanter Barbar” (S. 111) und: „Sibelius war anders, war fremdartig, so viel verstand man in Deutschland. Aber man verstand nicht, wie und warum” (S. 112).
Auf Kritik oder die abschätzigen Bemerkungen des Dirigenten Réne Leibowitz und des Philosophen Theodor W. Adorno über Sibelius geht Tarnow nicht direkt ein. Allerdings findet er viele Gelegenheiten auf die Fehlurteile zum Werk Sibelius‘ hinzuweisen. 
Die eine Seite Diskografie bringt eigentlich wenig. Hier hätte ich mehr gewünscht.

Zusammenfassung
Volker Tarnow hat eine meinungsstarke Biografie zu Jean Sibelius vorgelegt. Er bespricht das Werk enthusiastisch, das Leben kritisch und regt damit an, sich mit den Werken des grossen Komponisten auseinanderzusetzen. Das Umfeld der langen Lebenszeit kommt nicht zu kurz. Durch die eingestreuten grundsätzlichen musikalischen Erläuterungen (ohne Notenbeispiele) empfiehlt sich die Biografie auch für Laien.
Wer sich für Sibelius' Kompositionen begeistern lassen will und mehr über Leben und  Umwelt des Komponisten Sibelius erfahren will, der greife zu!
Druckfehler
S. 137, 4 Z vu statt „Mähr” muss es „Mär” lauten
S. 182, 3.Z satt Wirthäusern muss es „ Wirtshäusern” lauten
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