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James Kaplan: Frank: The Voice
New York: Doubleday, 2010. Gebunden, 786 Seiten – Sinatra LinksSinatra Literatur
Frank: The Voice ist Teil 1 einer zweiteiligen Biografie über Frank Sinatra. Der umfangreiche Band (786 Seiten; Teil 2 The Chairman bringt über 900 Seiten) reicht etwa bis zur Oskarverleihung anläßlich Sinatras Rolle als Angelo Maggio in From Here to Eternity (1954).
Frank: The Voice behandelt das Privatleben als auch die künstlerische Laufbahn. Der zweite Punkt scheint mir sehr gut gelungen, der erste stößt bei mir auf eingeschränkte Zustimmung.
Die Stimme
James Kaplan läuft zu grosser Form auf wenn er Aufnahmesitzungen beschreibt.
  • Über die Session mit Percy Faith (1950), die nur einem Song – „Life Is So Peculiar” – galt, plaudert Kaplan aufregend (S. 442-444). Über „I‘m a Fool to Want You” befindet Kaplan: „Sinatras sang just one take––a take for the ages” (S. 471).
  • Oder die erste Session mit Nelson Riddle im März 1958 (S. 615–616).
Klarstellung zu den Aufnahmen von „Day In, Day Out”:
Die erste Aufnahme von „Day In, Day Out” (dabei ist Kaplan zumindest ungenau; ich habe mich auf den deutschen Sinatra-Fanseiten The Main Event vergewissert) mit Axel Stordahl (2.4.1953, Sinatras erste Capitol-Session), wurde erstmals 1987 als Bonus-Track der CD „Point Of No Return“ veröffentlicht. (Die gleichnamige Capitol-LP 1A 038 26 01771 enthält nur die 12 Titel die Sinatra am 11.–12.9.1961 mit Axel Stordahl aufgenommen hatte, nicht aber „Day In, Day Out”.)
Die Aufnahme von „Day In, Day Out” mit Nelson Riddle (1.3.1954) erschien 1955 als EP (Extended Play = Single mit 4 Tracks) und später auf LPs, beispielsweise 1965 in Großbritannien durch die Frank Sinatra Appreciation Society. Ich habe „The Rare Sinatra”, Capitol E–ST 24311 von 1978; „Day In, Day Out” ist Track 3 der Seite 1.
Kaplan meint dagegen, die Erstaufnahme mit Nelson Riddle kam jahrezehntelang nicht auf den Markt, erst 1991 als Stern (S. 704-707; mit Stern ist gemeint als Bonus Track auf einer CD; Bonus Tracks werden oft mit einem Stern markiert).
Mit Billy May nahm Frank Sinatra den Song „Day In, Day Out” zweimal auf, am 11.12.1958 und am 22.12.1958. Die Zweitaufnahme erschien auf dem Album „Come Dance with Me”.
Später wurden noch Live-Aufnahmen veröffentlicht.
Mehrmals erwähnt James Kaplan die Billboard Charts (z.B. S. 265). Zur Auflockerung hätte er ruhig mal einen Chartausschnitt bringen können.
Hier ein Auszug aus den Billboard Top 100 für das Jahr 1945:
1 The Andrews Sisters Rum and Coca-Cola
2
Les Brown Sentimental Journey
3
Perry Como Till The End of Time
16
Frank Sinatra Nancy, With The Laughing Face
24
Bing Crosby 
A Friend of Yours
25
Frank Sinatra A Friend of Yours
36
Frank Sinatra Try a Little Tenderness
41
Frank Sinatra Dream (When You’re Feeling Blue)
47
Frank Sinatra Saturday Night (Is the Loneliest Night)
60
Frank Sinatra I Dream of You
68
Frank Sinatra You’ll Never Walk Alone
Man sieht: Sinatra ist häufig, aber nicht unter den Top 10 vertreten.
Noch drei Zitate zu Franks Stimme: „the indefinable something composed of loneliness and need and indefinite ambition and storytelling intelligence and intense musicality” (S. 75)
Jo Stafford über Frank Sinatra: „Everybody up until then was sounding like Crosby, but this was a whole new sound” (S. 94).
Ava Gardner vergleicht Franks Stimme mit Judy Garland und Maria Callas: „He had a thing in his voice I‘ve only heard in two other people––Judy Garland and Maria Callas. A quality that makes me want to cry for happiness, like a beautiful sunset or a boys‘ choir singing Christmas carols.” (S. 360)
Das Leben
In der Rezension der New York Times (siehe Sinatra Links) heißt es: „James Kaplan, a writer of fiction and nonfiction who has produced a book that has all the emotional detail and narrative momentum of a novel.” Dem pflichte ich bei. Der fiktionale Charakter der Biografie nimmt die Leser oft mit, meist ist der Autor direkt bei Sinatra selbst. Der Preis dieser Schreibweise ist, dass der Leser nicht immer unterscheiden kann, was fiktional ist und was authentisch.
  • Kaplan weiß beispielsweise, dass Sinatra beim ersten Treffen mit Ava Gardner deren Hand „for just a second too long” drückte (S. 130).
  •  „Frank got of his car, flicked his cigarette into the gutter, ...” (S. 615).
  • Die Agenten der William Morris Künstleragentur waren freundlich zu Sinatra: „he could hear it in their voices over the phone” (S. 633).
All diese Details kann Kaplan nicht kennen. Die Grenze zwischen Fiktion und Tatsachen verschwimmt. Manchmal zeichnen die Details aber den richtigen Zeitkolorit. Auch dazu ein Beispiel: Die 50-er Jahre waren in den USA eine widersprüchliche Zeit: Aufstieg des Senators Joseph McCarthy und Aufbruch zu neuer Prosperität. Bob Weitman, Manager bei Paramount, flog nach Miami um sich Sonnenbräune zu holen (S. 517). Das könnte stimmen.
Die Leser werden mitgenommen und James Kaplan wird teilweise reißerisch, was aber die Biografie nicht immer gut tut. Dabei nimmt Kaplan kein Blatt vor dem Mund. Der untere Wendepunkt in Sinatras Karriere beginnt mit den Dreharbeiten zu From Here to Eternity. Darin gibt es die berühmt Kussszene mit Deborah Kerr und Burt Lancaster am Strand: „... Burt Lancaster rolled in the surf (and, off camera, the hay with Deborah Kerr) ...” (S. 594).
These vom Masterplan
Kaplan macht die Leser glauben, dass Sinatra nicht nur zielstrebig seine Karriere verfolgte (was wir schon wußten), sondern nach einem Masterplan vorging. (z.B. S. 141)
Man nimmt es dem Autor fast ab, wenn man Sinatras zielstrebige Wechsel bedenkt. Sein Wechsel vom Gesangsstar mit dem Tommy Dorsey Orchester zum Solosänger beimColumbia war ehrgeizig und wagemutig (S. 131). Solosänger gab‘s bis dahin im C&W Bereich, ansonsten waren Sänger und Sängerinnen an eine Big Band gekoppelt.
Aber es stand (auch ohne Sinatra) ein Wechsel bevor von den aufwändigen Big Bands zu kleineren Einheiten (die es immer schon gab, aber in der Swingzeit nur nebenbei), vom geschmeidigen orchestralen Swing zum zerfahrenen, überhastigen Be-Bop Stil. Beschleunigte Sinatra den Prozess? Wohl eher nicht, er hatte einfach den richtigen Riecher.
Wenn Sinatra einen Masterplan hatte, dann war seine Neigung zum Alkohol stärker. Zu den Dreharbeiten von From Here to Eternity war er mit Montgomery Clift außerhalb der reinen Arbeiten nahezu ständig betrunken (S. 607). Dies obwohl er sich mit der Filmrolle (und das Gelingen mit ihr) aus dem Sangestief unbedingt befreien wollte.
Gegen die Behaupotung der rigorosen Verfolgung eines Masterplans spricht beispielsweise auch Sinatras Affäre mit Ava Gardner und seine häufigen Attacken auf Journalisten, u.a. (siehe z.B. 388).
Kritik
  • Manchmal bleibt Kaplan unverständlich, so wenn er plötzlich mit Sibelius aufwartet (S. 138). Erst später wird klar, dass er damit den Norweger Axel Stordahl meinte: Geografie ist keine Stärke der US-Amerikaner.
  • Schwerwiegender ist, dass sich Kaplan mit den Affären Sinatras und und mit dessen Ehe mit Ava Gardner zu ausführlich beschäftigt. Alleine für eine Streitszene zwischen den beiden opfert er vier Seiten (S. 547-551). Das wird all jene nerver, die meinten Frank: The Voice zu lesen.
  • Da ich die Biografie bereits 2011 las wunderte ich mich, dass sie zu Beginn des Kapitels 33 (S. 579) erst beim Jahresanfang 1953 angelangt war. Erst Jahre später erfuhr ich, dass Kaplan einen zweiten Teil The Chairman nachschob.
  • Das Register (Sach– und Personenrergister gemischt) ist unvollständig. So fehlt z.B. Lauritz Melchior (S. 18), Johannes Brahms (S. 470). Auch Claude Debussy, Jacques Ibert, Maurice Ravel (S. 618) fehlen, dagegen ist der ebenfalls auf S. 618 erwähnte englische Komponist Frederick Delius im Index aufgeführt.
  • Der Index enthält elf Spalten zu Frank Sinatra: ein seltsames Unterfangen in einer Sinatra-Biografie.
Nice to Know
  • Am 12.8.1952 nahm Louis Bellson als Schlagzeuger im Orchester von Duke Ellington das sausende, rhythmische „Skin Deep” auf. Wenige Monate später traf Sinatra ihn und seine Frau Pearl Bailey (S. 582).
  • In zweiter Ehe war Ava Gardner 1945–1946 mit Artie Shaw verheiratet. Dieser nötigte sie u.a. The Magic Mountain und Buddenbrooks zu lesen. Außerdem brachte er ihr Schach bei bis sie ihn darin schlug (S. 393).
Frank: The Voice ist ein amüsant zu lesendes Buch über die ersten vierzig Jahre aus Sinatras Leben. Wenn es um den Künstler Sinatra geht ist Kaplan punktgenau und teilt mehr Lob als Tadel aus. Im privaten Leben dominieren die Liebesaffären Sinatras bis zur Ausschweifigkeit. Die hätte James Kaplan zugunsten der Musik kürzen können.
Links
SinatraJames Kaplan: Frank - The Voice
SinatraBücher über Sinatra
SinatraDay In, Day Out
SinatraBillboard Top 100 für 1945
SinatraMichiko Kakutani: „And When I’m Gloomy, You Simply Gotta Listen to Me”, New York Times, 31.10.2010
SinatraFrom Here to EternitySinatraVerdammt in alle Ewigkeit
Sinatra Musikalische Rezensionen – Literatur
Sinatra Robbie Williams: Swing When You're Winning
Frank Sinatra: "My Way" auf Sinatra Pop, Schwerpunkt Fifties
Sinatra Die drei bekanntesten philosophischen Sätze
Sinatra For Fools rush in where Angels fear to tread 
Sinatra Ciribiribin (Musik: Alberto Pestalozza; Text: Rudolf Thaler)
Sinatra Herberts Top 50
Sinatra 99 vows and lies
Sinatra Klassik im Pop
Literatur
Howlett, John (1985): Frank Sinatra. Seine Filme - sein Leben. München: Heyne.
Shaw, Arnold (1971): Sinatra. Retreat of the Romantic. London: Hodder.
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Kaplan SinatraJames Kaplan: Frank: The Voice. New York: Doubleday, 2010. Gebunden, 786 Seiten Kaplan
James Kaplan: Frank: The Voice. Anchor, 2015. Taschenbuch, 800 Seiten Sinatra

Weitere Literatur
Kaplan SinatraJames Kaplan: Frank: The The Chairman. Little, Brown Book Group, 2015. Gebunden, 992 Seiten Kaplan
James Kaplan: Frank: The The Chairman. Sphere, 2015. Taschenbuch, 979 Seiten Sinatra
Friedwald SinatraWill Friedwald: Sinatra! The Song Is You. A Singer‘s Art. Scribner, 1995. Gebunden, 560 Seiten. Friedwald
Will Friedwald: Frank Sinatra: Ein Mann und seine Musik - Die Biographie. Hannibal, 1996. Gebunden, 397 Seiten Sinatra
Havers SinatraRichard Havers: Sinatra. Dorling Kindersley, 2007. Gebunden, 360 Seiten Havers
Richard Havers: Sinatra. Sein Leben, seine Musik, seine Filme. Starnberg: Dorling Kindersley, 2005.  Gebunden, 360 SeitenSinatra
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