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Dirigenten
Julian Caskel, Hartmut Hein, Hg.: Handbuch Dirigenten. 250 Porträts
Stuttgart: Metzler. Gebunden, 421 Seiten – Caskel LinksCaskel Literatur
Das Handbuch Dirigenten ist im Wesentlichen zweigeteilt aufgebaut:
  • sechs Essays
  • 250 Dirigentenporträts
Einleitung
Den Essays geht eine informative Einleitung (vermutlich von den beiden Herausgebern; eine Autorenangabe fehlt hier) voraus. In ihr wird die von den 18 Autoren (darunter die beiden Herausgeber) eingenommene Richtung beschrieben. Diese kommt den Laiennutzern (also mir) entgegen:
  1. Urteilsbildung über die Dirigenten anhand von Tonträgern
  2. Beschreibung der populären Charakteristika der Dirigenten (S. 7).
Das schließt nicht aus, dass auch Auftreten, Gestik und Schlagtechnik der Dirigenten zur Sprache kommen. Die Dirigentenporträts sollen Lust auf die (Wieder)Entdeckung machen und zu möglichst objektiven Urteilen kommen.
Das erste Ziel wird wirkungsvoll erreicht. Ich holte mehrmals nach der Lektüre eines Eintrags eine CD aus dem Regal und hörte sie mit neuer Einstellung an, die getroffenen Urteile wurden überprüft. Ob das zweite Ziel angemessen erreicht wurde kann ich als Laie nicht beurteilen.
Eine der ersten Frage zu den 250 Porträts ist: wie wurde ausgewählt?
Die folgenden Kriterien wurden der Auswahl zugrunde gelegt (S. 14):
  • diskografische Präsenz
  • ungewöhnliche Biografie
  • Eigentümlichkeit des Repertoires
  • Bedeutung des Dirigenten im Kontext
Ein wichtiges Kriterium wird in der dieser Auflistung nicht genannt: die Beschränkung auf 250 Einträge. Sie ist fragwürdig und wohl dem kernigen Untertitel verpflichtet. Allerdings meine ich, dass etwa „247 Dirigentenporträts” noch mehr Aufmerksamkeit erzeugt hätte.
Von den fehlenden Dirigenten werden in der Einleitung Ferdinand Leitner und Horst Stein genannt. Es fehlen aber auch Roy Goodman und Sándor Végh (beide sind diskografisch reichlich präsent). Es fehlen auch (vielleicht nur mit lokaler Bedeutung?) Hans Stadlmair und Kurt Graunke; beide komponierten auch. Eine Lösung ohne mehr Seiten wären 249 Haupteinträge und zusätzliche Kurzeinträge gewesen.
Das adjektivreiche Schreiben über Musik (in nicht genannten Vorgängerwerken) wird gegeißelt (S. 12). Meine Antennen waren geschärft. Soweit ich die Dirigentenporträts las vermieden sie die Anhäufung vieler wenig aussagekräftiger Adjektive und verfielen aber auch nicht ins Gegenteil einer zu nüchternen Beschreibung; im Gegenteil; die Einträge sind durchweg engagiert und fast immer mitreißend geschrieben.
Politische Verflechtung der Dirigenten
Eine weitere Vorgehensweise für das Abfassen der Dirigentenporträts war es bezüglich der NS–Zeit – die bei vielen Dirigenten eine grosse Rolle spielt – Fakten dazu nicht zu verschweigen aber auch nicht die Biografie darauf zu reduzieren (S. 15). Es gelang hervorragend das Politische zu problematisieren, aber nicht in den Vordergrund zu schieben, siehe beispielhaft Siegmund von Hausegger. Auf den Auschwitz-Leugner unter den Dirigenten (S. 15) bin ich noch nicht gestoßen.
Die Vorgehensweise zur politischen Haltung der Dirigenten gilt auch für die Zeit nach 1945, siehe beispielsweise den Lebenslaufeintrag zu 2013 bei Valery Gergiev (S. 167). Oder siehe die DDR– oder Sozialismus-Nähe (oder –Ferne) mancher Dirigenten wie Otmar Suitner oder Herbert Kegel. Bei Suitner nimmt Autor Julian Caskel die Gelegenheit wahr und referiert – sehr erhellend – über den spezifischen DDR-Klang. Ich wusste bislang nicht, dass es so etwas außer in der Literatur auch in der Musik gab.
Essays
  • Komponierende Kapellmeister und dirigierende Konzertmeister: Zur Vorgeschichte des "interpretierenden Dirigenten"
  • Dirigenten, Komponisten und andere Diktatoren
  • Der Dirigent "im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit"
  • Dirigent und Probe
  • Aspekte einer Kultur- und Ideengeschichte des Dirigierens
  • "Werktreue" und die "Aura" des Dirigenten: Eine Einführung in ein ästhetisches Dilemma
Dirigenten A bis Z
Die Dirigentenporträts wurden von 18 Autoren verfasst. Sie folgen diesem Schema:
  • tabellarischer Lebenslauf
  • Essay zum Dirigenten mit Schwerpunkt der interprettorischen Leistung und Eigenart
  • Diskografie
  • Kompositionen des Dirigenten
  • Bildmedien
  • Schriften des Dirigenten
  • Literatur über den Dirigenten
  • Webauftritt
Die Einträge sind auch für Laien sehr verständlich und aufschlussreich geschrieben. Über philosophische Sachbücher gibt es das Bonmot, jede mathematische Formel darin halbiert die Anzahl der Leser. Für Musiksachbücher gilt Ähnliches für Notenbeispiele (bezogen auf Nicht-Musikologen). Im Handbuch Dirigenten gibt es kein Notenbeispiel, dafür ausreichend prägnante Beschreibungen. Man lese beispielsweise zu Valery Gergiev: „er führt nur mit den Händen dieselben bis in die einzelnen Fingerspitzen zitterenden Bewegungen aus und wirkt wie jemand, der gerade das Rauchen aufgegeben hat” (S. 168).
Nur selten blieb mir etwas unverständlich, wie bei Karl Böhm: „Dass das klangliche Ergebnis seiner Einspielungen bisweilen eine gewisse Kühle vermittelt, mag auch der inzwischen schon etwas in die Jahre gekommenen Aufnahmetechnik geschuldet sein” (S. 95). Meinte Autor Andreas Dormann damit, dass mit den Jahren die damaligen Aufnahmen heute nicht mehr angemessen an die Hörer kommen? Die  Aufnahmetechnik hat sich ja wohl mit den Jahren verbessert, oder? Unerwähnt bleibt bei Böhm (und anderen Dirigenten?), dass die Interpretationen (zum Teil?) heutzutage nicht mehr als vollwertig angesehen werden oder nicht mehr dem Zeitgeschmack entsprechen. So hörte ich es jedenfalls in einem Musikfeature des Deutschlandradios am Februar 2016 von Reiner Wehle, Professor und Autor an der Musikhochschule Lübeck und Klarinettist: Böhms Mozartsinfonien kann man heute nicht mehr hören! Da vermisste ich im Handbuch Dirigenten einen Einleitungsessay zu „Interpretationen einst und heute”.
Weil ich gerade beim Vermissen bin: angenehm wäre am Ende des Werks eine Umsortierung der Referenzaufnahmen (sie sind im Handbuch Dirigenten nur als „Tonträger” benannt, aber anderer Stelle als Referenzaufnahmen deklariert) nach Komponisten gewesen. Hieran haben die Herausgeber aber gedacht und sie stellen diese Liste als „Verzeichnis aller Referenzaufnahmen” im Online-Zusatzangebot zur Verfügung (siehe Caskel Links unter @Bärenreiter).
Kurzlinks: ein weiterer Service
Über die Kurzlinks auf der Bärenreiter-Seite (siehe Caskel Links unter Kurzlinks) kann man die bei den Dirigenten angegebene Webauftritte erreichen. Man sucht dort nach "BVK2174"–Referenznummer beim Dirigenteneintrag. Gleich beim ersten Dirigenten "Abbado, Claudio" kann man Vor- und Nachteile dieses Services erproben.
  • Für den 1. Webeintrag abbadiani.it geht man auf http://links.baerenreiter.com, tippt dort BVK2174-0001 in die Suchmaske und schon gelangt man ans Ziel. Einfacher wäre es gleich "abbadiani.it" in den Browser zu klopfen.
  • Für den 2. Webeintrag bei Abbado schaut es anders aus: statt den langen URL http://www.ne.jp/asahi/claudio/abbado/discography/discography_frame.html einzutippen, geht man auf Kurzlinks bei Bärenreiter, tippt dort "BVK2174-0002" in die Suchmaske und schon gelangt man ans Ziel.
Man sieht: je nach Komplexität des gewünschten Webeintrags sollte man das eine oder andere Verfahren bevorzugen. Das Verfahren via die Kurzlinksseite bei Bäreneiter könnte den zusätzlichen Vorteil haben (nicht überprüft), dass dort die URLs auf den neuesten Stand gebracht werden.
Das sind nur wenige Einwände, die dem gelungenen Handbuch Dirigenten unterm Strich nichts ans Zeug flicken können.
Das Handbuch Dirigenten richtet sich an einen breiten Leserkreis und kann den bestens bedienen. Es gibt besonders für Laien eine willkommene Leitlinie und ein zuverlässiges und verständliches Referenzmaterial.
Links
Caskel@ Bärenreiter, mit ergänzenden Materialien, beispielsweise Register der 250 Dirigentennamen, Personenregister, Verzeichnis aller Referenzaufnahmen
CaskelKurzlinks, Nach Eingabe des Kurzlinks werden Sie auf die entsprechende Internetseite weitergeleitet.
CaskelDr. Julian Caskel
CaskelDr. Hartmut Hein
CaskelEuropäische Dirigentinnen
CaskelGeorg Günther: Handbuch Dirigenten. 250 Porträts, 22.11.2015
CaskelDirk Hühner: Sachbuch - Julian Caskel / Hartmut Hein: "Handbuch Dirigenten. 250 Porträts", kulturradio 30.12.2015 
CaskelFridemann Leipold: Handbuch Dirigenten, 7.01.2016
CaskelListe bekannter Dirigenten und Dirigentinnen
CaskelGespräch mit Arnd Richter, WDR 3 TonArt
CaskelChristoph Vratz: Neues Dirigenten-Handbuch - Vom Ansatz her ohne Konkurrenz, 2.9.2015
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Caskel CaskelJulian Caskel, Hartmut Hein, Hg.: Handbuch Dirigenten. 250 Porträts. Stuttgart: Metzler. Gebunden, 421 Seiten

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Hattinger CaskelWolfgang Hattinger: Der Dirigent: Mythos - Macht - Merkwürdigkeiten. Stuttgart: Metzler. Broschiert, 320 Seiten Rölcke
Eckhard Roelcke:  Der Taktstock: Dirigenten erzählen von ihrem Instrument. Paul Zsolnay, 2000. Gebunden, 192 Seiten Caskel
Scherchen CaskelHermann Scherchen: Lehrbuch des Dirigierens: Mit zahlreichen Notenbeispielen. Schott, 2011. Taschenbuch, 328 Seiten Schreiber
Wolfgang Schreiber: Große Dirigenten: Mit einem Vorwort von Sir Peter Jonas. Piper, 2007. Taschenbuch, 544 Seiten Caskel
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