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Musik
Paul Stefan: Franz Schubert
Berlin: Wegweiser, 1928. Gebunden, 254 Seiten. 3. Band der 9. Jahresreihe des Volksverbandes der Bücherfreunde
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Schubert
 Die Biografie Franz Schubert des österreichische Musikhistorikers Paul Stefan, erschienen 1928 als 3. Band der 9. Jahresreihe des Volksverbandes der Bücherfreunde, kommt erstaunlich unverstaubt im 21. Jahrhundert an. Das erkennt man auch daran, dass sie in Neuauflage in den Jahren 2015 und 2016 herausgegeben wurde.
Die Absicht des Autors war es ein Buch für jedermann zu schreiben (S. 11), dabei seriös zu bleiben und nicht in Dichtung zu verfallen (S. 9). Das Werk gliedert sich in diese Teile:
  • Beginn und Beginnen
  • Schuberts Wien – Die Schubert Zeit
  • Ein Leben
  • Die Gestalt
  • Im Anhang finden die Leser Literatur, Zeittafel und das Bilderverzeichnis.
Im ersten Teil „Beginn und Beginnen” klärt Stefan über sein Schubertprojekt auf.

Im zweiten Teil „Schuberts Wien – Die Schubert Zeit” beschreibt er ausführlich das Leben in Wien zu Schuberts Zeit. Er verschweigt dabei die Schattenseiten nicht, aber das Hauptaugenmerk liegt bei der gutbürgerlichen und höfischen Gesellschaft. Neben dem öffentlichen Wien gab es wegen Zensur und Polizeidruck ein verborgenes, dem Schubert angehörte. Nach dem Wiener Kongress 1814/1815 trat das metternichsche System noch stärker in Erscheinung. Zensur und Bespitzelung seinerzeit war mir bekannt, doch nicht das Ausmass, wie es Stefan schildert (S. 34-35). Andrerseits war Wien auch die deutschsprachige Kunststadt schlechthin, die Empore der Romantik (S. 38). „Musik wurde überall geübt. Es gab keinen jungen Menschen beiderlei Geschlechts von einiger Bildung, der nicht ein Instrument oder Gesang betrieben hätte.” (S. 51-52).

Den Hauptteil (163 von 254 Seiten) bildet die Beschreibung und Deutung des Lebens und des Werks des begnadeten Komponisten Schubert.
Sehr beeindruckte mich die Beschreibung der Schaffensjahre 1815–1817 in denen Schubert wohl ununterbrochen Werke zu Papier brachte (S. 120–121).
Der Spitz– oder Kosename für Schubert „Schwammerl” für Franz Schubert wird oft verniedlichend und abwertend aufgefasst. Doch Stefan streicht heraus, wie selbstbewusst Schubert seinen Weg ging. Er beanspruchte in seinen Kreisen eine Sonderstellung und verzichtete auf manche Stelle, die ihm zuviel Zeit gekostet hätte; andere, für die er sich bewarb, bekam er erst gar nicht. Der Musikforscher  Peter Gülke stellte dies fast siebzig Jahre später ebenfalls heraus. Schubert pochte auf das  Privileg der freien Existenz, auch wenn es ihm keinen Platz an der Sonne erlaubte (Gülke 1996). In gewisser Weise gleicht er dabei Richard Wagner, wenngleich dieser bedeutend erfolgreicher darin war, seine Kompositionstätigkeit und seine Werke zu vermarkten.
Ausführlich geht Stefan auf die Bühnenwerke ein, zu denen Schubert Musik komponierte. Die Klaviersolowerke und andere Instrumentalmusik kommen zu kurz – meint amn. Es wird im letzten Kapitel nachgeholt. Bei der Klaviermusik begründete Stefan, dass er deren Besprechung im  vorherigen Teil absichtlich aussparte (S. 244), vielleicht weil er Kammermusik und Klavierwerke im Zusammenhang besprechen wollte und nicht im chronologisch ausgerichteten Hauptteil.
Zur „Winterreise” meint Paul Stefan äußerst treffend: Die Musik spricht eine Sprache, die gleichsam nicht mehr aus einer Folge von Tönen, sondern unmittelbar aus der Seele dringt, nicht mehr von dieser Erde herkommt, sondern von einer anderen Welt.” (S. 212).
Es störte mich etwas, dass Stefan bei vielen, vor allem den späten Kompositionen wiederholt, dass sie auf die Zukunft verweisen. Obwohl das natürlich auch andere Kenner betonen, so zum Streichquintett C-Dur, D 956: "Dieses Werk entstand im Schuberts Todesjahr 1828, und es scheint seiner Zeit vorausgeeilt zu sein" (Clemens Prokop, Musikwissenschaftler, auf BR Klassik). Die Häufung dieser Bemerkungen störte mich (wenn auch nur geringfügig). Und dass der Autor sehr oft von Schuberts Tod zurückrechnet und darauf hinweist, wie wenig Zeit Schubert noch blieb. Dabei sollte man Franz Grillparzer denken, der in seiner Grabrede für Schubert sagte: „Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz, aber noch viel schönere Hoffnungen.” Hätte Schubert länger gelebt, hätte er noch sehr viel mehr herrliche Werke geschaffen. Ob die dann alle auf die Zukunft verwiesen hätten?
Im letzten Textteil „Die Gestalt” geht Stefan auf die Rezeption Schuberts nach seinem Tode ein und dass er im Laufe der Jahre doch die Anerkennung erhielt, die der geniale Tonschöpfer schon zu Lebzeiten verdient hätte. Außerdem geht er – wie oben schon erwähnt – auf Kammermusik und die Klavierwerke ein und läßt Schuberts Leben nochmals im Schnelldurchgang Revue passieren.
Franz Schubert der Schlafwandler?
Oft zitiert und diskutiert ist Alfred Brendels Vergleich der Arbeitsweise zwischen Franz Schubert und Ludwig van Beethoven:
„Im Vergleich zu Beethoven, dem Architekten komponierte Schubert wie ein Schlafwandler. In Beethovens Sonaten verlieren wir nie die Orientierung; sie rechtfertigen sich in jedem Augenblick. Schuberts Sonaten ereignen sich auf eine rätselhaftere Weise; um es österreichischer zu sagen: sie passieren.”
(Alfred Brendel: „Schuberts Klaviersonaten 1822 – 1828”, S. 183. In Brendel 2008, S. 177-199)
Paul Stefan steuert dazu einige erhellende Anmerkungen bei.
  • Über die Entstehung des Lieds „Gretchen am Spinnrad”: „Das war kein Bessern und Bosseln, wie es die Entwürfe eines Beethoven zeigen. Schubert schrieb wie unter einem Diktat.” Der Sänger Johann Michael Vogl nannte es Trance und Hellsehen. Stefan weiter: „Es war vielleicht etwas Ähnliches und war doch bewußte Arbeit” (S. 102).
  • Schuberts Freund Joseph von Spaun zitiert Stefan mit: Schubert „war ungemein fleißig und die Melodien strömten nur aus ihm”. (S. 118).
  • Schuberts Freund Anton Holzapfel schrieb an  Joseph von Spaun: „Die Schubert näher kannten, wissen, wie tief ihn seine Schöpfungen ergriffen und wie er sie in Schmerzen geboren hat. Wer ihn nur einmal an einem Vormittag gesehen hat, während er komponierte, glühend und mit leuchtenden Augen, ja selbst mit anderer Spracher, einer Somnabule ähnlich, wird den Eindruck nie vergessen” (S. 171)
Ich meine, diese Zeugnisse von Schuberts Freunden und Bekannten unterstreichen was Alfred Brendel sagte und wohl auch meinte und stellen es in den  richtigen Kontext.
Paul Stefans Biografie zu Franz Schubert von 1928 ist keinesfalls verstaubt und für alle Schubertfreunde und solche, die es werden wollen, zum Lesen empfohlen.
Links
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Literatur
Brendel, Alfred (2008): Über Musik: Sämtliche Essays und Reden. München, Zürich: Piper.
Gülke, Peter (1996): Franz Schubert und seine Zeit. Laaber
Pesic, Peter (1999): „Schubert’s Dream”. 19th-Century Music 23:2, S. 136-144.
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