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Piatigorsky
Gregor Piatigorsky: Mein Cello und ich und unsere Begegnungen
[Cellist, 1965] Else Winter, Übs. München: Dtv, 1983. Taschenbuch, 224 Seiten – Piatigorsky LinksPiatigorsky Literatur
Piatigorsky
Gregor Piatigorsky fiel mir als erstes als Sponsor von Schachturnieren auf. Der Piatigorsky Cup wurde zweimal ausgetragen: Los Angeles 1963 und Santa Monica 1966, gesponsert durch die Piatigorsky Foundation. Obwohl auch Gregor ein guter Schachspieler war, stand hinter den Schachturnieren vor allem Jacqueline Piatigorsky, eine geborene Rothschild, und eine der stärksten Schachspielerinnen der USA.

Erst viel später beschäftigte ich mich mit klassischer Musik und jeder, der Klassik liebt, stolpert früher oder später über das „Millionen-Dollar-Trio”: Arthur Rubinstein (Klavier), Jascha Heifetz (Violine) und William Primrose (Viola), Zu diesen gesellte sich in verschiedenen Formationen auch Gregor Piatigorsky (Cello).
Zahlreiche Aufnahmen bezeugen die hervorragende musikalische Zusammenarbeit.
In Mein Cello und ich und unsere Begegnungen (Original: Cellist, 1965) erzählt der Cellist in zahlreichen Kapiteln und Anekdoten über seine musikalische Laufbahn. Als Motto könnte ein Bekenntnis aus dem letzten Kapitel dienen: Für Piatigorsky ist das Cello Teil aller Dinge und der Mittelpunkt des Weltalls (S. 215).
Die Begabung des jungen Piatigorsky (* 1903 in Jekaterinoslaw, in der heutigen Ukraine) wurde schon bald erkannt. Damit begann ein unstetes Leben, vor allem nach seiner Flucht nach Polen im Jahre 1921. Dabei wurde mir nicht ganz klar, warum er mit der Grenzüberschreitung auch alle Brücken hinter sich abgebrochen hat (S. 46). Oder lag das an der politischen Situation? Damit kommt ein Manko dieser Erinnerungen zutage: Piatigorsky beschränkt sich auf seinen musikalischen Werdegang und die zahlreichen  Begegnungen, meist mit Musikerkollegen. Sein Privatleben und das gesellschaftlich-politische Geschehen der jeweiligen Zeit bleibt unerwähnt.
Interessant ist, dass  Piatigorsky zeitlebens einen Nansenpass (ein Pass für staatenlose Flüchtlinge und Emigranten) hatte: er war Weltbürger ohne Nationalität. In einer Person war er am Morgen ein bei der Einreise streng kontrollierter Flüchtling und am Abend desselben Tages der Ehrengast der Regierung (S. 108). So ähnlich geht es auch vielen heutzutage in Deutschland, wenngleich in zwei Personen. Der eine Schwarzafrikaner wird als unterste Schublade behandelt (oder noch krasser: wenn er sich integriert hat ist er das Schlimmste, das Deutschland treffen kann; so Andreas Scheuer, CSU; siehe Piatigorsky Links), dem anderen werden Millionen gezahlt und ihm wird aus der VIP Lounge in der Fußballarena zugejubelt (obwohl er als Wirtschaftsflüchtling zu betrachten ist).
Anscheinend setzte sich Piatigorsky immer auch für die zeitgenössische Musik ein, oder zumindest für neue Musikstücke (mögen sie auch alt sein). Er untermauerte das mit dem Hinweis, dass man auch nicht zweimal dasselbe Buch liest oder zweimal denselben Film anschaut oder zweimal hintereinander dieselbe Speise ißt (S. 117); ein interessanter Gedanke.
Willem Mengelberg und die Tempi

Gregor Piatigorsky spielte in der New Yorker Carnegie Hall auch einmal mit dem Dirigenten Willem Mengelberg und machte eine ähnliche Erfahrung wie Arturo Toscanini und wohl noch viele andere.
Mengelberg nahm das Tempo viel zu langsam. In der Pause bat Piatigorsky den Dirigenten doch ein schnelleres Tempo zu nehmen. Mengelberg entgegnete: „Ich habe dieses Cello-Konzert mit dem Komponisten selbst studiert, und das Tempo, welches ich nehme, ist das richtige.” Der Künstleragent Arthur Judson verteidigte Mengelberg: dieser habe seine Informationen indirekt durch einen Urgroßneffen Beethovens oder eine Großtante vom Urenkel Bachs erhalten. (S. 159-160)

Der Biograph Mengelbergs Frits Zwart beschreibt Mengelbergs Eigenarten so:
„Als Beethoven-Schüler dritten Grades führte er dessen Werke unter anderem anhand der Informationen und Einsichten seines Lehrers am Kölner Konservatorium, (1832-1902) auf. Dieser hatte seinerseits wiederum bei Beethovens Freund, Sekretär und Biograph Franz WüllnerAnton Schindler (1795-1864) studiert. Eine vergleichbare Überlieferungslinie gab es vermutlich auch bei der Interpretation von Werken von Johannes Brahms über dessen Freund und Förderer, den Geiger Joseph Joachim (1831-1907), mit dem Mengelberg bereits in seinem zweiten Jahr als Dirigent des Concertgebouw-Orchesters (1896) eine Reihe von Konzerten gab.” (Zwart, S. 51-52)

Um Retouchen an einer Partitur Peter Tschaikowskys zu rechtfertigen berief sich Willem Mengelberg gerne auf dessen Bruder Modest Tschaikowsky. Ein Mitglied des Concertgebouw-Orchesters rief einmal, als Mengelberg eine nicht vorschriftsmäßige Instrumentenverdoppelung in einem Bach-Stück verlangte: "Oh, das hat er sicher vom Modest Bach!"
Rutger Schoute: "Willem Mengelberg", Beilage zu Beethoven: Die 9 Sinfonien


Als Willem Mengelberg, von dem Arturo Toscanini keine hohe Meinung hatte, es wagte, ihm Dirigierratschläge zu erteilen, war Toscanini wütend:
Reden, reden, reden, das war Mengelberg. Einmal kam er zu mir und umschrieb wortreich die richtige deutsche Art und Weise, Beethovens Coriolan Ouvertüre zu dirigieren. Er habe sie – so beteuerte er ernstlich – von einem Dirigenten, der sie angeblich direkt von Beethoven habe. Pah! Ich sagte ihm: »Ich habe es direkt von Beethoven selbst, aus der Partitur.« (Zwart, S. 56)
Diese Anekdote wird auch bei Christopher Dyment (S. 115) angeführt. Dyment beruft sich dabei auf Howard Taubman. Diese letzte Stelle konnte ich nicht im Orignal überprüfen, zitiere sie hier aber aus dem Dyment-Werk:
Talk, talk, talk. That was Mengelberg. Once he came to me and told me at great length what was the proper, German way to conduct Beethoven's Coriolanus. He had got it, he said quite seriously, from a conductor who supposedly had got it straight from Beethoven. Bah! I told him: »I get it straight from Beethoven, from the score.« (Taubman, S. 180)

Trotz des – zumindest am Beginn seiner Laufbahn – harten Musikerlebens spricht aus nahezu allen Kapiteln der humorvolle, musik– und lebensbejahende Künstler. Nur selten passieren peinliche oder gar ärgerliche Szenen, meist ist  Piatigorsky mit allen Kollegen auf gutem Fuß und trifft sie immer wieder auf seinen Konzertreisen.
  • So beschreibt er verschmitzt die Proben als junger Künstler, die am Morgen begannen und so lange dauerten, „bis auf dem glattrasierten Gesicht von Herrn Krisch wieder Bartstoppeln standen” (S. 36).
  • Entgegen der Meinung von Laien machte Piatigorsky die Erfahrung, dass in den meisten Orchestern mindestens ein Mitglied ist, das gegen Musik allergisch ist (S. 160).
  • Köstlich ist auch die Anekdote über Fans, die nach einem Konzert Autogramme wollten. Der Anführer der Gruppe stellt Piatigorsky die naive Frage: „Ist es wahr, daß Sie der größte Cellist der Welt sind?” Piatigorsky antwortete: „Nein!” Das verkündete der Anführer seinen Leuten: „Er ist es nicht. Er hat es selbst gesagt!” und die Gruppe verschwand.
Begegnung mit William S. Maugham

Bei einem Konzert in Monte Carlo gab es eine ungewöhnliche kleine Zuhörerschaft. Als sich nach dem Konzert Piatigorsky verbeugte war gar nur noch eine Person im Saal, die jedoch heftig applaudierte. Jahre später traf der Cellist William Somerset Maugham, der sagte, dass er ihn nur einmal und zwar in Monte Carlo live erlebt habe (S. 187).

Wie der Buchtitel verkündet, geht es um Piatigorsky, sein Cello und ihre Begegnungen (oder wie im Originaltitel um den Cellisten Piatigorsky). Das wird voll und durchgehend unterhaltsam eingelöst. Über Piatigorskys Privatleben, abseits vom Cello, erfahren die Leser nichts; kein Wort über sein Familienleben oder die Sponsorentätigkeit.
Also: Piatigorsky-CD oder –Schallplatte aufgelegt und zum Lesen anfangen! Puristen können es auch hintereinander machen.
Links
PiatigorskyGregor Piatigorsky
PiatigorskyJacqueline Piatigorsky
PiatigorskyPiatigorsky Cup
PiatigorskyMilestone for a Benefactor of Historic Matches (Jacqueline Piatigorsky Turns 100) New York Times, Nov. 19, 2011
Piatigorsky William S: Maugham
Piatigorsky Zu Werken, Büchern und Verschiedenem der Klassischen Musik
Piatigorsky Kunterbuntes zur klassischen Musik, ihren Genies, Interpreten und Fans
Piatigorsky Zitate Andreas Scheuer, CSU
Literatur
Christopher Dyment: Conducting the Brahms Symphonies: From Brahms to Boult. Boydell, 2016.
Howard Taubman: Toscanini. London: Odsham, 1951
Frits Zwart: Willem Mengelberg (1871-1951). Leben und Werk eines gefeierten und umstrittenen Dirigenten und Komponisten. 2008.
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Piatigorsky PiatigorskyGregor Piatigorsky: Mein Cello und ich und unsere Begegnungen. [Cellist, 1965] Else Winter, Übs. München: Dtv, 1998. Taschenbuch, 224 Seiten Piatigorsky
Gregor Piatigorsky: Mein Cello und ich und unsere Begegnungen. München: Dtv, 1983. Taschenbuch, 224 Seiten Piatigorsky


King
Terry King:  Gregor Piatigorsky: The Life and Career of the Virtuoso Cellist.  Mcfarland, 2010. Taschenbuch, 358 Seiten Piatigorsky
Piatigorsky PiatigorskyJascha Heifetz, Gregor Piatigorsky, u.v.a. The Heifetz Piatigorsky Concerts. RCA Red Seal 2013. 21-CD Box-Set

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 Jascha Heifetz, Gregor Piatigorsky: Violin Concerto - Double Concerto. Chicago Symphony Orchestra, RCA Victor Symphony Orchestra . RCA Red Seal 2004 Piatigorsky
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 19.10.2016