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Skrjabin
Igor Fjodorowitsch Belsa: Alexander Nikolajewitsch Skrjabin
Christoph Hellmundt, Übs. Berlin: Neue Musik, 1986. Gebunden, 242 Seiten – Skrjabin LinksSkrjabin Literatur
Von Igor Fjodorowitsch Belsa (1904-1994) sind zahlreiche Werke zur Musik und ihre Komponisten bekannt. Über den Autor selbst konnte ich nichts erfahren.
Die Biografie erschien erstmals 1986 auf deutsch. In für den Laien verständlicher Form werden Leben und Werk Skrjabins beschrieben.
  • Dabei kam mir das Leben, insbesondere das Privatleben Skrjabins etwas zu kurz.
  • Seine Weltanschauung wurde auf das für die russische Linie der Erscheinungszeit der Biografie Passende reduziert. Mystik, Symbolismus und Theosophie kommen nur kursorisch vor und werden erst im Epilog etwas ausführlicher behandelt. Davon weiter unten mehr.
Glaubt man Belsa, dann kam Skrjabins Musik schon zu seinen Lebzeiten sowohl bei Kollegen, als auch Kritikern und Publikum gut an. Nur gelegentlich nennt Belsa ablehnende zeitgenössische Stellungnahmen. Eine Konzertreise nach Mittel– und Westeuropa im Jahre 1896 verlief erfolgreich (S. 52-53). Skrjabin schreibt im März 1896 aus Paris an seinen Verleger Mitrofan Petrowitsch Beljajew:
„Man lädt mich buchstäblich jeden Tag irgendwohin ein und ist ungewöhnlich liebenswürdig zu mir ... Ich habe in vielen Pariser Salons gespielt und viele musikalische Freunde gewonnen” (S. 54).
Ist ein Biograf ein Fan seines Hauptdarstellers – wie hier Igor Belsa – kommt das der Biografie zugute, doch sollte er dabei auf dem Boden bleiben. So setzt Belsa an einigen Stellen Werke von Skrjabin in ihrer Popularität mit Konzertheulern gleich: das 2. Klavierkonzert Rachmaninows und das 1. Klavierkonzert Tschaikowski mit Skrjabins einzigem Klavierkonzert op. 20 (S. 88). Da mangelt es Belsa gelegentlich an Nüchternheit. So findet man beispielsweise beim Magazin Focus unter den TOP 30 der Klassik folgende Klavierkonzerte
  • Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur
  • Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur
  • Robert Schumann: Klavierkonzert a-Moll
  • Peter Tschaikowski: Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll
  • Sergej Rachmaninow: Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll
  • Sergej Prokofjew: Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur
aber kein einziges Werk von Skrjabin.
Skrjabins privates Leben kommt bei Belsa zu kurz.
Die vier Kinder mit seiner ersten Frau werden in einem einzigen Absatz abgehandelt (S. 108). Selbst sein musikalisches Leben hat Lücken. Nebenbei liest man vom Bruch zwischen Skrjabin und dem Dirigenten und Mäzen Kussewitzky (S. 184). Wer darüber Näheres wissen will dem empfehle ich: Lengersdorf (2015). Es fehlt auch die Begegnung mit Theosophen in England und Brüssel.
Werksbeschreibungen
In die Chronologie eingeordnet finden die Leser ausführliche Werksbeschreibungen. Sie geben dem Hörer der Skrjabinischen Musik wertvolle Hinweise. Das wird untermauert von Briefauszügen und garniert mit Bemerkungen von Zeitgenossen.
Die Werke im Kontext stellen das gelungene Rückgrat dieser Biografie dar.
Skrjabins Weltanschauung
wird im Text großteils auf einen „sozialen Kampf” (S. 101) oder „erbitterten Kampf” (S. 104) reduziert. Was davon in Skrjabins Werken zu spüren ist wird auf die kommende Oktoberrevolution 1917 projeziert. Seine Grundbegriffe seien Erfahrung, Vernunft und Glauben, das höchste Prinzip kommt in „Gott ist die Liebe” zum Ausdruck (S. 112). Andrerseits vertritt Skrjabin die Idee vom Menschen, der die Macht habe im Kampf um das Glück zu bestehen. Skrjabin: „Das Leben ist die Überwindung von Widerstand” (S. 168). Das scheint mir eine Haltung zu sein, die dem Zeitgeist entsprach, man denke an Friedrich Nietzsche, dessen Werke Skrjabin gut kannte. (Wie Nietzsche sammelte sich auch um Skrjabin eine Anhängerschaft , die sich ausdrücklich auf ihn berief.) Vergleiche dazu den Bergsteiger Leo Maduschka (Skrjabin Links) oder die Werke von Antoine de Saint-Exupery.
Oft setzt Belsa Skrjabins Weltanschauung in Beziehung zu den Anschauungen von Wladimir Lenin und Friedrich Engels, immer deren Ansichten bestätigend. Der menschliche Wille sich von der Knechtschaft zu befreien kann nicht gestoppt werden und nach dieser Befreiung winkt eine schöne Zukunft (S. 202).
Dabei liest man in anderen Quellen, dass Skrjabin Okkultismus, Theosophie, Symbolismus, Marxismus und indische Philosophie zwar verschlungen, aber zu einem ganz eigenen Weltbild zusammengefügt hat. Erst im Epilog (S. 198 – 225) geht Belsa darauf näher ein.
Dort schreibt der Verfasser lapidar: „Wir können uns in diesem kurzen Abriß nicht eingehend mit Skrjabins langem und qualvollen philosophischem Suchen befassen, das bis an sein Lebensende dauerte”. Elegant, aber wenig hilfreich zieht sich Belsa mit der These des polnischen Kunstwissenschaftlers Wiktor Kieswetter: „Die Weltanschauung eines Künstlers ist in seinem Werk enthalten” aus der Affäre (S. 207). Da hatte ich mehr erwartet.
Dass Belsa in dieser Biografie mit selektiver Wahrnehmung schrieb erkennt man an dem folgenden exemplarischen Detail. Musikkritiker Julius Engel – der seit 1896 Material zu Skrjabin gesammelt hatte – schrieb in der Zeitschrift Der musikalische Zeitgenosse Nr. 4/5, Dezember 1915 (also nach Skrjabins Tod), Skrjabin habe die marxistische Literatur nur durchgeblättert. Das will Belsa auf seinem Helden nicht sitzen lassen und führt ein Indiz an, dass dafür spricht, dass sich Skrjabin im historischen Materialismus gut ausgekannt hatte. Aus diesem Indiz folgert Belsa dann: „Er hatte [die marxistische Literatur] vielmehr aufmerksam studiert” (S. 219).
Anmerkung zur Aufführungspraxis
Der britische Dirigent Sir Henry Wood führte in London 1913 (?) den »Prometheus« in einem Konzert gleich zweimal auf. Das ahmte 1913 der russische Dirigent Alexander Siloti in Petersburg nach (Abbild des Programmzettels nach S. 177)
Das scheint mir auch für die Hörer der Musik Skrjabins ein patentes Konzept zu sein.
Gemeinsamkeiten mit Wolfgang Amadeus Mozart und Richard Wagner
Mit Wolfgang Amadeus  Mozart hatte Skrjabin das phänomenale musikalische Gedächtnis gemeinsam. Als Knabe (genau geht es aus dem Text nicht hervor, aber Skrjabin war nicht älter als zehn Jahre) konnte er ein  beliebiges Stück nach einmaligem Hören fehlerfrei auswendig nachspielen (S. 12). Das wird mit einem Beispiel belegt: Eine junge Frau spielte am Flügel eine Gavotte von Johann Sebastian Bach und ein Venetianisches Gondellied von Felix Mendelssohn-Bartholdy vor: „Darauf setzte sich der Knabe an das Instrument und wiederholte beide Stücke, die er sich beim Hören gemerkt hatte” (S. 13).
Und eine zweite Gemeinsamkeit: Mozart schloß sich 1784 der Freimaurerloge  "Zur Wohltätigkeit" an. Die  Freimaurerei ist ein ethischer Bund, dessen Mitglieder nach Höherem streben. Skrjabin zeichnete sich in späteren Jahren durch ein mystisch-naturphilosophisches Weltbild aus, für das er Sympathisanten warb.
Contra Mozart, der in nahezu allen musikalischen Formen Großes zu Papier brachte, findet man im 'Œuvre Skrjabins nur Klavier– und Orchesterwerke.
Mit Richard Wagner wiederum hatte Skrjabin gemeinsam, dass er – obwohl selbst aus begütertem Haus – zeitlebens auf Sponsoren angewiesen war und wechselnde langjährige Gönner fand, allerdings keinen König Ludwig. Außerdem strebten beide Komponisten danach das große Gesamtkunstwerk zu entwerfen. Auch hier hatte Wagner die Nase vorn.
Aufgrund der zahlreichen russischen Persönlichkeiten wäre für die deutsche Ausgabe ein Personenverzeichnis hilfreich gewesen. Auch ein Werkverzeichnis wird vermisst: der Erstleser wird nicht alle Werkanalysen lesen oder gar behalten. Bei späterer Gelegenheit muss man sie dann erst im Text suchen.
Für ein erstes Kennenlernen Skrjabins erscheint die Biografie brauchbar. Man liest sie aufmerksam; die Werkanalysen kann man sich für später aufbewahren. Zahlreiche Photoseiten ergänzen das Werk informativ. Interessiert man sich für Skrjabins Weltanschauung muss man wohl zu anderen Werken greifen.
Links
SkrjabinMitrofan Petrowitsch Beljajew
SkrjabinTop 30 – Die Klassik Besten
SkrjabinLengersdorf, Jörg (2015): „Alexander Skrjabin zum 100. Todestag“ - Ich bin eine Grenze, ein Gipfel, ich bin Gott (4). SWR2 Musikstunde, 30. April 2015 (pdf)
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