Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Liszt
Jan Jiracek von Arnim: Franz Liszt
St. Pölten, Salzburg: Residenz, 2011. Gebunden, 229 Seiten – Liszt LinksLiszt Literatur
Im Gedenkjahr für Franz Liszt (100-jähriger Geburtstag) legte Jan Jiracek von Arnim, Klavierspieler und Professor für Klavier an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien, eine schmucke Biografie von Franz Liszt vor. Dem Untertitel "Visionär und Virtuose" wird sie voll gerecht.
Der Autor gliedert in vier Abschnitte, eingerahmt von Epilog und Prolog, wie folgt:
  • Prolog: Bayreuth. Die letzte Reise
  • 1. Abschnitt
    Raiding. Die Ankunft des Kometen
    Wien. Der kleine Zauberer
    Paris. Le petit Liszt
  • 2. Abschnitt
    Krise und Depression
    Der Künstler erwacht
    Der Weg wird gewiesen
  • 3. Abschnitt
    Franz Liszt und Marie d‘Agoult – eine Liebe
    Wien und Franz Liszt  – eine Affäre
    Abschied vom Virtuosentum
  • 4. Abschnitt
    Weimar. Visionen und Utopien
    Rom. Innere Einkehr
    Zwischen Pest und Weimar. Zersplitterung
  • Epilog: Nachklang
  • Literatur, Zeittafel und ein Namensregister runden das Werk ab.
Der Prolog beschreibt die letzte Reise Liszts nach Bayreuth bis zu seinem Tod dort am 31. Juli 1886. Der Autor gibt damit die Stoßrichtung der Biografie vor: sie will – nach dem Prolog durchgehend – am Leben des Visionärs entlang die Geschichte Liszts mehr beschreiben als dokumentieren. Das macht sie lebendig und gut lesbar, ohne dass von Arnim wichtige Eckdaten vernachlässigt.
Die Begabung Franz Liszts wird von seinem Vater Adam – selbst Musiker – schon früh erkannt, gefördert und in Wien und Paris zum Wunderkind ausgebaut. Hier ist eine Parallele zu Leopold und Wolfgang Mozart. Doch Franz ist keine 16 Jahre alt (da irrt der Autor, S. 51), da stirbt der Vater auf Konzertreise in Boulogne-sur-Mer am Ärmelkanal. Die nachfolgenden Krisenjahre sieht der Biograf als entscheidend für den Werdegangs Liszts an.
Um Franz Liszt wurde es so still, dass eine Pariser Zeitung bereits einen Nachruf veröffentlichte (S. 57-58). Siehe dazu: Liszt Verfrühte Nachrufe.
Bei Wunderkindern denkt man oft an Naturbegabungen, die genialisch zu Höchstleistungen kamen. Meist ist es anders. Auch Wunderkinder arbeiten intensiv um ihre Begabung zu fördern. Liszt hatte auf seinen vielen Reisen eine stumme Klaviatur dabei, damit der ständig trainieren konnte (S. 115). Das  Visionär und Virtuose (Untertitel) zeigt sich beispielsweise darin, dass Liszt als erster Pianist öffentliche Konzerte alleine bestritt. Was heute ganz normal erscheint war in 1841 eine unerhörte Revolution (S. 116-117).
Um Franz Liszt als Solist am Klavier entstand ein Personenkult, der quasi-religiöse Züge annahm.
Gegenüber dem Virtuosen blieb aber der visionäre Komponist wenig beachtet. Von Arnims Biografie verdeutlicht, dass Liszts Leben zwar mit vielen Reisen ablief, aber auch mit langen stationären Aufenthalten, sei es in Wien, Paris, Weimar oder Rom. Sein Leben verlief in Phasen, die schon durch die Kapiteleinteilung angerissen werden: Wunderkind, gefeierter Pianist, Schwerpunkt Komposition, religiöse Ausbildung. In seinen umfangreichen Schriften betont Liszt, dass der Künstler eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft hat (S. 151). Wenn ich mich nicht irre, setzte sein Freund Richard Wagner den Schwerpunkt darauf, dass die Gesellschaft für das Wohlergehen des Künstlers (ihm) verantwortlich sei.
Liszts Enttäuschung über die fehlende Rezeption seiner Musik und damit dem Scheitern seiner Vision (während er gleichzeitig ohne jeglichen Neid die Realisation der Visionen Richard Wagners miterlebte) drückte er in dem bemerkenswerten Bonmot

„Munud vult Schundus”
 (S. 167) aus. Siehe dazu Zitate von Franz Liszt und Sebastian Franck unter Liszt Links.
Neben der künstlerischen und persönlichen Entwicklung liegt ein Augenmerk dieser Biografie auf den persönlichen Beziehungen Liszts, seien sie privater oder künstlerischer Art. Das wird – wie unten noch präzisiert wird – gelegentlich übertrieben.
Sehr prägnat schildert der Autor den Lagerkampf zwischen der Neudeutschen Schule und den Traditionalisten (S. 162-165).
Von Arnim beantwortet Fragen, die sich der Leser stellt und erleichert ihm damit die Einordnung des Geschehens.
Drei Beispiele:
  • Klemens Metternich hatte wenig Sinn für Musik (S. 43)
  • Paris hatte um 1830 etwa 1 Million Einwohner (S. 63)
  • Die Salons, auf die Frederik Chopin seine Konzerte beschränkte,  fassten üblicherweise etwa 150 Zuhörer (S. 73)
Das sind wichtige Orientierungsdaten, die ich in anderen Biografien oft vermisse.
Wer Werksbeschreibungen erwartet, wird enttäuscht werden. Selbst die Entstehung wichtiger musikalischer Werke Liszts wird oftmals nur beiläufig genannt. Eine Ausnahme gibt es: die h-moll Sonate (S. 160).
Das schließt nicht aus, dass vereinzelt Charakterisierungen der Musik Liszts eingefügt werden, die für Laien wie mir aufschlussreich sind:
  • „Liszts Kompositionen pendeln immer wieder zwischen absoluter Akrobatik, ins Extrem gesteigerter Virtuosität – und poetisch-lyrischem Stil” (S. 199).
  • Liszt und Chopin waren beide nicht nur begnadete Komponisten sonern auch erfolgreiche Klavierlehrer. beide legten dabei Wert auf interpretatorische Fragen. Während bei Chopin beim Klavierspiel (und in seinen Kompositionen) das Singen im Vordergrund stand, legte Liszt Wert auf die Phrasierung, die immer variert werden sollte, wie beim Sprechen eines längeren Textes. Das wird mit den Parlando-Anteilen besonders in Liszts Ungarischen Rhapsodien deutlich: Musik imitiert Sprache (S. 202-203).
Ab dem Kapitel „Rom Innere Einkehr” scheint mir der Eifer des Biografen etwas zu erlahmen. Er flicht seitenweise Zitate ein.
Das beginnt mit dem Kampf der Fürstin Karoline von Sayn-Wittgenstein, der Geliebten und Lebensabschnittsgefährtin (dieser heute gängige Begriff passt hier wunderbar) Liszts, für die Annullierung ihrer Ehe. Deren Tochter Marie diktierte ihn der Schriftstellerin La Mara im Jahre 1901 und von Arnim zitiert ihn von S. 170 bis 179 (!). So interessant das für sich sein mag (Kirchengeschichte), so wenig gibt das für Franz Liszt her.
Ab da ging von Arnim scheinbar die Puste aus. Noch mehr Zitate werden eingeschoben.
Ein krasses Beispiel. Der Tagesablauf Franz Liszts interessiert die Leser. Aber warum muss von Arnim dafür aus einer anderen Lisztbiografie, der von Oliver Hilmes (München 2011) zitieren (S. 190)?
Verfrühte Nachrufe

Ähnliches passierte Mark Twain (und einigen anderen Persönlichkeiten).
Twain konterte. „... the report of my death was an exaggeration”.
Bei Friedrich Gulda lief es etwas anders. Er platzierte – etwas voreilig – seinen eigenen Nachruf.
Siehe dazu Gulda Zitate Friedrich GuldaLiszt Zitate Mark TwainLisztQuotes Mark Twain
Liszt Zurück zum Haupttext
Die Biografie Franz Liszt. Visionär und Virtuose läßt den Künstler und die Person von Franz Liszt prägnant vor dem geistigen Auge der Leser entstehen. Wer das Buch zuklappt kennt Franz Liszt und mit ihm weite Teile der Geistesgeschichte des 19. Jhdts.
Der musikalische Laie atmet auf, da keine detailreichen Werksanalysen gegeben werden. Die Werksbeschreibungen hätten jedoch umfangreicher ausfallen dürfen. Mit den genannten Einschränkungen liegt eine sehr empfehlenswerte Biografie vor. Wer noch wenig über Liszt weiß wird voll bedient und auch die Kenner werden einiges Neues erfahren.
Links
LisztFranz Liszt
LisztJan Jiracek von Arnim
Liszt Richard Wetz: Franz Liszt
LisztZu Werken, Büchern und Verschiedenem der Klassischen Musik
LisztKunterbuntes zur klassischen Musik, ihren Genies, Interpreten und Fans
Liszt Rezensionen von Sachbüchern allgemein
LisztZitate Sebastian Franck
LisztZitate Franz Liszt
Literatur
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Liszt Liszt Jan Jiracek von Arnim: Franz Liszt. Visionär und Virtuose. St. Pölten, Salzburg: Residenz, 2011. Gebunden, 229 Seiten


Hilmes Liszt Oliver Hilmes: Liszt: Biographie eines Superstars. München: Pantheon, 2011. Broschiert, 432 Seiten
Stegemann
Michael Stegemann: Franz Liszt: Genie im Abseits. Piper, 2011. Gebunden, 528 Seiten  Liszt
Bruckner Anfang

Liszt
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.2.2017