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Spinola
Herbert Blomstedt, Julia Spinola:
Herbert Blomstedt. Mission Musik. Gespräche mit Julia Spinola

Leipzig: Henschel – Bärenreiter: 2017. Gebunden, 183 Seiten – Spinola LinksSpinola Literatur
Im Juli 2017 wird Herbert Blomstedt 90 Jahre alt. Rechtzeitig dazu legte die Musikkritikerin Julia Spinola einen Gesprächsband mit dem großen Dirigenten vor. Sie begleitete ihn auf Reisen und besuchte ihn an Orten, die in seiner Biografie eine wichtige Rolle spielen. Als grobe Leitlinie der Gespräche dient der wechselhafte Lebenslauf, wechselhaft allerdings nur bezüglich der Orte, nicht seiner musikalischen Entwicklung. Blomstedt wurde in den USA geboren, seine Eltern kehrten aber schon bald nach Schweden zurück. Dort begann die musikalische Ausbildung. Im Laufe seiner Karriere leitete Blomstedt eine Vielzahl von Orchestern, darunter die Staatskapelle Dresden, das San Francisco Symphony Orchestra, das NDR Sinfonieorchester und das Gewandhausorchester Leipzig.
Trotzdem eine klare Gliederung fehlt, entsteht beim Lesen der Dialoge ein zusammenhängendes Bild.
Der Titelzusatz „Mission Musik” ist klug gewählt. Für den Sohn eines Adventisten-Pastors ist die Partitur die Bibel des Dirigenten. So konziliant er mit den Orchestermitgliedern, dem Publikum und seinen Dirigentenkollegen umgeht, so unerbitterlich ist er, wenn es darum geht, genau das umzusetzen, das der Komponist übermittelte. Er ist zwar gläubiger und bekennender Adventist, aber seine Missionierungsfeld ist die Musik.
Doch selbst hier läßt er den Dialog zu. Er konfrontiert das Orchester nicht mit seinem Konzept der Interpretation, sondern erarbeitet es zusammen mit dem Orchester (S. 106).
Ganz nebenbei beantwortet Blomstedt auch ungestellte Fragen: „Ohne Lebenserfahrung kann man nur die Noten spielen, aber nicht, was dahinter steckt” (S. 112). Freunde ganz anderer Musik, wie z.B. dem Blues, werden das bestätigen.
Oder zur wechselseitigen Beziehung von Emotion und Verstand in der Musik. Die Diskussion über den (Schein)Gegensatz von Emotion und Ratio wird immer noch geführt und geht bis auf Immanuel Kant zurück, wenngleich man Kants Begriffe nicht eins zu eins ins 21. Jhdt. übertragen darf:
„Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben, und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.” Immanuel Kant: AA III, Kritik der reinen Vernunft. 2. Auflage, Kapitel 22
Blomstedt fasst diesen scheinbaren Zwiespalt für die Musik knapp zusammen:
„Die Emotion ist oft das Wichtigste. Der Verstand ist natürlich notwendig, um uns unsere Grenzen aufzuzeigen. Der Intellekt muss immer steuern. Aber ohne die emotionale Seite ist er tot.” (S. 115).
Der Anhang ist hilfreich, da man mit dem Personenregister auch später noch etwas finden kann. Allerdings ist die Diskografie unvollständig. Es fehlt beispielsweise eine großartige Interpretation von Johannes Brahms: Symphonie Nr. 4 mit den Bamberger Symphonikern, 1995.
Das trübt aber den sehr guten Eindruck des gut lesbaren Gesprächsbands kaum.
Für alle Klassikfreunde sehr zu empfehlen, für Freunde des Dirigenten Blomstedt unverzichtbar. Alle Leser werden sicher nach der Lektüre Blomstedts Interpretationen mit anderen Ohren hören.
Links
BlomstedtHerbert Blomstedt
BlomstedtJulia Spinola
Blomstedt Julian Caskel, Hartmut Hein, Hg.: Handbuch Dirigenten. 250 Porträts. Stuttgart: Metzler, 2015.
Blomstedt Zu Werken, Büchern und Verschiedenem der Klassischen Musik
Blomstedt Kunterbuntes zur klassischen Musik, ihren Genies, Interpreten und Fans
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Literatur
Tobias Pfleger: "Blomstedt, Herbert". In: Julian Caskel, Hartmut Hein, Hg.: Handbuch Dirigenten. 250 Porträts. Stuttgart: Metzler, 2015. S. 92–94.
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Spinola BlomstedtHerbert Blomstedt, Julia Spinola: Herbert Blomstedt. Mission Musik. Gespräche mit Julia Spinola. Leipzig: Henschel – Bärenreiter: 2017. Gebunden, 183 Seiten

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