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Der Bayer kennt kein ü
Valentin Erl: Der Bayer kennt kein "ü"
Eine (fast) ernsthafte Betrachtung zum "Tschüs"/"Tschüss". Mit zahlreichen Ergänzungen
Alfred tschüss Bammesberger – Hans erl Baumgartner – Johann erl Lachner – Ludwig erl Merkle – Bernhard erl Stör
Hans triebel TriebelLudwig erl Zehetner erl Linkserl Literatur
      Viele Leute, die – wie ich – Bairisch als ihre Muttersprache betrachten und pflegen, haben bekanntermaßen eine Abneigung gegen das "Tschüs". Bisher bin ich der Meinung gewesen, diese Aversion liege einfach nur darin begründet, dass es sich bei jenem Wort um einen "preißischen" Import handle, der von vornherein mit Vorsicht zu genießen sei (auch dann, wenn behauptet wird, das "Tschüs" leite sich vom französischen "adieu" oder vom spanischen "adios" her, was übersetzt soviel bedeutet wie "Gott befohlen" oder "Behüt dich Gott", von dem wiederum unser "Pfiat di God" stammt).
      Nun aber habe ich einen anderen Grund dafür gefunden, warum uns das "Tschüs" so schwer über die Lippen geht, nämlich, weil es in der bairischen Sprache überhaupt kein "ü" gibt. Moment, könnte jetzt einer sagen, es gibt doch so viele Wörter, die man mit "ü" schreibt. - Richtig, man schreibt sie mit "ü", aber der Baier spricht sie nicht mit "ü", sondern beispielsweise mit "i" wie etwa Schissl (Schüssel), Diftla (Tüftler), Strimpf (Strümpfe), Hittn (Hütte), Minga (München), iwanaachti (übernächtig) und viele andere.
      Oder das "ü" wird zu einem "ia" umgeformt: siaß (süß), miad (müde), gmiatle (gemütlich), Kiah (Kühe) , Hosndial (Hosentürchen), Fiaß (Füße), Griaß di (Grüß dich) und so weiter.
      In einer Reihe von Wörtern verwandelt sich das "ü" in ein "u" oder eine Verbindung mit "u", z. B. Bruck (Brücke), Muggn (Mücke), hupfa (hüpfen), dadrucka (erdrücken); Ruam (Rübe), bruatn (brüten); Gfuih (Gefühl), abkuihn (abkühlen), auffuin (auffüllen). In manchen Gegenden spricht man anstelle des "ui" auch ein "ej", statt Gfuih also Gfejh...
      In Einzelfällen taucht das "ü" sogar als "ea" auf, so etwa in grea (grün) und Bleamal (Blümchen).
      Und dann gibt es noch zahlreiche Fälle, in denen man das schriftdeutsche Wort lieber gleich durch ein bairisches Wort ersetzt: küssen heißt bussln, pflücken = brocka, drüben = drent, Pfütze = Lacka, Lümmel = gscherter Lackl, Küken = Biwal oder Singal, Hühnchen = Henndl und und und...
      Bei einigen Begriffen wie Prüfung, Künstler, Gülle, den Eigennamen Hübner und Müller wird das „ü“ zwar andeutungsweise gesprochen, jedoch kehlig und ohne gespitzte Lippen – eine Mischung aus „ü“ und „i“. Der Baier spitzt also seinen Mund höchstens zum Trinken oder zum Bussln, nicht aber, um ein "ü" zu sprechen, und deswegen geht ihm auch das "Tschüs" so zögernd über die Lippen. Vielleicht sollte er deshalb in Anlehnung an die aufgeführten Beispiele statt "Tschüs" in Zukunft "Tschis" sagen oder "Tschias" oder "Tschuas" oder gar "Tscheas".
      Nein, ich glaube, da kommt wirklich nur ein Ersatzwort in Frage. Und wie wärs da mit "Pfiat di" oder "Servus"?
© Valentin Erl, Pfarrkirchen. Mit freundlicher Genehmigung durch den Autor (E-Mail 14.3.2004)
1. Ergänzung
Ein richtiger Baier langt das "Tschüs" nicht 'mal mit der Feuerzange an. Wenn er das Wort überhaupt verwendet, dann konsequent in Anführungszeichen wie hier: "Tschüs". Servus mitnand.
2. Ergänzung
„... das unvermeidliche "Tschüss", bei dem vielen Bayern das Messer derart in der Hosentasche aufgeht, dass sie sich geschnitten haben, ehe sie es ziehen können.“ – Streiflicht, SZ, 7.2.2012, S. 1
3. Ergänzung
Der Umlaut "ü" wird im Bairschen normalerweis zu "i" entrundet: fia, Dia, kinstle, schittn. Lehnwörter aus dem Schriftdeutschen wie Schüler oder Mülltonne behalten das "ü".
Dr. Ludwig Zehetner: "Der Bairschprofessor klärt auf", MUH 5, 2012, S. 77
Allerdings kennt das Bairische für solche Lehnwörter oft Originales, wie Schulbub oder Aschentonne, ohne "ü".
Johann Lachner (lachner Kurzbiografie) schreibt zum “ü”
Johann Lachner Umlaute
ü in der gewöhnlichen Schreibweise, obwohl er ganz hell, näher dem i als dem ü, ausgesprochen wird. Also beachten: ü klingt beinahe wie i.
Johann Lachner: 999 Worte Bayrisch. Eine kleine Sprachlehre für Zugereiste, Fremde und Ausländer. München: Langen-Müller, o.J. 14.-16.Tausend. 136 S.
Max Dingler schrieb über Lachners Dauerbrenner 999 Worte Bayrisch (derzeit 3/2004 allerdings nur antiquarisch): "das an Echtheit eine ganze Fuhre bayrisch sein wollender zeitgenössischer Literatur aufwiegt" (S. 95).
Die oberbayerische Mundartdichtung. Günzburg: Donauverlag, 1953. Bayer.Volksbücherei, Heimatkunde Reihe A, Heft 1. 100 Seiten. dingler Zitate Max Dingler
Johann Lachner, eigentlich Hans Mollier
* 1895 München
Studium der Kunstgeschichte
1927 – 1930 Redakteur
1930 Erstauflage 999 Worte Bayrisch; zahlreiche Neuauflagen
1930 – 1943 Presseattaché der detusche Botschaft in Rom
ab 1949 Redakteur der Süddeutschen Zeitung, München
+ 1973
erl Anfang
Ludwig Merkle (merkle Kurzbiografie) schreibt zum “ü”
Entrundung
Bei der Entrundung wird ein eigentlich mit gerundeten Lippen zu sprechender Vokal ungerundet gesprochen. Aus dem ü wird ein i:
Brüder = Briàdà ... Stückchen = Schdiggl
In der Stadt haben unter dem Einfluß des Schriftdeutschen manche Üs Einzug gehalten doer sie haben sich erhalten, "so nennt man München zwar auf dem Lande Minggà, in der Stadt aber Münchn" (Merkle S. 15).
Umlaut
Im Bairischen wird das ü zum i, aber es gibt Ausnahmen, so heißt die Brücke nicht Briggn sondern Bruggn, ebenso wird hüpfen zu hubbfà, drücken zu druggà und nützen wird nutzn.
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Merkle
MerkleLudwig Merkle: Bairische Grammatik. Gebunden, 206 Seiten Merkle
Ludwig Merkle: Bairische Grammatik. Buch & Media, 2004. Gebunden, 204 SeitenMerkle
Ludwig Merkle
* 28. 3. 1928 München
Studium der Zeitungswissenschaft und Germanistik an der LMU München
kurzzeitig Redakteur, dann freier Journalist und Schriftsteller
erl Anfang
Bernhard Stör, Lehrbeauftragter am Institut für Deutsche Philologie, LMU München, zum “ü”
ö - ü nur in jüngerer Mda. Fön / föön, Hütte / hüddn, fünf, fümf
(S. 10; Mda = Mundart; das Komma nach "fünf" statt "/" scheint mir ein Druckfehler zu sein)

Bernhard Stör: "Die mundartlichen Verhältnisse in der Region München". In: Förderverein Bairische Sprache und Dialekte e.V., Hg.: Rundbrief Nr.36 Dezember 2000 S. 7-12. störRundbriefe verfügbar als Pdf
Ergänzung
Küster – dafür gibt's das eigene Wort Mesner
Hütte zumindest im Wasserburger Raum: Hiddn - Schubfa
fünf das scheint eine Ausnahme zu sein. Für "Es ist 5 Uhr" sagt man: "Es is fümfe". Allerdings ist bemerkenswert, daß die bei Zusammensetzungen schon wieder anders ist. fünfzehn fuchzen; fünfzig fuchzge.
Quelle: Hans Baumgartner: Dialekt im Wasserbuger Land. Ein schulisches Projekt. Wasserburg 1996.
Hans Triebel
Dialektpfleger und Wirt der "Gotzinger Trommel" erklärte das Dorf Gotzing im Landkreis Miesbach zur "tschüß"-freien Zone. An den Ortseingängen brachte er entsprechende Schilder an. Am Donnerstag, den 23.2.2006 wurden die Schilder von Unbekannt entfernt.
GotzingGotzinger Trommel: Traditionwirtshaus aus dem 17. Jahrhundert
Ludwig Zehetner
hat mit seinem Das bairische Dialektbuch, 1985 und Bairisches Deutsch, München: Hugendubel, 1998 wichtige Werke zur Dialektforschung vorgelegt. (Im Jahre 2005 Neuauflage seines Standardwerks bairisch Bairisches Deutsch). Im Jahre 2009 erschien das höchst empfehlenswerte bairisch Basst scho!
Zum “ü”-Thema scheinen mir die folgenden Feststellungen Zehetners wichtig.
  1. "Die verschiedenen bairischen Mundarten sind durch eine unglaubliche Vielzahl von Zwielauten charakterisiert, deren Anzahl und Verteilung von Region zu Region allerdings schwankt" (Zehetner 1985, S. 78).
  2. Durch die Vermischung des Dialekts mit der Schriftsprache entstehen Aussprachen, die früher nicht geläufig waren. "Für »Bürgermeister« hört man heutzutage meist die nur leicht vermundartlichte Form Büagamaista (wobei die erste Silbe den Hauptton trägt), das alte Buagamoasta (mit dem Ton auf dem oa) wird immer seltener" (Zehetner 1985, S. 83). Man darf sich bezüglich des “ü” also nicht durch neue Mischformen täuschen lassen.
  3. Die Ablehnung von "tschüss" und die Abneigung ggenüber dem "ü" darf nicht dazu verleiten zu behaupten, “die Bayern könnten kein »ü« aussprechen, bloß weil viele sich gegen die Verabschiedung mit Tschüss, Tschüüß sperren” (Zehetner 2009, S. 18)
Zum “tschüß” schreibt Zehetner (1985!):
Das auch in Bayern neuerdings um sich greifende Tschüß bleibt vorderhand auf die jüngere Generation oder auf Zugereiste beschränkt; nicht wenige dialektbewußte Baiern lehnen diesen Abschiedsgruß als norddeutschen Import ab, der wohl erst mit gewissen Fernsehsendungen auch im Süden publik gemacht wurde. (1985, S. 194)
Ludwig Zehetner: Das bairische Dialektbuch. München: Beck, 1985. Mitarbeiter: Ludwig M. Eichinger, Reinhard Rascher, Anthony Rowley, Christopher J. Wickham. 301 Seiten.
“in immer bedenklicheren Maße greift das »Tschüssler-Deutsch« um sich, das »Sprachbiotop Altbayern« droht auszutrocknen und zu veröden”. (2009, S. 14)
Ludwig Zehetner: Basst scho!, siehe bairisch Literatur
Interview-Auszug
Gibt’s a Wort, des für Di im Houchdeitschn ganz und gor tabu is?
Graf: „Tschüss’. Aa wenn i in da Schui meistens hochdeitsch red, sog i zu jedem entweder ‚Servus’ oder ‚Pfiade’.“
"Im Gespräch mit Seppi Graf. „Tschüss is tabu“."
Förderverein Bairische Sprache und Dialekte, Hg: Rundbrief, Nr. 48 - Dezember 2003. S.16-17.
"Warum da Boar Tschüss ned mog"
Ebenfalls zu finden in Förderverein Bairische Sprache und Dialekte, Hg: Rundbrief, Nr. 48 - Dezember 2003. S.18
Siehe BairischeLinks
In Bayern (noch) beträchtlicher Widerstand
"... jetzt verbreitet sich immer mehr die Formel »Tschüß!«, die auf Umwegen ins Deutsche gekommen ist und von Haus aus auch »Adieu«, also etwa »Mit Gott!« bedeutet. Gegen »Tschüß!« oder gar »Tschiß!« besteht aber zumindest in Bayern noch beträchtlicher Widerstand."
Alfred Bammesberger: "»Pfiagod«– Abschied auf Bairisch". Literatur in Bayern 22:86 (2006). Umschlagseite 2-3
Prof. em. Dr. Alfred Bammesberger, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt; Herausgeber der Zeitschrift "Historische Sprachforschung", Herausgeber der Zeitschrift "Onomasiology Online"
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Links
bairischBairische Sprache und Mundarten Chiemgau e.V.
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bairischBücher zum Thema Bairisch: Aufstellung wichtiger Veröffentlichungen und besonderer Empfehlungen
bairischFörderverein Bairische Sprache und Dialekte e.V.
bairisch Gerald Huber: Hubers Bairische Wortkunde: Wissen woher Wörter kommen
bairischListe der bayerischen Autoren und deren Werke
bairischSprechender Sprachatlas von Bayern
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bairisch Mein liebstes bayerisches Wort: »fei«
bairisch Johann Rottmeir: A Hund bist fei scho. Bairische Sinnsprüche, Redensarten und Lebensweisheiten
Literatur
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Schmid Schmid Hans Ulrich Schmid: Bairisch: Das Wichtigste in Kürze. München: Beck, 2012. Broschiert, 254 Seiten Huber
Gerald Huber: Hubers Bairische Wortkunde: Wissen woher Wörter kommen. München: Volk, 2013. Gebunden, 216 SeitenWortkunde
bairisch Rezension
Zehetner zehetner Ludwig Zehetner: Basst scho! Wörter und Wendungen aus den Dialekten und der regionalen Hochsprache in Altbayern. Regensburg: edition Vulpes, 2009. Gebunden, 208 Seiten – bairisch Rezension heydenreuter
Reinhard Heydenreuter, Wolfgang Pledl, Konrad Ackermann, Hg.: Vom Abbrändler zum Zentgraf: Wörterbuch zur Landesgeschichte und Heimatforschung in Bayern. München: Volk, 2009. Broschiert, 239 Seiten mundart
Rottmeir RottmeirJohann Rottmeir: A Hund bist fei scho. Bairische Sinnsprüche, Redensarten und Lebensweisheiten. München: Volk, 2015. Gebunden, 224 Seiten
bairisch Rezension
Zehetner zehetner Ludwig Zehetner: Bairisches Deutsch. Lexikon der deutschen Sprache in Altbayern. Irisiana 2005. Veränderte Neuaufl. Gebunden mundart
Siegfried Schmid: Kleine Fibel der bayerischen Mundart. Wortbeispiele, Redensarten. Neuburg a. d. Donau: Danuvia, 2005. 139 Seiten mundart
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Der Bayer kennt kein ü
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 21.5.2012