| Bertrand Russell: The Autobiography of
Bertrand Russell London: George Allen & Unwin [1967, 1968, 1969] 1971 |
| 18721914 Vol. I, 230 Seiten |
| Mein Eindruck des ersten Teils der
Autobiografie Russells: Er weiß noch ziemlich viel aus seiner Jugend und
seinen Anfangsjahren. Das liest sich angenehm und aufgrund kleiner
Anekdoten amüsant. Ich hatte mir mehr von seiner geistigen,
philosophischen Entwicklung erwartet. Aber das hat Russell vielleicht seinem
speziellen Werk My Philosophical Development vorbehalten ( Hier die berühmte Einleitung aus dem der Autobiografie vorangestellten Prolog: |
| "Three passions, simple but overwhelmingly strong, have governed my life: The longing for love, the search for knowledge, and unbearable pity for the suffering of mankind. These passions, like great winds, have blown me hither and thither, in a wayward course, over a deep ocean of anguish, reaching to the very verge of despair." (S. 13) |
| Aus diesen beiden Sätzen spricht
der volle Russell und man erkennt: die Autobiografie bringt nicht nur
Erkenntnisgewinn, sondern hat auch literarisch einiges zu bieten. Beide
Sätze machen einem Nobelpreisträger der Literatur alle Ehre. Nach den einzelnen Kapiteln streut der Autor einige Briefe bei. Manche erhellten den Lebensweg, andere waren aus meiner Sicht überflüssig, aber vielleicht befruchten sie diejenigen, die am Zustand der englischen Gesellschaft um die Wende zum 20. Jahrhundert interessiert sind. Ich vermisste die Korrespondenz mit Gottlob Frege, besonders den Brief an Frege vom 16. Juni 1902, in dem Russell ihn mit der Menge aller Mengen, die sich nicht selbst als Element enthalten, bekannt machte (by description |
| Russells hohe Meinung
von G. E. Moore wird in dieser Anekdote
ausgedrückt. "I have never but once succeeded in making him tell a lie, and that was by a subterfuge. »Moore,« I said, »do you always speak the truth?« »No«, he replied. I believe this to be the only lie he had ever told." (S. 64). Zudem ist dies ein schönes Beispiel für das Vorwortparadox ( |
| Bemerkenswertes 1913 überschritt Russell mit einem Freund die Alpen von Innsbruck nach Punto San Viglio (S. 206). Russell war befreundet mit Joseph Conrad (S. 207; |
| 19141944 Vol. II, 268 Seiten |
| Der zweite Teil von Russells
Autobiografie umfasst beide Weltkriege und eine Hinwendung Russells zu seinen
Mitmenschen. Er lernt viel über die menschliche Natur. Aufgrund eines Artikels in The Tribunal (abgedruckt S. 79-81) muss Russell ins Gefängnis und nutzt die Zeit dort seine Introduction to Mathematical Philosophy zu schreiben (S. 34), sozusagen eine Prolegomena zur Principia Mathematica. |
| Russell bestätigt, dass Ludwig Wittgenstein den Tractatus Logico-Philosophicus im Schützengraben des Ersten Weltkriegs schrieb. Er charakterisiert Wittgenstein: "He was the kind of man who would never have noticed such small matters as bursting shells when he was thinking about logic" (S. 99). |
| Russell unternimmt zwei für ihn
wichtige Reisen: nach Rußland hier ist er vom praktizierten
Kommunismus entsetzt und nach China. Sehr aufschlußreich für
die gegenwärtige (2007) Diskussion, die den Islam und seine
Selbstmordattentäter als pervertierte Religion verurteilt, ist Russells
Erfahrung über die Christen in Korea. Er traf einige in China: in
Koreawaren sie ausgewiesen worden, da sie Bomben warfen. Russell stellt fest:
"In Korea at that time a Christian was practically synonymous with a
bomb-thrower" (S. 125). 1920 heiratet Bertrand zum zweiten Mal: Dora und hat zwei Kinder mit ihr: Kate und John. 1936 heiratet er zum dritten Mal: Peter (!). Ein Jahr später wird Conrad geboren. Schon 1938 fahren Bertrand, Peter und Conrad in die USA, wo Russell in Chicago und an der UCLA Vorlesungen hält, die später in An Inquiry into Meaning and Truth als Buch erscheinen ( Die Vorlesungsreihe in Chicago hält Bertrand nicht unter dem englischen Titel "Words and Facts" das war den Amerikanern zu einsilbig sondern als "The Correlation Between Oral and Somatic Motor Habits" (S. 217). Im Sommer 1939 kommen die beiden halberwachsenen Kinder Kate und John nach. Da bricht der Zweite Weltkrieg aus. Eine Rückkehr war nicht mehr empfehlenswert. Aufschlußreich ist die Hexenjagd ("witch-hunt", S. 219) gegen Russell aufgrund seiner großzügigen Einstellung zur Ehe (Marriage and Morals, 1929) und seiner Ungläubigkeit. Er verliert zugesagte akademische Posten und wird verfemt im ganzen Lande. Das zeigt, dass die McCarthy-Verfolgungen nach dem zweiten Weltkrieg keine einmaligen Ausrutscher waren, sondern dass überall, wo religiöse Fanatiker zugange sind, mit Unterdrückung und Diffamierung zu rechnen ist. |
| Russell kam auch in finanzielle
Bedrängnis, weil er wegen des Krieges kein Geld aus England transferieren
konnte. Schließlich rettete ihn 1940 Dr. Albert C. Barnes, Erfinder des Argyrol (zu beidem siehe |
![]() Fallen Leaf Lake, Kalifornien |
| Neben seinen privaten Veränderungen ist dieser Teil der Autobiografie Russells vor allem wegen seiner politischen und sozailen Komponenten lesenswert. Und: Russell macht die Bekanntschaft wichtiger Wissenschaftler (z.B. Norbert Wiener), Literaten (z.B. D. H. Lawrence, H. G. Wells, E: M. Foster, George Bernard Shaw) und Philosophen (z.B. George Santayana). Da ist es hilfreich, dass der Personenindex sehr viel besser ist, als der allzu spärliche im Volume 1. |
| Auch in diesem Teil seiner Autobiografie ist Russell manchmal zu knapp. Die Einladung des Millionärs Hearst nach Kalifornien erwähnt er so nebenbei (S. 191; die Entwicklung dieser Bekanntschaft schildert russell ausführlicher) und manch Aufregendes in seiner Bekanntschaft mit Albert Einstein erfährt man nur aus dessen Brief (14.10. 1931, S. 205-06). |
| 1918 liest Russell
The Sea and the Jungle von Henry Major
Tomlinson, der im November 1908 eine 2.000 Meilen Schifffahrt von
England nach Brasilien begann und dort den Amazonas aufwärts dampfte.
Russell verglich die Reisebeschreibung mit Heart of Darkness seines
guten Bekannten Joseph Conrad ( |
| 19441967 Vol. III, 232 Seiten |
| Links |
| Literatur |
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| Bertrand Russell: My
Philosophical Development. Taylor & Francis 1995. Taschenbuch, 220
Seiten
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