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Russell
Bertrand Russell:
Our Knowledge of the External World as a Field for Scientific Method in Philosophy
[1914] London: George Allen & Unwin, 1999. 251 Seiten. John G. Slater, Einführung – russell Linksrussell Literatur
Russell führt in Our Knowledge of the External World seine ontologischen, epistemologischen und wissenschaftstheoretischen Überlegungen weiter. Einige Thesen begleiteten ihn sein Leben lang.
Gliederung
Introduction by John G. Slater, Emeritus Professor University of Toronto
Preface
1. Current Tendencies
2. Logic as the Essence of Philosophy
3. On Our Knowledge of the External World
4. The World of Physics and the World of Sense
5. The Theory of Continuity
6. The Problem of Infinity Considered Historically
7. The Positive Theory of Infinity
8. On the Notion of Cause, with Applications to the Will Problem
Der Buchtitel gibt Russells Vorhaben gut wider. Russell versucht in Our Knowledge of the External World die Existenz der Außenwelt – trotz verschiedener skeptischer Einwände – zu sichern.
Im Kern ist Russell Empirist. Sein Problem ist es die Schlucht zwischen den Sinnesdaten und der Welt der Physik mit Raum, Zeit und Materie zu überbrücken. Dabei wendet er die wissenschaftliche Methode an, das heißt, er geht von empirisch gegebenen Sachverhalten aus und setzt verschiedene Folgerungsmechanismen ein (Induktion, Deduktion, Abduktion, etc.). Diese Vorgehensweise führt Russell auf Gottlob Frege (russell Links) zurück (S. 10, 15). Seine Methode bringt er im 1. Kapitel auf den Punkt: „the substitution of piecemeal, detailed, and verifiable results for large untested generalities recommended only by a certain appeal to imagination“ (S. 14). Das hört sich bescheiden an, doch kann es Russell nicht unterdrücken, der Philosophie vor ihm falsche Methodik vorzuwerfen (S. 13). Als Leitstern dient ihm der Gedanke, dass die Ergebnisse der modernen Wissenschaft im Großen und Ganzen der Wahrheit nahe kommen.
Wie viele Philosophiebücher, die uns die Welt mal endlich richtig erklären wollen, fängt Russell mit seinem „Skandal der Philosophie“ an: „Philosophy, from the earliest times, has made greater claims, and achieved fewer results, than any other branch of learning“ (S.13).
Das erinnert sofort an: „Der Idealism mag in Ansehung der wesentlichen Zwecke der Metaphysik für noch so unschuldig gehalten werden, (das er in der Tat nicht ist,) so bleibt es immer ein Skandal der Philosophie und allgemeinen Menschenvernunft, das Dasein der Dinge außer uns (von denen wir doch den ganzen Stoff zu Erkenntnissen selbst für unseren inneren Sinn her haben,) bloß auf Glauben annehmen zu müssen, und wenn es jemand einfällt es zu bezweifeln, ihm keinen genugtuenden Beweis entgegenstellen können.“ Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, Fußnote zu B XL
Eine der Lehren die Russell im Verlaufe zieht, drückt er später so aus: "Naive realism leads to physics, and physics, if true, shows that naive realism is false" (An Inquiry Into Meaning and Truth, S. 13). Er stellt fest, dass der „gesunde Menschenverstand“ uns sagt, dass die Außenwelt existiert und von der beschrieben und erklärt wird. Diese wissenschaftliche Erklärung aber besagt, dass unser „gesunde Menschenverstand“ oft nicht recht hat. Damit greift Russell auch Martin Heidegger voraus, der 1927 zum „Skandal der Philosophie“ schreibt: „Der »Skandal der Philosophie« besteht nicht darin, daß dieser Beweis bislang noch aussteht, sondern darin, daß solche Beweise immer wieder erwartet und versucht werden. Dergleichen Erwartungen, Absichten und Forderungen erwachsen einer ontologisch unzureichenden Ansetzung dessen, davon unabhängig und außerhalb eine Welt als vorhandene bewiesen werden soll. Nicht die Beweise sind unzureichend, sondern die Seinsart des beweisenden und beweisheischenden Seienden ist unterbestimmt." (Sein und Zeit, §43a, S. 205; Hervorhebungen im Original).
Freilich ist sich Russell der Grenzen der Philosophie bewußt. Sie kann allenfalls die Komplexität der Welt aufbrechen und brauchbare Hypothesen vorschlagen, die andere Wissenschaften anregen (S. 28).
Eine Kernaussage, die Russell lebenslang vertritt ist, dass die Beobachtungen, das Gegebene in den Sinnesdaten, nicht ausreicht um irgendetwas Essentielles über die Welt zu sagen. Man muß bestimmte grundlegende Annahmen machen, beispielsweise den Satz vom ausgeschlossenen Dritten. oder die Annahme, dass es konsistente Regeln in der Natur gibt, die im Wesentlichen zeitlos und überall gelten (S.46-47). Russell geht also ähnlich skeptisch wie René Descartes vor, gesteht aber demgegenüber mehr zu: die Sinnesdaten plus Logik und einige grundsätzliche Annahmen erschliesen die Welt. Den absoluten Gewissheitsanspruch Descartes' verwirft er. Gerade weil man die Unzulänglichkeit der (bisherigen) Philosophie einsieht, hat sie nicht das Gewicht die Beobachtung und die Erfahrung generell in Frage zu stellen (S. 74).
Russell sieht eine Abstufung der Glaubwürdigkeit von Aussagen über die Welt. Einige können ohne Ableitung gewonnen werden, beispielsweise: „Da ist ein roter Fleck“, sofern man nur die Sprache versteht. Andere sind daraus abgeleitet, beispielsweise: „Dort ist ein rotes Tuch“. Er weist daraufhin, dass die Psycholgie nachgewiesen hat, dass sehr viel mehr Aussagen, als man gemeinhin annimmt, abgeleiteter Natur sind (S. 75).
Eine weitere wesentliche Unterschiedung Russells ist der Gegebenheitsraum (der durch die Sinne entsteht oder erschlossen wird) „private space“ und der physikalische Raum „perspective space“ (S. 94ff). Zunächst können wir nur Aussagen über den Sinnesraum machen; die Lage im physikalischen Raum können wir nur erschliessen durch Korrelation verschiedener Sinne und durch Vergleich und Abstimmung mit anderen „Sinnesräumen“, das heißt durch Kommunikation mit anderen Subjekten. Diesen müssen wir aufgrund der gleichen Bauart, der Evolution und ganz einfach, weil kein stichhaltiger Gegengrund vorliegt, einen ähnlichen Sinnesraum zugestehen (S. 102). Hier hilft Nikolaus von Kues, aka Cusanus weiter. Wenn Mönche ein Ikonenbild ansehen, hat jeder den Eindruck, dass die Augen ihn anblicken (Cusanus: De visione Dei, Praefation, Opera omnia VI, Nr. 3). Das legt die Folgerung nahe: dies ist nur ein subjektiver Eindruck der jeweiligen Betrachter. Ähnlich argumentiert Russell bezüglich der Realität der Aussenwelt.
Zum Aufbau der betrachter-unabhängigen Aussenwelt bedient sich Russell der Kausalität. Sie ist, als Ursache für Sinnesdaten, eine unabdingbare Annahme. Wir erschließen und folgern den perspektivischen / physikalischen Raum. Alles stimmt mit unseren Beobachtungen überein und ist in sich konsistent (S. 101). Das zeigt aber nur, dass dies eine mögliche Erklärung ist. Es spricht jedoch nichts dagegen, die Aussenwelt als gute Arbeitshypothese anzunehmen (S. 103-104). Der empirische Erfolg der Wissenschaft spricht für die Hypothese. „... the empirical success of physics. What is proved is that its hypotheses, though unverifiable where they go beyond sense-data, are at no point in contradiction with sense-data, but, on the contrary, are ideally such as to render all sense-data calculable from a sufficient collection of data all belonging to a given period of time“ (S. 115).
Ein weiteres Problem ist: sind die Dinge auch dann „dort“, wenn sie nicht beobachtet werden? Das läßt sich letztlich nicht entscheiden. Hier plädiert Russell für eine Einfachheitsannahme und antwortet zustimmend (S. 89).
Die Relation der Gleichzeitigkeit ist für Russell ein Sinnesdatum zweiter Ordnung. Damit kann er auf eine objektivierbare Zeit schließen, so wie er von den anderen Sinnesdaten auf eine objektive Aussenwelt, die Welt der Dinge, schließt.
Man sieht, dass Russell nicht mehr (wie in The Problems of Philosophy) von den Dingen in der Welt ausgeht, die per Sinnesdaten unsere Interpretation der Welt erzeugen, sondern wir konstruieren aus den gegebenen empirischen Daten die Welt. Das ist genau der umgekehrte Weg. Da die Hypothese von der Außenwelt zu erfolgreichen wissenschaftlichen Vorhersagen führt, in sich konsistent ist und keine ernsthaften Einwände vorliegen, können wir mit der Annahme der Realität der Aussenwelt gut weitermachen.
In den letzten vier Kapiteln setzt sich Russell noch eingehend mit dem Kontinuum, der Unendlichekit und der Kausalität auseinander. Eine angemessene Besprechung würde hier zu weit führen.
In Our Knowledge of the External World erweitert Russell seine ontologische und epistemologische Position. Er wird sie 1940 in An Inquiry Into Meaning and Truth noch sprachanalytisch beleuchten und in Human Knowledge anrundend darstellen.
russell Anfang
Zur Entstehung des Werks
"I was invited to give the Lowell lectures in Boston during the spring of 1914, and concurrently to act as temporary professor of philosophy at Harvard. I announced the subject of my Lowell lectures, but could not think of anything to say. I used to sit in the parlour of 'The Beetle and Wedge' at Moulsford, wondering what there was to say about our knowledge of the external world, on which before long I had to deliver a course of lectures. I got back to Cambridge from Rome on New Year's Day 1914, and, thinking that the time had come when I really must get my lectures prepared, I arranged for a shorthand typist to come next day, though I had not the vaguest idea what I should say to her when she came. As she entered the room, my ideas fell into place, and I dictated in a completely orderly sequence from that moment until the work was finished. What I dictated to her was subsequently published as a book with the title Our Knowledge of the External World as a Field for Scientific Method in Philosophy." russell The Autobiography of Bertrand Russell. 1872—1914 Vol. I, S. 210
Links
russell Gottlob Frege
RussellKevin Klement (2005): „Russell's Logical Atomism“
RussellLogical atomism
RussellSkandal der Philosophie
russell Weitere Links
Literatur
Bruneau, William (1996): "An Introduction to Russell [review of John G. Slater, Bertrand Russell]", Russell: the Journal of Bertrand Russell Studies 16.2, Russellonline
Jourdain, Philip E. B. (1914): "Review: Our Knowledge of the External World as a Field for Scientific Method in Philosophy by Bertrand Russell". The Mathematical Gazette 7.113, S. 404-406.
Prichard, H. A. (1915): "Mr. Bertrand Russell on our Knowledge of the External World". Mind 24.94, S. 145-185.
Umstätter, Walther (1992): "Die evolutionsstrategische Entstehung von Wissen". In: Fortschritte in der Wissensorganisation Band 2. Deutsche Sektion der Internationalen Gesellschaft für Wissensorganisation e.V., Hg. Indeks. S. 1-11, online: Russell1Russell2
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russell RussellBertrand Russell: Our Knowledge of the External World: As a Field for Scientific Method in Philosophy. London: George Allen & Unwin, 1999. Taschenbuch, 251 Seiten russell
Bertrand Russell: Unser Wissen von der Außenwelt. Hamburg: Meiner, 2004. Michael Otte, Übs. Gebunden, 279 Seiten Russell
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 26.1.2008