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Knowledge
Bertrand Russell: Human Knowledge. Its Scope and Limits
London: Allen & Unwin, 1951 [1948]. 538 Seiten – russell Linksrussell Literatur
Human Knowledge war 1948 das letzte große Werk Bertrand Russells zu Problemen der Erkenntnis, Sprache, Ontologie und Wissenschaftstheorie.
Wie viele seiner Werke ist es für den "Normalleser" geschrieben. Russell präsentiert die Probleme einfach und locker, oft witzig, gibt Beispiele und gerät in schweres Fahrwasser. Man sollte ob des gut lesbaren Stils die behandelten Probleme nicht unterschätzen.
Dabei hat Russell zwei Ausgangspunkte:
  1. "It is taken for granted that science knowledge, in its broad outlines, is to be accepted" (S. 9). Mit dieser Annahme fragt er: wie ist es möglich, dass die Wissenschaft Wissen schafft?
  2. Das durch die Sinne Gegebene sind die "hard data", das einzige ohne Ableitung Erfahrbare. Daran schließt sich eine Hierarchie von mehr oder weniger Abgeleiteten an.
Der erste Ausgangspunkt begleitete Russell seit The Problems of Philosophy (russell Rezension). Er gab immer dem "common sense" und der Wissenschaft den gebührenden Bonus. Das geschah aber nie kritiklos oder dogmatisch, sondern er forschte nach den Bedingungen und Gründen für die Korrektheit dieser Annahme.
Der zweite Ausgangspunkt ist – zumindest in dieser Radikalität – neu. Ging Russell früher von Gegenständen des Alltags und den Objekten der Wissenschaft aus und fragte, was wir über sie wissen können (manchmal beschritt er auch schon den umgekehrten Weg), so nimmt er nun das sinnlich Gegebene und fragt, was wir daraus erschließen können.
Eine Haupterkenntnis in Human Knowledge ist es dann: ein reiner Empirismus genügt nicht. Man muß einige fundamenalen Prinzipien anerkennen um überhaupt etwas über die Welt sagen zu können.
Das formulierte er schon ähnlich bezüglich dem naiven Realismus so:
"Naive realism leads to physics, and physics, if true, shows that naive realism is false"
An Inquiry Into Meaning and Truth, S. 13, russell Rezension
Hier sagt er drastisch:
"Either, therefore, we know something independently of experience, or science is moonshine", S. 524
Folgerichtig muss Russell, von den "hard data" ausgehend, zwei Seiten behandeln: was konstruieren wir daraus, wie funktioniert die Begriffsbildung und was können wir für die Außenwelt folgern?
Hier gibt Russell eine Antwort, in der er scheinbar mit der Aussenwelt ("public space") anfängt. Doch in der Passivkonstruktion des letzten Nebensatzes gibt er den Folgerungen und der Konstruktion aus den Sinneseindrücken den Vorrang.
"There is one public space, namely the space of physics, and this space is occupied by public physical objects. But public space and public objects are not sensible; they are arriced at by a mixture of inference and logical construction.", S. 106
Bei der Kenntnis von der Außenwelt unterscheidet Russell: in strukturellen Eigenschaften (z.B. Der Würfel liegt rechts vom Ball) sind sich Außenwelt und unsere Sinneseindrücke ähnlich; dagegen ist dies bei qualitativen Eigenschaft (z.B. Der Ball ist rot) nicht so (S. 168; S. 219).
Warum uns überhaupt die oben zitierte Folgerung und Konstruktion zur Außenwelt führt, begründet Russell so:
"What chiefly confirm us in our belief that most sensations have physical causes is, on the one hand, the quasi-publicity of many sensations, and, on the other hand, the fact that, if regarded as arising spontaneously, they seem completely erratci and unaccountable.", S. 242
Mit anderen Worten: wenn wir nicht von einer verursachenden Außenwelt überzeugt sind, könne wir unsere übereinstimmenden Wahrnehmungen nur schlecht erklären.
Für die Folgerung auf die Außenwelt gibt es eine wichtige Zusatzfrage: Welche Prinzipien sind erforderlich um die wissenschaftlichen Folgerungen zu rechtfertigen? Dazu beschäftigt er sich ausführlich mit der Induktion und der Wahrscheinlichkeit. Die Induktion – so sein Resümee – ist nur dann gerechtfertigt, wenn man in der Natur eine Regelmässigkeit zugrundelegt; diese kann es nur geben, wenn die Natur nicht chaotisch ist, sondern aufgrund der Kausalität organisiert und berechenbar. Die Erfahrung (beispielsweise von bellenden Hunden) kann nur verallgemeinert werden ("Hunde bellen"), wenn kausale Prinzipien die Verallgemeinerung plausibel machen (S. 526). Beim Bellen kann man diese Kausallinien innerhalb der Evolution aufzeigen.
Hierarchie der Überzeugungen
Wissen ist für Russell ein vager Begriff und – aufgrund der unterschiedlichen Glaubwürdigkeit von Wissensaussagen – gibt es mehr oder weniger sicheres Wissen: "... knowledge is a matter of degree" (S. 174).
Er stellt die folgende Hierarchie der Überzeugungen auf: • animalische Ableitungen aus den Sinnesdaten (damit meint er unmittelbare, ohne großen logischen Aufwand: "spontaneous interpretation of sensations", S. 182); • Gedächtnis (sozusagen gespeicherte Überzeugungen aus früherer Zeit); • Erwartungen;• Zeugnis anderer; • Ergebnis bewußter Folgerungen (S. 162).
Weitere Thesen zur Wissenschaft
Eine wissenschaftliche Hypothese muß nicht absolut zutreffen, sie tut dies aber mit höherer Wahrscheinlichkeit als eine unwissenschaftliche These (S. 251). Nur mit dem allgemeinen Prinzip der Kausalität kann von den "hard data" auf Raum-Zeit-Regionen in der Außenwelt gefolgert werden (S. 326). Die Rechtfertigung der Folgerung setzt die "consistency" des gesamten Systems voraus (S. 342). Wegen der Überbestimmtheit der empirischen Befunde (man kann unendlich viele passende Theorie dazu aufstellen) ist zur Theorienwahl ein Prinzip der Einfachheit unerläßlich (S. 329f; 343).
Wie so oft bei Russell ist Human Knowledge ein Werk, das weit über das hinausgeht, was der Titel vermuten läßt. Sorgfältig studiert gibt es eine diskutable bis plausible Sicht von Sprache, Sprachbenutzung, Überzeugungen, Wissen und Wissenschaft. Die Darstellung der verschiedenen Auffassungen zur Wahrscheinlichkeit und deren Übertragung auf die wissenschafliche Denkweise ist besonders erhellend.
Vermischte Anmerkungen
S. 45 Auszug aus Alfred Tennyson: "In Memoriam", siehe russell Zitate Alfred Lord Tennyson
S. 333 Limerick "There once was a man who said" zum Determinismus von russell Maurice Evan Hare
S. 379 Russell erschüttert beiläufig das Design Argument von Bishop Joseph Butler (1692-1752) von 1736, siehe ID»Intelligentes Design«
S. 497 russell"Epitaph for Isaac Newton" von Alexander Pope mit Ergänzung(en)
Links
russell Bertrand Russell
russell Die Gleichförmigkeit der Natur
russell Zitate
Literatur
L. J. Russell (1949): "Human Knowledge: Its Scope and Limits". Philosophy 24.90, S. 253-260
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russell KnowledgeBertrand Russell: Human Knowledge. Its Scope and Limits. Taylor & Francis 1992. Taschenbuch, 548 Seiten
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