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Bertrand Russell: Unpopular Essays
Bertrand Russell: Unpopular Essays
[Unpopuläre Betrachtungen] London, New York: Routledge, 2009 [1950]. 180 Seiten Unpopular LinksUnpopular Literatur
Im September 1959 erschien auf Drängen des Verlags George Allen and Unwin der Sammelband Unpopular Essays. Russell fasste darin einige ältere, schwer zugreifbare Essays zusammen und schrieb ein paar extra für diesen Sammelband.
Beim Wiederlesen ergibt sich Russells Weitsicht: vieles was er fordert ist heute (leider) aktueller als zur damaligen Zeit. Er schrieb zur Globalisierung, geißelte den Terrorismus aufgrund einer abwegigen Idee und fordert eine internationale Organisation und Gerichtsbarkeit. Das alles präsentiert er mit der Klarheit, die ihm zu eigen war. Man lese nurdie ersten Absätze der Essays. Kein Herumgestöbere in der Historie oder im Nebel, sondern Russell geht sofort auf das Ziel zu. Dazu formuliert er es verständlich, teilt es in mehrere Probleme auf oder klärt vorab einen Begriff oder zwei.
Damit sind alle zwölf Essays auch heute noch sehr lesens- und beherzigenswert.
Inhalt
Kirk Willis: Introduction
Preface
  1. Philosophy and Politics (1947)
  2. Philosophy for Laymen (1950)
  3. The Future of Mankind (1950)
  4. Philosophy's Ulterior Motives (1937)
  5. The Superior Virtue of the Oppressed (1937)
  6. On Being Modern-minded (1950)
  7. An Outline of Intellectual Rubbish (1943)
  8. The Functions of a Teacher (Harper's Magazine, June 1940)
  9. Ideas That Have Helped Mankind (1946)
  10. Ideas That Have Harmed Mankind (1946)
  11. Eminent Men I Have Known (1950)
  12. Obituary (1936)
7. An Outline of Intellectual Rubbish (1943)
Russell schlägt hier in einem weiten Bogen ein Plädoyer dafür, nur ausreichend begründete Aussagen zu akzeptieren. Dabei vertritt er bereits 1943 einen Kontextualismus. Er ist der Überzeugungen, dass der Igel die Küchenschabe ("black beetle" = oriental cockroach = Blatta orientalis = Gemeine Küchenschabe, Kakerlak) frisst., weil man es ihm sagte. Aber wenn er darüber etwas veröffentlichen wollte, müsste er sich selbst davon überzeugen (S. 100). Die Wichtigkeit des Kontextes bestimmt die notwendige Stärke der Begründung.
Russell zeigt an vielen Beispielen was die Menschen an der Stelle der Vernunft, eigene Überprüfung oder verlässliche Zeugen zur Quelle ihrer Überzeugung nehmen: sogenannte heilige Bücher, Prophezeiungen, Äußerungen von Politikern, usw. Dazu warnt er: sobald wir den eigenen Verstand an den nagel hängen und uns mit den Aussagen von "Autoritäten" begnügen befinden wir uns in einem Meer von Unbill (S. 79). Gleich darauf gibt Russell eine leicht nachvollziehbare Einsicht: das sogenannte heilige Buch des Menschen hängt überwiegend davon ab, wo sie oder er geboren wurde (S. 79).
Das zweite wichtige Anliegen ist dem Autor, den Mensch in der Welt und die Erde im Weltall zu positionieren. Der Mensch ist nicht privilegiert oder gar die Krone:
• “The importance of Man, which is the one indispensable dogma of the theologians, receives no support from a scientific view of the future of the solar system” (S. 82) und
• “The only way I know of dealing with this general human conceit is to remind ourselves that man is a brief episode in the life of a small planet in a little corner of the universe, and that, for aught we know, other parts of the cosmos may contain beings as superior to ourselves as we are to jellyfish” (S. 103).
Unter anderem aus diesen beiden Punkten zieht er die Folgerung: Bescheidenheit bezüglich des Geltungsanspruchs der eigenen Meinung ist angebracht. Bei Meinungsabweichungen könnte es leicht sein, dass man selbst über die vorliegenden Gründe für seine Meinung hinausgegangen ist (S. 101). Wir sind alle fehleranfällig. Nur die Doofen sind sich absolut sicher, sagt Russell an einer anderen Stelle.
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8. The Functions of a Teacher (Harper's Magazine, June 1940)
Ausnahmsweise gibt Russell hier eingangs einen kurzen historischen Rückblikc. Die Historie zum Thema des Lehrers und der Erziehung ist extrem wichtig, weil nur durch sie der heutige (Miss)stand erklärbar wird. Die Erziehung (außerhalb des Elternhauses) liegt üblicherweise entweder in der Verantwortung des Staates oder der Kirche. Für beides zeigt Russell die Gefahren auf. Russells Erziehungsidealziel ist das eigenständige Denken des Schülers, ohne Denkverbote und ohne Scheu vor Autorität. Zudem sollen sie den Schülern die Augen öffnen für alle lohnenswerten Aktivitäten, damit dieser dann aus der vollen palette, das auswählen kann, das ihm liegt und zudem er die Anlagen mitbringt. Das dritte ist die Tolernaz gegenüber anderen. Damit dies bewerkstelligt werden kann, muss der Lehrer entsprechend ausgebildet sein und selbst ohne Druck und ohne dogmatische Vorgabe lehren können.
RussellCandice Arthur: "Is Bertrand Russell's educational system applicable in the 21st century?
RussellWilliam Hare: "The Liberal Teacher in the New Millennium" (pdf)
9. Ideas That Have Helped Mankind (1946)
Eingangs erörtert Russell was es eigentlich heißt für die Menschheit hilfreich zu sein. Davor überlegt er, ob es bisher einen Fortschritt gab. Nur wenn ja, dann gab es Ideen, die hilfreich waren. Es sieht grundsätzlich zwei Domänen: Intellekt und Moral.
Bei der Beantwortung dieser Frage sieht Russell – zumindest auf dem Gebiet der Moral – wenig Gutes. Nur innerhalb der Familie oder der Region sind wir gegenüber unseren Artgenossen freundlicher gesonnen als es bei anderen Arten der Fall ist. Doch bezüglich Individuen außerhalb diesen Bereichs sind wir vom Tier wenig unterscheidbar.
Hilfreiche Ideen im Laufe der Menschheitsgeschichte erkennt Russell in: Sprache, Domestizierung der Tiere und Landwirtschaft, Astronomie und Mathematik, Wissenschaft.
Doch Russell sieht die beiden Domänen auch zusammen und das so: "... scientific progress without a corresponding moral and political progress may only increase the magnitude of the disaster that misdirected skill may bring about" (S. 131). Schon im Jahre 1946 nennt er in diesem Essay auch die folgenden potentiellen Herde für künftige Kriege:
• persisches Öl,
• Handel mit China,
• der Streit zwischen Juden und Mohammedanern über (das damalige) Palästina.
Patriotische Leute hängen sich an diesen Fragen womöglich so auf, dass sie die Auslöschung der Menschheit gegenüber feigem Einlenken vorziehen (S. 131).
Die wichtigen Ziele sind laut Russell diejenigen der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Dazu fügt er die Demokratie hinzu und hebt die Freiheit bezüglich Presse, Religion, Meinungsfreiheit und von staatlicher Willkür hervor. Zur Realisierung fordert er eine internationale Regierung. Alles sind sehr weitsichtige Gedanken und Forderungen, die Liste der potentiellen Krisen ist gar prophetisch zu nennen.
Russells Essay gerät ihm bezüglich der Zeit etwas außer Kontrolle. Von den Überlegungen der Geistesgeschichte in der Vergangenheit ausgehend schreibt er viel darüber, wonach seiner Ansicht nach die Reise hingehen muss.
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10. Ideas That Have Harmed Mankind (1946)
Die Ideen, die der Menschheit geschadet haben unterteilt Russell in solche, die die Umgebung beeinflussten und solche, die uns Menschen selbst betrafen. Er konzentriert sich auf die zweite Art.
Dazu führt er als erstes die Glaubenssysteme an, besonders wenn sie umfassend und in Organisationen eingebettet sind. Er zeigt an ein paar Beispielen, wie diese Ideen bisher schadeten und später revidiert werden mussten. So wenn häufig technischer Fortschritt abgelehnt wird, weil er Gott ins Handwerk pfuscht, wie es bei der Narkose der Fall war. Dieses Argument ist auch heute noch oft anzutreffen. Jeder Brillenträger pfuscht aber Gott ins Handwerk ideas.
Ein netter Gedanke ist folgender. Eremiten, Klosterrückzieher oder Stigmatisierte werden geehrt, oft nahezu verehrt. Dabei entsagen sie nur der körperlichen Freuden um sich ganz den geistigen hinzugeben. Dem liegt offenbar der Gedanke zugrunde: körperlichen Freuden sind abzulehnen, geistige sind erstrebenswert.
Als Quellen für falsche Überzeugungen macht Russell aus:
• Neid gegenüber anderen und
• Stolz auf Nation, Rasse, Geschlecht, Klasse oder Glaube. Dieser Stolz führt leicht dazu die anderen als minderwertig anzusehen und oft dazu andere zu ihrem "Glück" zu zwingen. Besonders gefährlich wird das, wenn man in göttlicher Mission unterwegs ist (man bemerke: geschrieben 1946): "Belief in a Divine mission is one of the many forms of certainty that have afflicted the human race" (S. 157).
Da sich Russell gegen jede Form von Fanatismus wendet (siehe seinen Dekalog des freien Denkers unter Unpopular Links), sieht er auch die Gefahr, dass das Beharren auf an sich erstrebenswerten Zielen schaden kann: "Belief in democracy, however, like any other belief, may be carried to the point where it becomes fanatical, and therefore harmful" (S. 159). Im Grunde läuft dieser Essay auf dasselbe wie im vorhergehenden "Ideas That Have Helped Mankind" hinaus: die Welt benötigt
  • eine internationale Organisation um Kriege zu verhindern, den Handel in Bahnen zu lenken und überall Erziehung und Bildung zu gewährleisten,
  • gewisse moralische Qualitäten. Er nennt "charity" (Nächstenliebe ist zu wenig; Wohltat zu schwammig), Toleranz und Befreiung von fanatischen –Ismen (S. 160).
Russell hatte 1946 sicher recht: die größte Gefahr lag in der zwischenmenschlichen Beziehung. Inzwischen ist jedoch auch die Zerstörung der Umwelt zu einer lebensbedrohenden Kategorie aufgestiegen. Nix dazu glernt, kann man sagen.
RussellText online
Die Unpopuläre Betrachtungen sind auch heute noch unpopulär und nur in Ansätzen realisiert. Erstaunlich ist Russells enorme Weitsicht. Aktuell und sehr zu empfehlen.
Links
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