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Quine  
Im Dschungel der Sprache. Zum Tode des Philosophen Willard van Orman Quine
Nachruf von Willy Hochkeppel in der Süddeutschen Zeitung, 2.1.2001
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Am ersten Weihnachtstag ist, im 93. Lebensjahr, der amerikanische Philosoph Willard van Orman Quine in Boston gestorben – einer der überragenden Denker des 20. Jahrhunderts. In seiner Jugend in Akron, Ohio, spielte er mit dem Gedanken, Schriftsteller zu werden, doch das Interesse an Mathematik und Theorie überwog. So kam er 1930 zu Alfred North Whitehead an die Harvard University, seiner intellektuellen Heimstatt bis zuletzt. Er ängstigte sich vor Maschinen jeglicher Art und entspannte sich – Adorno hätte gesagt „Sehen Sie!” – bei Jazzmusik.
An den Außenrändern vermitteln uns Sinnenreize Dinge, auf die wir uns mit Worten beziehen. Aus einfachen Beobachtungssätzen entstehen dank der „sozialen Kunstfertigkeit” der Sprache immer komplexere Satzgebilde, aus denen schließlich die abstraktesten Theorien gebildet werden. Den verschlungenen Pfaden „vom Sinnenreiz zur Wissenschaft” ist Quine in immer neuen Anläufen nachgegangen, „um die Wurzeln des Bezugs” von „Wort und Gegenstand”, „Theorien und Dingen” – so die Titel seiner Hauptwerke – offen zu legen.
Dabei ersetzte er die alte Erkenntnistheorie durch Neurophysiologie und eine aus, B. F. Skinners Behaviorismus gefilterte Psycholinguistik. Das ist sein Naturalismus und sein konsequenter, bereinigter Empirismus, mit dem er sich entschieden von gewissen Dogmen des logischen Empirismus des Wiener Kreises absetzte. Zur Linguistik trug Quine mit seinem berühmten Gedankenexperiment der – fiktiven – Erstübersetzung einer „Dschungelsprache” bei. Zeigt der Sprachforscher auf ein vorüberhoppelndes Kaninchen und der Eingeborene sagt „Gavagai”, meint er dann das Kaninchen oder dessen Hoppeln? (Nebenbei, heute wissen wir, dass Känguru kein Name ist, sondern schlicht heißt: „Da läuft es”.) Gavagai wurde zum geflügelten Wort und prangte sogar an Autonummernschilder. Es zeigt sich die „Unbestimmtheit” jeder Übersetzung – sowie die „Unerforschbarkeit” des Bezugs, der Referenz – weil eine schiedsrichterliche, über die Sprache schwebende „Bedeutung” nicht zu haben ist, auch nicht als Synonymität in der eigenen Sprache. Mag sein, dass, mit Heidegger, die Sprache spricht; für Quine ist sie „Wildwuchs. Sie muss domestiziert werden”.
Theorien sind Netzwerke von Sätzen, folglich nur als Ganzes überprüfbar. Das ist Quines vom französischen Physiker Pierre Duhem übernommener Holismus. In diesem Kontinuum wissenschaftlicher Theorien kommt deren allgemeinster, der Philosophie, keine Sonderstellung mehr zu – wie sie etwa Jaspers reklamiert. Dennoch hatte sich Quine vor einigen Jahren überraschenderweise Fragen der Ontologie zugewandt, die er, in Distanz zu seinem einstigen Lehrer und Freund Rudolf Carnap, nicht umstandslos als metaphysischen Unsinn abtat. „Was es gibt”, hängt indes von dem gewählten Begriffsschema ab. Die Götter Homers und die physikalischen Objekte, schrieb Quine, unterscheiden sich nur graduell und nicht der Art nach, es sind kulturelle Voraussetzungen. Sich hier zu entscheiden, heißt aber auch, „ontologische Slums” auszuräumen. Der unvergleichlichen Subtilität der Analysen Quines – von seinen Kritikern Chomsky, Putnam, Searle, Strawson, Kripke, Davidson oder Rorty ebenso bewundert wie von europäischen „Kollegen” ganz andrer Couleur – hält der Charme seiner Sprache die Waage, in der sich Witz, Ironie und Lakonie zur glänzenden englischen Prosa verbinden, zuletzt noch einmal in „Pursuit of Truth” (1992; deutsch 1995), einer elegant komponierten summa seiner Philosophie, die an Tragweite derjenigen Wittgenstein gleicht, ihr an Stringenz jedoch überlegen ist. Kontroversen zur Sache waren sein Lebenselixier, heitere Gelassenheit sein Markenzeichen. Er war ein Philosoph, wie man ihn hierzulande nicht mehr kennt.
© Willy Hochkeppel, Süddeutschen Zeitung, 2.1.2001
 
Quine
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.1.2001