| Steven Weinberg: Der Traum von der Einheit des
Universums [Dreams of a Final Theory] Friedrich Griese, Übs. München: Goldmann, 1995, 320 Seiten |
| Was haben die amerikanischen Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten, daß selbst Nobelpreisträger wie Steven Weinberg hervorragende populärwissenschaftliche Bücher, hier: Der Traum von der Einheit des Universums schreiben können? Damit habe ich schon verraten, daß mir dieses Buch aus vielerlei Gründen ausgezeichnet gefallen hat. Es hat sowohl meine Kenntnisse über die moderne Physik bereichert, als auch mir geholfen, meine Position zum Verhältnis Physik und Philosophie zu erhellen. Und es hat meine Ansicht über die Physiker selbst verbreitert. |
Steven Weinberg geht
hier der Frage nach, wohin die Reise der Physik geht und wo die Chancen zur
Entdeckung einer zusammenfassenden Theorie (die Albert
Einstein zuletzt vergeblich suchte) liegen. Dabei spricht er im
Titel und auch im Text öfter von der "letzten" Theorie, das was schon
Faust suchte: "Dass ich erkenne, was die
Welt, im Innersten zusammenhält" (Goethe: Faust I). Er ist aber
merkwürdig schwankend, einerseits spricht er öfters die
Überzeugung aus, daß es diese Theorie gibt. Er erklärt dies mit
den konvergierenden Pfeilen (= Theorien), die diese Vermutung derzeit
nahelegen. Andrerseits steht er einer letzten Begründung eher skeptisch
gegenüber und schreibt im X. Kapitel "Vor der Endgültigkeit"
kryptisch: "Es ist vorstellbar, wenn auch unwahrscheinlich, daß die
Ketten der immer fundamentaleren Theorien weder endlos weitergehen nach an ein
Ziel gelangen" (241). Mußte ich auch dreimal lesen. Keine Angst, Weinberg
ist selten so unschlüssig oder mysteriös. Ich gebe hier keine
Zusammenfassung des Inhalts
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| Der Traum von der Einheit des Universums ist ein
philosophisches Buch Schon der Titel mit "dreams" bringt zum Ausdruck, daß das Buch keinesfalls ein reines Physikbuch ist. Träume haben eher mit Psychologie zu tun, und, wenn sie wie hier mehr als Visionen oder Utopien verstanden werden, mit Philosophie. Ständig betont Steven Weinberg die "Warum?" Fragen. Das ist natürlich auch für einen Physiker wichtig und durchaus legitim. Doch dann darf er den Philosophen dies nicht verwehren. Die Physiker haben auf viele Fragen Weinbergs keine Antwort. Warum wirft er den Philosophen "unverhältnismäßige Ineffektivität" (175) vor? Noch im letzten Satz seines Buches freut sich Weinberg über die Naturerforschung und die Philosophie, die nicht aufhört, "unermüdlich zu fragen, warum es so ist, wie es ist" (283). Welcome to the club, Mr. Weinberg! Immer wenn Physiker Aversionen gegen die Philosophie artikulieren, zeigt sich bei Nachfrage, daß sie meist nur bestimmte Positionen der Philosophie bekämpfen und daß sie von der fehlerhaften Annahme ausgehen, diese Positionen seien die Philosophie. Steven Weinberg hält nichts vom Positivismus (damit wird er dann, ohne daß er es sich klar macht, zum Metaphysiker; ich werde noch belegen wo genau) und vom Wissenschaftsrelativismus. Beide Positionen sind in der Philosophien umstritten oder gar verpönt. "Philosophen reagieren gereizt, wenn sie von »grundlegenderen« Wahrheiten hören" (35) meint Weinberg. Richtig ist dagegen, daß Philosophen mit ihm nach genau diesen Wahrheiten suchen. Weinberg kritisiert Ludwig Wittgensteins Warnung zu glauben, daß die Naturgesetze die Erklärung der Naturerscheinungen sind. An vielen Stellen (so kurz zuvor auf Seite 33) stellt Weinberg selbst sich aneinanderreihende "Warum?"-Fragen, die eben genau die Naturgesetze hinterfragen. Er ärgert sich wohl, daß, wie beim bekannten Wettrennen zwischen Hase und Igel, der schnelle Physikerhase beim "Warum?" ankommt und dort den Philosophenigel bei zweitausendjähriger Sisphosarbeit sichtet. Typisch ist, daß Weinberg der Philosophie anlastet in zweitausend Jahren wenig zuwege gebracht hat; dann über die vielfältigen Bedeutungen von "real" und "realistisch" sinniert; und dann ohne Rücksicht auf die wichtigen Ergebnisse der philosophischen Begriffsbestimmungen eigenmächtig sich ein eigenes "real" zurechtzimmert. "Wenn wir sagen, ein Ding sei real, dann drücken wir damit bloß eine Art von Respekt aus" (53-54). Welcome to the club, Mr. Weinberg! Es verwundert kaum, daß Weinberg einen ontologischen Realismus vertritt: "Ein System ist in einem spezifischen Zustand, unabhängig davon, ob Menschen es beobachten oder nicht; der Zustand wird nicht durch eine Position oder einen Impuls beschrieben, sondern durch eine Wellenfunktion" (87). Ich habe nicht zuwenig versprochen, als ich sagte, Weinberg wird durchaus konkret. Hier hängt er sich weit aus dem Fenster. Die Philosophie der Quantenmechanik bezeichnet Weinberg für deren Anwendung irrelevant (92). Einverstanden. Darüber wird Steven einerseits zum Sprachphilosophen und zweifelt andrerseits doch, ob er ohne Deutung der Quantenmechanik auskommt: "Ich gebe jedoch zu, daß es mir ein gewissen Unbehagen bereitet, mein ganzes Leben mit einem theoretischen Bezugssystem zu arbeiten, das niemand richtig versteht" (92). Welcome to the club, Mr. Weinberg! Vollends in philosophische Bahnen gerät Weinberg dann bei seinen Überlegungen zur Ästhetik von Theorien. Er nimmt an, daß die allgemeine Relativitätstheorie anerkannt wurde, lag zum großen Teil an deren Schönheit (105). Nun kann man natürlich auch als Wissenschaftler leicht philosophische Bereiche für sich reklamieren und der Philosophie über Ästhetik der Theorien gleich ein ganzes Kapitel widmen: "VI. Schöne Theorien" (139171). Ich sage: Welcome to the club, Mr. Weinberg! Er nimmt Schönheit als Motiv für bessere Theorien und definiert das besser wissenschaftstheoretisch adäquat als zweckdienlichere (140). Schönheit ist für ihn Eleganz, Einfachheit und Symmetrie. In diesem Kapitel zeigt Weinberg auch, daß er seinen Platon gelesen hat. Im Kapitel über die Schönheit gesteht Weinberg auch zu, "daß Wissenschaftler dazu neigen, sich Probleme auszusuchen, die wahrscheinlich schöne Lösungen haben" (166). Damit gibt er Paul Feyerabend und seinem wissenschaftlichen Relativismus doch schon ein bißchen recht, oder? Doch später vergißt er dies und meint, Wittgenstein und Feyerabend seien zwar teilweise witzig zu lesen, haben aber mit der wissenschaftlichen Praxis nur selten zu tun (175). Dann wird Weinberg selbst witzig, indem er unter "VII. Wider die Philosophie" gar Philosophen für die fehlerhafte Äthertheorie der Physiker verantwortlich macht (177). Zusammen mit Richard Feynman wirft er den Gegenwartsphysikern vor, daß sie nach dem letzten Teilchen jagen und dabei noch nicht einmal eine Ahnung haben "ob dies die richtigen Fragen sind" (179). Trotz anderer verbaler Äußerungen in Der Traum von der Einheit des Universums, stelle ich dort eine tiefe Philosophiesehnsucht fest. Weinberg ruft mehrmals händeringend nach Unterstützung durch die Philosophen (so z.B. auch auf S. 181: "... wissen wir noch nicht einmal, ob wir überhaupt die richtigen Fragen stellen"). Wenn Physiker Weinberg meint, "daß wir durch reine Vernunft etwas über die Dimension der Zeit erfahren können", so ist die vorangegangene Begründung für ihn akzeptabel (179). Gleich anschließend haut er aber Immanuel Kant mit ähnlicher Ansicht in die Pfanne, weil sie durch Einsteins Theorien widerlegt seien (180). Ich ergänze den letzten Teilsatz mit "angeblich". Oder habe ich Weinberg eine Seite vorher falsch verstanden? Freilich, wenn Philosophen schon vor Jahrhunderten da waren, wo die Phsyiker heute ankommen, so beruft sich auch Weinberg darauf, um andere philosophischen Meinungen zum Zeitanfang zu verstummen. Mit Augustinus und Moses Maimonides plädiert er für einen Beginn der Zeit (180). Entgegen seinem Leugnen des Einflusses der Philosophie auf die Wissenschaften (er gesteht nur zu, daß manche Philosophen vor dem schlechten Einfluß anderer Philosophen geholfen haben), beschreibt er den Einfluß des Positivismus auf Albert Einstein und Werner Heisenberg (182) und unterschlägt dessen Rolle nicht: "Der Positivismus spielte auch bei der Geburt der modernen Quantenmechanik eine bedeutende Rolle" (182). Na also, was wollen Sie mehr, Mr Weinberg? Da Weinberg auch einen wissenschaftlichen Realismus vertritt, ist er auf die Positivisten, die jede Metaphysik für baren Unsinn erklären, nicht gut zu sprechen. Es ist eine groteske Situation: Physiker, die sich in der Philosophie nicht so gut auskennen wie Weinberg, verteufeln meist mit den Positivisten jegliche Metaphysik. Doch haben sie es dann schwer, wie Weinberg, einen wissenschaftlichen Realismus zu propagieren. Das muß Weinberg wohl, weil er für die Physiker noch bessere und teurere Teilchenbeschleuniger einklagt. Nach einem Plädoyer für die Quarks und Gluonen schreibt er: "Nach meiner festen Überzeugung entdecken wir in der Physik etwas Reales, etwas, das so ist, wie es ist, unabhängig von den sozialen oder historischen Bedingungen, die uns erlaubten, es zu entdecken" (194). |
| Steven Weinberg stellt die zentrale
ontologische Frage: "Warum existiert überhaupt irgend etwas?" (244) |
| Insgesamt ein sehr empfehlenswertes Buch, das für jeden, den die Fragen der Teilchenphysik, der Quantenmechanik und die grundlegenden Fragen der Philosophie (z. B. Kasten oben) nicht kalt lassen. |
| Eine weitere Meinung zu Weinbergs Dreams of a Final
Theory: "Steven Weinberg's widely read book Dreams of a Final Theory is at one and the same time a plea for a fundamental metaphysics and a case for a multibillion-dollar collider in Texas." (S. 7) Peter Galison: "Introduction. The Context of Disunity", in: Peter Galison, David J. Stump, Hg.: The Disunity of Science. Boundaries, Contexts, and Power. Stanford, Ca. 1996, S. 1-33. |