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Intelligenz
Peter Schmidt: Mythos Emotionale Intelligenz
Sulzbach: Kollateral, 2010. 261 Seiten – Emotion LinksEmotion LiteraturEmotion Replik des Autors auf diese Rezension
Mit Mythos Emotionale Intelligenz wirbt der Philosoph und Schriftsteller Peter Schmidt für eine neue Bewertung der Gefühle. Das ist ziemlich wörtlich gemeint: objektive Werte sind eine Illusion – so eine seiner Thesen –, es gibt nur positive und negative Gefühle (Attractio und Aversio), die alleine den Wertmassstab festlegen.
Schon in der Einleitung stellt der Autor ein paar wichtige Thesen in Aussicht:
  1. die gesellschaftlichen Verhältnisse zeigen eine emotionale Desorientiertheit
  2. diese geht auf einen Wertobjektivismus und auf 3. zurück
  3. Philosophie, Psychologie und Neurobiologie haben bisher versagt, Gefühle zu erklären und ihre enorme Wichtigkeit für Sinn und Werte herauszustellen (S. 4-5).
Die Quintessenz der Ausführungen steht am Ende des Abschnitts A:
„Attractio-Erfahrungen zu steigern und Aversio-Erfahrungen zu vermindern, ist das, was man zu Recht Emotionale Intelligenz oder emotionale Klugheit nennt.“
„Der für alle Menschen gleiche – und einzig mögliche – Sinn des Lebens ist die Erfahrung von Attractio.“ (S. 188).
Schmidts Ausführungen leuchten zunächst ein. Doch schaut man näher hin stellen sich schwierige Fragen. Überhaupt nicht geht Schmidt darauf ein, wenn die Attractio von A die Aversio bei B hervorruft. Insbesondere kommt man – so meine ich – nicht umhin, die Gefühle doch vernünftig zu steuern oder anzulernen.
Emotionale Desorientiertheit
Die Ausführungen zur emotionalen Desorientiertheit leuchten – angesichts von weltweiten Kriegen, Hunger und Ungerechtigkeit – durchaus ein. Wenn ich den Autor richtig verstehe (z.B. Bestandsaufnahme S. 52), dann liegt das daran, dass die Leute nicht erkennen, dass Sinn und Wert sich nur dann einstellen, wenn Attractio- Erfahrungengesteigert und Aversio-Erfahrungen vermindert werden. Viele Menschen tun aber genau dies, z.B. auch die von Schmidt zurecht gescholtenen Atta und BinLaden. Sie hängen, so Schmidts Befund, einem verfehlten Wertobjektivismus und keiner aus Philosophie, Psychologie und Neurobiologie hat es ihnen bisher gesagt, so dass sie dies vernünftig einsehen würden. Womit wir wieder bei der entscheidenden Rolle der Vernunft sind. Schmidt sieht es genau umgekehrt: Werturteile müssen sich auf Wertgefühle beziehen(S. 62) und allein das Angenehmsein ist ein echter Endwert (S. 95). So halten es aber auch Atta und BinLaden. Wir drehen uns im Kreis.
Schmidt tadelt zwar den Hedonismus oder die Antworten auf den Sinn des Lebens wie „glücklich sein“ und „genießen“ (S. 184), verdeutlicht aber nicht worin da jetzt der Unterschied zum „Attractio-Erfahrungen steigern“ liegt. Der Folter (S. 205) oder der Todesstrafe ist allein mit Gefühl kaum beizukommen.
Wertobjektivismus
Die Kritik am Wertobjektivismus (der fehlende Sachindex schmerzt, wenn man Begriffe nachsehen will) teile ich. Verkürzt versteht man unter Wertobjektivismus, dass sich Werte objektiv in der Welt – unabhängig vom erkennenden und wertenden Subjekt – finden lassen. Es gibt also Tatsachen, die zumindest einen Teil der Werte begründen. Wenn dem so wäre, wäre die Folgerung vom Sein aufs Sollen kein Fehlschluss (siehe S. 175 und Naturalistischer Fehlschluss unter Emotion Links). Es stellen sich allerdings zwei Fragen:
  1. Ist nicht auch Schmidts Folgerung vom angenehmen Gefühl auf: das sollen wir, ein Schluss vom Sein aufs Sollen?
  2. Ist Schmidts These, Werte lassen sich allein durch Erfahrung von Attractio (Attractio sind, wieder verkürzt, positive, angenehme Gefühle) begründen, plausibel?
Er tadelt jedenfalls alle, die auch etwas anderes – beispielsweise vernünftiges Einsehen, erkannte Pflicht – zur Begründung heranziehen (Viktor E. Frank, Immanuel Kant). Dabei kommt der Autor nicht umhin, wie jede ähnliche Kritik, die Priorität der Attractio wiederum mit Vernunft und Nutzen zu untermauern. Man sieht es an
• Ausdrücken wie „Emotionale Intelligenz“
• Thesen, wie: niemand versteht ohne fremde Hilfe, worauf es bei Gefühlen ankommt (S. 13-14). Es braucht also Verständnis, stärker sogar: fremde Hilfe. Doch woher hat der Fremde das Verständnis?
• Wahlmöglichkeit (S. 205)
• Auch geht der Autor davon aus, dass man seine Gefühle therapieren läßt (S. 212). Warum das denn? Und woher will der Therapeut es besser wissen, was mir angenehme Gefühle bringt? Auch hier setzt der Autor wieder eine Dominanz der Vernunft (des Therapeuten) vor „falschen“ Attractios voraus.
Fehlende Erklärung der Gefühle
Der 3. Vorwurf (s.o.) Philosophie, Psychologie und Neurobiologie hätten bisher versagt, stimmt zumindest im ersten Teil (fehlende Erklärung) nicht. Allein nach dem Jahre 2000 sind zahlreiche, mehr oder minder umfangreiche Monografien zu den Gefühlen von philosophischer Seite veröffentlicht worden (Demmerling & Landweer, Döring, Engelen, Hastedt, Wollheim; siehe Emotion Vergleichsliteratur). Auch im Handbuch Ethik von Düwell, Hübenthal & Werner nimmt der Eintrag „Gefühle“ einen angemessenen Raum ein (Emotion Vergleichsliteratur). Zudem: wenn ich es richtig sehe (wieder fehlt schmerzlich der Sachindex) erklärt auch Schmidt nie wirklich, was „eigentlich ein »Gefühl«“ ist (S. 17).
Tabu / Mythos
Es ist modisch etwas zum Tabu oder Mythos zu erklären um es dann zu brechen oder zu entlarven. Dazu nimmt man einschlägige Disziplinen – hier Philosophie, Psychologie und Neurobiologie – und wirft ihnen vor, dass sie dazu nichts oder jedenfalls zu wenig geleistet haben, beispielsweise „blamabelste Fehlschläge“ in Philosophie und Psychologie (S. 16). Selbst habe man natürlich die Lösung gefunden und die ist dann gleich eine kopernikanische Wende (S. 5, 20). Oft wird dieses Manöver eingesetzt um die Verkaufszahlen zu steiern. Das Tabu war keines, der Mythos besteht nicht.
Ich meine, derzeit liegt im öffentlichen Raum eher der Vorrang bei den Gefühlen. Die Ratio ist verpönt. So werden beispielsweise die Forschungen von Gerd Gigerenzer bezüglich der “Bauchentscheidungen” unzulässig verallgemeinert. Der Mythos – wenn es einen gibt – liegt darin, dass man die Vernunft vernachlässigen könne.
• Ansonsten sehe ich weder einen Mythos im Sinn einer sagenhaften Geschichte noch im abgewandelten Sinn als Anspruch auf Allgemeingeltung.
• Wieviel angebliche und gegensätzliche Mythen allein im engen Sachkontext dieses Themas behauptet werden, entnehme man der Emotion Literatur.
Hervorhebungen
Die Hervorhebungen wichtiger Erklärungen in Tafeln erleichtert die Lektüre ungemein. So wird der wichtige Begriffe Attractio in den Tafeln S. 106-110 ausführlich erläutert. Manche Tafel erscheint etwas unmotiviert (S. 117) oder klärt nicht die Frage sondern grenzt nur ab (S. 144). Doch findet man die Antwort dann meist im Text (S. 145, 174).
Zitat
„Religion, die vorgeblich Gottes Willen verwirklicht, schafft nur zu oft größere Übel, als sie dem Atheisten jemals in den Sinn kommen würden“ (S. 41)
Korrekturen, Anmerkungen
Bertrand Russell wird durchweg (S. 56, 231, 260) mit einem „l“ geschrieben.
• Mehrfach wird etwas „aufoktroyiert“ (S. 21, 126, 187), das ist nicht optimalst Schmidt.
Sachindex fehlt, wäre aber sehr hilfreich
• Das Zitat von Friedrich dem Großen: "Was eigentlich sind wir arme Menschenkinder, daß wir ständig Pläne schmieden, die so viel Blut kosten." fand ich in dieser Form "Was sind wir armen Menschenkinder, daß wir Projekte schmieden, die soviel Blut kosten." in Der Spiegel 31, 1991 (siehe Emotion Links). Es ist ohne Kommentar von einem grossen Kriegmacher wie es Friedrich war eher unpassend.
• Der Psychologismusstreit fand Anfang des 20. Jahrhunderts statt (S. 201).
Peter Schmidt führt alle Wertvorstellungen auf positive Gefühle zurück, abstrakter: auf Attractio. Da kann man kaum widersprechen, wenn man die positiven Gefühle richtig gewinnt, doch fragt sich, ob mit dieser allgemeinen Erkenntnis schon viel gewonnen ist. Letztlich interessieren die Antworten auf die Fragen: Womit erziele ich positive Gefühle ohne Gewissensbsse? Wie stelle ich sicher, dass ich die „richtigen“ positiven Gefühle habe? Dass Atta und BinLaden da scheitern gesteht auch Schmidt zu. Doch er versäumt es zu erklären, warum hier die gesteigerte Attractio-Erfahrung nicht wertvoll ist. Ich meine, da hat Viktor Frankl doch bessere Antworten.
Mythos Emotionale Intelligenz ist für diejenigen zu empfehlen, die sich mit den Themen Werte, Gefühle und Lebenssinn schon theoretisch auseinandergesetzt haben. Dann ist es eine gute Ergänzung mit vielleicht neuen und wertvollen Gesichtspunkten.
Vergleichsliteratur
Emotion Antonio R. Damasio: Descartes' Error. Emotion, Reason and the Human Brain [Descartes' Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn]
Emotion Christoph Demmerling, Hilge Landweer: Philosophie der Gefühle. Von Achtung bis Zorn
Emotion Marcus Düwell, Christoph Hübenthal, Micha H. Werner, Hg.: Handbuch Ethik
Emotion Roth, Gerhard. Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen
und weitere unter Emotion Literatur
Links
Peter Schmidt: SchmidtLexikon der deutschen Krimi-AutorenSchmidtLiterariaSchmidtWikipedia
SchmidtBlog: Peter Schmidt - Mythos Emotionale Intelligenz - RuhrStadt als innovative Denkfabrik
Schmidt“Aktion Sarg und Asche”, DER SPIEGEL 33/1991, 12.08.1991
Emotion Viktor Frankl
Emotion Viktor E. Frankl: Der Wille zum Sinn. Ausgewählte Vorträge über Logotherapie
Emotion Naturalistischer Fehlschluss – Sein-Sollen Fehlschluss
Emotion Replik des Autors auf diese Rezension
Literatur
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Schmidt SchmidtPeter Schmidt: Mythos Emotionale Intelligenz. Sulzbach: Kollateral, 2010. 261 Seiten
Damasio DamasioAntonio R. Damasio: Descartes' Error: Emotion, Reason and the Human Brain. Vintage, 2006. Taschenbuch, 352 Seiten Damasio
Antonio R. Damasio: Descartes' Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. Marion von Schroeder, 2004. Broschiert, 384 Seiten Damasio
demmerling LandweerChristoph Demmerling, Hilge Landweer: Philosophie der Gefühle. Von Achtung bis Zorn. Stuttgart: Metzler, 2007. Taschenbuch, 338 Seiten – Emotion Rezension Döring
Sabine A. Döring, Hg.: Philosophie der Gefühle. Frankfurt: Suhrkamp, 2009. Taschenbuch, 588 Seitendöring
Ethik DöringMarcus Düwell, Christoph Hübenthal, Micha H. Werner, Hg.: Handbuch Ethik. Stuttgart, Weimar: Metzler, 2006. Gebunden, 598 Seiten. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage – Emotion Rezension engelen
Eva-Maria Engelen: Gefühle. Ditzingen: Reclam, 2007. Broschiert. 125 Seiten Engelen
Goleman GolemanDaniel Goleman: EQ. Emotionale Intelligenz. DTV, 1997. Friedrich Griese, Übs. Taschenbuch, 432 Seiten Hastedt
Heiner Hastedt: Gefühle: Philosophische Bemerkungen. Ditzingen: Reclam, 2005. Taschenbuch, 164 SeitenHastedt
Kanitscheider KanitscheiderBernulf Kanitscheider: Entzauberte Welt: Über den Sinn des Lebens in uns selbst. Eine Streitschrift. Stuttgart: Hirzel, 2008. Gebunden, 218 Seiten Kanitscheider
Bernulf Kanitscheider: Das hedonistische Manifest. Stuttgart: Hirzel, 2011. Gebunden, 304 Seiten Kanitscheider
Kanitz KanitzAnja von Kanitz: Emotionale Intelligenz. Haufe-Lexware, 2007. Broschiert, 128 Seiten Kennedy
Eileen Kennedy-Moore, Jeanne C. Watson: Expressing Emotion: Myths, Realities, and Therapeutic Strategies. Guilford, 2001. Taschenbuch, 365 Seiten Kenndy
Krause
Kai-Thomas Krause: Emotionale Intelligenz - Soft Skill für Manager? Books on Demand 2007. Taschenbuch, 122 Seiten Krause
Mair MairJudith Mair: Schluss mit Lustig: Warum Leistung und Disziplin mehr bringen als emotionale Intelligenz, Teamgeist und Soft Skill. Eichborn 2002. Gebunden, 176 Seiten Matthews
Gerald Matthews, Moshe Zeidner, Richard D. Roberts: The Science of Emotional Intelligence: Knowns and Unknowns. Oxford: Oxford UP, 2007. Gebunden, 528 Seiten Matthews
matthews Mair Moshe Zeidner, Gerald Matthews, Richard D. Roberts: What We Know about Emotional Intelligence: How It Affects Learning, Work, Relationships, and Our Mental Health. MIT, 2009. Gebunden, 456 Seiten Matthews
Gerald Matthews, Moshe Zeidner, Richard D. Roberts: Emotional Intelligence: Science and Myth. MIT, 2004. Taschenbuch, 718 Seiten Pletzer
Pletzer
Marc A. Pletzer: Emotionale Intelligenz - Das Trainingsbuch. Haufe-Lexware 2007. Broschiert, 205 Seiten Pletzer
Rost RostDetlef H. Rost: Intelligenz: Fakten und Mythen. Beltz 2009. Broschiert, 376 Seiten roth
Gerhard Roth:. Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000. Taschenbuch, 383 Seiten Krause
Stamm StammRegine Stamm: Mythos rationaler Mensch: Warum Mitarbeiter eine emotional intelligente Führung brauchen. Müller 2008. Broschiert, 136 Seiten wollheim
Richard Wollheim: Emotionen. Eine Philosophie der Gefühle. München: C.H.Beck, 2001. Dietmar Zimmer, Übs. Gebunden, 295 Seiten Landweer
Besprechungen: LandweerDLFLandweerliteraturkritik.de 1, 2003
Emotion Anfang
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 27.3.2011