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Johnson
David Johnson: Hume, Holism, and Miracles
Ithaca: Cornell UP, 1999. Gebunden, 106 Seiten – Johnson LinksJohnson Literatur
David Hume hat in “Of Miracles” brillant den Wunderglauben widerlegt. Sogar der christliche Apologet Francis J. Beckwith bekennt: “Hume's essay is rightfully considered the classic anti-miraculous assault upon Christian theism.” (S. 23, Francis J. Beckwith: David Hume's Argument Against Miracles. A Critical Analysis; Johnson Links) Oder stimmt das nicht?
David Johnson versucht mit Hume, Holism, and Miracles zu zeigen, dass dies eine Mär ist. Er rekonstruiert Humes Argumente und zieht kapitelweise die Hume-Versionen von J. L. Mackie, John Stuart Mill, Antony Flew und Jordan Howard Sobel heran. Johnson findet in allen eine Petitio principii oder zumindest.
Es geht um die folgende These Humes:
“Where m is a possible event, allegedly actual and allegedly witnessed, and where L is (for us, now) an apparent law, which any actual occurrence of m would have violated, and where (thus) L is (for us, now) exceedingly well established, relative to a body of inductive evidence, as being a law of nature, then, at the very least, the testimony of one human witness (not identical to any of us) who claims to have observed m's occurrence can never rightly convince us that m has occurred—the testimony of one such supposed witness to m's occurrence will always be »outweighed« by the inductive evidence which so strongly supports L.” (S. 10)
Humes abschließender Befund: “no human testimony can have such force as to prove a miracle, and make it a just foundation for any such system of religion”.
Vorwurf der Petitio principii (S. 18 u.a.)
Die Petitio principii liegt hier auf der Hand. (Übrigens ähnlich wie bei der Wirkungslosigkeit alternativen Medizin oder dem Überleben des gut Angepassten in der Evolutionstheorie.)
Wenn
• Wunder: Verletzung eines Naturgesetzes
• Naturgesetz: ausnahmslos immer und überall geltende Regelmäßigkeit
• dann gibt es a priori keine Wunder.
Doch so einfach macht es sich (und seinen Lesern) Hume nicht. Er hält beim Naturgesetz Verletzungen durchaus für möglich, ähnlich dem nicht wiederholbaren Gegenereignis bei Richard Swinburne (“counter- instance”) (S. 8).
Der Vorwurf der Petitio principii gegenüber Hume ist ungerechtfertigt, da Hume die Möglichkeit eines Wunders zuläßt und diskutiert und für eine Abwägungen der Stärke der Belege für das Naturgesetz (induktive Bestätigungen) und des Wunderzeugen (-zeugnis) plädiert.
Hume wägt also ab zwischen
  1. vielen konstanten Beobachtungen: A ist B und
  2. dem 1 Zeugen, der ein A als nicht-B ausgemacht haben will.
Hume gibt zu bedenken: Zeugenaussagen sind fallibel.
Das macht sich auch Johnson in seiner Kritik zu eigen.
Wenn Zeugen irren (können), dann auch die unter 1.
Warum soll man daher nicht dem Zeugen unter 2. ebenso Glauben schenken, wie denen unter 1.?
Die Frage ist im Kern: Haben die vielen Zeugen zu 1. versagt (mindestens einer) oder der unter 2.? Aufgrund der Wunderberichte der Bibel glaubt DJ an diese Wunder. (S. 41 unten). Er behandelt die Zeugen unter 1. und 2. völlig gleich und alle zuverlässig. Und: Johnson kennt kein gutes Argument dagegen (S. 42).
Beim Widerspruch verschiedener Zeugenaussagen (hier die zum Naturgesetz versus dem Wunderzeugen) hält man die mit einer breiteren Basis für verläßlicher. Und: "We doubt testimonies when they fall outside common experience or are contradicted by the weight of other evidence" (Tindale 2007, S. 130).
Wunder versus Naturgesetz
Noch allgemeiner stellt sich das Problem wie folgt.
Ein Naturgesetz L gilt immer und überall; es wurde von sehr vielen Zeugenberichten etabliert.
Der Wunderbericht m steht dazu im Widerspruch.
Man hat folgende Lösungsmöglichkeiten.
  1. L ist kein Naturgesetz
  2. m ist ein Wunder
  3. Der Zeuge zu m irrt sich
  4. Das Naturgesetz L galt zum Zeitpunkt oder am Ort von m (noch) nicht
Johnson vertritt vehement die 2. Lösung. Die vielen zeitgenössischen Wunderberichte, die sich immer als Täuschungen herausstellten, veranlassen mich zur 3. Lösung.
Nun könnte man mit der Unverläßlichkeit der zeitgenössischen Zeugen argumentieren: Ja, bei den zeitgenössischen Zeugen ist das nachgewiesen, aber bei den biblischen nicht.
Soweit ich es sehe, macht dies Johnson nicht.
Abduktion (Inference to the best explanation)
Johnson plädiert für eine Abduktion (S. 68-69).
Wenn ein Physiker einen unbekannten Effekt feststellt, schließt er auf ein neues Teilchen, z.B. ein Neutrino (S. 42). Ähnlich schließt Johnson aufgrund eines berichteten unbekannten Effekts auf eine intelligente und mächtige Gottheit. Er argumeniert also nach folgendem Schema:
  • Theorie —> Quarks
  • die Beobachtungen werden am besten durch die Theorie erklärt
  • die Theorie postuliert die Quarks, also glauben wir an sie
  • theologische Theorie —> Gott
  • Wunder (Teilung des Roten Meers; Wasser wird in Wein verwandelt; ...) werden am besten durch die theologische Theorie erklärt
  • Die theologische Theorie postuliert die Götter, also glauben wir an sie.
  1. Es wurden (bisher) keine guten philosophischen Gründe gegeben, die Zeugenschaft (selbst nur 1 Zeugen) der Wunder nicht zu akzeptieren, so Johnson.
  2. Es wurden keine guten philosophischen Gründe gegeben, die theologische Theorie nicht als beste Erklärung zu akzeptieren (S. 69)
Zu 1.: a) Hume + b) zeitgenössische Wunderberichte erweisen sich immer wieder als falsch + c) siehe oben am Ende des Abschnitts Vorwurf der Petitio principii (S. 18 u.a.).
Zu 2.: Argument für den starken religiösen Agnostizismus unter Johnson Links.
Kritik
Johnsons Position wäre prinzipiell nicht angreifbar (wenn auch recht leichtgläubig), wenn er konsequent bliebe und die Kröte der Wunderberichte wirklich schlucken würde. Doch nicht-christliche (oder zumindest nicht in Johnsons christliche Position passende) Wunderberichte wiegelt der Autor ab. Die Wunderberichte von Tacitus und Sueton (S. 82-87), die den Gottesglauben an den Gott Serapis stützen, redet Johnson klein und hinweg. Es ist nicht ersichtlich, warum hier sein unerschütterlicher Glaube an die Wunderzeugnisschaft nicht gelten soll.
Was man von den Wunderberichten anderer Religionen mit völlig anderen Gottesvorstellungen halten soll, spart Johnson – bis auf die gerade genannten konkreten Fälle – aus. Johnson müßte alle für glaubwürdig halten.
Johnsons Hauptpunkt ist also: schon 1 verläßlicher Zeuge genügt um das Wunder zu belegen: “Argumentiere dagegen!”
Dagegen Hume: die Belege weniger (oder 1 Zeugen) wiegen nicht die Belege für das Naturgesetz auf und können es nicht falsifizieren.
Johnsons Text ist nicht immer verständlich. Das kann an vielerlei liegen:
• Hume ist interpretierungsbedürftig
• andere Exegeten Humes müssen berücksichtigt werden (Mackie, Mill, Flew, Sobel)
• Johnson packt oftmals viel in einen Satz
• Naturgesetze und Wunder sind weit entfernt von eindeutiger Definition
Johnson hat der Argumentation David Humes (und ihrer zahlreichen Interpretationen) eine in sich schlüssige entgegengesetzt. Er konnte mich damit nicht überzeugen, u.a. da er zwei Entgegegnungen unbefriedigend beantwortet:
a) Fehlerhäufigkeit zeitgenössischer Wunderberichte
b) Wunderberichte anderer Religionen und aus anderen Kulturkreisen.
• Im Vergleich zu a) beurteilt Johnson historische Wunderberichte anders und viel zu leichtgläubig.
• Die wenigen Fälle zu b), die er diskutiert kanzelt er schnell ab. Auch hier wieder eine nicht einsichtige unterschiedliche Behandlung.
Hume, Holism, and Miracles kann nur den Lesern empfohlen werden, die eine umfassende Diskussion des Essay “Of Miracles” von David Hume aus einer stark wundergläubigen Position heraus studieren wollen.
Links
David Hume: “Of Miracles”, Section X An Enquiry concerning Human Understanding (1748).
Johnsonfull textJohnsonWikipedia
Johnson David Johnson: Truth Without Paradox
Agnostizismus Argument für den starken religiösen Agnostizismus
Beckwith Beckwith, Francis J. (1989): David Hume's Argument Against Miracles. A Critical Analysis
JohnsonDialogue by Peter J. King
Johnson Lewis, C. S. (2007): "Miracles". In: C. S. Lewis, Hg.: The Complete C. S. Lewis Signature Classics. New York: Harpercollins, S. 297-462.
Johnson Literatur zu religiöser Glaube und Vernunft
Johnson Religiöser Glaube und Vernunft
JohnsonSerapis (auch Sarapis)
Tindale Tindale, Christopher W.: Fallacies and Argument Appraisal
Weitere Johnson Links und Johnson Literatur
Literatur
Armstrong, Jr., Benjamin F. (1992): "Hume on Miracles: Begging-the- Question against Believers". History of Philosophy Quarterly 9:3, S. 319-328.
Hájek, Alan (2008): "Are Miracles Chimerical?". In: Jon Kvanvig, Hg.: Oxford Studies in Philosophy of Religion Vol. 1. S. 82-104. – Johnsononline (pdf)
Kieran, Matthew (2001): "Review: Hume, Holism, and Miracles By David Johnson". Philosophy 76:296, S. 312-316.
Sobel, Jordan Howard (1987): "On the Evidence of testimony for Miracles: A Bayesian Interpretation of David Hume's Analysis". The Philosophical Quarterly 37:147, S. 166-186.
Swinburne, Richard (2000): Concept of Miracle. London: Macmillan.
Tindale, Christopher W. (2007): Fallacies and Argument Appraisal. New York: Cambridge UP.
Wallace, R. C. (1970): "Hume, Flew, and the Miraculous". The Philosophical Quarterly 20:80, S. 230-243.
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Johnson JohnsonDavid Johnson: Hume, Holism, and Miracles. Ithaca: Cornell UP, 1999. Gebunden, 106 Seiten Twelftree
Graham H. Twelftree, Hg.: The Cambridge Companion to Miracles. Cambridge: Cambridge UP, 2011. Taschenbuch, 354 Seiten Twelftree
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