Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Boeckmann
Klaus Boeckmann: Conditio humana. Das widersprüchliche Erbe der Menschen
Norderstedt: Books on Demand, 2011. Taschenbuch, 300 Seiten – Boeckmann LinksBoeckmann Literatur
Unter dem zunächst bescheiden klingenden Titel "Conditio humana" erwartet die Leser ein erstaunlich inhaltsreiches Buch. Bei der "conditio humana" geht es um nichts weniger als die Bedingungen für unser Menschsein, also um die Natur des Menschen. Dieses weite Feld schreitet der Autor konsequent ab.
Den umfangreichen Stoff zu gliedern ist nicht einfach. Die Überschriften der vier Teil des Werks können nur ungefähr andeuten und werden deshalb nachfolgend etwas erläutert.
Inhalt
Die Suche nach dem Sinn
Die Last unseres Erbes
Die Grenzen des Ich
Ausblicke
Die Suche nach dem Sinn
Zur Conditio humana gehört die Endlichkeit des Lebens. Die Philosophen streiten sich, ob der Tod zum Leben gehört. Ludwig Wittgenstein meint: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.“ Tractatus-logico-philosophicus, 6.4311). Mit der entgegengesetzten Feststellung, dass Leben und Tod zusammengehören, beginnt Boeckmann sein Werk. Er – und alle anderen, die ihm da zustimmen – hat dabei etwas anderes im Sinn: der Mensch kann seinen Tod zu Lebzeiten reflektieren. Das ist eines der wenigen Attribute, das ihn von den anderen Lebewesen unterscheidet. Und damit stellt sich die Frage: „Was soll das Ganze?“ oder etwas weniger salopp es stellt sich die Frage nach dem Sinn.
Dazu holt der Autor weit aus: Kosmologie, Evolution, Religion werden bemüht. Die wissenschaftliche Position gibt der Welterklärung den Vorrang vor den unterschiedlichen Erzählungen der Religionen. Zudem: welche der Ursprungsgeschichten der Religionen sollte man glauben? Damit spricht Boeckmann der Bibel ihre überragende Bedeutung und Wirkung nicht ab, rückt sie aber in den richtigen Kontext. Erfahrung und Wissen der Menschen sind weit darüber hinausgegangen (S. 18). Die Folgefrage ist aber, wie es überhaupt zu religiösen Überzeugungen kam und warum sie so wirkmächtig waren. Auch diese Frage beantwortet der Autor ausführlich und zufriedenstellend. Insbesondere weist er auf die Mechanismen hin ("Wort Gottes", drohende Bestrafung, klerikale Hierarchie: die Unterwerfung gegenüber den Göttern wird auf ihre Vertreter im Diesseits übertragen), die dies ermöglichten. Der "Dreiklang von Schuldgefühl, Erbsünde und Sündenablass" (S. 71) konnte seine Wirkung kaum verfehlen.
Der Jenseitsgedanke, als "bessere Variante des irdischen Lebens" (S. 55) – der in fast allen Religionen vorherrscht – wird in Entstehung und Funktion diskutiert. Der Jenseitsglaube verleiht Freiheit und Unabhängigkeit (S. 90). Eine starke positive Kraft entwickeln die Religionen indem sie ihren Gläubigen eine Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeitsgefühl geben.
Boeckmann weicht auch nicht der Beantwortung der Frage aus, warum die Religionen soviel Gewalt auslösten.
Die Suche nach dem Sinn ist nicht erfolgreich. Jeder Mensch muss die Sinnfrage selbst beantworten, wenn er sich nicht selbst aufgeben will.
Die Last unseres Erbes
Nachdem die Religionen keine überzeugende Antworten geben können – zumindest für diejenigen, die es vorziehen, selbst zu denken –, stellt sich die Frage nach der Natur des Menschen umso dringender.
Der Schwerpunkt des zweiten Teils ist demnach auf Biologie, Genetik, Anthropologie, Psychologie und Philosophie und Neurobiologie. Die dabei diskutierten Sachverhalte bestätigen die Befunde aus dem ersten Teil: die Religionen haben keine bündigen Antworten.
Das beginnt bei der naturwidrigen Aufforderung: Liebe den Nächsten wie dich selbst! Eine Forderung, die kaum ein Christ je erfüllte. Wer anderes Glaubens ist war unter Christen nie sicher. Ein Kern dieses Kapitels ist es zu zeigen, wie das evolutionäre Erbe uns weiter prägt und von den Religionen geschickt ausgenutzt wurde um ihre Herrschaft zu festigen. Hier gab es sogar für mich einige Überraschungen. Die Unterwerfungsgesten der Tiere (S. 119-120) waren mir wohl bekannt, doch brachte ich sie nicht in Verbindung zu den Zeremonien der Kirche: Unterwerfung bei der Priesterweihe, Haltungsvorschriften bei den Messen, usw. Auch das Aufplustern der Tiere hat in Bischofsmütze und Mitra (Überhöhung!) ihre rituellen Nachfolger.
Die Sexualethik der christlichen Kirchen ist weltweit unter Kritik. Die Beschränkung des Sexualkontakts auf die Fortpflanzung degradiert die Menschen zum Tier. Zudem übersieht sie die starke Bindungsfunktion des Sexualkontakts (S. 152ff).
Zum Abschluss dieses Teils wird gezeigt, wie man gut sein kann, ganz ohne es in Geboten oder heiligen Schriften vorgeschrieben zu bekommen.
Die Grenzen des Ich
Im dritten Teil dringt Boeckmann noch stärker in die Philosophie des Geistes und Neurobiologie vor. Eine religiöse Seele findet er nicht, doch das Ich will er sich nicht absprechen lassen. Ich meine, auch hier entstehen die Diskrepanzen zu den Neurobiologen (zumindest teilweise) durch unklare Begriffe wie "Ich", "Wille", "Bewusstsein" und "Unterbewusstsein".
Den Begriff der Person diskutiert Boeckmann und kommt etwa auf die Abgrenzung von Peter Singer: „Wer nicht weiß, dass er gestern auch schon gelbt hat und morgen vielleicht auch noch lebt, kann sich nicht als Person erleben, die für das eigene Handeln verantwortlich ist.“ (S. 195)
Zur Rettung des freien Willens unternimmt Boeckmann einige argumentative Anstrengungen. Überzeugt hat er mich dabei nicht. Vor allem setzt er voraus, dass einem strengen Determinismus ein "grosser Plan" (S. 200) unterliegt. Das sehe ich nicht so.
Ein Nebengedanke der Diskussion ist es, dass sich Boeckmann glücklich schätzt, in die heutige Zeit geboren zu sein. Um das dem Leser nahe zu bringen vergleicht er mit einem Höhlenmenschen vor 40.000 Jahren (S. 229). Allerdings übersieht sein Vergleich, dass der Höhlenmensch die Bedürfnisse des heutigen Menschen weder kannte noch vermisste, so wie wir die Bedürfnisse des Menschen der Zukunft nicht vermissen.
Zum Abschluss wird nochmals der Tod aufgegriffen. Die Jenseitsgläubigen haben hier einen Vorteil: das diesseitige Leben ist nur vorbereitend fürs jenseitige. Doch für wen es mit dem Tod endgültig aus ist, braucht nicht zu verzagen: Nur das Leben zählt! (S. 253) Es gilt dieses richtig zu leben. Auch die sich nun aufdrängende Frage wird beantwortet: „Ich lebe »richtig«, wenn ich im Einklang mit den Werten lebe, die mir im Angesicht der Endlichkeit meines Lebens als richtig und wichtig erscheinen.“ (S. 257) Damit beantwortet sich auch der Zweifel, der – so oder so – aufkommt, wenn man hagere weißbärtige Asiaten sieht, die sich völlig zurücknehmen. Ähnliches geschieht auch in mnachen Ordensgemenschaften der Religionen: diese Leute haben nur das Jenseits im Blick und warten nur auf den Tod. Das Sterben wird über das Leben gestellt (S. 260). Diese Überlegung zeigt das Absurde dieser Anschauung. Es ist keinesfalls nachahmenswert.
Ausblicke
Im vierten Teil spekuliert der Autor wohin die Reise der Menschheit geht. Der erbarmungslose Kampf ums Überleben wird auf der evolutiven Ebene ausgeschaltet. Das hat gewichtige Ergebnisse. „Der Genpool der Menschheit wird unvermeidlich »schlechter«. Von Höherentwicklung kann keine Rede sein.“ (S. 279). So gesehen kann man froh sein, gerade jetzt noch geboren zu sein. Damit ergibt sich ein lebensbejahender Abschluss.
Conditio humana ist ein bemerkenswertes populärwissenschaftliches Buch. Trotzdem ist es weder oberflächlich noch gar seicht esoterisch.
Boeckmann schafft es schwierige Themen verständlich zu erläutern. Damit behandelt er vieles, über das manche Zeitgenossen erst im Laufe ihres Lebens stolpern, weil es beispielsweise in einem TV-Talk oder einer angesagten Zeitschrift als neuester Schrei verkauft wird. Mit Conditio humana kann jeder sein Weltbild in einem grossen Durchlauf befragen und ergänzen ohne auf die zufälligen Hypes der Mode und medialen Welt angewiesen zu sein.
Manchmal zieht Boeckmann zu voreilige Schlüsse. Wohl um möglichst viele anzusprechen verzichtet er auf Fussnoten und Quellennachweise. Einverstanden. Ein Index und ein Literaturverzeichnis würden den lesenswerten Inhalt aber besser erschießen.
Conditio humana ersetzt viele Stunden Phoenix, Arte und 3sat.
Links
BoeckmannConditio humana
Boeckmann Evolution
Boeckmann Viktor Frankl
Boeckmann Viktor Frankls Prinzip
Boeckmann Glück - Sinn - Zufriedenheit
BoeckmannJürgen Czogalla: Klaus Boeckmann: Conditio humana - Philosophisch-ethische Rezensionen
Boeckmann Leslie Stevenson, David Haberman: Zehn Theorien zur Natur des Menschen: Konfuzianismus, Hinduismus, Bibel, Platon, Aristoteles, Kant, Marx, Freud, Sartre, Evolutionstheorien
BoeckmannMichael Stürmer: Zur Conditio Humana gehört die Endlichkeit. Zeit und Zivilisation, Welt online, 2.1.2009
BoeckmannWillem Warnecke: Conditio humana endlich enträtselt - Der neueste naturalistische Rundumschlag von Steven Pinkers linker Hirnhemisphäre, literaturkritik Dezember 2003
BoeckmannWas ist der Mensch? Mainzer Universitätsgespräche
Boeckmann Zitate Ludwig Wittgenstein
Literatur
Bei Amazon nachschauen  
Boeckmann BoeckmannKlaus Boeckmann: Conditio humana. Das widersprüchliche Erbe der Menschen. Norderstedt: Books on Demand, 2011. Taschenbuch, 300 Seiten
Boeckmann Anfang

Boeckmann
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 6.12.2011