| Andreas Klinksiek: Die Reise zum
Anbeginn. Kosmogonie der Ursprache Books on Demand, 2003. 320 Seiten |
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| Eigentlich wollte ich
dieses Buch nicht rezensieren. Der Titel droht mit schwammigen Mythos. Doch
einerseits besuchte ich im Sommersemester 2003 die Vorlesung "Bornierte Physik
oder kopflose Esoterik? Über esoterische Interpretationen der modernen
Physik" von Stefan Bauberger (den ich ob seiner klaren Ausdrucksweise
schätze [ |
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| In der Einleitung gibt Andreas
Klinksiek ein paar ungeklärt bleibende Begriffe (z.B. Sternenweisheit) und
stellt gewagte Hypothesen auf. In Hinblick auf die kommenden 300 Seiten kann
man das ruhig hinnehmen und auf Klärung hoffen. Die Reise zum Anbeginn erweist sich in der Folge als paradigmatisch für Kernthesen der oben genannten Bauberger-Vorlesung. Ich nenne mal ein paar dieser Thesen; die Nummerierung soll keinesfalls Vollständigkeit suggerieren, sondern dient der späteren leichteren Bezugnahme.
"Die Astrophysik erklärt die Entstehung des Universums hypothetisch als zufälligen Vorgang" ... "aus dem Nichts" (S. 11). Nach dem derzeitigen kosmologischen Standardmodell liegt der Ursprung des Kosmos in einem Urknall, über dessen Beginn die Wissenschaftler nichts sagen. "Es beginnt mit einem sehr kleinen Universum extrem hoher Dichte und Temperatur; was davor ist, läßt sich nicht sagen" (Drieschner S. 58). Insbesondere wagt kein mir bekannter Physiker die Behauptung der Entstehung aus dem Nichts (obwohl man sie andrerseit auch nicht ausschliessen sollte) und wenn dann in einem besonderen Sinne, der in "Schöpfung und Entstehung" beispielsweise bei Kanitscheider ausgeführt wird (S. 445). Andere kosmologische Modelle, die Klinksiek nicht kennt oder ignoriert, verzichten auf die Anfangssingularität des Urknalls: Modell des inflationären Weltalls und die Big-Bounce-Theorie (Wolfgang Priester, H.J. Blome, J. Hoell); Modell vom stationären Zustand des expandierenden Universums oder Steady-State-Theorie (Hermann Bondi, Tommy Gold). Nun ein paar Anmerkung zu den Thesen in obiger Box. Zu 1. Das Auseinanderfallen der "überheblichen" modernen Wissenschaft und dem verlorenen ursprünglichen Wissen ist eine Hauptthese des Buches. Wie der Titel besagt, soll durch eine Reise zum Beginn und Wiedererweckung des wertvollen Urwissens dieser Zustand geändert werden. "Diese Kosmogonie ist der Versuch einer Zusammenfassung dieser überkommenen Mythen und ihre Inbeziehungsetzung zu den »wissenschaftlichen Erkenntnissen« des 21. Jahrhunderts" (S. 28). Nur vergass der Autor zu erklären oder auch nur plausibel zu machen, warum diese Mythen, die auf den folgenden fast 300 Seiten beschrieben werden, besser zur Welterkenntnis beitragen. Zudem wurde mir nie klar, warum er es für angemessen hält, die wertvollen Kenntnisse der Schöpfungsmythen der Völker in Beziehung mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts zu setzen; immerhin meinte er nachgewiesen zu haben, daß die völlig auf dem Holzweg sind (siehe Zitat weiter unten Zu 3.). Er sieht ja die heiligen Bücher der Menschheit als "Alternativen zu den Urknall- und Evolutionstheorien" (S. 26). Zu 2. Hier beruft sich Klinksiek hauptsächlich auf zwei Koryphäen. und Anonymus. Georg Todoroff schreibt auf seiner Webauftritt ( Joachim Illies, Biologen, Schwerpunkt Limnologie, örtlicher Leiter der Limnologische Fluss-Station in Schlitz, Hessen; + 3. Juni 1982. Über dessen wissenschaftliche Stellung kann ich wenig sagen, er scheint mit seiner Evolutionskritik eher Aussenseiter gewesen zu sein, was nicht gegen seine Qualifikation spricht, doch die große Koryphäe der Evolutionsbiologie scheint er nicht gewesen zu sein. Sicher keine Koryphäe sondern eine anonyme Webauftritt wird auf Seite 19 unten bemüht. Der erste Satz falsifiziert in einem Rundumschlag drei Theorien und macht damit den Schreiber lächerlich: "Die Relativitätstheorie wurde von Anfang an stark bekämpft, und zwar viel stärker als andere falsche Theorien, z.B. die Maxwellsche Theorie oder die Quantenmechanik". ( Zu 3. "Weder die Urknall- noch die Evolutions- oder die Relativitäts-Theorie, als die Pfeiler auf denen das moderne Weltbild baut, sind wirklich tragfähig" (S. 16). Zu 4. Ein "interdisziplinärer, ganzheitlicher Zusammenhang" wird von den Wissenschaftlern nicht hergestellt (S. 14); "alle Wissenschaften in ganzheitlicher Sicht" (S. 21); das gesamte Buch beruft sich auf die "universelle Schöpfungsgeschichte" (S. 28ff) und den "Urgrund" (S. 27). Zu 5. Anthropomorphismen: die "Atmosphäre atmet" (S. 12), die Erde "ein lebendiger Organismus" (S. 12), "blinder Zufall" (S. 24 u.v.a.), "Die Materie an sich ist blind und tot" (S. 27). |
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| Widersprüche | |
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| Falsche Behauptungen | |
| Nach Klinksiek bezweifeln immer mehr Physiker die Spezielle und
Allgemeine Relativitätstheorie. Das kann ich nicht bestreiten, da mir
keine Zahlen vorliegen. Ich bezweifle es
stark. Beides sind "state of the art". Klinksiek fährt fort:
"... für die es keinen einzigen Beweis gäbe, für deren
Falschheit jedoch mindestens zehn" (S. 17). Das ist falsch. Ich gebe ein
Beispiel: Die Expedition zum Nachweis der Ablenkung des Lichts 1919
bestätigte Einsteins Relativitätstheorie ( Nach Klinksiek ist die Existenz des Lichtäthers durch Michelson und Morley "eindeutig bewiesen worden" (S. 18). Falsch. Albert Abraham Michelson und E.W. Morley wiesen 1881 und 1887 die Unabhängigkeit der Lichtgeschwindigkeit von der Erdbewegung nach (nebenbei eine Bestätigung der späteren Relativitätstheorie). Oder umgekehrt: die Versuche von Michelson und E.W. Morle zeigten, daß das von einem Stern zur Erde kommende Licht relativ zur Erde stets die gleiche Geschwindigkeit besitzt, einerlei, ob die Erde dem Licht entgegenläuft oder nicht. Diese paradoxe Erfahrung machte Einstein zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. © Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 1999 Nach Klinksiek "enthält Einsteins mathematische Herleitung der Spezielle Relativitätstheorie eine mehrmalige Division mit Null". Das muß falsch sein, da die Division durch Null mathematisch nicht definiert ist. Klinksiek fährt fort: "Dabei bezeugt jeder Taschenrechner, daß eine Teilung durch 0 immer 0 ergibt" (S. 19). Das ist mit Verlaub nicht nur falsch, sondern Quatsch.
Viele Behauptungen werden aufgestellt ohne Motivation oder gar einen Nachweis. Auf Seite 20 taucht der Schöpfergott auf. Klinksiek weiß sogleich über ihn: "Die Art Gottes, etwas zu machen, ist von der des Menschen sehr verschieden" (S. 20). Begründung? Immerhin steht die Ebenbildhaftigkeit des Menschen laut Bibel dagegen. Auf Seite 27 oben werden die Schöpfungsmythen, also Sagen, Legenden und Märchen, verwendet um ein ewiges Geistiges Reich zu postulieren. Immerhin unterstreicht die These 2 (S. 43) der Ursprache einen wichtigen Punkt der Evolutionstheorie: die Abstammung aller Arten von einem Ursprung. So können auch die Menschen in einem einzigen Gebiet der Erde ihren Ursprung haben, was die vergebliche Suche nach dem Übergang zum homo sapiens teilerklären kann. |
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| Manipulation | |
| Die manipulative Verwendung von Eigenschaftswörtern, die die
Thesen der Wissenschaft ins Magische rücken sollen (blinder Zufall,
unfasslich usw.) habe ich schon genannt. Ein krasses weiteres Beispiel: "...
die triste »Big Bang«-Theorie
von blinden Energien und
ziellos schwebenden Materiebrocken" (S. 20;
farbige Hervorhebung durch H.H.). Ich meine, sollte Prof. Dr. Harald Lesch,
Professor für theoretische Astrophysik an der Technischen Universität
München, das vom tristen Big Bang lesen, er würde dem Autor ins Kreuz
springen. Er betont in seinen Sendungen der Fernsehreihe Alpha
centauri immer die Schönheit im Weltall, die sich auch in den
dynamischen Vorgänge dort zeigt. Dem steht eine entgegengesetzte Manipulation mit Worten gegenüber, wenn es um die Thesen des Autors geht. Der geistige Sinn wohnt "unleugbar" allem Erschaffenen inne. Halt, da hat Klinksiek irgendwie sogar recht (wohl so nicht beabsichtigt): Ich unterstütze die These John Searles ( "Wer wollte ernsthaft bestreiten, dass ...?!" (S. 16). Trotz der suggestiven Frage antworte ich mit: "Ich." Manipulativ ist für manchen Leser auch die Kontraposition von Darwin, Einstein oder Hubble einerseits und Gott andrerseits. Die moderne Wissenschaft (unter ihr Darwin, Einstein und Hubble) versucht ohne Gott auszukommen. Wie oben beim »missing link« und dem Blindschach der Chinesen beweist das nichts bezüglich Gottes Existenz oder Nicht-Existenz. Auch ein Anhänger des heutigen wissenschaftlichen Weltbilds kann völlig kohärent gottesgläubig sein. Was bieten dann das Buch nach Seite 28 noch? Mythen der Völker, Astrologie, Biblisches, Mystik, etwas Philosophiegeschichte (unter der Überschrift "Die Sprache der Sterne" SKANDAL), Zahlenmystik. Wer sich für diese Themen interessiert ist vielleicht gut bedient, denn sicher sind wichtige Fakten (die woanders schlecht zu finden sind) darunter; doch leider wird es dem Leser überlassen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Das war mir zu mühselig. Für die Philosophiegeschichte konnte ich trennen: da ist jede andere Philosophiegeschichte ergiebiger. Was soll man auch erwarten, wenn der Autor selbst Descartes, dem andere Autoren vorwerfen, den Geist, die res cogitans, in der Philosophie verankert zu haben ( Zu loben ist der Fleiß des Autors, der aus vielen Kulturen Legenden und Mythen detailliert beschreibt und verbindet. Dabei ist die Aufmachung des Buches sehr leserfreundlich: Schriftsatz gut zu lesen, Randverweise auf Bibelstellen oder Heraushebung der wichtigen Stichpunkte, Auflockerung durch Bilder und Tabellen. Dabei wurde mir selten klar: redet Klinksiek von der am Rand genannten Person (und teilt nicht unbedingt dessen Standpunkt) oder hebt er dasjenige hervor, das er mitunterstützt? Beispiel (S. 184): Randwörter: "Atman Brahman Prajâpati"; Text: sind synonym mit "Gott". Unmittelbar folgt das Randstichwort: "Das göttliche Bewußtsein". Text. "Das Göttliche ist in jedem Menschen in der Gestalt von Bewusstsein gegenwärtig." Unbeantwortet bleiben die Fragen, die sofort auftauchen: ist das aus der Lehre von Atman oder Brahman oder Prajâpati? Oder steht es bei allen drei? Wie kommen sie zu dieser Behauptung? Begründung fehlt. Was meint der Autor dazu? Was soll ich als moderner Leser damit? Wo ist der Bezug zur Ursprache? Keine Antworten, es wird mit Meister Ekkehard und Sathya Sai Babas weiter fabuliert. Die empfehlenswerte Zeitschrift Lesart hat als letzte Seite die Rubrik "Das peinliche Buch". Dort werden besonders unlesenswerte Bücher angeprangert. Das Ärgerliche an Die Reise zum Anbeginn ist neben dem oben Genannten, daß ab Seite 28 hauptsächlich Mythen und Esoterik erläutert werden. Der Zusammenhang mit dem 21. Jahrhundert fehlt; ebenso der kleinste Hinweis darauf, warum irgendjemand zum Beispiel der chinesischen Wurzel der Ur-Offenbarung mehr Glauben schenken sollte, als den modernen Wissenschaften, deren Zugang zur Wirklichkeit durch überprüfbare Messungen und empirische Untersuchungen objektiviert ist. Vom hohen Anspruch des Buches, der "Entmystifizierung der Mystik" und der "Heiligung des Entheiligten" (S. 21) ist allenfalls der zweite Teil eingelöst. |
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| Literaturverzeichnis (für obigen Text;
weiterführende und ergänzende Drieschner, Michael: Moderne Naturphilosophie. Eine Einführung. Paderborn: Mentis, 2002. Esfeld, Michael: Einführung in die Naturphilosophie. Darmstadt: WBG, 2002. Kanitscheider, Bernulf: Kosmologie. Geschichte und Systematik in philosophischer Perspektive. Stuttgart: Reclam, 1991. |
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| Links | |
| Kosmogonie [griechisch]
die, in der Religionsgeschichte die Mythen von der Entstehung der Welt und ihrer religiös fundierten Ordnung. Meist liegt den Kosmogonien die Vorstellung von einem vorzeitlichen Urstoff oder Urwesen zugrunde, aus dem oder durch dessen Umbildung die Welt entstanden sei. Nach altindischen Kosmogonien z.B. spaltete sich am Anfang der Welt ein Weltei spontan in zwei Hälften, die eine wurde der Himmel, die andere die Erde, der Eidotter die Sonne. Von dieser Annahme ist die Anschauung von der »Schöpfung aus dem Nichts« (Creatio ex nihilo) zu unterscheiden, nach der der Kosmos zunächst als Gedanke einer Gottheit konzipiert und dann durch deren Wort verwirklicht wird. Die gnostischen Erlösungsreligionen, der Materie feindlich gegenüberstehend, sehen die Welt als Werk eines dämonischen Demiurgen, des Widersachers des guten, lichten Gottes. Im Dschainismus und frühen Buddhismus fehlen Vorstellungen über die Entstehung des Kosmos. © Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 1999 |
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| Literatur |
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| Stephen W. Hawking: Eine kurze
Geschichte der Zeit. Reinbek: Rowohlt, 1998. Broschiert, 271 Seiten
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| Harald Lesch, Jörn
Müller: Big Bang, zweiter Akt. München: Bertelsmann, 2003.
Gebunden, 443 Seiten
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