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Reason
Michael P. Lynch: In Praise of Reason
Cambridge, Mass., London: MIT, 2012. Gebunden, 166 Seiten – Lynch LinksLynch Literatur
Viele Leute misstrauen der Vernunft. Vernünftige Argumentation steht nicht sehr hoch im Kurs. So behaupten viele, die globale Erwärmung und die Mondfahrt seien Lügen, andere (oder dieselben?) meinen, dass Kreationismus (neben der Evolution) in der Schule gelehrt werden soll (S. 1).
Michael P. Lynch, Professor of Philosophy an der University of Connecticut, will mit diesem Buch der Vernunft im öffentlichen Diskurs ihre wichtige Rolle zurückgeben oder stärken (wenn man die Ausgangsthese (dass sie missachtet wird) für überzogen hält).
Unter Vernunft („reason”) versteht der Autor, dass wir unsere Überzeugungen und epistemische Festlegungen erklären und rechtfertigen können (S. 3). Man sieht, sein „reason” deckt sich nicht ganz mit „Vernunft”, sondern hat den Schwerpunkt auf argumentativer Begründung. Dies im Auge bleibe ich aus Gründen der Einfachheit doch bei „Vernunft”.
Lynch erforscht und diskutiert die Gründe, die zur Geringschätzung der Vernunft führen. Das geschieht etwas übers Werk verteilt. Er macht Folgende aus:
  1. Vernünftige Begründungen werden (meist) im Nachhinein gegeben. Wie die Wissenschaft selbst gezeigt hat, folgen unsere Handlungen nicht aus der Vernunft, sondern sind Bauchentscheidungen, denen Vernunftgründe nachgeschoben werden.
  2. Skeptisches Argument: Die vernünftige Begründung kann ihrerseits nicht vernünftig begründet werden ohne in einen Zirkel zu laufen (S. 4). Vernünftige Begründung und letztlich Wissenschaft ist also nur ein anderer Glaube. Der Autor verweist auf Tertullian (S. 4):  »Was hat Athen mit Jerusalem zu schaffen, was die Akademie mit der Kirche, was die Häretiker mit den Christen?«
  3. Die Forderung nach vernünftiger Begründung fusst der falschen Annahme: dass man objektive Wahrheit erlangen könne. Doch objektive Wahrheit ist eine Illusion. Diese Annahme sollte man am besten aufgeben und akzeptieren, dass weder vernünftige Begründung noch anderes zur Wahrheit führt (S. 5).
Zu 1.
Im 2. Kapitel behandelt Lynch den Zusammenhang zwischen Gefühlen und der Vernunft. Hier nimmt er die Gefühle mit ins Boot und weitet die Vernunft so aus„anything that explains why we ought to believe or do something. So in this sense feelings and emotional responses themselves can be reasons. Often they are bad reasons: one's envy of a colleague's success is not a good reason ...” (S. 19).
Zu 2.
Den Skeptikismus behandelt Lynch im 3. Kapitel: „Nothing but Dreams and Smoke”. Die epistemische Prinzipien sind Prinzipien, die uns sagen, was richtig oder vernünftig ist zu glauben. (S. 38), doch sie lassen sich tatsächlich nicht zirkelfrei begründen. Mit Exkursen zu Ludwig Wittgenstein und William Clifford gibt der Autor David Hume und andere Skeptiker recht: den epistemischen Prinzipien (darunter steht Lynch: Beobachtung, Folgerung) muss man trauen ohne Beleg. Zur Begründung würde man die Vernunft bereits benötigen. Aber das Bekenntnis zur Vernunft kann also nur sein diese fundamentalen epistemischen Prinzipien anzuerkennen. Allerdings untemrauert Lynch dies mit einem praktischen Argument:
„I commit to these sources being reliable even though I cannot show that they are reliable without employing them. But this commitmant, this faith, isn't blind. I can justify my fundamental principles. I can justify them by showing how important these principles are for a functioning civil society. I can give what philosophers call practical reasons for them.” (S. 84)
Die praktischen Gründe sind zusammengefasst diese: Die fundamentalen epistemischen Prinzipien sind für eine gerechte, zivile Gesellschaft grundlegend (S. 138). Es ist bemerkenswert, dass Lynch hier auf ein Argument mit dem Erfolg der Wissenschaften verzichtet.
Zu 3.
Der Tradition und anderen Methoden zur Verfolgung der Wahrheit setzt Lynch die wissenschaftlichen Methoden entgegen. Sie sind
  • wiederholbar
  • anpassbar
  • intersubjektiv
  • durchsichtig (S. 102)
und gerade nicht beliebig mit anderen Methoden ersetzbar. Richard Rorty folgert daraus, dass man nie weiß, ob man die Wahrheit erreicht hat, dass sie kein Ziel der Erkenntnisbemühungen sein kann (S. 124). Dieses Argument zerpflückt Lynch und verweist gegen den Wahrheitsrelativismus auf sein früheres Werk: Truth in Context: An Essay on Pluralism and Objectivity.
Im 5. Kapitel "The »Sacred Tradition of Humanity«" unterscheidet Lynch zwischen »commitment« und »belief « (S. 83-84). Er folgt damit den Spuren von L. Jonathan Cohen: An Essay on Belief and Acceptance. Doch ist seine Erklärung überzeugender als die Cohens. Im weiteren Text diskutiert Lynch die Sichtweise der zwei Bereiche: Naturwissenschaften versus Humanwissenschaft und wendet seine Überlegungen auf den Humanbereich an. Das gelingt im hinreichend, doch die weiteren Überlegungen zur Superkohärenz überzeugten mich nicht so.
Dem Skeptizismus bezüglich Rechtfertigung und Wissen und dem Relativimus der Wahrheit setzt Lynch ein praktisches Argument entgegen. Die moderne zivile Gesellschaft ist darauf angewiesen ihre Differenzen argumentativ auszutragen. Dabei müssen fundamentale epistemische Prinzipien eingehalten werden. Diese bestehen darin unsere Überzeugungen letztlich durch Beobachtung und Folgern daraus zu begründen.
In Praise of Reason ist lesenswert, da es anregt über die Rolle der Vernunft in der Gesellschaft nachzudenken. Es bietet einige Argumentationshilfen gegen die oben genannten Kritiker oder Verächter der Vernunft.
Links
LynchMichael P. Lynch
Lynch"In Praise of Reason" by Michael P. Lynch, The Montréal Review, May 2012
LynchReviewed by Dennis Whitcomb, Western Washington University
LynchMichael P. Lynch: Reasons for Reason, The New York Times, October 2, 2011
Lynch L. Jonathan Cohen: An Essay on Belief and Acceptance
Lynch Alvin Plantinga, Nicholas Wolterstorff, Hg.: Faith and Rationality: Reason and Belief in God
Lynch Herbert Schnädelbach: Vernunft
Lynch Ulrich Steinvorth: Was ist Vernunft? Eine philosophische Einführung
Literatur
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Lynch LynchMichael P. Lynch: In Praise of Reason. Cambridge, Mass., London: MIT, 2012. Gebunden, 166 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 9.12.2012