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Thinking
Antony Flew: Thinking about Thinking (Or, Do I Sincerely Want to be Right?)
Glasgow: Fontana Collins. Broschiert, 127 Seiten – Flew LinksFlew Literatur
Thinking about Thinking will zum besseren Denken und Folgern anleiten und gliedert sich wie folgt:
1 The Basic Equipment
   gültiges deduktives Argumentieren
2 If/then and All/none
   Implikation und Generalisierung und die dabei auftretenden Denkfallen
3 Evasion and Falsification
   No-true-Scotsman Move (Kein-wahrer-Schotte Trugschluß) und Falsifikation
4 Motives and Grounds
   Gründe der Genese einer Überzeugung (psychologisch, soziologisch) versus
   Gründe, die eine Überzeugung wahr machen
5 Minding Our Language
   Mehrdeutigkeit der Sprache – Klarheit der Sprache
6 Figuring
   Vorsicht beim Umgang mit Zahlen
7 A Chapter of Errors
   weitere Fallstricke: the Fallacy of Many Questions;
   the Genetic Fallacy;
   the Logically-black-is-white Slide
8 The Final Foreword
   gegen einige Stammtischparolen und Alltagsüberzeugungen
Bibliography
Some Further Reading
Index
No-true-Scotsman Move – Kein-wahrer-Schotte Trugschluß
Der No-true-Scotsman Move ist ein Manöver um die Falsifizierung einer Aussage zu vermeiden. Man definiert in der Erwiderung die Menge, über die etwas ausgesagt wird, um.
Antony Flews Beispiel
Ein Schotte liest in der Zeitung vom erneuten Anschlag eines Sex-Triebtäters. Schockiert erklärt er: „Kein Schotte würde so etwas tun!” Nächsten Sonntag liest der Schotte von den noch skandalöseren Taten des Mr Angus MacSporran aus Aberdeen (Schottland). Dieses Gegenbeispiel zur These „Kein Schotte tut so etwas!” – eigentlich dessen Falsifizierung – wird entwertet durch die Einschränkung: „Kein wahrer Schotte würde so etwas tun!”
Das Verfahren wird oft im religiösen Umfeld angewandt.
  1. These: Christen töten keine Andersgläubigen.
  2. Einwand: Viele taten und tun es. Selbst Petrus und andere Päpste haben zum Feldzug gegen Andersgläubige aufgerufen.
  3. Erwiderung (No-true-Scotsman Move): Dann sind das keine wahren Christen.
Damit wird die Menge unter 1. reduziert: man spricht nur noch über die Teilmenge derjenigen Christen, die keine Andersgläubigen töten. Man hat die These gegen jegliche Falsifizierung immunisiert. Allerdings wird der No-true-Scotsman Move im obigen Beispiel fragwürdig, da auch der Gott der Christen zum Mord Andersgläubiger aufgerufen hat (Flew Zitate Bibel).
Auch das umgekehrte Verfahren – Erweiterung der Menge über die etwas ausgesagt wird – ist anzutreffen.
These: (Nur) Christen praktizieren Nächstenliebe.
Einwand: Der Atheist Achim tut viel Gutes für seine Mitmenschen.
Erwiderung: Achim ist – ohne sich dessen bewusst zu sein – ein Christ.
Motive und Gründe
Mit „The Subject/Motive Shift” (S. 58) bezeichnet Flew ein argumentatives Ablenkungsmanöver der folgenden Art. Während man die Wahrheit oder Falschheit einer Aussage erörtert und die Gründe anführt, die die Aussage wahr machen oder falsifizieren, geht jemand dazu über, die Gründe und Motive zu diskutieren, die jemand veranlassen, die Aussage für wahr oder falsch zu halten.
Eine bekannte Argumentation für den Glauben an Gott ist Pascals Wette. (Antony Flew nimmt neben der Politik gerne Beispiele aus dem religiösen Bereich.) Pascal gesteht zu, dass es keine guten Gründe (reasons) für den Glauben an Gott gibt, aber wir haben sehr gute Gründe (motives) dafür, uns zu überreden (z.B. durch Teilnahme an Treffen religiöser Gruppen und Zeremonien), an Gott zu glauben (S. 59).
Klarheit der Sprache
Im 5. Kapitel weist Flew auf Probleme mit der Sprache hin. Nach Sokrates ist es zur korrekten Verwendung eines Begriffes und zu dessen Verständnis unabdingbar, dass man über eine Definition des Begriffes verfügt. In der Übersetzung von Otto Apelt sagt Sokrates: „Denn solange ich nicht weiß, was das Gerechte ist, werde ich schwerlich zu einem Wissen darüber gelangen, ob es eine Tugend ist oder nicht, und ob der, dem es innewohnt, glücklich ist oder nicht”. Platon: Der Staat, St. 354. Flew widerspricht. Man kann sehr wohl einen Begriff X richtig verwenden und beurteilen ohne auf die Frage „Was ist X?” eine Definition parat zu haben. Viele Begriffe können ohne Definition im Alltag und Diskussionen einwandfrei verwendet werden. Nur wenn ein Begriff unsicher oder verwirrend ist, wird seine Definition notwendig.
The Logical-black-is white Slide (S. 103–107)
Ein häufiger Argumentationsfehler ist dieser:
Wir sprechen über Sachverhalte, die sich nur graduell unterscheiden.
Da keine natürliche scharfe Trennungslinie vorhanden ist, gibt es keinen Haltepunkt zwischen den beiden Extremen. Es gibt daher keinen prinzipiellen Unterschied. Der Unterschied ist nicht vorhanden oder unwichtig.
Der Denkfehler wird klar, wenn man sich vor Augen führt, dass graduelle Unterschiede sehr wohl signifikante Unterschiede ausmachen können. Das wird bei den typischen vagen Attributen wie "kahlköpfig" klar. Kein einzelnes Haar mehr oder weniger ergibt einen signifikanten Unterschied. Trotzdem wir niemand bestreiten, dass zwischen einem Wuschelkopf und einem Kahlköpfigen ein qualitativer Unterschied besteht. Ähnlich verhält es mit der Unterschiedung zwischen arm und reich, jung und alt und vielen ähnlichen Begriffen.
Mit sehr guten Gründen werden häufig künstliche Grenzen gezogen, die deshalb nicht willkürlich sind. Mit 18 Jahren ist man erwachsen; das ist nicht willkürlich sondern wohl durchdacht. Die Grenze wurde früher in Deutschland bei 21 Jahre gezogen und wurde dann – wieder mit guten Gründen – angepasst.
Gegen Stammtischparolen und Alltagsüberzeugungen
Im letzten Kapitel "The Final Foreword" wendet sich Flew gegen einige Stammtischparolen und Alltagsüberzeugungen.
Ein beliebtes Stammtischargument ist:
  • „Wir können nicht alle Flüchtlinge aufnehmen.”
  • Stillschweigende Folgerung:
    also helfen wir besser auch keinem der wenigen zu uns kommenden Flüchtlingen.
Dem hält Flew entgegen: „it is as wrong here as it is everywhere else to argue that if I cannot do everything, then I cannot, and am not obliged to, do anything.”
Flew argumentiert dagegen, Vernunft und persönliche Integrität gegeneinander auszuspielen. Die Vernunft wird oft über Bord geworfen, besonders die darauf fußenden wissenschaftlichen Normen, zugunsten vermeintlich entgegenstehender Ideale von Rechtschaffenheit  und persönlicher Beziehungen : „This is a preposterous antithesis, since sincerity and integrity require what is being in their name rejected” (S, 114). Sein Argument ist also: Rechtschaffenheit erfordert geradezu vernünftig zu sein und seine Überzeugungen mit Hilfe wissenschaftlicher Standards zu erwerben.
In ähnliche Kerben hauen Flews Warnungen
  • Gefühl und Mitgefühl gegen Logik und Vernunft auszuspielen, Diese Begriffe sind nicht gegensätzlich; gegensätzlich sind Vernunft und Unvernunf (S. 105).
  • Intuition steht nicht über Belegen, Gründen und Argumenten; zutreffende Ergebnisse heiligen nicht die Methode mit der sie erzielt werden (S. 118).
Humoristisches
„I write both »aposteriori«, and its opposite »apriori« as single unitalicized words deliberately. It is chauvinistically, you might say bigotedly purist to treat as unnaturalized aliens immigrants first landed at least a quarter of a millennium ago.” (S. 49)
Zweimal zumindest übersieht Flew (oder der Editor) seine eigenen Ratschläge.
  • Trotz Kapitel 5 „Minding Our Language” lautet es am Ende der Kurzbiografie das Autors: „Professor Flew is married with two daughters” (S. 1). Das klingt in deutschen Ohren seltsam. Allerdings verwenden „native English speaker” ganz überwiegend „married to” im Sinne von „verheiratet mit”. Damit wäre die biografische Aussage nur für Nicht-Muttersprachler zweideutig.
  • Im Kapitel 6 „Figuring” über die Anwendung und Interpretation von Zahlen stolpert selbst Professor Flew.
    In 6.2 (S. 83) verwechselt er 70% Wiederholungstäter im Gefängnis (nur diese Zahl wird in 6.1 genannt) mit Wiederholungstäter. Dabei ist die Zahl derjenigen Wiederholungstäter, die sich durch eine Gefängnisstrafe nicht abhalten lassen und wieder gegen das Gesetz zu verstoßen, sicher höher: nicht alle Wiederholungstäter werden erwischt, geschweige erneut ins Gefängnis gebracht.
Thinking about Thinking erschien zuerst 1975 und erlebte einige Neuauflagen. Derzeit (12/2014) ist es nur antiquarisch verfügbar. Warum?
  • Flews Argumentationsbeispiele oft aus der politischen Szene der Erstausgabe und damit veraltet.
  • Manchmal sind die Argumentationsbeispiele zu kompliziert dargestellt (zumindest für mich), wie in 2.29 bis 2.30.
  • Flew vertrat einen libertären Konservatismus. Viele Beispiele zielen auf die Linken, die man damals überall vermutete.
Vorangestellte Motti
Sokrates: „We must follow the argument wherever it leads.”
In der Übersetzung von Otto Apelt lautet die Stelle: „wohin uns, dem Winde vergleichbar, die Rede treibt, dahin müssen wir gehen”. Platon: Der Staat, St. 394. Das wird gemeinhin dahin aufgefasst: wohin Argument, Gespräch, Vernunft führen: wir müssen (sollten) folgen.
„A moment's thought would have shown him. But a moment is a long time, and
thought is a painful process.” A. E. Housman
Alfred Edward Housman, Hg.: 1931, p. xi  D. Junii  Juvenalis Saturae, rev. ed. [1905] Cambridge: Cambridge UP, 1931.
„Many people would sooner die than think. In fact they do.”
ist verkürzt aus Russells Anmerkung:
„We all have a tendency to think that the world must conform to our prejudices. The opposite view involves some effort of thought, and most people would die sooner than think — in fact they do so.” Bertrand Russell: The ABC of Relativity, 1925, S. 166 – Zitate Bertrand Russell

Mit Thinking about Thinking zielte Antony Flew auf diejenige, die ihr Denken vernünftig ausrichten und verbessern wollen. Dabei griff er gängige Denkfehler auf, wie den No-true-Scotsman Move. Sieht man von vielen veralteten Beispielen ab, gibt das Werk auch heute noch viele Anregungen das Denken zu verbessern. Sehr lesenswert.
Links
Antony Flew (* 11. Februar 1923 – 8. April 2010) FlewWikipedia
FlewCalhoun, David (2004): „“Follow the Argument” and Two Other Socratic Principles for the Christian Academic” (pdf)
FlewJohn Rogers: An edited version of an address delivered at Antony Flew’s funeral
Das Kein-wahrer-Schotte Argument
FlewKein wahrer Schotte – Wikipedia
FlewNo true Scotsman – Wikipedia
Flew‘No True Scotsman’ Fallacy

Copi Argumentationstheorie: Anmerkungen zur Rhetorik und informalen Argumentationstheorie
Copi Literatur zur Rhetorik und informalen Argumentationstheorie
Flew Pascals Wette – Pascal's Wager
Flew Stammtischparolen
Flew Zitate Antony Flew
Literatur
Kelly, Thomas (2011): „Following The Argument Where It Leads”. Philosophical Studies 154:1, S. 105-124. FlewOnline verfügbar
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Flew FlewAntony Flew: Thinking about Thinking (Or, Do I Sincerely Want to be Right?). HarperCollins, 1975. Broschiert, 127 Seiten. Flew
Antony Flew: Thinking about Thinking (Or, Do I Sincerely Want to be Right?). HarperCollins, 1985. Broschiert, 127 Seiten. Flew
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 15.12.2014