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Dirk Rupnow, Veronika Lipphardt, Jens Thiel, Christina Wessely, Hg.: Pseudowissenschaft.
Konzeptionen von Nichtwissenschaftlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte


Suhrkamp, 2008. Taschenbuch,‎ 466 Seiten – Pseudowissenschaft LinksPseudowissenschaft Literatur

Der hier zu besprechende Sammelband löst nicht ein, was der Titel mir versprach. Es wird nicht geklärt, was Pseudowissenschaft ist und es wird keine Trennlinie zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft gezogen.
Er beschränkt sich ím Wesentlichen auf den Untertitel und stellt in – meist recht akademisch gehaltenen – Essays verschiedene von der gängigen Wissenschaft abweichende Gebiete vor.

Inhaltangabe
  • Dirk Rupnow, Veronika Lipphardt, Jens Thiel, Christina Wessely: Einleitung
  • Michael Hagner: Bye-bye science, welcome pseudoscience? Reflexionen über einen beschädigten Status
  • Ute Frietsch: Häresie und »pesude-scientia«; Zur Problematisierung von Alchemie, Chymiatrie und Physik in der Frühen Neuzeit
  • Helmut Zander: Esoterische Wissenschaft um 1900; »Pseudowissenschaft« als Produkt ehemals »hochkultureller« Praxis
  • Johanna Bohley: Klopfzeichen, Experiment, Appart; Geisterbefragungen im deutschen Spiritismus der 1850er Jahre
  • Robert Matthias Erdbeer: Epistemisches Prekariat; Die qualitas occula Reichenbachs und Fechners Traum vom Od
  • Christina Wessely: Welteis; Die »Astronomie des Unsichtbaren« um 1900
  • Heiko Stoff: Verjüngungsrummel; Der Kampf um Wissenschaftlichkeit in den 1920er Jahren
  • Veronika Lipphardt: Das »schwarze Schaf« der Biowissenschaften; Marginalisierungen und Rehabilitierungen der Rassenbiologie im 20. Jahrhundert
  • Sabine Schleiermacher, Udo Schagen: Medizinische Forschung als Pseudowissenschaft; Selbstreinigungsrituale der Medizin nach den Nürnberger Ärzteprozess
  • Dirk Rupenow: »Pseudowissenschaft« als Argument und Ausrede; Antijüdische Wissenschaft im »Dritten Reich« und ihre Nachgeschichte
  • Jens Thiel, Peter Th. Walther: »Pseudowissenschaft« im Kalten Krieg< Diskreditierungsstrategien in Ost und West
  • Ina Heumann: Wissenschaftliche Phantasmagorien; Die Poetik des Wissens in »Man and his Future« und ihre Rezeption in der Bundesrepublik
  • Christian Forstner: Ein Außenseiter und Pseudowissenschaftler? David Bohms Quantenmechanik im Kalten Krieg
  • Richard Dawid: Wenn Naturwissenschaftler über Naturwissenschaftlichkeit streiten; Die Veränderlichkeit von Wissenschaftsparadigmen am Beispiel der Stringtheorie
  • Philip Kitcher: Darwins Herausforderer; Über »Intelligent Design« oder: Woran man Pseudowissenschaftler erkennt
  • Peter Galison und Christina Wessely: Wider die Relativität; Der Fall Friedrich Adler; Ein Gespräch
  • Mitchell G. Ash: Pseudowissenschaft als historische Größe. Ein Abschlusskommentar

Es gilt: die meisten stimmen darin überein, dass Astrologie eine Pseudowissenschaft ist, doch herrscht keine Übereinstimmung darüber, warum es als Pseudowissenschaft  eingestuft wird. (Thagard 1998, S. 37)
Als Besprechungshypothese nehme ich die Erkläung aus Wikipedia:
„Pseudowissenschaft [...] ist ein Begriff für Behauptungen, Lehren, Theorien, Praktiken und Institutionen, die beanspruchen, wissenschaftlich zu sein bzw. scheinbar wissenschaftlich sind, aber die Ansprüche an Wissenschaftlichkeit, insbesondere das Kriterium der Nachprüfbarkeit, nicht erfüllen. Der Begriff wird sowohl analytisch-deskriptiv als auch abwertend benutzt.”
Wissenschaftler selbst befassen sich selten mit (vermeintlicher) Pseudowissenschaft, da ihnen diese nicht satisfaktionsfähig erscheint (S. 25-26). Da müssen schon die Wissenschaftsphilosophen ran.
Die Essays behandeln einige Forschungsgebieten, meist aus historischer Perspektive, wie
  • Alchemie
  • Magie
  • Paracelsismus
  • Anthroposophie
  • Spiritismus
  • Welteislehre
  • Verjüngungslehre
  • Rassenlehre im Nationalsozialismus und nach 1945
  • Antijüdische Wissenschaft
  • Kreationismus
  • Intelligent Design
Die Essays waren für mich teilweise sehr aufschlussreich. Manche Erkenntnis fiel so nebenbei ab: Pseudowissenschaftler sind durch widersprüchliche Fakten kaum aus ihrem Gleis zu bringen. Damit gibt es ein mögliches Kriterium für Pseudowissenschaft. An diesem Kriterium scheitern viele der Internetpropheten.
Man wird zustimmen:
„Ein einfacher Dualismus von »sauberer«, ideoplogiefreier Wissenschaft auf der einen und ideologiebehafteter »Pseudowissenschaft« auf der anderen Seite ist schon aus der Perspektive der Wissenschaftstheorie und den theoriedebatten innerhalb der Geschichtswissenschaft nur schwer aufrechtzuerhalten.” Dirk Rupnow: »Pseudowissenschaft« als Argument und Ausrede, S. 306.

Pseudowissenschaft - ein Versuch
Nahzu durchgehend wird also auf eine Definition von  Pseudowissenschaft oder eine klare Abgrenzung von  Pseudowissenschaft und  Wissenschaft verzichtet, weil es die nicht gäbe.
Ich glaubte es nicht und suchte und wurde nicht richtig fündig.
In Jürgen Mittelstraß, Hg. (2005): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. gibt es keinen Eintrag zu »Pseudowissenschaft«. Dabei hatte ich hier zumindest einen Eintrag ganz sicher erwartet.
Bei Martin Curd, J. A. Cover, Hg. (1998): Philosophy of Science. The Central Issues ist die Abgrenzung eine so wichtige Frage, dass sie die Seiten 1-82 belegt. Einig werden sich die Autoren Karl Popper, Thomas Kuhn, Imre Lakatos, Paul Thagard, Michael Ruse und Larry Laudan aber keineswegs.
Vielleicht ist es gut so: in der Wissenschaft und erst recht nicht in der Wissenschaftsphilosophie gibt es keine genaue Übereinstimmung. Der Diskurs lebt und zeichnet gerade die  Wissenschaften aus.
Fazit
Der Sammelband Pseudowissenschaft enttäuschte mich einerseits, weil ich anderes erwarte. Mit wenigen Ausnahmen (ID, Astrologie, ...) kommen  hauptsächlich historische Beispiele.
Andrerseits: Diese waren dann aber doch fast alle spannend.
Wer vom Untertitel angesprochen wird, kommt voll auf seine Erwartungen.
Links
PseudowissenschaftPseudowissenschaft, Wikipedia
Pseudowissenschaft Jochem Kotthaus: Propheten des Aberglaubens. Der deutsche Kreationismus zwischen Mystizismus und Pseudowissenschaft
Pseudowissenschaft Verschwörungstheorie
wynn Evolution – Anthropisches Prinzip – Intelligent Design – Kreationismus
wynn Hempel-Oppenheim-Schema
wynn Max Plancks Prinzip
wynn Para- und Pseudowissenschaft Schwerpunkt Astrologie
wynn Religion und Wissenschaft
Pseudowissenschaft Charles M. Wynn, Arthur W. Wiggins: Quantum Leaps in the Wrong Direction: Where Real Science Ends ... and Pseudoscience Begins
Literatur
Martin Curd, J. A. Cover, Hg. (1998): Philosophy of Science. The Central Issues. New York, London: Norton.
Mittelstraß, Jürgen, Hg. (2005): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. 2., neubearbeitete und wesentlich ergänzte Auflage. Stuttgart: Metzler.
Thagard, Paul R.: „Why Astrology Is a Pseudoscience”. In: Curd (1998), S. 27 – 37.
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Rupnow PseudowissenschaftDirk Rupnow, Veronika Lipphardt, Jens Thiel, Christina Wessely, Hg.: Pseudowissenschaft. Konzeptionen von Nichtwissenschaftlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte. Suhrkamp, 2008. Taschenbuch,‎ 466 Seiten
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