Ulf von Rauchhaupt: Wittgensteins
Klarinette. Gegenwart und Zukunft des Wissens Berlin: BvT, 2005. Broschiert, 238 Seiten Autor
Literatur |
Ob das Zitat von Seneca: »Non vitae, sed scholae
discimus« ( Zitate Seneca) wirklich in
seiner falschen Form über den Pforten unserer Gymnasien prangt, wie von
Rauchhaupt gleich zu Beginn (S. 15) behauptet, bezweifle ich. Francis Bacon war mit »Nam et ipsa scientia
potestas est« (
Zitate Francis Bacon) näher am griffigen "Wissen ist Macht" als
von Rauchhaupt meint (S. 19). Doch ab da geht's zweihundert Seiten stimmig und
vor allem sehr aufschlußreich weiter. Der Begriff "Wissen" ist
für sich und in zahlreichen Wortverbindungen in aller Munde. Wer sich
über die Tücken der Begriffsverwendung und die Auswirkungen der
Umwandlung in eine Wissensgesellschaft informieren will, ist mit
Wittgensteins Klarinette bestens gerüstet. Man merkt bei Ulf von
Rauchhaupt die naturwissenschaftliche Ausbildung und
wissenschaftjournalistische Tätigkeit: er schreibt klar und bezieht sich
auf viele naturwissenschaftliche Sachverhalte. Er bewegt sich jedoch ebenso
gekonnt in philosophischen (
Buchtitel!), in gesellschaftspolitischen und soziologischen
Gefilden. Beide Welten Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften
werden ausgewogen und keinesfalls feindlich konträr behandelt. Am
Ende des ersten Kapitels "Der Wert des Wissens" stellt der Autor zwei
gängige Irrtümer richtig:
- Die klassische Bildung des Westens ist nicht
grundsätzlich anderen Traditionen überlegen. (Hier irrt von
Rauchhaupt kurz, wenn er die Wurzeln der Rock- und Popomusik auf den britischen
Inseln ortet; S. 40).
- Bildung ist weder notwendige noch hinreichende Bedingung
für einen besser urteilenden Menschen.
Keinesfalls sollte man ein schnelles Arsenal nach Art Dietrich Schwanitz: Bildung. Alles, was man
wissen muß (
Literaturhinweise zum Literaturkanon) erwarten. Der Autor weist die
Devisen der Politiker: "Schnell viele PCs in die Schule" oder "Alle
Schüler rechnen mehr, dann gibt es automatisch mehr Informatiker" gekonnt
zurück. Stattdessen betont er die Wichtigkeit des richtigen Metawissens,
erklärt das Rasterwissen und plädiert für ein individuelles
Ankerwissen. Er weist auf zu unkritischen Einsatz neuer Medien hin.
Disketten werden bald nicht mehr lesbar sein, weil es dafür keine
Lesegeräte mehr geben wird. Selbst gebrannte CDs haben eine Lebensdauer,
die weiter hinter Magnetband oder Schallplatte zurückbleibt. Durch
Umkopieren und andere Gegenmassnahmen muss gewährleistet werden, dass
Horaz' Ode "Dauerhafter als Erz" (
Horaz: Carminum. Liber tertius. Ode 30) weiterhin zutrifft (S. 132).
Etwas zu optimistisch scheint mir die Behauptung zu sein, dass sich Technik dem
Menschen und seinen Fähigkeiten anpasst (S. 209). Von Rauchhaupt
schränkt es freilich durch "in aller Regel" und zwei Gegenbeispiele (als
drittes hätte ich das Autoradio aufgezählt) ein. Insgesamt mahnt
das Buch die Leser zur kritischen Einstellung gegenüber Quellen und Inhalt
von Wissensaussagen; es verweist dazu mit Recht auf Gerd Gigerenzer: Das Einmaleins der Skepsis.
Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken,
Rezension. Obwohl ich vieles vom Thema zu wissen
vermeinte, flötete mir Wittgensteins Klarinette viel Neues.
Sehr zu empfehlen; für alle Kultur- und
Schulminister sollte der Inhalt einem Eignungstest zugrunde gelegt
werden. |
Anfang |
Der Buchtitel Wittgensteins Klarinette geht auf
Ludwig Wittgenstein: Philosophische
Untersuchungen, #78 zurück (
Literatur):
Vergleiche: wissen und
sagen:
wieviele m hoch der Mont-Blanc ist wie
das Wort »Spiel« gebraucht wird wie eine Klarinette
klingt. Wer sich wundert, daß man etwas wissen könne,
und nicht sagen, denkt vielleicht an einen Fall wie den ersten. Gewiß
nicht an einen wie den dritten. |
|
Anfang |
Ulf von Rauchhaupt * 1964, Physik- und
Philosophiestudium 1997 Promotion in Astrophysik wissenschaftlicher
Mitarbeiter im Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik (MPE),
Garching Redakteur im Ressort Wissenschaft der "Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung". Online sind vom Autor verfübar:
"Die Lust an der Erleuchtung", Die Zeit 24,
9.6.2005
Das Eine-Million-Dollar-Problem. Was kein Loch
hat, ist eine Kugel - vermutete Henri Poincaré vor 100 Jahren. Angeblich
läßt sich diese Behauptung jetzt beweisen
Das Urknall-Buch. Von der physikalischen Theorie
zur New-Age-Fabel: Neuerscheinungen von Alan Guth, Lee Smolin und anderen zum
Thema Kosmologie |
| Literatur |