| Volker Junghanss: Unterwegs zur absoluten
Dimension. Gott würfelt nicht - e = m ( l / t
)² Norderstedt: BoD, 2005. Gebunden, 200 Seiten |
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| Wem die nachfolgende
Rezension zu ausführlich ist, der lese gleich das |
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| Der Ausgangspunkt des Buchs von Volker Junghanss ist:
die Quantentheorie und die Relativitätstheorie vertragen sich nicht
miteinander (Klappentext). Unterwegs zur absoluten Dimension will
diese Lücke schließen und mehr. Es krempelt die derzeitige
Sichtweise der Physik völlig um. Junghanss will nichts weniger als die
TOE, Theory of Everything, nach der viele
Physiker seit Jahrzehnten suchen (siehe Weinberg unter
Wenn jemand behauptet, er hätte ein Lösung für ein vertracktes Problem oder ein Problem, das die Wissenschaft (und Menschheit) schon lange fuchste, so muss er 1. das Problem genau erläutern und 2. die Lösung begründen, damit es für den angesprochenen Kreis einsichtig wird. 3. Er sollte auch klarmachen, warum alle vor ihm bisher scheiterten. Wenn jemand eine Problemlösung anbietet, die völlig abseits der bekannten Pfade liegt, so muss er seine Voraussetzungen und seine Argumentation penibel darlegen. Junghanss hat all dies vor, seine Darlegung lässt aber das Geforderte vermissen. Von Aufmachung und Text her gehe ich davon aus, dass der Autor sich an ein Laienpublikum wendet. Umso nötiger wäre es gewesen, die neue Weltsicht überzeugend darzubieten. Ich begnüge mich das Fehlen des Desideratums an einigen wenigen Stellen aufzuzeigen. Dabei bin ich ein physikalischer Laie, der sich eingehend mit sowohl der Quantentheorie als auch der Relativitätstheorie beschäftigt hat, ohne dafür volles Verständnis zu reklamieren. |
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| Erster Eindruck Der naturwissenschaftlich Interessierte wird schon beim Durchblättern des Buches stutzig. Junghanss setzt kapitelweise Aussprüche oder Gedichtauszüge von ganz unterschiedlichen Leuten voran, auffallend oft von Laotse. Berufung auf fernöstliche Philosophie oder Mystik mag kein Fehler sein, doch bei einer Abhandlung mit wissenschaftlichen Anspruch legt dies den Verdacht der Esoterik nahe. Dessen ist sich auch der Autor an manchen Stellen bewusst. Bei mir verstärkte sich der Esoterik-Verdacht mit der Lektüre. Ich werde es im Folgenden belegen. |
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| Zufall
Schon beim Untertitel Gott würfelt nicht, beim Geleitwort und an vielen weiteren Stellen artikuliert Junghanss seine Abneigung gegen den Zufall. Symptomatisch zeigt sich ein wesentliches Manko des gesamten Werks: Begriffe werden umgangssprachlich eingeführt, dann im wissenschaftlichen Kontext verwendet, ohne jemals genau definiert oder expliziert zu werden (dazu mehr weiter unten). Fatal ist das durchgehend beim Begriff des Zufalls. Das Lexikon unterscheidet zwei Verwendungsweisen dieses Begriffs: Relativer Zufall beruht auf sehr wohl kausal bedingtem, aber unbestimmbaren, scheinbar plan- oder regellosen Zusammentreffen. Beispiel: Ergebnisse beim Wurf eines Würfels. Absoluter Zufall ist im Spiel, wenn Ereignisse ohne Wirk- oder Zielursache auftreten (Indeterminismus). Beispiel: Zufallsfolgen natürlicher Zahlen zwischen 1 und 6; der radioaktive Zerfall. Da wir beim relativen Zufall die Wirkursachen nicht genau kennen, sind für uns viele relative Zufälle scheinbar absolute Zufälle. Bei angenommenen Zufällen muss man fragen: Können nur wir keine Regel erkennen? Gibt es verborgene Parameter, die sich unserer Kenntnis (prinzipiell) entziehen? Man sollte relativen und absoluten Zufall streng unterscheiden. Junghanss unterscheidet nicht. In vielen Fällen sind seine Beispiele nur relative Zufälle, haben damit nichts mit den in Physik und Philosophie thematisierten echten = absoluten Zufällen zu tun. Sein Beispiel (S. 25) greift daher nicht: Taxis bewegen sich weder mit Funk noch ohne zufällig (S. 25). Damit zusammenhängend: der Autor findet ex-post Ereignisse wundersam, wenn es sich um unwahrscheinliche Ereignisse handelt. Im Geleit (S. 11-12) berichtet der Autor von der wundersamen Weise des Überlebens seines Vaters im 1. Weltkrieg. Das geschah jedoch nicht gegen jede Wahrscheinlichkeit. Zwar war die Wahrscheinlichkeit des Todes im Feld für einen deutschen Soldaten recht hoch. Es gab aber genügend Überlebende. Die Überlebenswahrscheinlichkeit könnten Statistiker ziemlich genau berechnen. Gegen jede Wahrscheinlichkeit wäre es bei einem normalen Würfel eine Sieben zu würfeln. Selbst 15-mal hintereinander eine Sechs zu würfeln ist nicht gegen jede Wahrscheinlichkeit. Zudem vergisst der Autor: nur die knapp dem Tode Entronnenen können davon berichten. Die vielen Millionen Fälle, die dieses zufällige Glück nicht hatten, können nichts mehr berichten. Dazu empfehle ich das vergnügliche Buch von Gerd Gigerenzer: Das Einmaleins der Skepsis. Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken (siehe Gigerenzer unter |
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| Kausalität Leider beginnt schon der erste Satz des wirklichen Textes mit einer unzutreffenden Unterstellung. Die unbedingte Geltung der Kausalität wurde entgegen Junghanss schon von vielen Menschen bezweifelt. Ich berufe mich mal auf David Hume, 1748 (könnte auch andere nennen):
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| Gott
würfelt nicht Junghanss führt den Satz fast als Dogma ein, das gesamte Buch versucht er Einstein recht zu geben und dies auch zu belegen, jedoch unterlässt er es, die Bedeutung des Satzes zu untersuchen. Der Spruch ist verschieden überliefert ( Gott würfelt nicht kann bedeuten: a) Es gibt einen Gott und der überlässt nichts dem absoluten Zufall. b) Es gibt keinen Gott. c) Allegorisch interpretiert: egal ob Gott oder nicht: es gibt keinen absoluten Zufall. Wenn ich das Buch richtig gelesen habe, so plädiert der Autor für den Fall a). An vielen Stellen kommt heraus, dass er den absoluten Zufall für unerträglich hält oder nicht in sein Weltbild passend. So schreibt er vom grausam anmutenden Würfelspiel (S. 52). Warum der absolute Zufall so schlimm oder gar grausam sein soll, wird nie begründet. Die lückenlose, notwendige Unterwerfung unter strenge Naturgesetze erscheint mir nicht humaner als gelegentliche Auflockerung durch zufällige Ereignisse. Kurzum: ich kann am Zufall nichts Schlimmeres entdecken als am Zwang durch Naturgesetze, einem Gott, der zehn Gebote (oder mehr) vorschreibt) oder dem absoluten Bewusstsein. |
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| Sehr vieles wird einfach behauptet Sehr vieles wird ohne Erklärung behauptet. Vielleicht ist es ja für den Autor so selbstverständlich oder gar evident, dass er meint, eine Begründung sei überflüssig. Doch mir sträubte sich mangels Haare gelegentlich das Rückenmark. So meint Junghanss (S. 46): Der Planet holt sich die Energie von den ihm entsprechenden Feldern auf der Sonne. Wie das zugehen soll ist ungeklärt. Wie findet der Planet Mars seine Felder auf der Sonne? Automatisch über die Frequenz? Gerade der Autor als strenger Determinst müsste das exakt erläutern. Man könnte dafür das folgende Postulat nehmen: Der Zusammenführungsprozess wirkt über jede Entfernung hinweg, da sämtlichen Systemen in Welt und Kosmos mit unausgeglichener Ladung die Tendenz innewohnt, sich in Richtung auf den/die nächstliegende Partner in Bewegung zu setzen (S. 53). Wieso dies irgendwie erhellender oder einleuchtender sein soll als das Gravitationsfeld (das durch die Junghansssche Theorie entfällt), entzieht sich meinem Verständnis. Da wird eine Verpackung postuliert (S. 47), die eine besondere sein muss, da sie der Autor in Apostrophe setzt. Sie soll nicht mit der Energie verwechselt werden. Was sie aber dann ist,verrät der Autor seinen Lesern nicht. Da gibt es laut Autor als grundlegenden Lebensprozess eine Materialisierung. Ich meine, da hat er zu oft die Science-Fiction-Serie »Star Trek« angeschaut. Auch in okkulten Traditionen mag eine Materialisierung vorkommen, doch was wir als Leser uns darunter vorzustellen haben, bleibt im Dunkeln. Auf Seite 51 kommt zum ersten Mal die Evolutionsebene vor. Ich wusste nicht, was Junghanss darunter versteht. Er erklärt es nicht, obwohl dieser Begriff noch öfters eine wichtige Rolle spielt, so als Evolutionsstufe in der Hypothese S. 56. Erst auf Seite 116 kommt eine Aufstellung einer Komplexitätskette, die der Autor wohl als Evolutionsebenenen auffasst. Der Titelbegriff der absoluten Dimension (auch S. 105 ff.) wird nie erläutert. Die Unverständlichkeit beruht jedoch nicht nur auf unerklärten Begriffen, sondern auch für mich unverständliche Aussagen. Da haben Raum und Zeit plötzlich eine jeweilige Systemgeschwindigkeit und eine eigene Frequenz (S. 106). Ich konnte mir das nicht erklären. Ein grosser Vorwurf an das Buch: Bewusstsein ohne Materie wurde noch nie festgestellt. Junghanss nimmt es als selbstverständlich an, dass es Bewusstsein unabhängig von physikalischen Objekten geben kann (oder gar muss). |
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| Argumentationsschwäche Am Kapitelanfang wird sehr lobenswert vorsichtig eine Hypothese formuliert, die oft mit neuen Begriffen und/oder Behauptungen aufwartet. Ich als Leser denke, OK, das ist eine Hypothese und Junghanss verspricht sie noch genau zu belegen. Das erfolgt dann mehr oder weniger vage. Später beruft er sich flugs auf das bewiesene Gesetz. Gerade im 2. Teil des Werks geht dem Autor der Gaul diesbezüglich völlig durch. Oft werden triviale Sachverhalte etwas originell formuliert. Der Leser winkt den Gedanken zustimmend durch und schon zieht der Autor grandiose Schlüsse. Dass jede Wahrnehmung darauf beruht, dass der Wahrnehmende in Beziehung zur Welt tritt, ist trivial. Nur der Antirealist oder gar Solipsist erklärt es anders. Junghanss nennt diese Beziehung etwas enger Resonanz (S. 113) und ist von dieser jahrhundertealten Erkenntnis elektrisiert. Aber liegt dieser Gedanke nicht schon dem folgenden Vierzeiler von Johann Wolfgang von Goethe zugrunde?
Zu oft werden Sachverhalte (Wahrnehmung nur bei gleicher Wellenlänge; Aufklärung neigt sich dem Ende zu, S. 183) oder Fernwirkung per M-Felder (S. 114) behauptet und weder erklärt noch begründet. Ganz leicht erklärbare Sachverhalte werden mystifiziert. So fragt Junghanss, warum ein schleuderndes Auto häufig auf den einzigen Chausseebaum trifft (S. 74)? Wen überrascht das? Das schleudernde Auto kann, wenn es denn überhaupt auftrifft, nur auf diesen einzigen Baum treffen. Es ist per Voraussetzung kein anderer da. Wenn es überhaupt nicht auftrifft, fahrt es eventuell weiter oder wird später aus der Wiese abgeschleppt (und kaum jemand juckt es). Nur wenn es auftrifft, gibt es spektakuläre Fotos. Manche Vorgänge werden unrichtig oder zumindest ungenau formuliert und daraus dann Schlüsse gezogen. Wenn das für Gebiete zutrifft, die der Leser kennt, so zweifelt er auch an der Argumentation des Autors auf Gebieten, bei denen man ihm normalerweise (mangels eigener Kompetenz) vertrauen würde. Das Selektionsprinzip der Evolution (S. 79) betrifft keine Einzelwesen, sondern Populationen. Obwohl das Prinzip, dass die besser angepasste Population überlebt, den Charakter einer Tautologie hat, will es Junghanss durch die energetische Selektion ersetzen. |
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| Esoterik Neben den bereits genannten fernöstlichen Weisheitssprüchen (die immer Warnzeichen für drohende Esoterik sind) lassen mich viele andere Indizien das Werk unter Esoterik einreichen. Der Erklärungsanspruch für alles nährt den nächsten Esoterik-Verdacht. Er könnte durch saubere Darstellung und Argumentation ausgeräumt werden. Genau dies vermisste ich, wie schon an einigen Details nachgewiesen.
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Methodische
Mängel
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| Junghanss hatte nicht nur ein Paulinisches Erweckungserlebnis, sondern gleich zwei (S. 197-198). Solch blitzartigen Erhellungen folgt oft eine Religionsgründung oder zumindest eine Heilsverkündung. Nun mag man ja sagen: Es gibt viele Welterklärer, mehr oder weniger wissenschaftlich fundiert (Junghanss steht trotz allem näher beim mehr), sie sind ganz nett zu lesen, doch kaum einer nimmt sie ernst. Und wenn doch, was soll's? So einfach ist es spätestens ab Seite 184 nicht mehr. Hier stellt der Autor, aufgrund seiner bahnbrechenden Erkenntnis mit ihren weitreichenden Konsequenzen, in Frage, ob wir uns noch um so banale Dinge wie Betrüger und Kriegstreiber kümmern sollen. | |
Der Autor will scheinbar unvereinbare
Theorien erklären und führt einen Schwung neuer Prinzipien ein:
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| Gero von Randow,
Wissenschaftsjournalist: "Revolutionäre Hypothesen sind zulässig, sie müssen nur besonders gut hergeleitet und experimentell überprüfbar sein." Gero von Randow: Das Ziegenproblem. Denken in Wahrscheinlichkeiten, S. 152, Keine der beiden Erforderungen wird von Unterwegs zur absoluten Dimension erfüllt. Wer solch revolutionäre Hypothesen aufstellt, wie: "Wir sind Lichtwesen" und die zwei Bedingungen nicht erfüllt, der bietet keine Theorie an, sondern verweigert eine solche (Gero von Randow: Das Ziegenproblem, S. 152). |
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| Fazit | |
| Gott würfelt nicht, na klar, genauso wenig wie Rübezahl. Dazu muss man aber nicht dieses Buch lesen. Dass es Bewusstsein ausserhalb irgendeines physikalischen Körpers gibt, muss erst mal belegt oder wenigstens wahrscheinlich gemacht werden. Derzeit kenne ich nicht ein Indiz dafür. Vielleicht hat Volker Junghanss ja einige zutreffende neue Gedanken. Er müsste sie halt belegen und zeigen, dass sie die Welt besser erklären. Bis dahin kann man sich die Lektüre dieses Buches sparen. | |
| Links | |
Andere empfehlenswerte Werke in diesem Genre und zu den genannten Themen: |
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| Literatur |
| Bei Amazon nachschauen | Bei Amazon nachschauen | |
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| Richard Morris: Gott würfelt
nicht. Universum, Materie und kreative Intelligenz. Hamburg: Europa, 2001.
Dirk Oetzmann, Übs. 240 Seiten
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| Unter dem Titel Gott
würfelt nicht gibt es (Video und DVD) noch ein kreationistisches Werk
von Fritz Poppenberg, das aber niemand
zugemutet und schon garnicht empfohlen werden kann. Fritz Poppenberg: Gott würfelt nicht. Über den erbitterten Kampf zwischen Wissenschaft und Ideologie. Video 2001. Siehe dazu |
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