Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Suhm
Christian Suhm: Wissenschaftlicher Realismus. Eine Studie zur Realismus-Antirealismus-Debatte in der neueren Wissenschaftstheorie
Frankfurt: Ontos, 2005. Gebunden, 361 Seiten – suhm Autorsuhm Literatur
Zum Wissenschaftlichen Realismus gibt es doch genügend Bücher (suhm Literatur), warum noch eins?
Die vielen Werke zu diesem Thema sind in englisch. Die Diskussion in diesem Bereich ist virulent, das hier zu besprechende Werk ist deutsch und aktuell.
Der Autor verfolgt zwei Ziele:
  1. Aufarbeitung und Verknüpfung zentraler Thesen, Positionen und Argumente der neueren wissenschaftstheoretischen Realismus-Antirealismus-Debatte
  2. Entwicklung einer Strategie zur Verteidigung des Wissenschaftlichen Realismus.
Beides gelingt ausgezeichnet, das erste Ziel noch etwas besser.
Suhm geht von den folgenden Thesen des Wissenschaftlichen Realismus aus:
Ontologische Thesen (S. 42)
semantische These: die Referenz der Ausdrücke der Theorie ist gewährleistet. Die physische Wirklichkeit gibt es so wie in der Theorie beschrieben.
existentielle These: die physische Wirklichkeit gibt es unabhängig von der Theorie.
Epistemologische These (S. 67)
Im Allgemeinen können wir wissen, ob eine naturwissenschaftliche Theorie annäherungsweise wahr ist. Unsere empirisch am besten bestätigten und erfolgreichsten Theorien sind als solche annäherungsweise wahren Theorien aufzufassen.
Im ersten Teil behandelt Suhm auch den Logischen Empirismus. Er arbeitet heraus, dass im Wissenschaftlichen Realismus im Gegensatz zum Logischen Empirismus Wahrheit und empirische Bestätigung oder rationale Rechtfertigung nicht zusammenfallen.
Im zweiten Teil werden wichtige Gegenpositionen zum Wissenschaftlichen Realismus dargestellt und kritisiert:
  • Konstruktivistischer Ansatz Thomas S. Kuhns
  • Konstruktiver Empirismus Bas van Fraassens
  • Interner Realismus Hilary Putnams
Als Vorbereitung des letzten Teils mit einer Verteidigung des Wissenschaftlichen Realismus debattiert Suhm nun die Unterscheidung zwischen beobachtbar und unbeobachtbar.
Aus vielerlei Gründen lässt sich eine epistemisch bedeutsame beobachtbar/unbeobachtbar Unterscheidung nicht sinnvoll begründen. Einer ist, dass die Theorien, die die Grenzen des menschlichen Sinnesapparats bestimmen, bereits die Grenzziehung zwischen beobachtbar/unbeobachtbar voraussetzen. Eine zirkelfreie Bestimmung des Konzepts von Beobachtbarkeit kann nicht erbracht werden.
Der Vertreter des Wissenschaftlichen Realismus muss nun noch die pessimistische Metainduktion entkräften und plausibel machen, warum wissenschaftliche Theorien erfolgreich sein können, obwohl sie sich später als falsch erweisen. Nur wenn das gelingt, lässt sich die ontologische These aufrecht erhalten. Dazu zeigt Suhm, dass die aufeinander folgenden empirisch erfolgreichen Theorien in einer Kontinuitätsrelation zueinander stehen. Diese Kontinuitätsrelation betrifft die von den Theorien postulierten theoretischen Entitäten (theoretische Gegenständen, Eigenschaften, Strukturen etc.).
Wissenschaftlicher Realismus ist editorisch sehr gut lesbar. Erfreulich ist die informative Übersicht der Positionen und Thesen auf S. 62. Im gesamten, nicht einfachen Text entdeckte ich nur zwei Druckfehler.
Kritikpunkte
– Zumindest verwirrend ist die Feststellung, dass die sechs Thesen zum wissenschaftlicher Realismus aufgestellt werden, in zwei Gruppen zu je vier Thesen unterteilt werden (S. 21). Richtig ist, dass die zwei ontologischen Unterthesen mit und ohne Korrespondenztheorie der Wahrheit formuliert werden (S. 48-49) und damit ebenso zu einer Viergruppe werden, wie die epistemologischen Unterthesen.
– Einen Index vermisste ich sehr. Wo ist z. B. die pessimistische Metainduktion zu finden? (S. 83 und 111)
– Der Trennungsalgorithmus lässt zu wünschen übrig: S. 29: „Gegens-tandsbereich“ S. 33: „Gegens-tänden“ S. 56 „Theorieu-nabhängigkeit“
– Fussnoten folgen manchmal ohne ersichtbare Nowendigkeit erst auf der nächsten Seite.
– Im Literaturverzeichnis ist Ladyman ist falsch einsortiert; Kutschera (1993) fehlt (S. 54, Fn.34); Laudan (1981) fehlt (S. 78, Fn. 66).
Suhms Studie kann besonders denjenigen empfohlen werden, die schon in die Debatte eingestiegen sind. Man lernt den Debattenstand umfangreich und systematisch kennen.
suhm Anfang
Dr. Christian Suhm
ist wissenschaftlicher Assistent am Philosophischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
Literatur
Bei Amazon nachschauen  
suhm SuhmChristian Suhm: Wissenschaftlicher Realismus. Eine Studie zur Realismus-Antirealismus-Debatte in der neueren Wissenschaftstheorie. Frankfurt: Ontos, 2005. Gebunden, 361 Seiten
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
bunge Suhm Mario Augusto Bunge, Martin Mahner, Hg.: Scientific Realism. Selected Essays of Mario Bunge . Prometheus 2001. Gebunden, 438 Seiten Leplin
Jarrett Leplin: A Novel Defense of Scientific Realism. Oxford: Oxford UP, 1997. Gebunden, 224 Seiten Suhm
Niiniluoto SuhmIlkka Niiniluoto: Critical Scientific Realism. Oxford: Oxford UP, 2002. Broschiert, 356 Seiten psillos
Stathis Psillos: Scientific Realism: How Science Tracks Truth. Routledge 1999. Philosophical Issues in Science. Broschiert, 352 Seiten Suhm
suhm Anfang

Suhm
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 9.9.2005