| Der Untertitel natürlich an
den großen Erfolg von Stephen Hawking: A Brief History of Time
angelehnt verrät einen Teil des Buchinhalts. Den anderen, mir
scheint drängenderen Inhalt erschließt man aus der Frage im
Haupttitel. Felipe Fernandez-Armesto spürt hauptsächlich der Frage
nach, was uns zu Menschen macht. Oder, wie wir uns von anderen Tierarten
unterscheiden. Ich konnte keine genaue Antwort entnehmen, weiß nun aber,
dass die Grenze noch schwammiger ist, als ich ohnehin schon dachte. |
In den letzten Jahrzehnten wird Wert
auf menschliche Werte gelegt. Gleichzeitig ist das traditionelle
Menschenverständnis von vielen Seiten gefährdet.
- Forschung an Primatologen, siehe Literatur: The Naked Ape;
The Third Chimpanzee
- Tierschutz: von René
Descartes zu Peter Singer:
Rechte für Tiere
- Paläanthropologie: verwischt die Grenzen zwischen Mensch
und Tier
- Biologie: der Artbegriff wird immer weiter aufgeweicht; es
scheint dass die Arteinteilung eine Willkür der menschlichen Forschung ist
- AI-Forschung, Neurowissenschaften
- Genetik: 95 % der Gene sind mit den Menschenaffen identisch
Felipe Fernandez-Armesto geht mögliche und oft
diskutierte Abgrenzungskriterien durch:
| exklusiv beim Homo sapiens |
| Selbsteinschätzung |
ja |
| Werkzeugbenutzer |
nein |
| Sprache |
nein |
| Kunst |
ja |
| Feuernutzung |
ja ? |
| Rituale, Kultur |
nein |
| Vernunft |
ja |
| freier Wille |
? |
Etwas mit "tongue in Cheek" bemerkt Felipe
Fernandez-Armesto: Vielleicht ist die Art Homo sapiens nur einzigartig durch
ihr Verlangen, sich von den anderen Arten abzugrenzen (S. 37). Besonders der
kulturellen Abgrenzung und anderen möglichen humanitären
Eigenschaften (Human being wird definiert als being human) widmet der Autor
eingehende Untersuchung. Doch das Ergebnis bleibt unklar. Die Frage ist dann,
ob man Bertrand Russell zustimmt (einige
Autoren meinen, Russell habe dies gebracht um die Zumutung, der Mensch sei
"nur" eine Tierart zurückzuweisen oder gar lächerlich zu machen; doch
ich meine eher, Russell wies voll Ernst auf die Konsequenzen hin).
| Votes for Oysters |
| There is a further consequence of the theory
of evolution, which is independent of the particular mechanism suggested by
Darwin. If men and animals have a common ancestry, and if men developed by such
slow stages that there were creatures which we should not know whether to
classify as human or not, the question arises: at what stage in evolution did
men, or their semi-human ancestors begin to be all equal? Would Pithecanthropus
erectus, if he had been properly educated, have done work as good as Newton's?
Would the Piltdown Man have written Shakespeare's poetry if there had been
anybody to convict him of poaching? A resolute egalitarian who answers these
questions in the affirmative will find himself forced to regard apes as the
equals of human beings. And why stop with apes? I do not see how he is to
resist an argument in favour of Votes for Oysters. An adherent of evolution
should maintain that not only the doctrine of the equality of all men, but also
that of the rights of man, must be condemned as unbiological since it makes too
emphatic a distinction between men and other animals. |
| Bertrand
Russell: History of Western Philosophy. London, 1961. S.
697-698 |
Noch ein Einwurf gegen die zu starke und
vielleicht ungerechtfertigte Bevorzugung des Menschen aufgrund ihrer
Artzugehörigkeit: Was ist der Unterschied zwischen Rassismus und
Speciesism? (Speciesism: deutsches Wort? Siehe Links. Besonders die Philosophen
Tom Regan und Peter Singer lehnen diese Bevorzugung einer Art ab.
Peter Singer propagiert stattdessen die gleichwertige Abwägung aller
Interessen (siehe Literatur). Mir
scheint Felipe Fernandez-Armesto will dann den Materialismus (Physikalismus,
Monismus) diskreditieren und bezeichnet ihn als Rückfall in
überwunden geglaubte Vorzeit.
| Materialism was surely the
first philosophy, the genuine Primitivism. To abandon Spirit would be to revert
to the presumable mental world of the autralopithecines or even earlier
creatures. The post-human future may be technologically sophisticated, but in
one respect it is likely to resemble the pre-human past. (S. 165) |
Das scheint mir im krassen Widerspruch zu
stehen zu einer Feststellung, die der Autor kurz zuvor macht: "The imaginative
discovery that life is animated by spirit was probably one of our ancestors'
first thoughts" (S. 165). Man kann nicht beides haben: Dualismus als
ursprüngliche Vorstellung, sozusagen völlig natürlich,
unverstellte Denkkategorie und Materialismus als Rückfall in graue
Vorzeit. Ich meine, dass zu Beginn der Menschheit ein urspünglicher
Glaube an geheime Mächte hinter Blitz und Donner und anderen
Naturerscheinungen steht. Erst Vernunft und Wissenschaft bieten natürliche
Auflösung der Geheimnisse der Natur. Doch es ist wohl so, wie
Fernandez-Armesto zum Schluß meint: "we need myths to make our
irresoluble dilemmas bearable" (S. 170). |