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Galilei
Walter Brandmüller: Galilei und die Kirche oder Das Recht auf Irrtum
Regensburg: Pustet, 1982. Gebunden, 175 Seiten – galilei Fazitgalilei Linksgalilei Literatur
Der Fall Galilei wird in diesem Werk von einem Kirchengeschichtler aufgegriffen. Man darf also fundiertes historisches Fachwissen erwarten. Diese Erwartung wird nicht enttäuscht. Allerdings hapert es wissenschaftstheoretisch. Zudem macht es sich der Autor mit Abwägung und Bewertung zu leicht: er tendiert zu sehr dazu, den gesamten Fall Galilei herunterzuspielen.
Brandmüllers Hauptthesen sind:
  1. Galilei war charakterlich schwierig (eine katholisch-fundamentalistische Webauftritt urteilt über Galilei anlässlich des ähnlichen Folgewerks Der Fall Galilei und andere Irrtümer [2006]: "Ein reizbarer, schmähsüchtiger und aggressiver Giftzwerg", Galileikath.net 9. Oktober 2006) und hat sich vielen Ärger selbst zuzuschreiben
  2. Galilei erbrachte keinen Beweis für das kopernikanische Weltbild
  3. Galilei stellte das kopernikanische Weltbild als das wahre hin, statt es als Hypothese zu formulieren
  4. Galileis Lehre (an der Universität, in seinen Schriften) verstieß klar gegen das Verbot der Inquisition von 1616 den Heliozentrismus zu lehren
  5. der katholischen Kirche ging es nicht um eine Verurteilung einer wissenschaftlichen Position, sondern um die Abwehr des Angriffs auf die Bibelauslegung.
Soweit diese Punkte zutreffen (besonders gegen 2. bringe ich Einwände), rechtfertigen sie keineswegs das Vorgehen der Kirche. Dies voraussehend argumentiert der Autor zudem, dass bei dem Gewicht der Vorwürfe, die Bestrafung Galileis vergleichweise milde ausfiel. So sehr die Beurteilung der Vorgänge in den zurückliegenden Jahrhunderten übertrieben wurde, so verharmlost der Autor zu sehr.
Einkerkerung
Galilei wurde nicht eingekerkert, doch sein Bewegungsraum war von 1633 bis zu seinem Tode 1642 auf ein Gebäude (zuletzt seine eigene Villa in Arcetri) eingeengt. Daran änderte weder seine allgemeine Gebrechlichkeit noch seine Blindheit ab 1638 etwas. Er bekam lediglich die Erlaubnis sich von seinem Haus bis zum Ufer von San Giorgio und zurück zu begeben. Die Stammtischvorstellung, wie gut es Gefangenen doch geht, wenn sie täglich Zeitung lesen dürfen, ist verfehlt. Galilei durfte weder seine sterbende Tochter noch seine Schwägerin in München besuchen. Noch 1639 wurden ihm Vergünstigungen ("diversas gratias") vom Papst abgelehnt.
Ja schlimmer: in Rom wurden Galilei 1633 schon vor seiner Verurteilung harte Auflagen erteilt: keine Besuche, Bewegung auf den Palazzo Medici eingeschränkt. Wieder führt Brandmüller eine Selbstverständlichkeit – Galilei wurde vor der Verurteilung nicht verhaftet – als grosszügige Vergünstigung an (S. 95).
Folter
Auch hier beschwichtigt Brandmüller die Leser: Galilei wurde nicht gefoltert. Sie wurde ihm "nur" angedroht: "eine prozessuale Formalität" (S. 14). Der Ex-Polizei-Vizepräsidenten Wolfgang Daschner wird dies gerne lesen (galilei Folterandrohung).
Zensur und Bestrafung
Ausser der Bestrafung, die ja, – Brandmüller betont es mehrmals (z.B. "längst nicht mit jener Härte, die möglich gewesen wäre", S. 131) – leicht hätte schärfer ausfallen können (galilei Giordano Bruno), wird auch die Zensur durch die Indexkongregation relativiert. Nur eine Schrift pro Kopernikanismus von Pater Paolo Foscarini wurde bedingungslos verboten. Die beanstandeten Werke von Kopernikus (73 Jahre nach dem Erscheinen) De revolutionibus orbium coelestium und anderen hätten nach Berichtigung (im Klartext: Schwärzung) erscheinen können (S. 72). Brandmüller weist damit "Todesurteil über den Kopernikanismus" (Hemleben 97) zurück. Zurecht, wie die Geschichte zeigte: die Naturwissenschaft siegte über die römische Indexkongregation.
Anmerkung: die scharfe Wortwahl des Biografen Johannes Hemleben ist nicht sachgerecht. Vielleicht wollte er nur die im Deutschen verpönte Wiederholung vermeiden. Zuvor schrieb er treffender von "Verurteilung des Kopernikanismus" (Hemleben 96), "Dekret gegen den Kopernikanismus", "Verdammungsurteil der Indexkongregation", Attentat "auf die Denkfreiheit" (Hemleben 97).
Brandmüller beschwichtigt Freigeister weiter. Galilei durfte, wie jeder andere Gelehrte, an der Hypothese weiterarbeiten, aber halt "nur" nichts öffentlich vortragen oder publizieren (S. 74). Das ist eine Standardverteidigung der Zensur, wenn man den Schein der Zensurfreiheit wahren will. Ich meine, völlig ungenügend.
Recht auf Irrtum
Ein weitere Unterlinie der Verteidigung der Inquisition und des Papstes Urban VIII. klingt schon im Buchtitel an: der Kirche ist ein Recht auf Irrtum zuzugestehen. Ob es solch ein Recht gibt, wäre zu diskutieren. Man sollte bei Irrtum nicht zu strenge urteilen. Doch: Brandmüller beruft sich gerade nicht auf einen Irrtum durch die Kirche, sondern – siehe Thesen 2, 3 und 5 – er beruft sich darauf, dass Galilei im Irrtum (mit den Kenntnissen der damaligen Zeit) war. Wer vom heutigen Wissensstand aus urteilt, nimmt den Standpunkt "des unhistorisch urteilenden Pharisäers" (S. 21) ein. Beide Punkte schlagen voll gegen die Inquistion aus:
  • die Kirche hätte damals Galilei das Recht aus Irrtum zuerkennen müssen und weder ihn, noch Kopernikus noch deren heliozentrisches Weltbild verurteilen dürfen.
  • aus heutiger Sicht – alle kennen dank Albert Einstein die Relativität der Bewegung und dank Karl Popper (galilei Sir Karl Raimund Popper) den hypothetischen Charakter aller wissenschaftlichen Theorien – könnte man bei Galilei eine vorsichtigere, hypothetische Formulierung anmahnen; aus seiner damaligen Sicht kaum.
Das Recht auf Irrtum, das Brandmüller reklamiert, hätte im verstärkten Masse für Galilei gelten müssen. Sein Irrtum hätte – ausser ein paar vergessenen Werke der Wissenschaft – kaum Auswirkungen gehabt. Der Irrtum der Kirche zerstörte das Leben eines wissenschaftlichen Genies. Die jahrhundertelangen Folgen bestreitet Brandmüller weitgehend (galilei Folgen), waren aber wirkmächtig. Den Vorwurf Brandmüllers kann man ummünzen: die Kirche vergaß, dass ihr "Handeln und Versagen einmal Gegenstand des Urteilens späterer Generationen sein werden" (S. 21).
Die päpstliche Rehabilitation Galileis von 1992 zeigt ja immerhin, dass der Papst zehn Jahre nach Erscheinen es hier zu besprechenden Werkes, die Kirche des 17. Jhdts. im Irrtum sah.
Zu These 1
Galilei scheint einige Erfindungen und Entdeckung, die er sich selbst zuschrieb, nur verbessert oder weiter entwickelt zu haben. Er war charakterlich schwierig; schreibt einmal, er habe seine Gegner überzeugt, ein andermal, die Professoren weigerten sich durchs Fernrohr zu schauen (S. 35).
Zurecht tadelt Brandmüller das überzogene Vorgehen Galileis gegen ein Plagiat des jungen Baldassare Capra, obwohl ihm dieser Widerruf und öffentliche Genugtuung angeboten hatte (S. 27-28). Doch wie reagierte die Kirche auf Galileis Irrtumsbekennntis am 22. Juni 1633? Nur der Autor betont, die Strafe hätte viel schärfer ausfallen können.
Zu These 2
Galilei konnte mit den Venusphasen und anderen Beobachtungen das kopernikanische Weltbild gut begründen. Beweise im strengen Sinn – wie es Kardinal Bellarmino in These 2 forderte – gibt es in der Naturwissenschaft nicht (siehe dazu Beweis in Philosophie, Logik, Naturwissenschaft und vor Gericht, galilei Links). Bellarmino gab zu, dass alle Beobachtungen mit dem kopernikanischen Bild übereinstimmen (S. 63). Die Venusphasen sind nur sinnvoll erklärbar, wenn sich die Venus um die Sonne bewegt. Noch im 20. Jhdt. versuchen der Autor Walter Brandmüller, aber auch Wolfgang Wild, Physiker, Ex-Präsident der TUM (galilei Zitate Wolfgang Wild), mit der Beweisforderung die Inquisition zu entlasten.
Hier zeigen sich Brandmüllers wissenschaftstheoretische Lücken. Er meint, es sei "doch ein beträchtlicher Unterschied, ob sich die Kirche einer zweifelsfrei bewiesenen Erkenntnis widersetzt hat, oder einer letztlich nicht bewiesenen Annahme" (S. 89). Dazu gibt es etliche Einwände. Ich nenne wenige.
  • Die Kirchen sind in Naturwissenschaft nicht kompetent; daher sollten sie sich ebenso wenig einmischen, wie ein Chemiker kraft seiner Wissenschaftskompetenz behaupten sollte, es gäbe nicht drei Erzengel sondern vier.
  • Zweifelsfrei bewiesene Erkenntnisse gibt es wohl nur in der Theologie galilei. Es von der Naturwissenschaft zu fordern ist verfehlt. Umgekehrt sind die Theologen die ersten, die beispielsweise Biologen und Paläontologen (zurecht!) vorhalten, harte Beweise für die Evolution gäbe es nicht, "nur" vielfach begründete Belege (Evolution). Mehr braucht weder Ernst Mayr noch Galileo Galilei.
  • Selbst wenn jemand die These vertritt, 297 Jahre der Geschichtsschreibung wurden dazu erfunden (GalileiHeribert Illig), darf dies zu keiner strafbewehrten Verurteilung führen.
  • Die katholische Kirche redet oft von der reinen und unumstösslichen Wahrheit. Sie führte später gar ein Dogma der Unfehlbarkeit ein. Ihr steht es keinesfalls zu andere, die ihre Weltsicht als wahr einstufen, zu verurteilen.
Zu These 3
Brandmüller lobt die Astronomen der Jesuiten. Sie erkannten wie Galilei, dass das ptolemäische System unhaltbar war (siehe These 2!, ausreichender Beleg gegen Geozentrik erbracht!), nahmen aber die Position Tycho Brahes ein, der durch allerlei Ad-Hoc-Annahmen zu retten versuchte (S. 43). Ich lobe mehr den Weitblick Galileis und den Mut, dies öffentlich zu bekennen.
Auch Kardinal Bellarmino stellte sich auf einen wissenschaftstheoretischen Standpunkt von heute: die kopernikanische Lehre sollte als Hypothese benannt werden (S. 62-62). Brandmüller zitiert dazu ausführlich Pierre Duhem von 1908 (S. 150). Brandmüller nimmt also den Standpunkt von 1908 an um die Kirche des 17. Jahrhunderts zu entlasten. Auch Duhem (wie schon seinerzeit die Indexkongregation) erkennt, dass Galilei nur vorgeblich von Annahmen und nicht Wahrheiten schreibt:
"Aber diese Unterscheidungen sind bei ihm nur Ausflüchte, um der Zensur der Kirche zu entgehen. Seine Richter haben sie nicht als aufrichtige Meinungen betrachtet, und sie hätten wohl recht geringen Scharfblick bewiesen, wenn sie es getan hätten" (Duhem S. 51)
Dabei ist gerade die katholische Kirche eine Institution, die vieles als Wahrheit hinstellt und nirgends eine Hypothese postuliert. Die Verurteilung am 22. Juni 1633 – zumindest soweit sie Brandmüller zitiert (und er wird dem Leser ja nicht Wesentliches vorenthalten) – macht allerdings nicht den Hypothesenvorwurf (der scheint von 1616 zu stammen), sondern wirft Galilei klar Häresie vor (S. 98).
Zu These 4
Als 1616 Galilei zum ersten Mal hart gemassregelt wurde (wenn er im Dekret auch nicht genannt wurde), geschah das wie eine moderne Abmahnung, der man unter Drohung zustimmen muß. Wenn man später dagegen verstößt ist man fällig.
Kardinal Bellarmino hatte den Auftrag Galilei von seinen Behauptungen abzubringen.
Wenn er sich weigert, so darf er zukünftig das kopernikanische Weltbild weder lehren noch verteidigen.
Sollte sich Galilei dazu nicht bereit erklären, so sei er zu verhaften (S. 69). Genau besehen hatte Galilei wenig Chancen: alle drei Opionen laufen auf dasselbe hinaus, nur jeweils verstärkt.
Dreistufige Optionen: Abbringen (Widerruf) —> Verzichtserklärung —> Haft
Galilei gab das Versprechen (also wohl Option 1), sah die Einhaltung im Laufe der kommenden Jahre zu locker und war dann 1633 fällig. Ein faires Verfahren sehe ich dabei nicht. Dazu kommt, dass Kardinal Bellarmino am 26. Mai 1616 öffentlich verkündete, Galilei sei nicht verurteilt worden (was formal wohl stimmt), habe weder Abschwörung noch Buße leisten müssen (S. 69-70). Das ist eher Ansichtssache.
Heimtückisch werden Brandmüllers Vorwürfe zur Veröffentlichung des Dialogo von 1632. Aufgrund des Dekrets (und vielleicht auch aus anderen Überlegungen) verfasste Galilei das Werk in Dialogform, wie es schon Platon bevorzugte und nach ihm noch viele andere, beispielsweise Bischof (!) George Berkeley in Three Dialogues between Hylas and Philonous (1713). Oberflächlich mußte und wollte sich Galilei an das Verbot von 1616 halten. Er gab den Anschein, "als entspreche das Indexdekret von 1616 seiner Überzeugung". Der aufmerksame Leser merkt jedoch, auf wessen Seite Galilei steht. Die vom Dialogpartner Salviati "als stringent dargestellten Beweise" bezeugen es. Das verurteilt Brandmüller als "blanker Hohn" (S. 88).
Zu These 5
Zurecht streicht Brandmüllers Galileis überragende Leistung beim Anstoß der modernen Naturwisssenschaft heraus. Das Neuartige war, dass man sich nicht mehr auf die Autorität Aristoteles berufen konnte, sondern den Beobachtungen, Messungen und mathematischen Berechnungen den Vorrang gab (S. 50-51). Wenn das nur Kardinal Bellarmino und das Kirchenpersonal in Bezug auf die Bibel so gesehen hätten! Was für Aristoteles nicht leisten kann, gilt ebenso von Jesus oder Thomas von Aquin.
Benedetto Castelli (siehe galilei Links) hat den Weg für die katholische Kirche vorgezeichnet.
  • Die Bibel kann nicht irren, wohl aber ihre Ausleger.
  • Wenn nun naturwissenschaftlich etwas anderes festgestellt als in der Bibel steht, so kann nicht beides wahr sein. Der scheinbare Widerspruch wird durch eine andere Bibelauslegung aufgelöst (S. 55). Die Natur und Bibel haben ihren Ursprung in gleicher Weise in Gottes Wort (S. 59).
Leider hielten sich die Kirchenvertreter nicht an Castellis Weg; ebensowenig an die Erkenntnis des Kirchenvaters Tertullian, der feststellte, dass Gott dem Menschen den verstand gegeben habe um ihn zu gebrauchen (S. 60). Dagegen hielt Galilei die Erkenntnisquellen – Schriftauslegung und Naturwissenschaft – für vereinbar. Im Widerspruchsfall müssen die Theologen umdenken, da nur die Ausleger irren können, nicht aber die Bibel (S. 60).
Dabei bescheinigte Piero Dini Galilei, dass er nicht von der katholischen Lehre abgewichen sei. Trotzdem riet er ihm zu schweigen (S. 65).
An vielen anderen Stellen nimmt Brandmüller die Kirchenvertreter in Schutz
Die Inquisition erkundigte sich nach Galileis Vorleben. Brandmüller korrigiert: die Nachfrage erfolgte nicht am 17. Mai 1611 (Hemleben S. 70), sondern am 17. Februar, tut aber dann so ("Einbildungskraft des Autors"; Dostojewskys Großinquisitor hat Modell gestanden; S. 44), als ob die Nachfrage nicht geschehen sei. (Das erinnert an die Bespitzelung einer bayerischen Landrätin Ende 2006, wobei die Nachfrage zugestanden wurde, aber dies nicht als Bespitzelung einzustufen sei. Wenn das nicht, was sonst? galilei Spitzelaffäre innerhalb der CSU).
Eine Argumentationsschiene Brandmüllers zur Entlastung der Kirche ist diese: Galilei hat das Verbot von 1616 übertreten, daher erfolgte die Verurteilung von 1633 völlig zurecht (S. 131). Mag sein, aber das spricht dann gegen das Dekret von 1616; dieses war eben schon ungerechtfertigt.
Nach Brandmüller ging es nicht so sehr um eine naturwissenschaftliche Positionierung der katholischen Kirche als "um das Verständnis und die Autorität der Bibel" (S. 141; S. 150). Umso schlimmer! Dann hat die katholische Kirche nicht auf einem ihr fremden Gebiet – der Naturwissenschaft – versagt und fehl geurteilt, sondern auf ihrem eigenen, dem Bibelverständnis.
Folgen
Die Blüte und die Erfolge der Naturwissenschaften nach Galilei und trotz katholischer Kirche führt Brandmüller dafür ins Feld, dass die Fehlurteile der Kirche keineswegs "die naturwissenschaftliche Forschung im katholischen Europa für die Folgezeit lahmgelegt" (S. 144) hätten. Hier übersieht der Autor, dass viele Wissenschaftler nur im protestantischen Holland publizieren konnten, dass sie auch weiterhin den Represallien der Kirche ausgesetzt waren, noch heute Angriffen der Kirchen ausgesetzt sind (Gentechnik) und viele immer die Schere im Kopf haben.
Brandmüller widerspricht sich und den Tatsachen
"Niemand hat je von Galilei verlangt dem heliozentrischen System als einer Häresie abzuschwören!" (S. 105). Das Dekret vom 22. Juni 1633 verurteilte Galilei wegen Häresie und er sei daher "allen Zensuren und Strafen verfallen" (S. 98), die dafür vorgesehen sind. Die Strafen werden grosszügig abgeschwächt, wenn er den "genannten Irrtümer und Häresien" (S. 98) abschwört und das in der ihm "zu überreichenden Form" (S. 99). Galilei verlas "Galilei die ihm vorgelegte Abschwösungsformel" (S. 99), die Brandmüller sogar auszugsweise wörtlich zitiert (S. 99-100). Da ich weder glaube, dass Brandmüllers Gedächtnis nicht von Seite 99 bis zur Seite 105 reicht, noch ihm böswillige und dreiste Lüge unterstelle, führe ich seinen Widerspruch auf die geschwärzte Brille zurück, mit der er Galilei und die Kirche oder Das Recht auf Irrtum verfasste.
galilei Anfang
Fazit
Brandmüller schreibt vom Pharisäertum derjenigen, die der Kirche des 17. Jahrhunderts im Falle Galilei schwere Fehler vorwerfen (S. 151). Eine Institution, die sich als wahrheitsbesitzend und -verkündend einstuft, ist pharisäerhaft, wenn sie historische Fehler – wenn überhaupt – nur verhaltend zugibt. Papst Johannes Paul II. hat 1992 Brandmüllers Rechtfertigungsversuch von 1982 arg zugesetzt.
In Galilei und die Kirche oder Das Recht auf Irrtum zeigt der Autor den Fall Galilei aus der Sicht eines Insiders. Das ist zugleich Vor- und Nachteil des Werks. Brandmüller berichtigt manche Fehleinstufung oder Übertreibung bei der Beurteilung des Falls, argumentiert aber zu stark unter der Prämisse, die Inquisition, die Kirche und ihre Vertreter entlasten zu wollen.
Walter Brandmüller und Ingo Langner gaben 2006 ein weiteres Werk mit Themaüberschneidung heraus: Der Fall Galilei und andere Irrtümer. Macht, Glaube und Wissenschaft. Dieses wird hier ebenfalls bald rezensiert werden.
Walter Brandmüller
* 1929
Professor emerit. für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Augsburg 1970 bis 1997 Ordinarius für Kirchengeschichte an der Universität Augsburg
seit 1981 Mitglied der Päpstlichen Kommission der historischen Wissenschaften
seit 1998 Präsident der Päpstlichen Kommission der historischen Wissenschaften und Präsident der Internationalen Kommission für vergleichende Kirchengeschichte.
Prof. Dr. Walter Brandmüller lebt in Rom.
Links
galilei Galilei Galileo mit vielen weiteren Links und Literatur
Beweis Beweis in Philosophie, Logik, Naturwissenschaft und vor Gericht
Walter Brandmüller: GalileiWikipedia
GalileiBenedetto Castelli
Literatur
Duhem, Pierre: Ziel und Struktur der physikalischen Theorien. Hamburg 1998.
Hemleben, Johannes: Galileo Galilei. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek 2006
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Galileo GalileiWalter Brandmüller: Galilei und die Kirche oder Das Recht auf Irrtum. Regensburg: Pustet, 1982. Gebunden, 175 Seiten Galileo
Walter Brandmüller: Galilei und die Kirche. Aachen: Mm, 1994. Sondereinband, 329 Seiten Galilei
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 24.2.2007