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Froböse
Rolf Froböse: Die geheime Physik des Zufalls: Quantenphänomene und Schicksal
Norderstedt: Books on Demand, 2008. 2., aktualis. Aufl., 127 Seiten – rezension Linksrezension Literatur
Falls es eine geheime Physik gibt, so bleibt sich auch nach der Lektüre der locker gesetzten 127 Seiten im Verborgenen. Die Verbindung zwischen Quantenphänomenen und Schicksal ebenso.
Die Einleitung stellt – ich meine völlig zutreffend – zwei Punkte fest, die der Autor später vergisst.
• Wir neigen dazu, manchen Ereignissen einen tieferen Grund zuzusprechen, obwohl sie „zufällig“ sind (S. 9).
• Es gibt keine „Übernatur“ sondern nur unentdeckte Natur (S. 11).
Allerdings ahnt man andrerseits schon in der Einleitung, dass hier nicht nüchtern über Zufall, Quantenphänomene und Schicksal aufgeklärt werden soll, sondern dass eine Weltsicht dahintersteht. Entgegen des Autors Befund, wir wären im wissenschaftlichen Bereich „ziemlich sicher, dass es den Zufall eigentlich gar nicht geben kann“ (S. 9), sind wir seit mehr als fünfzig Jahren ziemlich sicher, dass es den Zufall gibt. Und zwar den „eigentlichen“, den objektiven Zufall.
Entgegen der üblichen Trennung in vermeintlichen – subjektiven – Zufall (überraschendes Zusammentreffen von Kausalketten; zufällig erscheinendes Ereignis aufgrund mangelnder Information; Muster ohne erkennbare Ordnung) und objektiven Zufall (z.B. radioaktiver Zerfall) teilt der Autor in Zufall „erster“ und „höherer Ordnung“, eine Hierarchie, die ich nicht sehe. Mit dieser Abstufung schleicht sich (nicht zum letzten Mal in diesem Buch) ein Gedanke ein, der dringend erläutert und begründet werden müßte.
In Schüben füllt der Autor fast neunzig Seiten mit Anekdoten [Zufall Anmerkung] aus dem privaten und wissenschaftlichen Bereich.
All diese Anekdoten kennt jeder Leser aus seinem eigenen Umfeld. Immer wieder kommt es vor, dass man am Times Square, New York, einen Bekannten trifft; man kann danach googeln und könnte mit solchen Erlebnisberichten Bücher füllen. Wenn man einen Bekannten, den man aus den Augen verloren hat, wiedertreffen will, ist es keine schlechte Strategie am Times Square auf ihn zu warten. So die Empfehlung eines Witzbolds.
Selbst die erzählten Anekdoten reden manchmal nur Zufälle herbei.
• Dass der Leiter der Kfz-Zulassungsstelle Rosenheim in Wasserburg am Inn (cirka 28 km nördlich von Rosenheim; Wohnort des Autors) wohnt (S. 14) ist nur bei äußerstem Wohlwollen als Zufall anzusehen.
• Dass eine Frau aus Ohio dreimal in Folge ein Kind am 2. Oktober zur Welt brachte (S. 18) ist wahrlich kein grossartiger Zufall. Die angeführte Wahrscheinlichkeit von 1 zu 365 x 365 ist zu erhöhen, wenn der Vater mit der Mutti gewohnheitsgemäss immer (nur) in langen Winternächten ... Es wäre umgekehrt Grund für grosses Erstaunen beim Vater, wenn das dritte Kind – sagen wir – Ende Dezember zur Welt käme. Zufall wäre dies auch nicht, denn vielleicht war Ende März Vati verreist und Mutti hatte Besuch ...Zufall. – Ich las einmal, die australischen Ureinwohner kannten den Zusammenhang zwischen Zeugung und Geburt nicht. Für sie war jede Schwangerschaft und Geburt ein Zufall.
“Am meisten staunen die Menschen über den am leichtesten erklärlichen Zufall, nämlich das überraschende Zusammentreffen von Ereignissen, die jedes für sich Element einer normalen kausalen Kette sind und deren Anfangsbedingungen dem Staunenden verborgen waren. Dieses akzidentelle Schneiden von Weltlinien [...] veranlasst schlichte Gemüter, immer wieder nach geheimen Schicksalsfäden zu suchen, die die Anfangsbedingungen beider Vorgänge so gesteuert haben, dass das Zusammentreffen beabsichtigt erscheint. Die Unzufriedenheit mit dem reinen Faktum, mit der Tatsache, dass in der Menge aller Ereignisse die unwahrscheinlichen nicht völlig fehlen können sorgt für Mythen wie den von den Nornen, die am Fuße der Esche Yggdrasil sitzen und die Schicksalsfäden knüpfen.” Kanitscheider, S. 83
Hier wäre es spätestens an der Zeit gewesen, die Aneinanderreihung der Anekdötchen abzubrechen und durch ein paar verblüffende Wahrscheinlichkeiten den allzu schnellen Ruf: „Welch ein Zufall!“ abzuschwächen. Beispielsweise die Frage: Wieviele Schüler müssen mindestens in einer Klasse sein, dass es wahrscheinlicher ist, dass zwei am selben Tag Geburtstag haben, als alle an einem anderen Tag? Doch stattdessen unterbricht erst ein kurzer Dialog zwischen Alfred und Zacharias (S. 57-58) die Beispielreihung. Und dieser kommt ebenfalls nicht zur Sache, denn Zacharias will noch nicht die Katze aus dem Sack lassen (S. 58).
Anmerkung zu der Aufzählung zufälliger oder vermeintlicher Verbindungen zweier Personen oder Ereignisse, da der Autor diesen Beispielen breiten Raum gibt (Abraham Lincoln, John F. Kennedy: S. 20-23; 11. September 2001: S. 25-26). Solche Detaillisten unter Weglassung von Millionen nicht sinnverwandten Details bezüglich dieser Personen oder Ereignisse muten wie ein Kartenspielertrick an, den ich hier beschrieben habe: Lincoln Kartenspiel. Sie verblüffen nur unkritische Zeitgenossen. Für sie gilt übertragen, was Sigmund Freud zur Detailversessenheit im Benehmen anderer feststellte.
“Es ist ein auffälliger und allgemein bemerkter Zug im Verhalten der Paranoiker, daß sie den kleinen, sonst von uns vernachlässigten Details im Benehmen der anderen die größte Bedeutung beilegen, dieselben ausdeuten und zur Grundlage weitgehender Schlüsse machen.” S. 214
Bedenklich erscheint mir daran, dass diese Leute harmlose Details "zur Grundlage weitgehender Schlüsse machen".
Immerhin beschreibt Froböse im folgenden Abschnitt: „Weshalb der Psychologe und Psychiater Carl Gustav Jung vom Zufall fasziniert war“ (S. 58-60) das Zusammentreffen zweier (oder mehr) Kausalketten. Jung nannte es „Synchronizität“. Trivial ist dabei, dass auch eine Sinnübereinstimmung der beiden Ketten zutreffen muss. Nur wenn ich am Times Square jemand treffe, den ich schon kenne, rufe ich „Welch ein Zufall!“ Wenn ich dort dagegen John Smith aus Brooklyn begegne, treffen ebenfalls zwei Kausalketten zusammen, aber mich juckt das nicht. Warum die beschriebene Synchronizität „bis heute umstritten und schwer zu akzeptieren“ ist, begründet Froböse mit einem Zitat des Psychotherapeuten Robert H. Hopcke: „weil es uns zwingt die unbewusste Tyrannei des kausalen Denkens abzuschütteln“ (S. 59).
Zufälle bei wissenschaftlichen Entdeckungen
Die Zufälle in der Wissenschaft teilt der Autor völlig korrekt in glückliche Umstände bei der Entdeckung (S. 45-52) und gleichzeitiger Entdeckungszusammenhang (S. 60).
Die erste Art passiert gelegentlich und gibt oft nur einen Impuls, der jahrelange Forschungsarbeit erfordert (S. 46).
"Führt ein wie immer gearteter Zufall zu einem experimentellen Ergebnis, das nach den geltenden Gesetzen nicht zu erwarten war, wird man versuchen, das Zufallsresultat experimentell zu reproduzieren. Im Günstigen Fall wird ein bisher verborgener Kausalzusammenhang entdeckt, was wiederum erlaubt, in Zukunft bestimmte Zufälle als das zu entlarven, was sie eigentlich darstellen: bisher undurchsichtige, aber in Wirklichkeit schon immer bestehende kausale Zusammenhänge". Hofschneider, S. 105
Daran ist kaum Merkwürdiges. Das ist »business as usual«.
Die zweite Art – nahezu gleichzeitige Entdeckung durch verschiedene Forscher oder Forschungsteams; Froböse nennt beispielhaft die Entdeckung des Periodensystems durch Lothar Meyer und Dmitri Mendelelew (S. 60) – ist noch weniger merkwürdig. Oft ist die Zeit innerhalb der Wissenschaft reif für eine bestimmte Entdeckung: alte Zusammenhänge sind fragwürdig, neue Methoden verfügbar usw. Berühmt ist die nahezu gleichzeitige Entdeckung der Abstammungslehre durch Charles Darwin und Alfred Russel Wallace. Das ergibt zwar nette oder tragische Beiträge für die Wissenschaftsgeschichte, aber für den Zufall kann man daraus kaum etwas gewinnen.
Die Lektüre David Humes (der das kausale Denken als Gewohnheit entlarvt) oder Immanual Kants (der das kausale Denken als Bedingung ausmachte, die wir der Welt unterlegen, damit wir überhaupt etwas erkennen) hätte nicht geschadet.
Zudem zwingt die Synchronizität gerade nicht kausales Denken abzuschütteln: der Laplacesche Dämon hätte damit nicht das geringste Problem.
Neben den vielen Beispielen und den lockeren Dialogen zwischen Alfred und Zacharias zeigt sich hier eine weitere Seiten-Auffülltechnik: Zitate. Nun ist Berufung auf Riesen und exakte Quellenangabe (die man vermisst) ein ehrenwertes Verfahren, nur man erwartet dann eine Folgerung, Kommentierung oder Stellungnahme. Die fehlt meist. So auch beim genannten Zitat Hopckes. Es wird durch die Berufung auf einen weiteren Forscher aus Los Angeles ergänzt. Dieser Forscher sieht die Häufung synchronistischer Ereignisse „als Hinweis auf ein zugrunde liegendes Ordnungsprinzip im Universum“ (S. 60).
Diese Behauptung ist so ungeheuerlich, dass sich der Leser enttäuscht fühlt, wenn es anschließend mit neuen Beispielen weitergeht. Ist die Häufung geografisch (alle in Los Angeles?) aufgetreten oder zeitlich (alle in derselben Woche?) oder denselben Personen? Und wie wird das vermutete universale Ordnungsprinzip begründet? Der Verweis auf das Werk des Forschers ist da allzu enttäuschend. Erst 17 Seiten später wird der Erklärungsfaden wieder aufgenommen. Die Synchronizität wird als ganz normal vorkommendes Phänomen aufgefasst (S. 77). Na endlich! Kausalketten treffen sich ständig billionenfach. Da ist es nichts Auffälliges, wenn auch mal sinnverwandte Kausalketten aufeinander treffen.
Im nachfolgenden Dialog wird erstmals der Zufall erster Ordnung formuliert, wenn auch reichlich vage: eine „mit den Regeln der Mathematik erklärbare Realität“ (S. 80). Damit ist wohl der oben genannte scheinbare Zufall gemeint, der aufgrund mangelnder Information nicht durchschaut wird; typisches Beispiel: der Wurf des sechsseitigen regelmäßigen Würfels.
Völlig überraschend grenzt Zacharias dagegen den Zufall höherer Ordnung als „eigentlich kein Zufall mehr“ ab (S. 80). In der Literatur ist es andersherum. Drt Zufall "höherer Ordnung" ist der eigentliche, der objektive Zufall. Vielleicht hänge ich dabei aber zu sehr der üblichen Einteilung nach oder durchschaue die Einteilung des Autors nicht.
Der Zufall höherer Ordnung bei Zacharias basiert auf Zusammenhängen, „die von der Wissenschaft erst jetzt ansatzweise erkannt und erforscht werden“ (S. 80-81). Damit kann es nicht der objektive Zufall der Quantenmechanik sein, der sowohl gleichungsmässig und wahrscheinlichkeitstheoretisch sehr wohl erforscht und bewährt ist. Das geschah seit Jahrzehnten (also nicht „jetzt“). Die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler konstatiert einen objektiv in der Welt vorhandenen Zufall, nur wenige hoffen noch auf „verborgene Parameter“; für diese wenigen gilt das oben erwähnte Zitat von der unbewussten Tyrannei des kausalen Denkens.
Auch der kleine Ausflug in die Quantenmechnik bietet wenig Neues.
Des Autors Formulierungen sind oft mit Vorsicht zu lesen, so wenn es in der Quantenmechanik „nicht erlaubt“ sei, Ort und Impuls eines Teilchens mit beliebiger Genauigkeit zu bestimmen (S. 83). Man kann eines von beiden sehr wohl mit beliebiger Genauigkeit bestimmen, aber nicht beide zugleich (Der Autor schreibt es nachfolgend selbst). Und: erlaubt wäre es, doch es geht prinzipiell nicht. Auch das schreibt der Autor am Ende des Absatzes unmissverständlich.
Leider verwirrt es den Leser, wenn der Autor es im letzten Satz des folgenden Absatzes auf einen epistemischen Mangel abschwächt, so als ob es nur eine Messangelegenheit wäre.
Fernwirkung (»spooky action«)
Die Fernwirkung ist wirklich „beinahe esoterisch“ (S. 83). Ihrer Beschreibung gibt der Autor relativ breiten Raum. Allerdings stiftet er auch hier Verwirrung. Mir ist unklar, wie er zur Aussage kommt: „Die Quantentheorie lässt überlichtschnelle Kommunikation zwischen Teilchen also prinzipiell zu“. Auch hier schränkt er es gleich im nächsten Satz wieder ein: die Verschränkung muss „nicht erst von einem Messort zum anderen übertragen werden“.
Nun könnte man zwei Bonmots anführen:
Niels Bohr: „Wenn jemand zum ersten Mal vom Wirkungsquantum (d.h. von der Quantenmechanik) hört und nicht vollkommen verwirrt ist, dann hat er kein Wort verstanden“ (zitiert nach Bauberger 2001, S. 89).
Anton Zeilinger: „Wir können davon ausgehen, daß die Welt tatsächlich so verrückt ist, wie Einstein hoffte, daß sie nicht ist“ (Spukhafte Fernwirkung. Die Schönheit der Quantenphysik, Audiobook 2005, 2 CDs)
Doch von einem seriösen Buch erwarte ich
• genaue Formulierungen gerade in einem verwirrenden Bereichen wie der Fernwirkung oder
• das Zugeständnis, dass sich da die Forschung nicht einig ist.
Nach allem, was ich bisher las, stellt sich die »spooky action« der Quantenmechanik so dar:
  • „Die theoretische Analysen zeigen, dass durch die »spooky action« der Quantenmechanik prinzipiell keine Information übertragen werden kann“ (Bauberger 2001, S. 107).
    Stefan Bauberger erkärt es seinen Studierenden so: „Die beiden Photonen bilden miteinander ein Gesamtsystem. Dieses System hat einen definierten quantenmechanischen Zustand. Dieser Zustand darf aber nicht so interpretiert werden, dass die beiden Photonen jeweils einzeln einen definierten Zustand haben“ (Bauberger 2001, S. 107, Hervorhebung im Original).
  • Physikalische Abhängigkeiten zwischen zwei Ereignissen werden aufgrund von zwei klassischen Mechanismen beschrieben und erklärt:
    1) Das eine Ereignis beeinflusst das zweite (durch Übertragungen mittels physischer Träger, den Bosonen) oder
    2) die beiden Ereignisse haben eine gemeinsame Ursache in ihrer gemeinsamen Geschichte.
    Die Quantenphysik beschreibt und sagt eine andere Ursachenbeziehung voraus: die Verschränkung, die Einstein 'spooky action at a distance' nannte. Die Verschränkung verletzt die klassische Ursache-Wirkungs- Beziehung. Wenn die Verschränkung auf dem klassischen Typ 1) beruht würde sie die Lichtgeschwindigkeit übertreffen. Sie verletzen ausserdem Bells Ungleichung (bellBellsche Ungleichung), d.h. sie können nicht durch den klassischen Typ 2) erklärt werden. Die Wissenschaftler Daniel Salart, Augustin Baas, Cyril Branciard, Nicolas Gisin und Hugo Zbinden führten Tests über 24 Stunden und zwischen zwei 18 km entfernten Orten aus. Dabei wurden Photonen- Abhängigkeiten beobachtet, d.h. die Photonenpaare verhielten sich streng korreliert. Unter plausiblen Annahmen ergäben die Testergebnisse für den Typ 1) eine mehr als vierfache Lichtgeschwindigkeit. Mit den Ergebnissen vereinbar wäre auch eine gleichzeitige Korrelation. Die Quantenmechanik scheint also das fundamentale Prinzip: "Nichts ist schneller als die Lichtgeschwindigkeit" zu verletzen oder irgendwie eine (nahezu) Gleichzeitigkeit zu ermöglichen oder ... Siehe Verschränkung Literatur.
Froböse spekuliert im Zusammenhang mit der Fernwirkung über Teleportation. Da sehe ich den Zusammenhang zum Thema „Zufall“ nicht.
Nach der unausweichlichen Beschreibung des Gedankenexperiments von Schrödingers Katze folgen Beispiele von Vorausahnungen von Ereignissen, die später tatsächlich so oder so ähnlich eintraten. Zu all diesen Beispielen ist zu sagen: oft sind die Berichterstatter nicht sehr zuverlässig. Froböse betont, dass er unter diesem Aspekt aussortiert hat und nur zuverlässige Informanten nennt. Milliardenfach werden dabei Vorausahnungen unterschlagen, die nicht zutrafen.
“Ich habe wie alle Menschen Ahnungen gehabt und Unheil erfahren, aber die beiden wichen einander aus, so daß auf die Ahnungen nichts folgte und das Unheil unangekündigt über mich kam.” Freud, S. 218-219
Wenn nur 20 Leute im Juli das Wetter am kommenden ersten Weihnachtsfeiertag imaginieren und niederschreiben würde es mich sehr wundern wenn keine Voraussage ziemlich genau eintreffen würde. Dies (also wenn alle 20 schwer daneben lägen) wäre dann erklärungsbedürftig, nicht aber, dass mancher Traum, manche Vision aus Myriaden tatsächlich eintrifft.
Bevor der Autor wieder viele Kollegen zitiert spekuliert er selbst über einen menschlichen Quantengeist (S. 99) und führt die These des Forschers Markolf H. Niemz, dass sich nach dem Tod eines Menschen dessen Seele mit Lichtgeschwindigkeit verabschiedet, an (S. 100).
Ich frage: Warum so langsam und wohin so schnell Seele ? Wohl zuviel Perry Rhodan gelesen?
Das zitierte Motiv stammt aus Lucy mit c: Mit Lichtgeschwindigkeit ins Jenseits (das gibt Froböse ohne Seitenangabe an), einem Wissenschaftsroman (das verschweigt Froböse)! In einem Roman kann alles mögliche passieren ohne dass ein Realitätsanspruch erhoben wird, schon gar nicht taugt er für wissenschaftliche Thesen.
Für all diese Spekulationen (Quantengeist; Seele; Lichtgeschwindigkeit) werden keine Belege oder Gründe angeführt.
Ganz gespannt wird man, wenn der siebte Dialogteil Schlussfolgerungen ankündigt (S. 119-123).
Das vorangehende Kapitel „Von der Ursuppe zur DNA“ (S. 114-118) erläuterte dafür Grundlegendes.
Der Autor differenziert lobenswert zwischen physikalischer, chemischer und biologischer Evolution, schreibt aber zu oft nur von Evolution, so dass man nicht genau weiß, welche er nun gerade meint. So wenn er meint, die Evolution sei „kein Zufall sondern vielmehr die Folge eines kosmischen Quantenphänomens“ (S. 114). Meint er die physikalische Evolution, beginnend beim Urknall? Dann wäre das Vorhandensein eines kosmischen Phänomens als Ursache arg erklärungsbedürftig. Meint er die Entstehung des Lebens (wie man aus den nachfolgenden Ausfürhungen vermuten könnte)? Dann sind die derzeitigen Erklärungsversuche, die alle den Zufall in beiden Interpretationen (epistemisch, objektiv = ontologisch) einbeziehen, überzeugender als ein ominöses kosmisches Quantenphänomen. Leider ist der Autor bei den lange erwarteten Schlussfolgerungen weiter ungenau oder vage spekulativ. Wieder spekuliert er darüber, was wäre, wenn die Evolution (welche?) kein Zufall war. Er vermutet dann ein vorgegebenes Ordnungsprinzip. Warum nicht schlichter ein vorhandenes Ordnungsprinzip? Das wäre immerhin die Taktik des Intelligent Design. Es wird ein Design erkannt und erst im nächsten Schritt der Designer gefolgert.
Doch auch im Abschlusskapitel "Eine Reihe von Schlussfolgerungen" bleibt fast alles recht vage, mutmasslich und herbeifantasiert. Was soll man der Behauptung von unsterblichen Tieren, Menschen und gar einem unsterblichen Universum (S. 123) entgegensetzen? Seriöse wissenschaftliche Literatur ist das nicht, lag aber vielleicht auch nicht in der Absicht des Autors.
Von einem Buch mit 127 Seiten, davon 85 Seiten mit Anekdoten und anekdotenhaften Dialogen [Zufall Anmerkung], kann man nicht viel Klärung verlangen. Das weiß der Käufer aber erst nach der Lektüre. Die spärliche Sachinformation ist zudem ungenau formuliert (Beispiele siehe oben) oder oftmals völlig spekulativ. Enttäuschend.
Inzwischen liegt schon die 2. aktualisierte Auflage vor. Ja, Esoterik ist ein Dauerrenner!
Man lese stattdessen Stefan Bauberger: Was ist die Welt? Zur philosophischen Interpretation der Physik (Zufall Literatur) oder wähle aus der verfügbaren Literatur zum Zufall (Zufall Verfügbare Literatur).
Anmerkung
Bei einer Lesung zu des Autors folgenden Buch Der Lebenscode des Universums (Rezension demnächst) am 28. Mai 2009 warf mir der Autor vor, 1. die Prozentrechnung nicht zu beherrschen und 2. die Authentizität der Anekdoten zu bezweifeln.
1. Die Aussagen "fast neunzig Seiten mit Anekdoten" und "127 Seiten, davon 85 Seiten mit Anekdoten und anekdotenhaften Dialogen" hat zwar nichts mit Prozentrechnung zu tun, ich belege sie aber trotzdem (immer bezogen auf die zugrunde gelegte 1. Auflage von Die geheime Physik des Zufalls) mit Tabelle der Seitenzahlen und mit nachfolgender Prozentrechnung.
Seiten mit Anz.
13–26 Anekdoten 14
27–32 anekdotenhafter Dialog 6
33–56 Anekdoten 24
57–58 anekdotenhafter Dialog 2
60–76 Anekdoten 17
80–81 anekdotenhafter Dialog 2
92–94 Anekdoten 3
95–96 anekdotenhafter Dialog 2
97–98 Anekdoten 2
106–107 anekdotenhafter Dialog 2
108–109 Anekdoten 2
110-112 anekdotenhafter Dialog 3
113–114 anekdote (nur 1 ganze Seite) 1
119–123 anekdotenhafter Dialog 5
  Summe 85
In Prozent
85 von 127 Seiten = 67 %; rechnet man nur die Textseiten, so sind es 85 von (9–123 =) 115 Seiten = 74 % des Textes mit Anekdoten und anekdotenhaften Dialog.
2. Die Authentizität der Anekdoten habe ich nirgends (soweit ich weiß) bezweifelt. Das kann ich auch nicht, da ich die Erzählungen nur aus zweiter Hand (Erzähler + Autor) kenne.
Tabelle und Prozentrechnung hinzugefügt am 28.5.2009
Links
Zufall Evolution – Anthropisches Prinzip – Intelligent Design – Kreationismus
Zufall Rolf Froböse: Der Lebenscode des Universums. Quantenphänomene und die Unsterblichkeit der Seele
FroböseCarl Gustav Jung (1875 Kesswil – 1961 Küsnacht)
FroböseKamenin: Rezension: Rolf Froböse, Die geheime Physik des Zufalls. Quantenphänomene und Schicksal
LaplaceLaplacescher Dämon
NaeserThorsten Naeser: "Die zwei Gesichter paranormaler Phänomene". Spektrum direkt, Sept. 2008
FroböseMarkolf H. Niemz
FroböseSchrödingers Katze
Zufall Über den Zufall
Zufall Verfügbare Literatur zum Zufall (Auswahl)
Literatur
Literatur aus Nature zur Verschränkung (Auswahl)
• Daniel Salart, Augustin Baas, Cyril Branciard, Nicolas Gisin & Hugo Zbinden "Testing the speed of 'spooky action at a distance'". Nature 454 (2008), S. 861-864
• Terence G. Rudolph: "Quantum mechanics: The speed of instantly". Nature 454 (2008), S. 831-832
• Alain Aspect: "Quantum mechanics: To be or not to be local". Nature 446 (2007), S. 866 - 867
• Simon Gröblacher, Tomasz Paterek, Rainer Kaltenbaek, Scaronaslav Brukner, Marek Zdotukowski, Markus Aspelmeyer & Anton Zeilinger: "An experimental test of non-local realism". Nature 446 (2007), S. 871-875
Bauberger, Stefan (2001): Naturphilosophie. Grenzfragen der Physik. Skript zu einer Vorlesung an der Hochschule für Philosophie, München.
Siehe das verfügbare Buch ähnlichen Inhalts gleich hier unten!
Freud, Sigmund (1961): "XII. Determinismus – Zufalls- und Aberglaube – Gesichtspunkte". In: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Frankfurt: Fischer [1904]. S. 201-233.
Hofschneider, Peter Hans (1968): "Der »eingeplante« Zufall – Ein Beitrag aus dem Bereich der Biologie". In: Eder, Gernot, Hg. (1968): Gesetzmässigkeit und Zufall in der Natur. Würzburg: Echter. S. 103-119.
Kanitscheider, Bernulf (2007): Die Materie und ihre Schatten. Naturalistische Wissenschaftsphilosophie. Aschaffenburg: Alibri.
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Physik Froböse Rolf Froböse (2008): Die geheime Physik des Zufalls: Quantenphänomene und Schicksal. Norderstedt: Books on Demand. 127 Seiten. 2., aktualis. Aufl. bauberger
Stefan Bauberger (2005): Was ist die Welt?: Zur philosophischen Interpretation der Physik. Stuttgart: Kohlhammer. Taschenbuch: 256 Seiten. 2. Aufl.Bauberger
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